Posts tagged: Pfarrwahlkommission

Bloke on the Water

By , 16/04/2012 06:47

In den Kommentaren zu einem der letzten Beiträge, “In dubio – pro reto?”, hat sich eine engagierte und interessante Diskussion zum Thema Pfarrbild entsponnen (hier nachzulesen). Es sollen sogar Telefondrähte geglüht haben deswegen…

Natürlich: Die Frage nach dem “richtigen” Verständnis des Pfarr- bzw. Bischofsamts ist so alt wie das Amt selbst. Neu ist solcherlei Nachdenken also gewiss nicht. Weil es hier und jetzt aber konkret Sie und Sie und Sie und mich betrifft, ist es eben doch lohnenswert, wenn nicht unabdingbar, sich immer wieder Gedanken zum eigenen Amtsverständnis zu machen. Und diese sind dann eben doch neu – für uns und die Zeit, in der wir leben.

Für die Bubiker Gemeindebeilage des “reformiert”, den “Chileblick”, schrieb ich im Mai 2011 eine kleine Kolumne, die sich mit ebensolchen Ansprüchen an Pfarramts-Inhaberinnen und -Inhaber beschäftigt. Als Präsident der Pfarrwahlkommission war es mir ein Anliegen, der Kirchgemeinde, die mir diese ehrenvolle Aufgabe anvertraut hatte, zu signalisieren, dass, egal, wen wir letztlich vorschlügen, im Pfarramt auch in Zukunft mit Wasser gekocht würde. [1]

A propos “Wasser” – hier der Text, den ich aus aktuellem Anlass noch einmal hervorkramte:

Ohne Tadel soll er sein, besonnen und gastfreundlich. Weder ein Säufer noch ein Schläger, weder parteiisch noch streitsüchtig noch geldgierig. Ach ja, und seine Familie sollte er fest im Griff haben – der ideale Bischof, wie der Apostel Paulus ihn sich in den Anfangszeiten des Christentums ausmalt (in 1 Tim 3).

Heute und hier, im Bubikon des Frühlings 2011, müssen nun auch wir Rechenschaft ablegen über unsere Vorstellungen vom Wunschpfarrer: ganz konkret, auf unsere Gemeinde bezogen. Die Pfarrwahlkommission befasst sich in diesen Monaten genau damit, und auch Sie mögen bisweilen darüber nachdenken.

Paulus liefert dazu einige Anhaltspunkte, die sich bestens auf das Pfarramt von heute übertragen lassen. Einerseits. Anderseits: Mit seinem „Stellenbeschrieb“ stehen wir erst am Anfang der Diskussion – denn wie weit muss Gastfreundlichkeit gehen? Kann als Verkündigerin gewinnend sein, wer nicht parteiisch ist? Was machen wir mit einem Bewerber, der gar keine Familie hat, die er im Griff haben könnte? Und: Welche Bubikon-spezifischen Vorgaben, die Paulus nicht nennt, sind zusätzlich zu erfüllen?

Ich bin sehr dafür, dass wir an einen Pfarrer, eine Pfarrerin hohe fachliche und menschliche Ansprüche stellen – möchte aber anregen, dass wir uns nicht scheuen davor, diese Ansprüche immer wieder in Frage zu stellen. Gestatten wir einem Bewerber doch, nicht alle gewünschten Qualitäten gleichermassen mitzubringen! Akzeptieren wir zudem, dass auch ein in Bubikon bis anhin unbekannter Weg zum Ziel führen kann! Nicht dass ein neuer Amtsinhaber schon nach kurzer Zeit seufzen muss: „Wenn ich übers Wasser laufe, sagen meine Kritiker: Nicht mal schwimmen kann er.“

Das abschliessende Zitat wird übrigens Berti Vogts zugeschrieben – bei ihm, dem “Terrier”, hat es, bei aller Kritik an seinem Fussballverständnis, immerhin für einen Welt- und zwei Europameister-Titel gereicht. Dass die Schauspielerei nicht seins ist, mag man ihm da gerne verzeihen.

Und wieviel – und was – verzeihen wir einem Pfarrer, einer Pfarrerin? Und wo bleiben wir unnachgiebig, ja: wo müssen wir unnachgiebig bleiben? [2]

[1] Ich unterstelle dem neu gewählten Herrn Pfarrer, der gestern feierlich ins Amt eingesetzt wurde, jetzt einfach einmal, dass dies zutrifft. Sonst möge er das Gegenteil beweisen.
[2] Für den eher schlecht geratenen Scherz im Titel bitte ich um Verständnis. Er kam mir in den Sinn, als ich letzte Woche nach meiner ersten Gitarrenlektion überhaupt das Riff zu “Smoke on the Water” übte.

