Posts tagged: Proseminar

Stille nach dem Sturm

By , 10/07/2012 08:49

Nirgends könnte es stiller sein als dort, wo gewöhnlicherweise gejubelt und getrubelt wird. Wenn das Laute sich von jenen Orten verzogen hat, bleibt eine Ruhe zurück, die grösser ist als andere, fest etablierte Ruhen. Der Kontrast macht es aus. So rückte ich, einfacher Gefreiter, zu WK-Zeiten sonntagabends jeweils ein paar Stunden früher als verlangt wieder ein, um in der Unterkunft, an dem Ort, an dem es dann eine Woche lang laut sein würde, noch einmal durchzuatmen. [1] Und genauso habe ich letzte Woche im Klassenlager die Nächte genossen: Ich traf zwar erst am Mittwochnachmittag in Appenzell ein, doch die beiden Nächte, die ich da verbrachte, gehören zu den stillsten seit Monaten – naja: als dann endlich Ruhe eingekehrt war auf den Gängen. Die Phase von Mitternacht bis zwei Uhr morgens habe ich zweimal sinnvoll genutzt, ungestört, in völliger Stille: dafür, an einer Philosophie-Proseminararbeit weiterzuschreiben, die sich zu Hause noch sehr erfolgreich gegen mich gesträubt hatte (oder war es umgekehrt?). Am Samstag musste ich nur noch ein bisschen daran feilen, mittlerweile ist sie eingereicht – die letzte kleine Arbeit meines Bachelorstudiums.

Nun steht lediglich noch die Bachelorarbeit aus. Um auch hier nichts anbrennen zu lassen und konzentriert ans Ziel zu kommen, sollte ich mich vielleicht darum bemühen, sie in der nächtlichen Stille des Höbs Zürich-Kloten schreiben zu dürfen.

[1] Das Verb “durchatmen” ist hier im übertragenen Sinn zu verstehen. Wer einmal für längere Zeit unter der Erdoberfläche wohnte, weiss das.

…denn “amoi gengan alle Türln zua”

By , 21/06/2012 12:10

Dass man sich auch in jungen Jahren mit dem Tod auseinandersetzt, war für mich immer selbstverständlich. Deshalb bin ich jeweils überrascht, wenn Gleichaltrige, aber auch Ältere als ich, eines Tages urplötzlich, Knall auf Fall, realisieren, dass auch sie einmal gehen müssen. Das Leben ist ohne Freund Hein, den gehassliebten, hassgeliebten Sensenmann, doch gar nicht denkbar!

Der österreichische Dichter und Liedermacher Georg Danzer hätte mir vermutlich zugestimmt. Schon als 29-Jähriger stellte er sich das eigene Sterben und den Verdruss darüber in einem hinreissenden kleinen Lied vor, in schönster Wiener Mundart:

Des kaun do no ned ollas gwes’n sein

Des kaun do no ned ollas gwes’n sein,
da war do no was, des wass i ganz genau.
Z’erst kummst auf die Welt,
und dann sollst wieder geh’ –
grad dann, wannst glaubst,
es fangt erst ollas au.

Des kaun do no ned ollas gwes’n sein,
na, na, des kaun i afoch ned glaubn.
Oder sollt’ i vielleicht,
oder sollt’ i vielleicht
zum Leb’n vergessn hab’n?

(Text und Musik: Georg Danzer, Rechte: Edition Giraffe, Wien; zu finden auf dem Album “Ollas leiwand” [ugs. “alles super”] aus dem Jahr 1975)

Vielleicht auch aus diesem Geist heraus, im Wissen um die eigene Endlichkeit, veröffentlichte Georg Danzer in den vier Jahrzehnten seines Schaffens Album um Album, über weite Strecken im Jahrestakt. Sein Werk auf einen Nenner zu bringen, scheint mir dabei unmöglich. Jedenfalls ist es nicht recht, ihn auf den lustigen Austropop-Schurli zu reduzieren, als der er oft gesehen wird: Im Laufe der Zeit hat er dermassen vieles besungen, in so verschiedenen Facetten und Farben, mal so zart wie überhaupt nur möglich, mal mit hintergründigem Humor, mal kraftmeierisch und derb… Längst nicht jedes Lied gefällt mir, oder zumindest nicht zu jeder Zeit – aber im Bereich des Persönlichen, das Existenzielle Betreffenden, manchmal nahe an der Schmerzgrenze, ist Danzer für mich unschlagbar. [1]

Die bittersüsssaure Ironie des Schicksals war es auch: Als Danzer den Titel “A letztes Liad” veröffentlichte, wollte der Schreiber/Sänger damit lediglich seine neueste Platte ausklingen lassen. Doch es kam anders: Das “letzte Lied” wurde sein allerletztes, finales – “i muass jetzt geh, s’tuat ma lad, es war scheh!” [2]

Heute vor fünf Jahren, am 21.6.2007, ist Georg Danzer verstorben.

