Posts tagged: Tod

Fünfe grade

By , 23/07/2013 08:28

Manchmal ist der Gedankenweg, der vom Profanen zum Philosophischen führt, ein kurzer, die Verbindung des einen mit dem anderen eine plötzliche:

Wir tigern an den Stäben hin und her, aber niemand bemerkt uns. Hinter den Stäben liegt ein öder Fabrikplatz, begrenzt durch nackte Fabrikwände. Keine Bewegung – und von Walo weit und breit keine Spur. Nach ziemlich langen drei viertel Stunden, die wir am Tor wartend wie Bettler verbringen, steht er unversehens neben uns.
“Walo, wo hast denn du dich rumgetrieben die ganze Zeit?”
“Ich habe mir einen Sonnenbrand geholt.”
“Hm, wo denn?”
“Im Gras.”
Weil Walo bereits seit morgens um halb sechs unterwegs ist, musste er seine gesetzlich verordnete Zwangspause absolvieren. So hat sich die verschmähte Tankfüllung in Genua über einen Abend, eine Nacht und einen langen Morgen gerächt. Doch jetzt ist unser Vorsprung auf null geschmolzen. So vergeht unsere Zeit. Ob schnell, ob langsam, schliesslich stehen wir alle vor dem genau gleichen Tor.

(Aus: Markus Maeder, Vom Herzchirurgen zum Fernfahrer – Der Spurwechsel des Dr. med. Markus Studer. Ein Bordbuch, Wörterseh Verlag, Gockhausen 2008, S. 56)

Die Erfahrungen der vergangenen Monate sind mir eine Lehre fürs Leben: Ich werde die zwei Semester, die das Theologiestudium noch dauert, gelassener angehen – und manches Andere auch.

Ankommen tue ich sowieso.

Mal etwas Anderes

By , 31/07/2012 08:59

Als ich kürzlich ferienhalber anderthalb Wochen im Ausland weilte, wollte ich mich von all der Theologie und all dem Lesen erholen und habe hauptsächlich – Theologisches und Theologienahes gelesen. [1]

In den letzten zwei Jahren hatte sich nämlich ein Haufen Bücher angesammelt, die seit ihrer Anschaffung der geistigen Verarbeitung harrten (“wenn ich mal viel Zeit habe!”), und so kam schliesslich ein ganzer Koffer voller Literatur mit. Wenn schon, denn schon!

Jeweils morgens erkor ich dann in freier Wahl zur Tageslektüre, was mich gerade am meisten ansprach. Hier die Stationen meines Lesemarathons:

