Posts tagged: Musik

Königsweg

By , 18/09/2014 14:29

Gestern durfte ich als Vikar gut vier Dutzend Seniorinnen und Senioren meiner Vikariatsgemeinde auf ihrer Ausfahrt ins Emmental begleiten. Unter anderem besuchten wir das Gotthelf-Zentrum in Lützelflüh – für mich, der sich in der Masterarbeit mit dem Gotthelf-Sohn Albert Bitzius jr. auseinandersetzte, sehr reizvoll.

Reizvoll waren aber natürlich auch die kleinen Kontakte und die grossen Gespräche, die sich bisweilen aus ersteren entspinnen. Beim Mittagessen etwa sass ich neben einer Dame, die sich beim Plaudern über ihre musikalischen Vorlieben als Elvis-Fan outete. Darauf meinte ich: “Oh, bin ich auch!” Und sie, trocken: “So? Wissen Sie denn, wie Elvis’ Bruder hiess?” – “Klar, Jesse Garon. Sein Zwillingsbruder, tot geboren.”

Nun, was soll ich sagen? Ich muss den “Test” bestanden haben, denn vom King und dem Tod zu Gott und dem Alter war es jetzt nur noch ein kleiner Schritt.

Grösse des Kleingedruckten

By , 18/05/2014 16:44

Begonnen hat alles mit einer Musikkassette, die ein guter Freund und ich bei ihm zu Hause entdeckten. Seine Eltern mussten sie Jahre zuvor zusammengestellt haben, und nun, eines schönen Nachmittags im Sommer oder Herbst 1999, war sie uns also in die jugendlichen Hände gefallen, einige Monate vor unserer beider Matur. An die anderen Lieder erinnere ich mich heute nicht mehr (lediglich noch an dies: Simon & Garfunkel und Cat Stevens waren mit Sicherheit vertreten), aber das ist auch egal: Besonders angetan hatte es mir, hatte es uns ein druckvolles, eingängiges Dreieinhalb-Minuten-Opus mit der wiederkehrenden Zeile “I gave it up for music and the free electric band”, das uns wieder und wieder zurückspulen liess. Gar keine Frage: Dieses Lied musste ich “haben”! Eine Onlinesuche daheim, vermutlich noch mittels Altavista, ergab: Es handelte sich dabei um “The Free Electric Band”, 1973 von einem gewissen Albert Hammond veröffentlicht. Also: Umgehend eine Best-Of des Musikers gekauft – und diese ebenso sofort geliebt. [1] Doch dabei schien es bleiben zu müssen, denn viel mehr gaben weder die hiesigen CD-Geschäfte noch der Online-Handel her. Ausserdem: Informationen über Hammond? Weitgehend Fehlanzeige.

Aber was nicht ist… Und so ermittelte ich über allerlei Umwege die Kontaktdaten von Hammonds Business Manager in den USA und fragte bei diesem an, ob sein Mandant einverstanden wäre, wenn ich die Domain alberthammond.net reservieren würde, zwecks Gestaltung einer Website über den vom Internet zu Unrecht Vergessenen. Und bekam, zu meiner Überraschung (und umso grösseren Freude), grünes Licht – um wenig später sogar in persönlichem Kontakt mit Hammond selbst zu stehen: Regelmässig, über Monate hinweg mindestens einmal pro Woche, sprachen wir uns telefonisch, damit ich die Inhalte der Website, die nun offiziellen Status hatte, ausbauen konnte. [2] So entstanden nach und nach eine Lieder-Datenbank, die Möglichkeit des Austausches zwischen Albert und Fans – und eine erste Online-Biographie über den in Gibraltar Aufgewachsenen, der zunächst nach London und später, als Kalifornien und der US-amerikanische Musikmarkt lockten, nach Los Angeles übergesiedelt war. Sein grösster Hit als Sänger, “It Never Rains in Southern California”, erzählt just von letzterem Wechsel (und ist nur teilweise fiktiv).