Für Andi – es ist schön, dass wir Dich haben!

Feier im Anzug

By , 12/04/2012 17:18

So: Anzug aus der Reinigung abgeholt, Wein-Umbestellung abgenickt, Ansprachen weitgehend fertig geschrieben – die Einsetzungsfeier für unseren neuen Herrn Pfarrer kann kommen.

Ab Sonntagabend gibt es in Bubikon also keine Pfarrwahlkommission mehr, ist diese Kirchen-Geschichte Kirchengeschichte. Aber ich bin und bleibe stolz darauf, dass ich dieser tollen Truppe vorstehen durfte. Und dass wir einen ebensolchen Pfarrer gewinnen konnten.

Keine Ahnung, wodurch dies in nächster Zeit getoppt werden könnte. (Mein Gefühl sagt mir: definitiv nicht durch die Philosophie-Proseminararbeit.)

Stimmen, was stimmt

By , 10/03/2012 16:12

Morgen gilt es für sämtliche Pfarrerinnen und Pfarrer, die ihren Dienst in einer Kirchgemeinde im Kanton Zürich verrichten, ernst: Sie müssen sich an der Urne für die nächste Amtsdauer wählen lassen. [1]

Ich wünsche den Amtsinhabern, die sich zur Wiederwahl stellen, wie den neuen Kandidaten viel Erfolg. Vor allem aber wünsche ich den Kirchgemeinden, dass sie weise und für sie “richtig” entscheiden – letztlich geht es ja um sie und ihr Wohl. (Besonders schön natürlich, wenn morgen beide Seiten gewinnen!)

[1] Formell handelt es sich dabei um eine Sachabstimmung – über Wahlanträge. Deshalb ist der Titel in Ordnung so.

Die Ballade von Immernoch und Längstschon – zu Silvester/Neujahr

By , 31/12/2011 11:03

Wie schön sie doch sind, die Tage zwischen den Jahren: Das alte Jahr ist nicht mehr, das neue noch nicht. Für alles gibt es eine Stunde, sagt man – in diesen Tagen: die stille Stunde zur Entspannung im Raum zwischen dem Nichtmehr und dem Nochnicht. Zur Ruhe kommen, endlich…

Pustekuchen.

Jetzt erst finde ich doch Zeit dafür, nach dem Alltäglichen der vergangenen elfeinhalb Monate die letzten (und teilweise vorletzten) Pendenzen des alten Jahres abzuarbeiten und mich auf die ersten Wochen im neuen Jahr vorzubereiten. Das Nichtmehr des alten Jahres ist in Wirklichkeit ein lautes, forderndes Immernoch, das Nochnicht des neuen ein ebenso lautes, forderndes Längstschon.

Doppelte Arbeit also.

Und so habe ich die vorlesungs- und unterrichtsfreie Zeit zwischen Weihnachten und Silvester v.a. damit zugebracht, die über das Jahr angesammelten Kleintiere kurzzeitig über meinen Körper gewinnen zu lassen, meine Proseminararbeit zu Løgstrups Ansatz der “ethischen Forderung” doch noch fertigzustellen und, ebenfalls längst geplant, ein Arbeitszeugnis zu formulieren (immer wieder eine Herausforderung) – zugleich aber auch schon damit, den Unterricht der ersten Nachferienwoche sowie eine Hebräisch-Gesamtrepetition für die Tutoratsgruppe vorzubereiten. Jetzt steht noch ein Grossputz an. Wenn ich schon einmal dran bin…

Heute abend immerhin wird eine Pause eingeschaltet.

Ich verneige mich in grosser Dankbarkeit vor dem ausgehenden Jahr. Dieses war, soviel steht fest, das bis anhin ereignis- und lehrreichste, was mein Engagement in den Bereichen Theologie und Kirche anbelangt. Ich durfte beispielsweise feststellen, dass meine theologische Urteilskraft in den vergangenen zwei Semestern einige Fortschritte gemacht hat und ich mich mehr und mehr imstande fühle, an den Diskussionen in den universitären Veranstaltungen ernsthaft teilzunehmen. Auch denke ich sehr gerne an das religions- und bibelwissenschaftliche Seminar in Jerusalem und an das Barth-Blockseminar auf dem Leuenberg zurück, ebenso an die (erfolglose) Kandidatur für das Kirchenparlament und die (bisher erfolgreiche) Leitung der Bubiker Pfarrwahlkommission. Es ist viel gelaufen, und ich habe, es ist tatsächlich so einfach, nur gewonnen.