a. Bodnár, Alice: Der ewige Kollege. Reportagen aus der Nähe des Todes, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2009. Interviews mit Menschen, die von Berufes wegen ständig vom Tod umgeben sind: einem Bestatter, einer Ärztin und einer Psychologin aus der Onkologie, drei Kriminalpolizisten, einer Hospizleiterin, einem Rechtsmediziner und dem Leiter eines Altersheims. Welches sind ihre Motivationen und Erfahrungen im (eigenen wie dem fremden) Umgang mit dem Tod? Interessant – und gut gemacht.
b. Rückert, Sabine: Unrecht im Namen des Volkes. Ein Justizirrtum und seine Folgen, Hamburg: Hoffmann & Campe Verlag, 2007. Präzise Rekonstruktion einer Geschichte, die mit falschen Vergewaltigungs-Anschuldigungen begann und mit Schuldsprüchen für die beiden Angeklagten endete – bevor deren Unschuld im Wiederaufnahmeverfahren nachgewiesen wurde. Die sauber recherchierte Berichterstattung der ZEIT-Gerichtsreporterin Rückert (die später auch im Kachelmann-Prozess durch Unaufgeregtheit auffiel) trug dazu bei, den Justizirrtum, der eher ein Justizskandal ist, aufzudecken; das Buch basiert auf diesen Recherchen. Spannender als ein Krimi – aber wahr.
c. Matussek, Matthias: Das katholische Abenteuer. Eine Provokation, München: Deutsche Verlags-Anstalt, 2011. Lose Zusammenstellung von Essays, die eine Lanze für den Katholizismus brechen wollen – mal mehr, mal weniger gelungen. Die “Provokation”, die der Untertitel verspricht, ist mir nicht aufgefallen. Vielleicht bin ich aber auch einfach zu wenig antikatholisch eingestellt, um schon die Apologie des Katholizismus als Provokation zu empfinden.
d. Schorlemmer, Andreas: Manchmal hilft nur Schweigen. Meine Arbeit als Polizeipastor, Berlin: Ullstein, 2007. Der Autor berichtet über ausgewählte Erlebnisse seiner Tätigkeit als Polizeiseelsorger, leider über weite Strecken fahrig und banal. Mehr noch: Nehme ich die Schilderungen zur Grundlage, so möchte ich hiermit festgehalten haben, dass ich eine Todesnachricht, wenns geht, bitte nie von ihm übermittelt bekommen möchte. Manchmal hilft, wie der Buchtitel besagt, wirklich nur Schweigen – oder zumindest ein gestrenger Lektor. (Dass es viel, viel besser geht, zeigt Buch i).
e. Baum, Markus: Jochen Klepper, Schwarzenfeld: Neufeld Verlag, 2011. Eine der wenigen problemlos erhältlichen Biographien über den Autor, Dichter, Schriftsteller Jochen Klepper, den ich, wie bekannt, sehr mag. Ein bestens lesbares Buch, das den Künstler und Menschen Klepper kurz vor dessen 70. Todestag (er verstarb am 11.12.1942) auf eindrückliche Art näher bringt. Ich fände es schön, wenn seiner im Dezember auch in der Schweiz gedacht würde – es sind ja sicher nicht jetzt schon alle Advents-Predigten geschrieben…
f. Rosentreter, Sophie: Komm her, wo soll ich hin? Warum alte und demenzkranke Menschen in die Mitte unserer Gesellschaft gehören, Frankfurt a.M.: Westend, 2012. Die Begleitung ihrer an Alzheimer erkrankten Grossmutter veranlasste die Autorin, sich mit dem Thema Demenz auseinanderzusetzen. Das Buch ist eine Mischung aus Familienerinnerungen, gesellschaftlicher Bestandsaufnahme und konkreten, mit Fachleuten diskutierten Vorschlägen für die Betreuung zu Hause wie für die institutionelle Pflegepraxis – dies alles, zumindest aus meiner (Laien-)Sicht, wohldosiert und niemals platt. Beeindruckend. (Die Autorin ist auch online präsent.)
g. Tietze, Ulrich (Hg.): Nur die Bösen? Seelsorge im Strafvollzug, Hannover: Lutherisches Verlagshaus, 2011. Verschiedene Gefängnisseelsorger schildern ihr Tätigkeitsfeld. Wie bei Buch d: belanglos und banal, lausiges Lektorat. Keine Kaufempfehlung – und so suche ich weiter nach brauchbarer Literatur über diesen wichtigen Bereich christlicher und kirchlicher Seelsorge.
h. Pachmann, Herbert: Nur der ganze Gott kann helfen, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2008. Plädoyer für einen “ganzheitlichen”, vielschichtigen Gottesbegriff – und gegen die eindimensionale (aber kuschelig-warme) Vorstellung vom “lieben” Marzipan-Gott. Eine Herausforderung für die eigene Theologie, aber das (Glaubens-)Leben schreckt vor Prüfungen halt nicht zurück. Gutes Buch.
i. Grützner, Kurt/Gröger, Wolfgang/Kiehn, Claudia/Schiewek, Werner (Hg.): Handbuch Polizeiseelsorge, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2006. Sammlung von Aufsätzen zu verschiedenen Arbeitsbereichen christlicher Polizeiseelsorge, von Praktikern geschrieben, die zu den entsprechenden Tätigkeitfeldern wirklich etwas zu sagen haben, auch die sozialen, rechtlichen und institutionellen Rahmenbedingungen benennen, die wissenschaftliche Theologie nicht ausklammern und zur Selbstreflexion fähig sind. Grossartig.