Grössere Bekanntheit erlangte Albert aber nicht als Sänger, sondern, gewissermassen indirekt und inkognito ([3]), durch die zahllosen von ihm geschriebenen Lieder, die durch die Aufnahmen Anderer zu Hits wurden ([4]): “The Air That I Breathe” (The Hollies [5]), “When I Need You” (Leo Sayer), “One Moment in Time” (Whitney Houston), “When You Tell Me That You Love Me” (Diana Ross), “I Don’t Wanna Lose You” (Tina Turner) u.v.a. Weitere Musikerinnen und Musiker, die Lieder von ihm aufnahmen (und die Aufnahmen teilweise auch von ihm produzieren liessen), sind: Johnny Cash, Joe Cocker, Neil Diamond, Céline Dion, Duffy, Cass Elliot, Aretha Franklin, Art Garfunkel, Julio Iglesias, Elton John, Tom Jones, Johnny Mathis, Willie Nelson, Roy Orbison und Rod Stewart.

Das wiedererwachte Interesse an seiner Person – und möglicherweise auch der Erfolg, den sein Sohn, Albert Hammond jr., als Gitarrist der Strokes zu jener Zeit genoss – veranlasste Albert schliesslich dazu, nach mehrjähriger Pause ein Album mit neuen eigenen Liedern einzuspielen. Aus dem “Nur”-Songwriter wurde wieder ein Singer-Songwriter. Dem im Frühling 2005 veröffentlichten Album, “Revolution Of The Heart”, war allerdings wenig Erfolg beschieden, vermutlich zurecht. Für mich als Website-Betreiber und immer mehr auch “Insider” war es jedoch ein grosses Privileg, die Entstehung der Lieder und der Aufnahmen von den ersten Demos bis zur fertig abgemischten CD nachzuvollziehen und auch die Promo-Auftritte in London (wo ich in jenen Wochen sowieso wohnte) zu erleben. Und viele Kontakte zu knüpfen.

Tausende von Stunden hatte ich in dieses Hobby investiert (wenn ich nur an die Bewirtschaftung der Lieder-Datenbank denke!), als ich mich 2008, neun Jahre nach dem Start, schweren Herzens entschied, die Domain an Alberts Management zu übertragen. Die Nebentätigkeit war mir schlicht zu aufwendig geworden, und ich hatte ja einen Beruf… Es bleiben von jener Zeit: wunderbare Erinnerungen an Gespräche, Auftritte und Treffen, weiterhin ein loser Kontakt zu Albert – und die Aufnahmen aller unserer Telefongespräche. Also: wiederum Kassetten.

Heute feiert Albert Hammond seinen Siebzigsten. Mögen ihm die besten Tage noch bevorstehen! [6]

[1] Es handelt sich dabei um: “Greatest Hits (Albert Hammond)”, 1996 von Sony veröffentlicht. Die CD ist u.a. bei Amazon erhältlich. Ich kann sie nur empfehlen, da sie zum grossen Teil Aufnahmen enthält, die auf Hammonds ersten drei Soloalben (“It Never Rains In Southern California”, “The Free Electric Band”, “Albert Hammond”) veröffentlicht wurden – und diese stellen m.E. die Highlights seiner Sängerkarriere dar.
[2] Der Vollständigkeit halber sei hinzugefügt, dass ich lediglich für die Inhalte und das einfachere Programmieren zuständig war und mein lieber Bruder die grösseren Programmieraufgaben übernahm.
[3] Wer – ausser mir – liest in CD-Booklets schon das Kleingedruckte?
[4] In der Regel arbeitet Hammond mit Co-Writers, wobei er selbst zum grossen Teil die Musik komponiert.
[5] “Creep” von Radiohead enthält Teile der Melodie von “The Air That I Breathe”. Radiohead-Mann Thom Yorke zufolge war dies nicht beabsichtigt, doch werden nun jeweils auch Hammond und der Texter Mike Hazlewood (m.E. der beste Partner, den Albert jemals hatte) als Mitverfasser von “Creep” angegeben.
[6] Ganz entsprechend der ersten Strophe von “One Moment In Time” (Hammond/Bettis): “Each day I live / I want to be / a day to give / the best of me. / I’m only one / but not alone / my finest day / is yet unknown.”

Zahlen, bitte!