Zugleich schaue ich erwartungsvoll dem neuen Jahr entgegen. Was es für mich bereithalten wird? Der Uni-Stundenplan des ersten Semesters jedenfalls ist kreditpunktebedingt bereits stark reduziert, und im zweiten Halbjahr geht es in die praktische Ausbildung durch das Konkordat, was, beides, so hoffe ich, einige neue Erfahrungen und Impulse ermöglichen und bringen wird. Darauf bin ich gespannt. Wenn das neue Jahr nur halb so lehr- und abwechslungsreich wird wie das alte, bleibe ich ein glücklicher, zufriedener Mensch.

Das wünsche ich auch Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser: eine kleine Pause heute abend und, morgen beginnend, ein gutes neues Jahr mit den richtigen Herausforderungen zur rechten Zeit.

O heilige Vielfalt!

By , 11/09/2011 19:05

Noch eine Woche – dann nimmt die vorlesungsfreie Zeit ein Ende. Bei mir beginnt das fünfte Semester des Theologiestudiums. Rückblickend stelle ich fest: Schneller sind zwei Jahre noch nie vorbeigegangen in meinem Leben! Es gab bisher keinen Grund für einen ungeduldigen Blick auf die Uhr: Theologie beschäftigt ganz gut. Und ich glaube, sie hält, geistig zumindest, einigermassen jung.

Der Blick in die Hörsaalreihen wird auch im neuen Semester wieder zeigen: Die Vielfalt unter den Studenten ist gross. Als ich noch Publizistik studierte, im Erststudium, musste ich feststellen, dass Sozialwissenschafter sich zwar gerne unkonventionell geben, genau darin bisweilen aber austauschbar sind; der grosse Reinhard Mey prägte hierfür den Begriff der “Nonkonformisten-Uniform”. Die Unterschiede jedenfalls, die Lebensentwürfe und Geisteshaltungen betreffen, scheinen mir unter den Theologiestudenten ein Vielfaches grösser. (Kein Grund für Selbstgerechtigkeit allerdings: Es gibt ja, Achtung: Euphemismus!, nicht nur “horizontale”, sondern auch “vertikale” Unterschiede!)

Die Vielfalt liegt sicher auch darin begründet, dass ein Grossteil der Theologiestudenten das sprichwörtliche “gerüttelt Mass” Lebens- und Berufserfahrung mitbringt: Zweitstudien und andere “Umwege” sind keine Seltenheit, so dass für manchen, der die Theologische Fakultät zum ersten Mal besucht, nicht auf den ersten Blick ersichtlich wird, wer die Bachelorarbeit noch vor sich – und wer die Habilitation längst hinter sich hat. Nicht nur, aber auch.

Diese Vielfalt gibt es auch in der theologischen Praxis, d.h. innerhalb der Pfarrschaft: kaum ein Zeitungsartikel über einen Pfarrer, in dem sich die (immer positiv gemeinte) Feststellung findet, dass das beschriebene Objekt “kein typischer Pfarrer” sei. “Der typische Pfarrer” ist ein Phantom.

Eindrücklich gezeigt hat sich mir dies ganz konkret im laufenden Jahr. Als Präsident der Pfarrwahlkommission in meiner Kirchgemeinde hatte ich, wie meine dreizehn Kolleginnen und Kollegen in der Kommission, mit zahlreichen Bewerbern zu tun. Sie alle hatten Theologie studiert – bis auf einen selbsternannten Prediger, der sich denn auch gleich zweimal mit demselben Schreiben an mich wandte -, sind ordiniert und interessierten sich für die offene Pfarrstelle am Ort. Das war es dann aber auch schon mit den Gemeinsamkeiten. (Heute hat die Kirchgemeindeversammlung unseren Wahlvorschlag gutgeheissen.)

