Posts tagged: Landeskirche

Das Nächste: Einmal Praxisluft schnuppern

By , 17/01/2012 08:44

Wer reformierte Theologie studiert und das Ziel hat (oder sich wenigstens die Möglichkeit offen lassen möchte), nach dem Studium ein Pfarramt in der Deutschschweiz anzutreten, durchläuft eine zweigleisige Ausbildung, die sich, vereinfacht dargestellt, auf die folgende Formel bringen lässt: “Theorie an der Universität, Praxis bei der Landeskirche”. Dies ist nicht zuletzt auf die vielgeforderte (aber längst nicht realisierte) Trennung von Kirche und Staat zurückzuführen – und wohl auch im Interesse der Kirche selbst: Wenn die Verantwortung für den pfarramtlichen Nachwuchs bei ihr selbst liegt, kann sie, wenn sie es gut macht, ihre Erfahrungen direkt in das Ausbildungssystem einfliessen lassen.

Die evangelisch-reformierten Landeskirchen der Deutschschweiz, mit Ausnahme Berns, arbeiten in punkto Aus- und Weiterbildung zusammen, in der Form eines Konkordats. Das kirchlich verantwortete Praxis-Programm, das hier jeder Theologiestudent, Kolleginnen sind mitgemeint, mit Ambitionen auf ein Pfarramt durchlaufen muss, sieht folgendermassen aus:

1. Er lässt sich von einem Mentor mit Pfarramts-Erfahrung durch das Studium begleiten.

2. Er führt vier Gespräche mit der sogenannten Kommission für entwicklungsorientierte Eignungsabklärung (kurz: KEA). Diese Gespräche finden zu relativ klar festgelegten Zeitpunkten statt: zu Beginn des Studiums, vor und nach dem Praxissemester (s. Punkt 3) sowie nach dem Vikariat (s. Punkt 4).

3. Er absolviert, gewöhnlich zwischen Bachelor- und Masterstudium, das sogenannte EPS. Das Kürzel steht für Ekklesiologisch-Praktisches Semester, was im übertragenen Sinne bedeutet: “einmal Praxisluft schnuppern”. Dieses praktische Semester findet, abseits bzw. anstelle der Uni, in einer Gemeinde nach Wahl statt und beinhaltet mehrwöchige Einsätze in den vier Bereichen Kirchgemeinde, Diakonie, Wirtschaft und Schule. Dazwischen gibt es immer wieder Ausbildungselemente, zu denen sämtliche Praktikanten des Konkordats zusammengezogen werden.

4. Er absolviert nach dem universitären Master-Abschluss, d.h. als “fertiger” Theologe (ein Widerspruch in sich, ich weiss), ein Vikariat in einer Kirchgemeinde: ein Praxisjahr, das grundsätzliche sämtliche Aufgaben beinhaltet, die auf einen Pfarrer zukommen – vergleichbar mit dem Praxisjahr, das bei den Juristen Bedingung für die Zulassung zur Anwaltsprüfung ist. Auch dieser Einsatz wird durch Ausbildungskurse unterbrochen. Ist das Vikariat erfolgreich beendet, kann der Theologe ordiniert werden. Danach erfüllt er sämtliche Voraussetzungen, um sich ins Pfarramt wählen zu lassen.

Weshalb ich all dies erwähne? Nun, nachdem bei mir Punkt 1 erfüllt und Punkt 2 im Tun ist, werde ich in Bälde, im Herbstsemester 2012/13, die dritte Stufe des Pfarramt-Shuttles zünden. Die Anmeldung für das Praxissemester ist angenommen, das Vorgespräch beim Konkordat habe ich gestern hinter mich gebracht – im August geht es los. Wo, steht noch nicht fest. [1]

Selbstverständlich werde ich ab Spätsommer über meine Erfahrungen berichten.

[1] Nachtrag vom 8.2.2012: Ich habe eine sehr interessante EPS-Gemeinde gefunden. Mehr dazu, wenn es losgeht.