By , 23/12/2013 14:50

Die kirchliche Sozialisierung eines Kirchgängers, einer Kirchgängerin erkennt man, wie ich finde, u.a. sehr schön an dessen bzw. deren Handhabung des Gesangbuchs. Ich unterscheide hier drei Typen: Der Vollprofi tastet das Buch gar nicht erst an, da er Texte und Melodien aus dem Effeff kennt; der regelmässige und “erfahrene” Besucher wirft, kaum hat er sich gesetzt, mehr oder weniger unbewusst einen Blick auf die Anzeige der Liedernummern und legt die Bändeli der ersten beiden Lieder schon vor dem Gottesdienstbeginn an die entsprechenden Stellen; und der Neuling bzw. der Unerfahrene blättert sich nach der knappen Liedansage durch den Pfarrer, die Pfarrerin hektisch durch das Gesangbuch.

Ich zähle mich zur zweiten Kategorie – und sah mich gestern zweimal vor ein kleines Problem gestellt:

Links... …und rechts

Immerhin: Jetzt weiss ich, weshalb das Gesangbuch zwei Bändeli bereithält!

Barmherzig ausgespannt

By , 05/12/2013 11:51

Wie versprochen, hier nun mein erster “Tagebuch”-Eintrag:

Tagebuch 1 (48/2013)

(Erschienen in: “Reformierte Presse”, Nr. 48, 29.11.2013, S. 9; Autor: Reto Studer – Online-Textfassung hier)

Hinweis aus der Schreibstube: Die Geschichte stimmt fast eins-zu-zwö… äh: -zu-eins. Bei der Nennung des Liedes erlaubte ich mir jedoch eine künstlerische Freiheit: Nachdem mir die verantwortliche Redaktorin mitgeteilt hatte, dass das Lied “Ich steh in meines Herren Hand”, das mir in der Realität “erschienen” war und das ich deshalb im ersten Entwurf nannte, wohl zu wenig bekannt und der Liedtitel deshalb auch nicht sofort als Liedtitel identifizierbar sei, beschloss ich, diesen durch “Du kannst nicht tiefer fallen als nur in Gottes Hand” zu ersetzen. Diese Liedzeile ist nicht nur einiges bekannter (RG 698), sondern erfüllt ihren Zweck im Kolumnentext, im Gegensatz zum erstgenannten Titel, darüberhinaus selbst dann, wenn man das entsprechende Lied nicht kennt. Ich finde: zwei gute Gründe für die Änderung!

Und: Die doppeldeutige Überschrift dieses Blog-Beitrags ist ein Zitat aus dem im Kolumnentext genannten Lied.

Gleichnis vom Schwarzrock und vom Silberfuchs

By , 10/01/2013 11:32

Der Grossteil meiner CDs ist in meinem Büro versammelt, in CD-Türmen eines bekannten schweiz… nein: schwedischen Möbel- und Hotdog-Fabrikanten. Sortiert sind die Alben, natürlich, alphabetisch nach dem Interpretennamen – innerhalb dieses Kriteriums machen die Best-Of- und andere Zusammenstellungen den Anfang, an die sich dann die regulären Alben in der Reihenfolge ihrer Erstveröffentlichung anschliessen.

Ich schreibe das, damit Sie nachvollziehen können, dass alles seine objektive Ordnung hat und die folgende Auffälligkeit also reiner Zufall – oder Fügung – ist. Schauen Sie einmal:

Geld und reich

Habe ich jetzt ein Problem? Immerhin heisst es:

It is easier for a camel to go through the eye of a needle than for a Rich man, i.e. a man with lots of Cash, to enter into the kingdom of God. (relativ frei nach Mk 10,25 – King James Bible)

Ob es mich wohl rettet, dass ich mit den Carpenters (ganz links [1]) auch Zimmerleute-Musik in der Sammlung habe? Bin ich dann vielleicht doch ein, rechts im Bild, Righteous Brother? [2]

[1] Ganz zu schweigen von Bob Dylan (zwei Fächer unter “Cash” und deshalb nicht im Bild).
[2] Ein Hinweis für die Nicht-so-Insider: Die Überschrift dieses Blog-Eintrag spielt auf die Übernamen der Herren Cash und Rich an: “Man in Black” beziehungsweise “Silver Fox”. Nicht gemeint sind also Pfaffen und pensionierte Uni-Auditoren.