Die “heilige Vielfalt” unter uns Theologiestudenten und Jungtheologen macht die Ausbildung der Pfarrerinnen und Pfarrer nicht einfach: Wir stehen alle an einem anderen Ort. Das Konkordat der Deutschschweizer Kantonalkirchen, welches die praktische Ausbildung, d.h. unsere Vorbereitung auf das Pfarramt, übernimmt, ist diesbezüglich sicher nicht zu beneiden. Aber mit etwas gutem Willen liessen sich sicher Modelle finden, welche die unterschiedlichen Erfahrungshorizonte von uns Studenten angemessen berücksichtigen – so viele sind wir ja nicht. Ob das Konkordat dies tut und inwiefern das Konkordat und die Zürcher Landeskirche sich für “ihre” Studenten interessieren und einsetzen – voraussichtlich im Herbstsemester 2012/13, wenn ich die landeskirchlich organisierte praktische Ausbildung aufnehme, werde ich dies erfahren.

Wenn der Jurist den Laden schmeisst…

By , 06/09/2011 17:37

Als Leiter der Pfarrwahlkommission hier in Bubikon hatte ich jüngst im Auftrag eines kantonsfremden Bewerbers bei unserer Kantonalkirche eine Auskunft einzuholen. Es ging um eine eigentlich ganz simple Frage: “Besteht ein Anspruch auf Weiterbildung – und wo ist dieser geregelt?” Für einen Bewerber, der ausserhalb unseres Kantons tätig ist, kann dies ein durchaus relevantes Kriterium sein, denn solcherlei Angelegenheiten sind, dem mir sehr lieben Föderalismus sei Dank, von Landeskirche zu Landeskirche anders geregelt. Da ist es legitim, als Stellenbewerber die verschiedenen Bedingungen miteinander zu vergleichen. Ich war also gerne bereit, mich bei der Zentrale in Zürich zu erkundigen.

Die Anfrage ging per E-Mail an den Kirchenratsschreiber, Alfred Frühauf, der mir in sämtlichen Angelegenheiten, welche die Pfarrwahlkommission betrafen, stets hilfreich zur Seite stand. Frühauf liess mich wissen, wer seiner Meinung nach zuständig ist, und kopierte die entsprechende Person gleich in die Antwort ein. Nun lag meine Anfrage bei der Verantwortlichen für die Personaladministration Pfarrschaft, Esther Oberli. Anders als sonst, konnte mir allerdings auch diese nicht helfen: Sie verwies mich an den Leiter der Abteilung Aus- und Weiterbildung der Pfarrerinnen und Pfarrer, Thomas Schaufelberger. Dessen Antwort kam postwendend: Für rein zürcherische Belange sei er nicht zuständig – da müsse ich mich an Denise Schlatter-Hosig wenden, die in der Abteilung Personalentwicklung der Zürcher Pfarrschaft tätig ist. Also noch einmal ein E-Mail verschickt… Und tatsächlich: Schlatter-Hosig konnte meine Fragen relativ allgemein beantworten. Meine Bitte um das Reglement, das es, wie ich mittlerweile durch eigene Recherche herausgefunden hatte, geben musste, blieb jedoch unbeantwortet. Und online war die “Verordnung zur Regelung der Fortbildung von Pfarrern und Pfarrerinnen vom 24. Oktober 1984”, um die es ging, nicht verfügbar. Abschliessend helfen konnte mir schliesslich – wie so häufig in meiner Kirchenpfleger-Karriere – die Allzweckwaffe der Kantonalkirche: deren Chefjurist Dr. Martin Röhl.

Bleibt die Frage, ob es wirklich die Aufgabe von ehrenamtlich tätigen Behördenmitgliedern sein kann, bei insgesamt fünf Mitarbeitern einer personell und finanziell ganz gut ausgestatteten Zentrale anzuklopfen, bevor eine Frage befriedigend beantwortet ist. In einer Angelegenheit noch dazu, welche definitiv in die Zuständigkeit der Kantonalkirche fällt: Sie ist es nämlich, welche die Pfarrerinnen und Pfarrer anstellt – nicht die Kirchgemeinden.

In dieser Angelegenheit fühlte ich mich entfernt an das Haus, das Verrückte macht, bekannt aus “Asterix erobert Rom”, erinnert. Einen Unterschied gibt es dann aber doch: Während die beiden gallischen Bittsteller auf der Suche nach dem Passagierschein A38 einfach den Spiess umdrehen und die Angestellten der römischen Präfektur in den Wahnsinn treiben (was nicht einmal ich auf unsere Kantonalkirche applizieren wollte!), sorgt in Zürich Dr. Martin Röhl für das beruhigende Happy End – immer wieder.

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