Die Ballade von Immernoch und Längstschon – zu Silvester/Neujahr

By , 31/12/2011 11:03

Wie schön sie doch sind, die Tage zwischen den Jahren: Das alte Jahr ist nicht mehr, das neue noch nicht. Für alles gibt es eine Stunde, sagt man – in diesen Tagen: die stille Stunde zur Entspannung im Raum zwischen dem Nichtmehr und dem Nochnicht. Zur Ruhe kommen, endlich…

Pustekuchen.

Jetzt erst finde ich doch Zeit dafür, nach dem Alltäglichen der vergangenen elfeinhalb Monate die letzten (und teilweise vorletzten) Pendenzen des alten Jahres abzuarbeiten und mich auf die ersten Wochen im neuen Jahr vorzubereiten. Das Nichtmehr des alten Jahres ist in Wirklichkeit ein lautes, forderndes Immernoch, das Nochnicht des neuen ein ebenso lautes, forderndes Längstschon.

Doppelte Arbeit also.

Und so habe ich die vorlesungs- und unterrichtsfreie Zeit zwischen Weihnachten und Silvester v.a. damit zugebracht, die über das Jahr angesammelten Kleintiere kurzzeitig über meinen Körper gewinnen zu lassen, meine Proseminararbeit zu Løgstrups Ansatz der “ethischen Forderung” doch noch fertigzustellen und, ebenfalls längst geplant, ein Arbeitszeugnis zu formulieren (immer wieder eine Herausforderung) – zugleich aber auch schon damit, den Unterricht der ersten Nachferienwoche sowie eine Hebräisch-Gesamtrepetition für die Tutoratsgruppe vorzubereiten. Jetzt steht noch ein Grossputz an. Wenn ich schon einmal dran bin…

Heute abend immerhin wird eine Pause eingeschaltet.

Ich verneige mich in grosser Dankbarkeit vor dem ausgehenden Jahr. Dieses war, soviel steht fest, das bis anhin ereignis- und lehrreichste, was mein Engagement in den Bereichen Theologie und Kirche anbelangt. Ich durfte beispielsweise feststellen, dass meine theologische Urteilskraft in den vergangenen zwei Semestern einige Fortschritte gemacht hat und ich mich mehr und mehr imstande fühle, an den Diskussionen in den universitären Veranstaltungen ernsthaft teilzunehmen. Auch denke ich sehr gerne an das religions- und bibelwissenschaftliche Seminar in Jerusalem und an das Barth-Blockseminar auf dem Leuenberg zurück, ebenso an die (erfolglose) Kandidatur für das Kirchenparlament und die (bisher erfolgreiche) Leitung der Bubiker Pfarrwahlkommission. Es ist viel gelaufen, und ich habe, es ist tatsächlich so einfach, nur gewonnen.

Zugleich schaue ich erwartungsvoll dem neuen Jahr entgegen. Was es für mich bereithalten wird? Der Uni-Stundenplan des ersten Semesters jedenfalls ist kreditpunktebedingt bereits stark reduziert, und im zweiten Halbjahr geht es in die praktische Ausbildung durch das Konkordat, was, beides, so hoffe ich, einige neue Erfahrungen und Impulse ermöglichen und bringen wird. Darauf bin ich gespannt. Wenn das neue Jahr nur halb so lehr- und abwechslungsreich wird wie das alte, bleibe ich ein glücklicher, zufriedener Mensch.

Das wünsche ich auch Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser: eine kleine Pause heute abend und, morgen beginnend, ein gutes neues Jahr mit den richtigen Herausforderungen zur rechten Zeit.

Licht und Scheffel und so

By , 02/11/2011 17:58

Die Landeskirche des Kantons Baselland will also den Wiedereintritt erleichtern. Sie tut dies mit einem vereinfachten (Wieder-)Aufnahmeverfahren, welches keine Begründung seitens des Antragstellers mehr verlangt – und macht “mit Plakaten, Inseraten, einer neuen Homepage und vielen Buchzeichen” darauf aufmerksam.

Ich bin da skeptisch. Erfolgversprechender scheint es mir, Kantonalkirchen, Kirchgemeinden und, vor allem, wir alle würden selbstbewusster auftreten und auch abseits teurer und unpersönlicher Kampagnen erzählen, wofür die Kirche steht, was sie tut und was in ihr auch und gerade für uns Laien möglich ist. Wen dies anspricht, der wird sich der Kirche auch wieder annähern wollen und die Gründe dafür vielleicht sogar stolz äussern – möglicherweise auch im Wiederaufnahmeverfahren.