Meysterfeyer

By , 21/12/2012 05:39

Das kleine (und weiterhin feine) Lied mit der Luftaufsichtsbaracke kannte ich natürlich schon lange, als ich dessen Texter, Komponisten und Sänger zum ersten Mal auftreten sah: an einem Samstagabend im Januar 1997, bei “Wetten, dass..?”, mit “Lilienthals Traum”. Eigentlich unvorstellbar: Es ist Showtime – und ein schmächtiger, grauhaariger Mann singt live, ohne äussere Showeffekte und in deutscher Sprache ein beinahe achtminütiges, textlastiges, symphonisches Heldenepos über einen Flugpionier aus dem 19. Jahrhundert. Damit, mit dem Lied und dem grossartigen, wie aus der Zeit gefallenen Vortrag, hatte er mich im Sack – ein für allemal: Es sollte der Beginn sein einer bis zum heutigen Tag anhaltenden Freude an den Beobachtungen, dem Sprachvermögen, der Dichtkunst, den Melodien des Liederdrechslers Reinhard Mey.

Sein phänomenales Werk ist eine bunte Mischung von Liedern zu, fast, allem Erdenklichen. Da wechseln sich munter ab: Geschichten und Gedanken über und für seine Kinder (in all deren Lebensphasen); die präzise Darstellung von Figuren, Ereignissen, Entdeckungen in der nahen und fernen Geschichte; philosophische Betrachtungen über Alltägliches, aber auch über das ganz Grosse (oftmals kein Entweder-Oder, sondern ein Sowohl-als-Auch); meist kitschfreie Oden an seine Frau Gemahlin, die Liebe per se, die Musik, seine grosse Sehnsucht (und das spätere Hobby): das Fliegen; mal lockerflockige, mal beissende Gesellschaftskritik; Erinnerungen an die eigene Kindheit und Jugend; augenzwinkernde Selbstbetrachtungen; Reflexionen über Vergänglichkeit und Tod; immer wieder sein Berlin – und vieles mehr.

In den über vierzig Jahren seiner Liedermacherei sind noch und nöcher hinreissende Werke in deutscher, französischer, niederländischer Sprache entstanden, die mich begeistern – und ist der Name Mey zu einer festen “Marke” in der Musikbranche geworden: Die Alben, die er weiterhin im Zwei- bis Drei-Jahres-Takt aufnimmt und veröffentlicht (letzteres immer, natürlich, im namensverwandten Monat Mai), verkaufen sich, fast ohne Werbung, hervorragend, die sich daran anschliessenden Tourneen – gut sechzig lange Abende am Stück, an denen er, schmächtiger, grauhaariger Mann, ohne äussere Showeffekte und nur von seiner Gitarre begleitet, die Lieder, neue wie alte, auf das Wesentliche reduziert – sind, ebenso zurückhaltend beworben, in der Regel ausverkauft.

Und ein Ende ist nicht in Sicht: Im kommenden Frühling wird Mey bei seiner Plattenfirma ein weiteres Mal ein frisch aufgenommenes, fixfertig abgemischtes und gemastertes Album einreichen, das dann, ganz und gar unverändert, am 3. Mai in den Handel kommt (eine solche Verfügungsgewalt über das eigene Werk ist fast beispiellos in der Branche). Die neue Produktion soll “Dann mach’s gut” heissen.

“Dann mach’s gut!” – das wünsche auch ich: Reinhard Mey zum heutigen Siebzigsten. Mögen noch viele weitere folgen!

Zum Einstieg seien an dieser Stelle die folgenden Alben empfohlen: “Mein achtel Lorbeerblatt” (1972), “Wie vor Jahr und Tag” (1974), “Farben” (1990), “Flaschenpost” (1998) und der Kinderlieder-Sampler “Mein Apfelbäumchen” (1989).

Hält euch kein Dunkel mehr

By , 10/12/2012 05:40

Advent – Weihnachten steht vor der Tür, hinter der Dunkelheit erwartet uns ein, das Licht. Kaum irgendwo ist dieses Bild schöner und tröstlicher gemalt als in diesen acht Zeilen:

Die Nacht ist vorgedrungen,
der Tag ist nicht mehr fern.
So sei nun Lob gesungen
dem hellen Morgenstern.
Auch wer zur Nacht geweinet,
der stimme froh mit ein.
Der Morgenstern bescheinet
auch deine Angst und Pein.