k. Schnepper, Arndt Elmar: Frei predigen. Ohne Manuskript auf der Kanzel, Witten: SCM R. Brockhaus, 2010. Streitschrift pro (manuskript-)freie Predigt…
l. Deeg, Alexander/Meyer-Blanck, Michael/Stäblein, Christian: Präsent predigen. Eine Streitschrift wider die Ideologisierung der “freien” Kanzelrede, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2011. …und die professorale Gegenschrift. Ein interessanter Diskurs mit beidseits berechtigten Argumenten – wenn nur darauf verzichtet würde, den Anhängern der jeweils anderen Auffassung in erster Linie deren negativen Auswüchse vorzuhalten: Weder sind die Manuskript-Aficionados allesamt emotionslose, sozialgestörte Ableser noch die freien Prediger vorbereitungsfaule Menschenverführer und Wahrheitenverkäufer. Immerhin: interessante Praxisanregungen von beiden “Parteien”.
m. de Saint-Exupéry, Antoine: Nachtflug. Mein erster Roman seit langem – vor zig Jahren habe ich diese Geschichte aus der Pionierzeit des, eben, Nachtflugs zum ersten Mal gelesen. Wenig Handlung, aber viel Spannung, die von der wort- und bildgewaltigen Sprache Saint-Exupérys lebt (kongenial ins Deutsche übertragen auf der Basis einer Übersetzung von Hans Reisiger). Ein Gedicht!
n. Uhl, Volker (Hg.): Die erste Leiche vergisst man nicht. Polizisten erzählen, München: Piper, 2005. Kurze Geschichten aus dem Polizei-Alltag, welche den persönlichen Umgang mit dem Tod (und der Todesgefahr) derjenigen aufzeigen, die an vorderster Front zugunsten unserer Sicherheit Kopf, Herz und Hand hinhalten. Eine äusserst heterogene Mischung – teils sehr gut geschrieben, häufig rührend gestelzt, bisweilen auch einfach schlecht. Ist für mich aber in Ordnung, weil das Gesamtbild zählt und die Motivation der sogenannten Polizei-Poeten, in deren Umfeld das Buch entstand, meine Sympathie hat.
o. Uhl, Volker (Hg.): Jeden Tag den Tod vor Augen. Polizisten erzählen, München: Piper, 2006. Dasselbe in (Polizei-)Grün. Mit dem Unterschied dass hierfür nicht Dietz Werner Steck das Vorwort schrieb, sondern Maria Furtwängler.
p. Führer, Christian: Und wir sind dabei gewesen. Die Revolution, die aus der Kirche kam, Berlin: Ullstein, 2009. Autobiographie des ehemaligen Pfarrers der Leipziger Nikolaikirche, der durch seine Friedensgebete – und vieles mehr – für immer mit der friedlichen Revolution in der DDR in Verbindung gebracht werden wird. Die Lebensgeschichte beschränkt sich allerdings (und zum Glück) nicht auf diese zeitgeschichtlich besonders ereignisvolle und wichtige Phase. Insbesondere die Schilderungen des florierenden gemeindlichen Lebens in der ostdeutschen Provinz unter erschwerten (staatlichen) Bedingungen sind äusserst interessant zu lesen – und die Ausführungen dazu lehrreich.
q. Schabowski, Günter/Sieren, Frank: Wir haben fast alles falsch gemacht. Die letzten Tage der DDR, Berlin: Econ, 2009. Interview mit dem ehemaligen “Regierungssprecher” der DDR, der seinen Platz in der Geschichte hat als der Mann, der aus Versehen (verfrüht) die Mauer öffnete. Ein Geschichtsunterricht der Extraklasse, wobei Schabowski mit dem Sozialismus und seiner eigenen Rolle in der letzten deutschen Diktatur überaus hart ins Gericht geht (Frage von rechtlicher vs. moralischer Schuld!). Eindrücklich.
r. Nagel, Eckhard/Göring-Eckardt, Katrin: Aber die Liebe… Christsein aus ganzem Herzen, Freiburg: Kreuz Verlag, 2010. Der Katholik Nagel und die Lutheranerin Göring-Eckardt waren Mitglieder des Präsidiums des 2. Oekumenischen Kirchentags (2010), ihr Buch basiert auf Diskussionen, die in ebenjenem Gremium in Bezug auf das Kirchentags-Motto geführt wurden (gewählt wurde schliesslich “Damit ihr Hoffnung habt”). Diesen Kontext merkt man dem Werk an: Wohl werden, was durchaus interessant ist, unterschiedliche Aspekte der Liebe behandelt – dies allerdings in gefühlerischen Formulierungen, die ich in Zukunft als Kirchentagssprache identifizieren werde. Und meiden.
s. Struck, Peter: So läuft das. Politik mit Ecken und Kanten, Berlin: Propyläen, 2010. Rückblick des ehemaligen SPD-Fraktionsvorsitzenden und -Bundesministers auf seine Zeit in der Politik – fast im Plauderton, mit zahlreichen Anekdoten, die ein interessantes Bild vom Parlamentsbetrieb und der Regierungsarbeit zeichnen.