“Theologie? Na und?”

By , 05/10/2011 19:49

Als ich mich Anfang 2009 entschieden hatte, nach einem ersten Studium und dreijähriger Tätigkeit in der Managementberatung an die Universität zurückzukehren und ein Zweitstudium in Theologie aufzunehmen, war ich gefasst auf kritische Anfragen aus meinem Umfeld: “Theologie? Du?!” Und vor allem: “Welche Berechtigung hat die Kirche denn heute noch?” Diese Fragen kannte ich: Es waren meine, und sie sind es, teilweise zumindest, immer noch. [1]

Wer immer in den Monaten darauf aber von meinem Entschluss erfuhr, kritisierte oder hinterfragte nicht, sondern fand – selbst nachdem ich sichergestellt hatte, dass niemand fälschlicherweise meinte, ich spräche von “Geologie” – ausschliesslich unterstützende Worte: Familie, Freunde, Bekannte, alle. Die Gründe dafür mögen unterschiedlicher Natur sein. Mit Sicherheit ging es dabei aber nicht einfach darum, mir den (möglichen) Wechsel in ein neues Tätigkeitsfeld leichter zu machen, also mir persönlich einen Gefallen zu tun, nein: Ich merkte, dass gerade auch ebendiesem Tätigkeitsfeld, der Kirche, überraschend viel Wohlwollen entgegengebracht wird. Aller Kritik zum Trotz: Die Kirche hat im Allgemeinen einen guten Ruf, auch heute noch, und ihre Arbeit wird grossenteils respektiert und mehrheitlich leise zwar, aber eben doch dankbar zur Kenntnis genommen und unterstützt. [2]

Ob berechtigt oder nicht: Auch ich als Theologiestudent, d.h. als Anfänger in der theoretischen Auseinandersetzung mit dem christlichen Glauben (und nicht als Praktiker mit Erfahrung), falle, wie meine Kolleginnen und Kollegen sicher auch, bisweilen in dieses Raster des Kirchlichen – wahrscheinlich weil der Unterschied von Theologie und Kirche in der öffentlichen Wahrnehmung klein ist oder gar nicht erst besteht. Dass dies seine schönen Seiten hat, durfte ich erst gestern wieder erfahren, als der (mir unbekannte) Sohn eines (mir unbekannten) ehemaligen Geschäftspartners meines (mir bekannten!) Vaters anfragen liess, ob ich vor seiner Ausreise in die USA wohl sein Kind taufen könne. Vier Jahre vor dem Vikariat, der einjährigen Praxiseinführung in den Pfarrberuf… etwas gar früh, leider. Aber die Anfrage hat mich doch gefreut – und mich auf einen Schlag vier, fünf Jahre weit in die mögliche Zukunft katapultiert.

[1] Keine Sorge, es kommen immer wieder neue Fragen hinzu – sonst müsste ich dieses Blog schliessen…
[2] Vielleicht sollte man also endlich, endlich aufhören, die Unterstützung der kirchlichen Anliegen mehr oder weniger ausschliesslich sonntagmorgens zu messen, wie dies viel zu viele Kirchgemeinden auch heute noch zu tun pflegen. Das Verständnis von Kirche ist so viel breiter. In diesem Sinne bin ich gespannt auf die Auseinandersetzung, die uns in punkto “Initiative zur Abschaffung der Kirchensteuer für juristische Personen” erwartet. Kirche – bist Du bereit?

O heilige Vielfalt!

By , 11/09/2011 19:05

Noch eine Woche – dann nimmt die vorlesungsfreie Zeit ein Ende. Bei mir beginnt das fünfte Semester des Theologiestudiums. Rückblickend stelle ich fest: Schneller sind zwei Jahre noch nie vorbeigegangen in meinem Leben! Es gab bisher keinen Grund für einen ungeduldigen Blick auf die Uhr: Theologie beschäftigt ganz gut. Und ich glaube, sie hält, geistig zumindest, einigermassen jung.