Um auf den Ausgangspunkt zurückzukommen: “zum Leb’n vergess’n”, oder hat das stetige Todes-Gedenken geholfen, das Dasein bewusst auszufüllen? “Ehrlich gesagt, ich habe so viel vom Leben gekriegt, dass ich es nicht adäquat finde, mehr zu verlangen.” [3]

Ich bin dankbar, Danzer wenigstens einmal live erlebt zu haben: am 26.7.2003 im Rahmen von “Live at Sunset” im Hof des Landesmuseums Zürich (hier gibt es Fotos), als ein Drittel von Austria 3, mit seinen Spezis Wolfgang Ambros und Rainhard Fendrich. Einen anderen, wenn auch postumen Auftritt habe ich ihm verschafft: in Fussnote 8 einer Ethik-Proseminarbeit.

[1] Ich denke hier an Lieder wie “Der Tschik”, “Lass mi amoi no d’Sunn aufgeh’ segn”, “Die Freiheit”, “Stau auf da Tangenten” oder “Sie”.
[2] Aus: “A letztes Liad”, Text und Musik: Georg Danzer, Rechte: Edition Giraffe, Wien; zu finden auf dem Album “Träumer” aus dem Jahr 2006. Auch die Titelzeile dieses Eintrags ist diesem Lied entnommen:
“Amoi kommt die letzte Überfuhr,
amoi hat a jeder Trottel gnua,
amoi gengan alle Türln zua,
und ma is a klana Bua,
hat nix zum Verliern.”

Auch wenn das Album mehrere Lieder enthält, die ums Sterben, den Abschied, den Tod kreisen: Danzer wusste zur Zeit der Aufnahmen noch nichts von seiner schweren Krankheit. Das Thema “Leben” beschäftigte ihn tatsächlich einfach sehr.

[3] Zitiert aus dem (viel zu kurzen) Interviewbuch “Jetzt oder nie”, Georg Danzer im Gespräch mit Christian Seiler, Amalthea Signum Verlag, Wien 2006, S. 119.

Die Ballade von Immernoch und Längstschon – zu Silvester/Neujahr

By , 31/12/2011 11:03

Wie schön sie doch sind, die Tage zwischen den Jahren: Das alte Jahr ist nicht mehr, das neue noch nicht. Für alles gibt es eine Stunde, sagt man – in diesen Tagen: die stille Stunde zur Entspannung im Raum zwischen dem Nichtmehr und dem Nochnicht. Zur Ruhe kommen, endlich…

Pustekuchen.

Jetzt erst finde ich doch Zeit dafür, nach dem Alltäglichen der vergangenen elfeinhalb Monate die letzten (und teilweise vorletzten) Pendenzen des alten Jahres abzuarbeiten und mich auf die ersten Wochen im neuen Jahr vorzubereiten. Das Nichtmehr des alten Jahres ist in Wirklichkeit ein lautes, forderndes Immernoch, das Nochnicht des neuen ein ebenso lautes, forderndes Längstschon.

Doppelte Arbeit also.

Und so habe ich die vorlesungs- und unterrichtsfreie Zeit zwischen Weihnachten und Silvester v.a. damit zugebracht, die über das Jahr angesammelten Kleintiere kurzzeitig über meinen Körper gewinnen zu lassen, meine Proseminararbeit zu Løgstrups Ansatz der “ethischen Forderung” doch noch fertigzustellen und, ebenfalls längst geplant, ein Arbeitszeugnis zu formulieren (immer wieder eine Herausforderung) – zugleich aber auch schon damit, den Unterricht der ersten Nachferienwoche sowie eine Hebräisch-Gesamtrepetition für die Tutoratsgruppe vorzubereiten. Jetzt steht noch ein Grossputz an. Wenn ich schon einmal dran bin…

Heute abend immerhin wird eine Pause eingeschaltet.