Nach zehn Tagen, umgerechnet: knapp 4000 Seiten, waren die Ferien zu Ende – zumindest lesetechnisch zum richtigen Zeitpunkt, denn der Proviant an Lektüre war bis dahin grossteils aufgebraucht. [2]

Mal schauen, ob ich demnächst noch ein Lesewochenende einlegen kann – bevor es im September mit dem Praxissemester losgeht. Jedenfalls bin ich, früher ein begeisterter Freizeitleser, jetzt wieder angefixt.

Das mit der Themenvielfalt wird aber wahrscheinlich nichts mehr.

[1] Die während meiner Abwesenheit eingestellten Beiträge hatte ich noch vor der Abfahrt verfasst und konnte ich dank WiFi rhythmusgetreu ins Netz stellen. Muss ja nicht jeder merken, dass die Wohnung leer steht…
[2] Nicht mehr gereicht hat es lediglich für die neue Bonhoeffer- und eine vielversprechende Paul-Schneider-Biographie sowie ein paar wenige Bücher, die mich, täglich vor die Wahl gestellt, jeweils ein bisschen weniger reizten als die Konkurrenz.

…denn “amoi gengan alle Türln zua”

By , 21/06/2012 12:10

Dass man sich auch in jungen Jahren mit dem Tod auseinandersetzt, war für mich immer selbstverständlich. Deshalb bin ich jeweils überrascht, wenn Gleichaltrige, aber auch Ältere als ich, eines Tages urplötzlich, Knall auf Fall, realisieren, dass auch sie einmal gehen müssen. Das Leben ist ohne Freund Hein, den gehassliebten, hassgeliebten Sensenmann, doch gar nicht denkbar!

Der österreichische Dichter und Liedermacher Georg Danzer hätte mir vermutlich zugestimmt. Schon als 29-Jähriger stellte er sich das eigene Sterben und den Verdruss darüber in einem hinreissenden kleinen Lied vor, in schönster Wiener Mundart:

Des kaun do no ned ollas gwes’n sein

Des kaun do no ned ollas gwes’n sein,
da war do no was, des wass i ganz genau.
Z’erst kummst auf die Welt,
und dann sollst wieder geh’ –
grad dann, wannst glaubst,
es fangt erst ollas au.

Des kaun do no ned ollas gwes’n sein,
na, na, des kaun i afoch ned glaubn.
Oder sollt’ i vielleicht,
oder sollt’ i vielleicht
zum Leb’n vergessn hab’n?

(Text und Musik: Georg Danzer, Rechte: Edition Giraffe, Wien; zu finden auf dem Album “Ollas leiwand” [ugs. “alles super”] aus dem Jahr 1975)

Vielleicht auch aus diesem Geist heraus, im Wissen um die eigene Endlichkeit, veröffentlichte Georg Danzer in den vier Jahrzehnten seines Schaffens Album um Album, über weite Strecken im Jahrestakt. Sein Werk auf einen Nenner zu bringen, scheint mir dabei unmöglich. Jedenfalls ist es nicht recht, ihn auf den lustigen Austropop-Schurli zu reduzieren, als der er oft gesehen wird: Im Laufe der Zeit hat er dermassen vieles besungen, in so verschiedenen Facetten und Farben, mal so zart wie überhaupt nur möglich, mal mit hintergründigem Humor, mal kraftmeierisch und derb… Längst nicht jedes Lied gefällt mir, oder zumindest nicht zu jeder Zeit – aber im Bereich des Persönlichen, das Existenzielle Betreffenden, manchmal nahe an der Schmerzgrenze, ist Danzer für mich unschlagbar. [1]

Die bittersüsssaure Ironie des Schicksals war es auch: Als Danzer den Titel “A letztes Liad” veröffentlichte, wollte der Schreiber/Sänger damit lediglich seine neueste Platte ausklingen lassen. Doch es kam anders: Das “letzte Lied” wurde sein allerletztes, finales – “i muass jetzt geh, s’tuat ma lad, es war scheh!” [2]

Heute vor fünf Jahren, am 21.6.2007, ist Georg Danzer verstorben.