Der Blick in die Hörsaalreihen wird auch im neuen Semester wieder zeigen: Die Vielfalt unter den Studenten ist gross. Als ich noch Publizistik studierte, im Erststudium, musste ich feststellen, dass Sozialwissenschafter sich zwar gerne unkonventionell geben, genau darin bisweilen aber austauschbar sind; der grosse Reinhard Mey prägte hierfür den Begriff der “Nonkonformisten-Uniform”. Die Unterschiede jedenfalls, die Lebensentwürfe und Geisteshaltungen betreffen, scheinen mir unter den Theologiestudenten ein Vielfaches grösser. (Kein Grund für Selbstgerechtigkeit allerdings: Es gibt ja, Achtung: Euphemismus!, nicht nur “horizontale”, sondern auch “vertikale” Unterschiede!)

Die Vielfalt liegt sicher auch darin begründet, dass ein Grossteil der Theologiestudenten das sprichwörtliche “gerüttelt Mass” Lebens- und Berufserfahrung mitbringt: Zweitstudien und andere “Umwege” sind keine Seltenheit, so dass für manchen, der die Theologische Fakultät zum ersten Mal besucht, nicht auf den ersten Blick ersichtlich wird, wer die Bachelorarbeit noch vor sich – und wer die Habilitation längst hinter sich hat. Nicht nur, aber auch.

Diese Vielfalt gibt es auch in der theologischen Praxis, d.h. innerhalb der Pfarrschaft: kaum ein Zeitungsartikel über einen Pfarrer, in dem sich die (immer positiv gemeinte) Feststellung findet, dass das beschriebene Objekt “kein typischer Pfarrer” sei. “Der typische Pfarrer” ist ein Phantom.

Eindrücklich gezeigt hat sich mir dies ganz konkret im laufenden Jahr. Als Präsident der Pfarrwahlkommission in meiner Kirchgemeinde hatte ich, wie meine dreizehn Kolleginnen und Kollegen in der Kommission, mit zahlreichen Bewerbern zu tun. Sie alle hatten Theologie studiert – bis auf einen selbsternannten Prediger, der sich denn auch gleich zweimal mit demselben Schreiben an mich wandte -, sind ordiniert und interessierten sich für die offene Pfarrstelle am Ort. Das war es dann aber auch schon mit den Gemeinsamkeiten. (Heute hat die Kirchgemeindeversammlung unseren Wahlvorschlag gutgeheissen.)

Die “heilige Vielfalt” unter uns Theologiestudenten und Jungtheologen macht die Ausbildung der Pfarrerinnen und Pfarrer nicht einfach: Wir stehen alle an einem anderen Ort. Das Konkordat der Deutschschweizer Kantonalkirchen, welches die praktische Ausbildung, d.h. unsere Vorbereitung auf das Pfarramt, übernimmt, ist diesbezüglich sicher nicht zu beneiden. Aber mit etwas gutem Willen liessen sich sicher Modelle finden, welche die unterschiedlichen Erfahrungshorizonte von uns Studenten angemessen berücksichtigen – so viele sind wir ja nicht. Ob das Konkordat dies tut und inwiefern das Konkordat und die Zürcher Landeskirche sich für “ihre” Studenten interessieren und einsetzen – voraussichtlich im Herbstsemester 2012/13, wenn ich die landeskirchlich organisierte praktische Ausbildung aufnehme, werde ich dies erfahren.

“Gesangbücher digital”: jetzt ins Netz damit!

By , 07/09/2011 17:02

Wer, wie ich, die Gesangbuch-Standards, die Evergreens an der Oberfläche, kennt, das etwas tiefer versteckte Liedgut aber nicht, kann, falls er dies ändern möchte, aufatmen: Im Frühling 2011 erschienen die “Gesangbücher digital”. Diese enthalten, auf einer einzigen DVD, digitale Ausgaben der Gesangbücher der reformierten und der katholischen Kirchen der Schweiz (Texte, Notensätze) und ermöglichen dem Nutzer unter anderem, sich die 2000+ Lieder direkt am Computer anzuhören. Ein grossartiges Angebot eigentlich, das der Friedrich Reinhardt Verlag im Auftrag der reformierten und katholischen Landeskirchen produziert hat. Als Theologiestudent mit Verbesserungspotential im Liturgischen könnte ich so nach Lust und Laune und im eigenen Tempo das Liedgut kennenlernen, das einen ansehnlichen Teil des gar nicht so wortlastigen reformierten Gottesdiensts ausmacht.