Ich verneige mich in grosser Dankbarkeit vor dem ausgehenden Jahr. Dieses war, soviel steht fest, das bis anhin ereignis- und lehrreichste, was mein Engagement in den Bereichen Theologie und Kirche anbelangt. Ich durfte beispielsweise feststellen, dass meine theologische Urteilskraft in den vergangenen zwei Semestern einige Fortschritte gemacht hat und ich mich mehr und mehr imstande fühle, an den Diskussionen in den universitären Veranstaltungen ernsthaft teilzunehmen. Auch denke ich sehr gerne an das religions- und bibelwissenschaftliche Seminar in Jerusalem und an das Barth-Blockseminar auf dem Leuenberg zurück, ebenso an die (erfolglose) Kandidatur für das Kirchenparlament und die (bisher erfolgreiche) Leitung der Bubiker Pfarrwahlkommission. Es ist viel gelaufen, und ich habe, es ist tatsächlich so einfach, nur gewonnen.

Zugleich schaue ich erwartungsvoll dem neuen Jahr entgegen. Was es für mich bereithalten wird? Der Uni-Stundenplan des ersten Semesters jedenfalls ist kreditpunktebedingt bereits stark reduziert, und im zweiten Halbjahr geht es in die praktische Ausbildung durch das Konkordat, was, beides, so hoffe ich, einige neue Erfahrungen und Impulse ermöglichen und bringen wird. Darauf bin ich gespannt. Wenn das neue Jahr nur halb so lehr- und abwechslungsreich wird wie das alte, bleibe ich ein glücklicher, zufriedener Mensch.

Das wünsche ich auch Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser: eine kleine Pause heute abend und, morgen beginnend, ein gutes neues Jahr mit den richtigen Herausforderungen zur rechten Zeit.

Kirchenvorbote

By , 10/12/2011 18:51

Die Wege des Herrn sind unergründlich, sagt man – und es stimmt. Denn: Auch wenn ich mich schon seit jeher mit existenziellen Fragen befasse und als Heranwachsender im Ten Sing meiner damaligen Wohngemeinde aktiv war, die intensive Auseinandersetzung mit Glaubensfragen kam erst ungefähr 2004 auf (das wäre auch einmal ein interessantes Thema). Mir ist aber kürzlich eingefallen, dass ich bereits zwei Jahre zuvor, im Herbstsemester 2002/03, in einem Proseminar meines zweiten Nebenfachs Geschichte, das sich den 1968er Unruhen widmete, die entsprechende Berichterstattung im “Kirchenboten” (heute: “reformiert”) der Jahrgänge 1968 und 1969 untersucht hatte. Was mich, einen mehr oder weniger aus der Kirche hinauskonfirmierten Studenten der Publizistikwissenschaften, zur Wahl dieses Quellenmaterials bewogen hat? Ich weiss es nicht. Gewiss, wegen meines Hauptfachs dürfte ich geschaut haben, dass ich auch in den Nebenfächern “etwas mit Medien machen” konnte. Aber weshalb habe ich hierfür ausgerechnet ein Kirchenblatt ausgewählt? Keine Ahnung. Im Nachhinein kann ich dies nur als leisen Vorboten und stillen Advent dessen werten, was mich heute explizit, im Wieder-Studium, privat und im Ehrenamt, beschäftigt.

Einen ebenso stillen, aber gewissen dritten Advent wünsche ich allen Leserinnen und Lesern!

Die Proseminararbeit förderte übrigens – wer hätte etwas Anderes erwartet? – keine bahnbrechenden Erkenntnisse zutage. Nach der Darstellung und Auswertung des Quellenmaterials kam ich auf der letzten Seite zu folgendem Fazit (hier nur auszugsweise wiedergegeben): “Die Berichterstattung in den untersuchten Ausgaben des ‘Kirchenboten’ über die Studentenunruhen umfasste lediglich zwei längere Artikel. Allerdings handelt es sich bei einem der Texte um eine früh angekündigte und stark ins Zentrum gestellte Titelgeschichte, die sich intensiv mit dem Phänomen der 68er Bewegung auseinandersetzte. Dabei hatte vor allem der damalige Stadtpräsident von Zürich, Sigmund Widmer, die Gelegenheit, sich zu den Vorfällen im Frühling und Sommer des Jahres 1968 zu äussern. Auch wurden auf einer ganzen Seite Leserbriefe zum Thema abgedruckt, wobei viele verschiedene Meinungen berücksichtigt wurden. Die Redaktion des ‘Kirchenboten’ äusserte sich nicht namentlich, sondern stellte ihre Zeitung gewissermassen als Forum zur Verfügung.”

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