Um auf den Ausgangspunkt zurückzukommen: “zum Leb’n vergess’n”, oder hat das stetige Todes-Gedenken geholfen, das Dasein bewusst auszufüllen? “Ehrlich gesagt, ich habe so viel vom Leben gekriegt, dass ich es nicht adäquat finde, mehr zu verlangen.” [3]

Ich bin dankbar, Danzer wenigstens einmal live erlebt zu haben: am 26.7.2003 im Rahmen von “Live at Sunset” im Hof des Landesmuseums Zürich (hier gibt es Fotos), als ein Drittel von Austria 3, mit seinen Spezis Wolfgang Ambros und Rainhard Fendrich. Einen anderen, wenn auch postumen Auftritt habe ich ihm verschafft: in Fussnote 8 einer Ethik-Proseminarbeit.

[1] Ich denke hier an Lieder wie “Der Tschik”, “Lass mi amoi no d’Sunn aufgeh’ segn”, “Die Freiheit”, “Stau auf da Tangenten” oder “Sie”.
[2] Aus: “A letztes Liad”, Text und Musik: Georg Danzer, Rechte: Edition Giraffe, Wien; zu finden auf dem Album “Träumer” aus dem Jahr 2006. Auch die Titelzeile dieses Eintrags ist diesem Lied entnommen:
“Amoi kommt die letzte Überfuhr,
amoi hat a jeder Trottel gnua,
amoi gengan alle Türln zua,
und ma is a klana Bua,
hat nix zum Verliern.”

Auch wenn das Album mehrere Lieder enthält, die ums Sterben, den Abschied, den Tod kreisen: Danzer wusste zur Zeit der Aufnahmen noch nichts von seiner schweren Krankheit. Das Thema “Leben” beschäftigte ihn tatsächlich einfach sehr.

[3] Zitiert aus dem (viel zu kurzen) Interviewbuch “Jetzt oder nie”, Georg Danzer im Gespräch mit Christian Seiler, Amalthea Signum Verlag, Wien 2006, S. 119.

In deiner Sprache: “nur in an anderen Bett”

By , 24/11/2011 17:58

Dreimal habe ich ihn in Zürich erleben dürfen, zuletzt erst am 24.3. dieses Jahres: den österreichischen Liedermacher, Sprachkünstler und Poeten Ludwig Hirsch. Seine Musik, seine Geschichten begleiten mich seit gut zehn Jahren durch das Leben – zumeist in feine Worte und zarte Melodien gewickelte Morbiditäten, hinter denen doch, es ist kein Widerspruch, ein lautes Ja! zum Leben, mit all seinen Höhen und Tiefen, steht:

“In deiner Sprache, wie sagt man da ‘Leben’?
Sagt man da auch: ‘Er da oben hat’s gegeben’?
Der Jammer is nur, er nimmt’s wieder furt,
das Schlitzohr, das alte, borgt es uns nur.”
[1]

Nun erfahre ich, seit einigen Tagen einen Eintrag dazu andenkend, dass seine unbeschwerte Lebens- und Lebensendsicht uns Theologen und Kirchenpraktikern in mancherlei Hinsicht gut stehen könnte und zumindest mich immer wieder inspiriert – dass Hirsch aus dem Leben geschieden ist.

Ich bin erschüttert. Gewiss, die Welt dreht sich weiter, “die kunterrunde, kugelbunte”. [2] Aber heute ist sie dunkelgrau.

[1] Aus: “In deiner Sprache”, Text und Musik: Ludwig Hirsch, Rechte: Edition Scheibmaier, Wien; zu finden auf dem gleichnamigen Album aus dem Jahr 1991, als hymnisches Walbauch-Intermezzo eingewoben zwischen die beiden Hälften eines, Theologen: aufgepasst!, Jona-Krachers (“Jonas 1” bzw. “Jonas 2”). Auch die Titelzeile dieses Eintrags ist diesem Lied entnommen:
“Und doch schön zu spüren, dass niemals was stirbt
und das Wort ‘Tod’ nie das letzte sein wird.
Der Tod is ein Seitensprung, mehr a scho ned:
Du schlafst ein und wachst auf, nur in an anderen Bett.”