“Könnte”? Ja. Leider – leider für mich – haben die Herausgeber den Schritt ins Digitale nicht mit letzter Konsequenz vollzogen. Für eine DVD jedenfalls, die mich an ein CD-Laufwerk bindet und die notabene nur für Windows programmiert ist, scheint mir der Preis von 350 Franken überrissen.

Nicht falsch verstehen: Es steckt grosse Arbeit hinter den “digitalen Gesangbüchern”. Dies darf und soll in die Preisbildung einfliessen. Vielleicht ist das, was einem geboten wird, das viele Geld sogar wert. Aber in dieser Form? Wären die Lieder auf einem Onlineportal abgelegt und über einen kostenpflichtigen Account abrufbar, und könnte man sich auch die Tonspuren online, also unabhängig von einem Datenträger, anhören, vielleicht sogar herunterladen – ich wäre gerne bereit, mir einen solchen Account zu leisten. Wer weiss: Vielleicht wird eine solche www-Variante bei Gelegenheit nachgereicht?

Bis dahin werde ich mich, wenn ich einen ersten Eindruck von mir unbekannten Liedern bekommen möchte, weiterhin mit den übersteuerten Amateuraufnahmen lokaler Chöre auf YouTube zufrieden geben müssen.

Wenn der Jurist den Laden schmeisst…

By , 06/09/2011 17:37

Als Leiter der Pfarrwahlkommission hier in Bubikon hatte ich jüngst im Auftrag eines kantonsfremden Bewerbers bei unserer Kantonalkirche eine Auskunft einzuholen. Es ging um eine eigentlich ganz simple Frage: “Besteht ein Anspruch auf Weiterbildung – und wo ist dieser geregelt?” Für einen Bewerber, der ausserhalb unseres Kantons tätig ist, kann dies ein durchaus relevantes Kriterium sein, denn solcherlei Angelegenheiten sind, dem mir sehr lieben Föderalismus sei Dank, von Landeskirche zu Landeskirche anders geregelt. Da ist es legitim, als Stellenbewerber die verschiedenen Bedingungen miteinander zu vergleichen. Ich war also gerne bereit, mich bei der Zentrale in Zürich zu erkundigen.

Die Anfrage ging per E-Mail an den Kirchenratsschreiber, Alfred Frühauf, der mir in sämtlichen Angelegenheiten, welche die Pfarrwahlkommission betrafen, stets hilfreich zur Seite stand. Frühauf liess mich wissen, wer seiner Meinung nach zuständig ist, und kopierte die entsprechende Person gleich in die Antwort ein. Nun lag meine Anfrage bei der Verantwortlichen für die Personaladministration Pfarrschaft, Esther Oberli. Anders als sonst, konnte mir allerdings auch diese nicht helfen: Sie verwies mich an den Leiter der Abteilung Aus- und Weiterbildung der Pfarrerinnen und Pfarrer, Thomas Schaufelberger. Dessen Antwort kam postwendend: Für rein zürcherische Belange sei er nicht zuständig – da müsse ich mich an Denise Schlatter-Hosig wenden, die in der Abteilung Personalentwicklung der Zürcher Pfarrschaft tätig ist. Also noch einmal ein E-Mail verschickt… Und tatsächlich: Schlatter-Hosig konnte meine Fragen relativ allgemein beantworten. Meine Bitte um das Reglement, das es, wie ich mittlerweile durch eigene Recherche herausgefunden hatte, geben musste, blieb jedoch unbeantwortet. Und online war die “Verordnung zur Regelung der Fortbildung von Pfarrern und Pfarrerinnen vom 24. Oktober 1984”, um die es ging, nicht verfügbar. Abschliessend helfen konnte mir schliesslich – wie so häufig in meiner Kirchenpfleger-Karriere – die Allzweckwaffe der Kantonalkirche: deren Chefjurist Dr. Martin Röhl.