(Aus: “Weihnachtslied”, Text: Jochen Klepper, Erstveröffentlichung in dem Gedichtband “Kyrie. Geistliche Lieder”, 1938) [1]

Der genialische Autor, Dichter, Schriftsteller Jochen Klepper, sensibler Drechsler obiger Verse, geboren 1903, Sohn eines evangelischen Pfarrers, verheiratet mit der um einige Jahre älteren Johanna Stein: Mutter zweier Töchter aus erster Ehe – Jüdin; deswegen ab der Machtübernahme der Nationalsozialisten immer mehr in der Ausübung seines eigentlichen Berufs als Journalist eingeschränkt und schliesslich notgedrungen als “freier” Schriftsteller tätig, bisweilen fiebrig-schnell arbeitend, verwerfend, neu beginnend; noch im Jahre 1940 zum Wehrdienst eingerückt, um seine Ehefrau und deren jüngere Tochter Renate (die ältere, Brigitte, lebte im sicheren Ausland) vor der drohenden Deportation zu schützen, doch schon bald wieder entlassen, da er nicht in die von den Behörden erwartete Scheidung einwilligt – in der Furcht vor einer Zwangsscheidung und dem damit vorgezeichnet scheinenden Weg beider Frauen ins Konzentrationslager nimmt er sich in und mit seiner kleinen Familie in der Nacht vom 10. auf den 11. Dezember 1942 das Leben.

Heute vor siebzig Jahren.

Den “hellen Morgenstern”, den er im oben zitierten, fast genau fünf Jahre zuvor verfassten “Weihnachtslied” besingt, scheint Klepper bei aller irdischen Verzweiflung bis zum Ende vor und über sich leuchten gesehen zu haben. Sein letzter Tagebucheintrag endet mit den Worten: “Über uns steht in den letzten Stunden das Bild des Segnenden Christus, der um uns ringt. In dessen Anblick endet unser Leben.”

Persönlicher Hinweis:
Ich selbst bin nur per Zufall und ausserhalb von Studium und Kirchgemeindearbeit auf Jochen Klepper und sein Werk gestossen. Wäre dieser runde Jahrestag, liebe mitlesende Pfarrerinnen und Pfarrer, nicht vielleicht ein guter Anlass, demnächst eines seiner Lied-Gedichte ins Zentrum eines Gottesdienstes zu stellen? Muss ja nicht zwingend noch im Advent sein – Klepper hat zu fast allen Feiertagen und Anlässen geschrieben…

Literaturempfehlung:
a. Gesangbuch der evangelisch-reformierten Kirchen der deutschsprachigen Schweiz [2]
b. Klepper, Jochen: Unter dem Schatten deiner Flügel. Aus den Tagebüchern der Jahre 1932-1942, Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt, 1956 (mehr hier).
c. Baum, Markus: Jochen Klepper, Schwarzenfeld: Neufeld Verlag, 2011 (mehr hier).

[1] Der Titel dieses Blog-Eintrags entstammt demselben Gedicht – der ebenso schönen (und wunderbar unverträumt startenden) vierten Strophe, die da lautet: “Noch manche Nacht wird fallen / auf Menschenleid und -schuld. / Doch wandert nun mit allen / der Stern der Gotteshuld. / Beglänzt von seinem Lichte, / hält euch kein Dunkel mehr. / Von Gottes Angesichte / kam euch die Rettung her.”
[2] Nicht weniger als elf Gedichte Kleppers haben Eingang in das Reformierte Kirchengesangbuch gefunden: “Tauflied” (“Gott Vater, du hast deinen Namen”, 179), “Weihnachtslied” (“Die Nacht ist vorgedrungen”, 372), “Weihnachts-Kyrie” (“Du Kind, zu dieser heilgen Zeit”, 415), “Neujahrslied” (“Der du die Zeit in Händen hat”, 554), “Morgenlied” (“Er weckt mich alle Morgen”, 574), “Mittagslied” (“Der Tag ist seiner Höhe nah”, 584), “Abendlied” (“Ich liege, Herr, in deiner Hut”, 622), “Geburtstagslied” (“Gott wohnt in einem Licht”, 696), “Hochzeitslied” (“Freuet euch im Herren allewege”, 738), “Silvesterlied” (“Ja, ich will euch tragen”, 746) und “Trostlied am Totensonntag” (“Nun sich das Herz von allem löste”, 777).