[2] Aus: “Ich liebe dich”, Text und Musik: Ludwig Hirsch, Rechte: Edition Scheibmaier, Wien – zu finden auf dem Album “Perlen (vor die Säue)” von 2002.

“On’y a piece of a big one…” – zum Ewigkeitssonntag

By , 20/11/2011 16:00

Es gibt Schriftsteller, die mit Kritikerpreisen hochdekoriert sind – und die doch lesbar schreiben. Und deren Werken, Pflichtstoff jeder weiterführenden Schule, kein Unterricht der Welt etwas anhaben kann, weil sie auch ohne Auszeichnungen ausgezeichnet wären – und sämtliche übermotivierten Lesehinweise und Interpretationsversuche wohlmeinender Lehrer sie nicht berühren. So ein Schriftsteller ist John Steinbeck, so ein Werk ist sein Monumentalroman “Grapes of Wrath”. [1]

Darin schildert Steinbeck die Geschichte der Joads, die ihre Heimat Oklahoma verlassen, um als Wanderarbeiter ihr Glück in Kalifornien zu suchen – wo sie schliesslich doch nur Elend und Ausbeutung finden. Steinbeck konnte hierbei auf die Ergebnisse von Recherchen zurückgreifen, die er für eine (dokumentarische) Artikelserie für die “San Francisco News” zu ebendiesem Thema angestellt hatte. So erzählt er zwar die Geschichte einer fiktiven Familie – dies aber durch und durch realistisch. [2]

Für “Grapes of Wrath” erhielt Steinbeck 1940 den Pulitzerpreis; im selben Jahr wurde der Roman von John Ford hochklassig verfilmt. 1962 folgte der Literatur-Nobelpreis für das Gesamtwerk.

Das Zitat, das ich ausgewählt habe, entstammt einem der letzten Kapitel des Buchs. Tom Joad, zweiter Sohn der Familie Joad und Hauptfigur des Buchs, ist auf der Flucht vor der Staatsgewalt, nachdem er im Affekt den Mörder seines Freundes Jim Casy, eines ehemaligen Predigers, umgebracht hat – und sagt seiner Mutter Lebewohl.

“You don’t aim to kill nobody, Tom?”
“No, I been thinkin’, long as I’m a outlaw anyways, maybe I could – Hell, I ain’t thought it out clear, Ma. Don’ worry me now. Don’ worry me.”
They sat silent in the coal-black cave of vines. Ma said, “How’m I gonna know ’bout you? They might kill ya an’ I wouldn’t know. They might hurt ya. How’m I gonna know?”
Tom laughed uneasily, “Well, maybe like Casy says, a fella ain’t got a soul of his own, but on’y a piece of a big one – an’ then – ”
“Then what, Tom?”
“Then it don’t matter. Then I’ll be aroun’ in the dark. I’ll be ever’where – wherever you look. Wherever they’s a fight so hungry people can eat, I’ll be there. Wherever they’s a cop beatin’ up a guy, I’ll be there. If Casy knowed, why, I’ll be in the way guys yell when they’re mad an’ – I’ll be in the way kids laugh when they’re hungry an’ they know supper’s ready. An’ when our folks eat the stuff they raise an’ live in the houses they build – why, I’ll be there. See? God, I’m talkin’ like Casy. Comes of thinkin’ about him so much. Seems like I can see him sometimes.”
“I don’ un’erstand’,” Ma said. “I don’t really know.”
[3][4]

(Aus: John Steinbeck, Grapes of Wrath, Penguin Books, New York 1992, S. 495)

Eine interessante, tröstliche Vorstellung, “a fella ain’t got a soul of his own, but on’y a piece of a big one”… So bleibt immer etwas, von jedem, der gegangen ist: von seinen Taten, seinem Denken, seinem blossen Dasein. Darauf will ich heute, am Ewigkeitssonntag, hoffen – ehe vielleicht schon morgen die Zweifel von Mutter Joad sich melden. [5]