Bleibt die Frage, ob es wirklich die Aufgabe von ehrenamtlich tätigen Behördenmitgliedern sein kann, bei insgesamt fünf Mitarbeitern einer personell und finanziell ganz gut ausgestatteten Zentrale anzuklopfen, bevor eine Frage befriedigend beantwortet ist. In einer Angelegenheit noch dazu, welche definitiv in die Zuständigkeit der Kantonalkirche fällt: Sie ist es nämlich, welche die Pfarrerinnen und Pfarrer anstellt – nicht die Kirchgemeinden.

In dieser Angelegenheit fühlte ich mich entfernt an das Haus, das Verrückte macht, bekannt aus “Asterix erobert Rom”, erinnert. Einen Unterschied gibt es dann aber doch: Während die beiden gallischen Bittsteller auf der Suche nach dem Passagierschein A38 einfach den Spiess umdrehen und die Angestellten der römischen Präfektur in den Wahnsinn treiben (was nicht einmal ich auf unsere Kantonalkirche applizieren wollte!), sorgt in Zürich Dr. Martin Röhl für das beruhigende Happy End – immer wieder.

Wie die kirchlichen Kursangebote ausschliessen

By , 27/05/2011 17:32

Immer wieder ist die Rede davon, dass die Kirche überaltert und “verweiblicht” sei, vor allem im Bereich der Diakonie und der Pädagogik, und dass dies Auswirkungen habe auf das Programm und entsprechend die Beteiligung von Jungen und Männern an kirchlichen Angeboten. Diese Einschätzung teile ich, und ebenso bin ich der Ansicht, dass diese Tatsache, die sich in Zukunft noch verstärken dürfte, fatal ist.

Nun kann man der jüngeren Generation und den Männern vorhalten, dass zunächst sie selbst es sind, die daran etwas ändern könnten – zurecht, denn Junge ziehen Junge an, Männer ziehen Männer an, also müssen halt “nur” ein paar Junge und ein paar Männer den Anfang machen und die Kirche so gestalten, dass sie ihnen zusagt (wobei ich mir bewusst bin, dass dies eine pauschale Aussage ist). Ebenso richtig ist es, dass weder Junge noch Männer explizit vom kirchlichen Engagement ausgeschlossen sind.

Dass sie es implizit (oder “strukturell”) sind, zeigt das neue “Kursbuch für Kirchgemeinden”, das diese Woche an Mitarbeiter und Behördenmitglieder der Zürcher Landeskirche versandt wurde. Ich habe mir einmal die Mühe gemacht, diejenigen Kursangebote herauszusuchen, welche in den weiblich dominierten Handlungsfeldern “Diakonie und Seelsorge” sowie “Bildung und Spiritualität” angeboten werden, sich explizit an Freiwillige und/oder Inhaber von Niedrigpensen richten – und tagsüber und unter der Woche stattfinden:

Diakonie und Seelsorge
Menschen mit Demenz begegnen: ein ganzer Donnerstag, 9.00-16.00
Besuchsdienst-Tagung: ein Dienstag, Montag oder Mittwoch, 9.00-16.00
Einführungsdienst für den Besuchsdienst: vier Mittwochnachmittage, 14.00-17.00
Reden, zuhören, verstehen: drei Donnerstagmorgen, 9.00-12.00
Mitgefühl als Kraftquelle: ein Dienstag, 9.00-17.00
Lebensspuren entdecken: drei Montagmorgen, 9.00-12.00
Kreatives Schreiben: drei Dienstagmorgen, 9.00-12.00
Konfliktbewältigung und Vergebung: drei Donnerstagmorgen, 9.00-12.00
Umgang mit versteckten Wünschen und Bedürfnissen: drei Mittwochnachmittage, 14.00-17.00
Fragen – schweigen – antworten: drei Donnerstagmorgen, 9.00-12.00
Abschied und Trauer: zwei Dienstage, 9.00-16.30
Für sich sorgen und für andere da sein: ein Freitag, 9.00-17.00
Die Kunst, Gespräche zu führen, die wirklich helfen: drei Mittwochnachmittage, 14.00-17.00
Spielend Lebensfreude schenken: ein Donnerstag, 9.00-17.00
Seminar für Freiwillige im sozialen Bereich (Jahreskurs): ein bis zwei Halbtage pro Woche