Keine halben Sachen

By , 29/09/2012 11:22

Manche Texte schreiben sich fast von selbst, manche sind seit langem geplant und längst vorbereitet [1] – sträuben sich dann aber erfolgreich dagegen, fertig komponiert und zur Aufführungsreife gebracht zu werden. So geht es mir mit einem Artikel zum heutigen zehnten Todestag meines musikalischen Helden und Dichter-Bruders im Geiste – Mickey Newbury (19.5.1940–29.9.2002). [2] Anspruch und Wirklichkeit klaffen in all den Text-Entwürfen noch weit auseinander – das hat der Maestro, selbst ein Perfektionist, nicht verdient.

Die Würdigung wird bei rechter Gelegenheit nachgereicht. [3][4]

[1] Ich führe eine Liste von jeweils fünfzehn bis zwanzig fluktuierenden Themen, die ich nach und nach “verarbeiten”; teilweise ist auch, wie hier, das Datum der Veröffentlichung vorgegeben. (Das Meiste erscheint aber spontan.)
[2] Nie gehört? Gut möglich. Ich möchte und werde das ändern. (Einige seiner Lieder dürften Sie aber kennen: Newbury hat ein vielgecovertes Portfolio – pdf hier.)
[3] Ob ich es wohl auf Mai 2015 schaffe: den 75. Geburtstag Newburys?
[4] Auf der Metaebene ist dieses Scheitern am selbst gesetzten Ziel doch auch eine Erwähnung wert, nicht? Ich hoffe, mit der Bachelorarbeit, die ich nächste Woche in Angriff nehmen möchte, habe ich mehr Glück…

Nebensaison

By , 02/07/2012 10:05

Das Hobby zum Beruf zu haben und den Beruf zum Hobby, kann gefährlich sein. Das dürften all diejenigen bestätigen können, die nicht wissen, wann genug ist. Aber nicht ausbrennen möchte ich, sondern brennen für etwas. Das setzt genügend Sauerstoff-Nachschub voraus, und den hole ich mir beim freien Schreiben, hie und da – und, immer, in der Musik: ich höre sie, ich sammle sie, und seit Frühling spiele ich sie auch wieder.

Meine Gitarre, logisch: Holz!, ist zum Glück genauso geduldig wie meine Nachbarn: immer wieder einmal ein unreiner Akkord? Wird verziehen. Sonntägliches Üben? Passt schon. Ein Weihnachtslied im Sommer? Nur zu. Und so kann es vorkommen, dass ich, wenn mir das aufgegebene Übungsmaterial fad wird, in Eigenregie ein paar schöne 3/4- bzw. 6/8-Zupfmuster einstudiere. Anhand von “Stille Nacht”. An einem Sonntag. Im Juli. [1]

Aber – abgesehen davon, dass Weihnachten für mich sowieso immer “stattfindet”: Solcherlei antizyklisches Verhalten ist wohl auch angezeigt, wenn es an Heiligabend etwas werden soll mit dem Einmannorchester vor versammelter Familienschar. Man will sich ja nicht blamieren!

[1] Ich befinde mich damit immerhin in bester Gesellschaft: Gordon Lightfoot hat seinen “Song for a Winter’s Night” ja auch, “leichtfüssig”, wie es der Name sagt, eines stürmischen Juliabends geschrieben, Elvis “Blue Christmas” u.a. einmal an einem Konzert im Memphis-Juli gesungen. (Naja: “Juli” und “Yuletide” – passt eigentlich bestens!)

…denn “amoi gengan alle Türln zua”

By , 21/06/2012 12:10

Dass man sich auch in jungen Jahren mit dem Tod auseinandersetzt, war für mich immer selbstverständlich. Deshalb bin ich jeweils überrascht, wenn Gleichaltrige, aber auch Ältere als ich, eines Tages urplötzlich, Knall auf Fall, realisieren, dass auch sie einmal gehen müssen. Das Leben ist ohne Freund Hein, den gehassliebten, hassgeliebten Sensenmann, doch gar nicht denkbar!