[1] Wollte ich nicht auf ein bestimmtes Zitat aus diesem Roman (1939 erschienen; dt. “Früchte des Zorns”) hinzielen, so könnte ich mit bestem Gewissen auch “Of Mice and Men” (1937; “Von Mäusen und Menschen”) empfehlen, das ein ähnliches Thema behandelt. Oder “In Dubious Battle (1936; “Stürmische Ernte”). Oder “East of Eden” (1952; “Jenseits von Eden”. Oder…
[2] So realistisch-packend übrigens, dass ich den Roman bei der ersten Lektüre, ungefähr 2001, nicht nur zu Hause und im ÖV las, sondern ihn auch für die Fussmärsche dazwischen nicht wegpacken wollte. So ging ich also, nicht nach links, nicht nach rechts schauend, höchstens hin und wieder über den oberen Buchrand nach vorne lugend – und sog das Buch regelrecht auf.
[3] In der deutschen Übersetzung:
“Aber Du willst doch keinen umbringen, Tom?” – “Nein. Ich habe gedacht, wo ich doch sowieso ‘n Verbrecher bin, könnte ich vielleicht… Ach, ich hab’ es noch nicht zu Ende gedacht, Mutter. Lass mich nur machen.” Sie sassen still in ihrer schwarzen Höhle. Mutter sagte: “Aber wie soll ich denn wissen, wo du bist? Vielleicht machen sie dich tot, und ich weiss es nicht. Vielleicht schlagen sie dich. Wie soll ich das denn dann wissen?” Tom lachte verlegen: “Ich denke mir, wie Casy sagt, keiner hat ‘ne eigne Seele und ist nur ‘n Stück von der grossen – und dann.” – “Und dann was, Tom?” – “Dann ist’s egal. Dann bin ich überall – überall, wo du hinsiehst. Wo’s ‘ne Prügelei gibt, damit die Hungrigen was zu essen kriegen, bin ich dabei. Wenn einer von ‘nem Bullen geschlagen wird, bin ich dabei. Wenn Casy das wüsste. Ich bin dabei, wenn welche schreien, weil sie wild und wütend werden – und ich bin dabei, wenn Kinder lachen, wenn sie Hunger haben und wissen, es gibt gleich was zu essen. Und wenn unsre Leute das essen, was sie selber gebaut haben, und in Häusern leben, die sie selber gebaut haben – dann bin ich dabei. Verstehst du? Gott, ich rede schon wie Casy. Das kommt, weil ich so viel an ihn gedacht habe. Manchmal ist es, wie wenn ich ihn sehe.” – “Ich versteh’ es nicht”, sagte Mutter. “Und ich weiss nicht, was du willst.” (Aus: John Steinbeck, Früchte des Zorns [ins Deutsche übertragen von Klaus Lambrecht], Deutscher Taschenbuch Verlag, 13. Auflage, München 2001, S. 491f.)

[4] Bruce Springsteen hat sich von “Grapes of Wrath” inspirieren lassen und 1995 das grossartige akustische Album “The Ghost of Tom Joad” veröffentlicht, dessen Texte, der Titel verrät es, im Geiste Tom Joads – oder John Steinbecks? – geschrieben sind. Toms oben zitierter Monolog (“I’ll be ever’where…”) wird im Titelstück beinahe wörtlich wiedergegeben.
[5] Das darf man doch als Gläubiger: glauben und zweifeln. Nicht?

Fragen, die das Leben stellt: Ist es erlaubt…

By , 26/09/2011 14:33

Auch wenn oft Anderes behauptet wird: Nicht immer entspringen ethische Fragen der Vorstellungskraft eines unruhigen Geistes. Letzte Nacht zum Beispiel stellte sich mir die folgende Gewissensfrage, ganz konkret und anschaulich:

Darf der nachtruhebedürftige Student Mücken, die ihn wieder und wieder um den Schlaf bringen, vorsätzlich erschlagen? Und: Wird die Schuld des Meuchlers geringer, wenn er, wie geschehen, die Stechviecher mit Andreas Lindemanns Bändchen zum Thema “Auferstehung” erwischt? Oder macht das die Mücken “jetzt auch nicht wieder lebendig”?

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