Bildung und Spiritualität
Ausbildung Eltern-Kind-Sing-Leiter/in: vier Freitage/Samstage, 14.15-18.45 bzw. 9.15-16.45
Frischer Wind im Liederblätterwald: ein Montagmorgen, 9.15-11.15
Geschichten erzählen mit dem Kamishibai: ein Mittwochmorgen, 8.30-11.30
Was Eltern-Kind-Singen mit der Kirchgemeinde zu tun hat: ein Mittwochmorgen, 9.15-11.15
Singen und Musizieren (Grundmodul der katechetischen Ausbildung): ein Dienstag, 8.30-16.15, und zwei Dienstagmorgen, 8.30-11.45
Feiern (dito): ein Dienstag, 8.30-16.45, und drei Dienstagmorgen, 8.30-11.45
Theologie (dito): zwei Freitage, 8.30-16.15, drei Freitagmorgen, 8.30-11.45
Entwicklungspsychologie (dito): zwei Dienstage, 8.30-16.15, und zwei Dienstagmorgen, 8.30-11.45
Pädagogik/Didaktik (dito): zwei Dienstage, 8.30-16.15, und fünf Dienstagmorgen, 8.30-11.45
Glaube in Vielfalt – kirchliches Umfeld (dito): ein Freitag, 8.30-16.15, und sechs Freitagmorgen, 8.30-11.45
Methodik (dito): vier Dienstage, 8.30-16.15, und vier Dienstagmorgen, 8.30-11.45
Eltern und Familie im rpg (dito): zwei Freitage, 8.30-16.45
Kirchenjahr (Wahlpflichtmodul der katechetischen Ausbildung): zwei Freitage, 8.30-16.15
Integrative Förderung (dito): zwei Freitage, 8.30-16.15
Symboldidaktik (dito): zwei Freitage, 8.30-16.15
Jugendgottesdienst (dito): zwei Freitage, 8.30-16.15
Theaterpädagogik (dito): zwei Freitage, 8.30-16.15
Liedrepertoire rpg (dito): zwei Freitage, 8.30-16.15
Themen in minichile und 3.-Klass-Unti (Aufbaumodule der katechetischen Ausbildung): jeweils fünf Donnerstage, 8.30-16.15
Themen in Club 5 und JuKi (dito): jeweils fünf Donnerstage, 8.30-16.15
Staunend der Schöpfung begegnen: zwei Donnerstage, 9.00-13.00
So viele Fragen stellt das Leben: ein Freitag, 15.30-19.00
Einführungsnachmittag in die Kampagne 2012 “Brot für alle/Fastenopfer”: ein Mittwochnachmittag, 14.00-17.00
Das rpg wissenschaftlich evaluiert – eine Auswertungstagung: ein Montag, 9.00-17.00
Landart und Schöpfung: ein Dienstagmorgen, 9.00-12.00 Uhr, und ein Dienstagnachmittag, 13.30-17.00

Und nun die Frage: Wie sollen Junge und Männer (die, ob man das gut findet oder nicht, häufiger berufstätig sind als Frauen) von einem solchen Kursangebot – dessen Besuch in manchen Bereichen, z.B. der Katechetik, Voraussetzung ist für ein kirchliches Engagement – profitieren? Müssen sich wirklich Berufstätige nach dem Angebot der Kirche richten? Das Gegenteil wäre richtig.

Die Kirche sollte ihr gemeindliches Ausbildungskonzept dringend überdenken. Und dies möglichst zügig: Mit der (nicht erst seit heute) zunehmenden Berufstätigkeit von Frauen bricht nämlich immer mehr auch die ehedem zuverlässige Basis kirchlichen Engagements weg. Dann ist die Kirche nicht mehr überaltert und “verweiblicht”, sondern überaltert und möglicherweise um einige seriös ausgebildete “Niedrigpensige” und Freiwillige ärmer.

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