Der österreichische Dichter und Liedermacher Georg Danzer hätte mir vermutlich zugestimmt. Schon als 29-Jähriger stellte er sich das eigene Sterben und den Verdruss darüber in einem hinreissenden kleinen Lied vor, in schönster Wiener Mundart:

Des kaun do no ned ollas gwes’n sein

Des kaun do no ned ollas gwes’n sein,
da war do no was, des wass i ganz genau.
Z’erst kummst auf die Welt,
und dann sollst wieder geh’ –
grad dann, wannst glaubst,
es fangt erst ollas au.

Des kaun do no ned ollas gwes’n sein,
na, na, des kaun i afoch ned glaubn.
Oder sollt’ i vielleicht,
oder sollt’ i vielleicht
zum Leb’n vergessn hab’n?

(Text und Musik: Georg Danzer, Rechte: Edition Giraffe, Wien; zu finden auf dem Album “Ollas leiwand” [ugs. “alles super”] aus dem Jahr 1975)

Vielleicht auch aus diesem Geist heraus, im Wissen um die eigene Endlichkeit, veröffentlichte Georg Danzer in den vier Jahrzehnten seines Schaffens Album um Album, über weite Strecken im Jahrestakt. Sein Werk auf einen Nenner zu bringen, scheint mir dabei unmöglich. Jedenfalls ist es nicht recht, ihn auf den lustigen Austropop-Schurli zu reduzieren, als der er oft gesehen wird: Im Laufe der Zeit hat er dermassen vieles besungen, in so verschiedenen Facetten und Farben, mal so zart wie überhaupt nur möglich, mal mit hintergründigem Humor, mal kraftmeierisch und derb… Längst nicht jedes Lied gefällt mir, oder zumindest nicht zu jeder Zeit – aber im Bereich des Persönlichen, das Existenzielle Betreffenden, manchmal nahe an der Schmerzgrenze, ist Danzer für mich unschlagbar. [1]

Die bittersüsssaure Ironie des Schicksals war es auch: Als Danzer den Titel “A letztes Liad” veröffentlichte, wollte der Schreiber/Sänger damit lediglich seine neueste Platte ausklingen lassen. Doch es kam anders: Das “letzte Lied” wurde sein allerletztes, finales – “i muass jetzt geh, s’tuat ma lad, es war scheh!” [2]

Heute vor fünf Jahren, am 21.6.2007, ist Georg Danzer verstorben.

Um auf den Ausgangspunkt zurückzukommen: “zum Leb’n vergess’n”, oder hat das stetige Todes-Gedenken geholfen, das Dasein bewusst auszufüllen? “Ehrlich gesagt, ich habe so viel vom Leben gekriegt, dass ich es nicht adäquat finde, mehr zu verlangen.” [3]

Ich bin dankbar, Danzer wenigstens einmal live erlebt zu haben: am 26.7.2003 im Rahmen von “Live at Sunset” im Hof des Landesmuseums Zürich (hier gibt es Fotos), als ein Drittel von Austria 3, mit seinen Spezis Wolfgang Ambros und Rainhard Fendrich. Einen anderen, wenn auch postumen Auftritt habe ich ihm verschafft: in Fussnote 8 einer Ethik-Proseminarbeit.

[1] Ich denke hier an Lieder wie “Der Tschik”, “Lass mi amoi no d’Sunn aufgeh’ segn”, “Die Freiheit”, “Stau auf da Tangenten” oder “Sie”.
[2] Aus: “A letztes Liad”, Text und Musik: Georg Danzer, Rechte: Edition Giraffe, Wien; zu finden auf dem Album “Träumer” aus dem Jahr 2006. Auch die Titelzeile dieses Eintrags ist diesem Lied entnommen:
“Amoi kommt die letzte Überfuhr,
amoi hat a jeder Trottel gnua,
amoi gengan alle Türln zua,
und ma is a klana Bua,
hat nix zum Verliern.”

Auch wenn das Album mehrere Lieder enthält, die ums Sterben, den Abschied, den Tod kreisen: Danzer wusste zur Zeit der Aufnahmen noch nichts von seiner schweren Krankheit. Das Thema “Leben” beschäftigte ihn tatsächlich einfach sehr.

[3] Zitiert aus dem (viel zu kurzen) Interviewbuch “Jetzt oder nie”, Georg Danzer im Gespräch mit Christian Seiler, Amalthea Signum Verlag, Wien 2006, S. 119.

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