Posts tagged: Laien

Licht und Scheffel und so

By , 02/11/2011 17:58

Die Landeskirche des Kantons Baselland will also den Wiedereintritt erleichtern. Sie tut dies mit einem vereinfachten (Wieder-)Aufnahmeverfahren, welches keine Begründung seitens des Antragstellers mehr verlangt – und macht “mit Plakaten, Inseraten, einer neuen Homepage und vielen Buchzeichen” darauf aufmerksam.

Ich bin da skeptisch. Erfolgversprechender scheint es mir, Kantonalkirchen, Kirchgemeinden und, vor allem, wir alle würden selbstbewusster auftreten und auch abseits teurer und unpersönlicher Kampagnen erzählen, wofür die Kirche steht, was sie tut und was in ihr auch und gerade für uns Laien möglich ist. Wen dies anspricht, der wird sich der Kirche auch wieder annähern wollen und die Gründe dafür vielleicht sogar stolz äussern – möglicherweise auch im Wiederaufnahmeverfahren.

Gut gemeint…

By , 02/11/2011 15:45

In der vorletzten Nummer verteidigte “reformiert”, die evangelisch-reformierte Zeitung für die deutsche und rätoromanische Schweiz, in einem Front-Kommentar wortreich eine Zürcher Oberländer Kirchgemeinde, welche durch einen schlechten Deal eine Immobilie 5.5 Millionen Franken unter Wert verkauft hat.

Gut gemeint mag es ja gewesen sein, das in Frage stehende Hotel an den langjährigen Pächter zu verkaufen, damit der Betrieb wie gehabt weiter laufen würde und die lokalen Vereine auch weiterhin den beliebten Saal nutzen könnten – so jedenfalls begründet die Kirchenpflege den Verzicht auf eine aktuelle Schätzung. Dumm nur, dass der Pächter offenbar als Strohmann fungierte und die Immobilie umgehend an einen “Immobilientycoon” weiterverkaufte… [1]

Könnte die betreffende Kirchgemeinde fahrlässig oder blauäugig gehandelt haben? Die Verteidigungsschrift in Kommentar-Form verwahrt sich gegen eine solche Sichtweise. Stattdessen sucht – und findet – der Autor die Schuld beim Endkäufer und stellt hierfür, wie ich finde: arg vereinfachend (die Überschrift besteht aus der vermutlich rhetorisch gemeinten Frage “Ethisch oder gewinnorientiert?”) und in feinstem Kirchensprech, einen Unterschied her, wo es nicht zwingend einen Unterschied gibt: Das Streben nach Gewinn ist doch nicht von Grund auf unethisch, ebenso wenig ist finanzieller Verzicht per se ethisch! [2]

Vor allem aber lenkt der Ethik-Exkurs vom Wesentlichen ab: Die Kirchgemeinde hat ja weder (nach Gewinn strebend) an den Meistbietenden verkauft noch ihr (“ethisches”) Ziel erreicht, den gewohnten Hotel- und Tagungsbetrieb zu erhalten. Nein: Sie hat ganz einfach, ohne Not und augenscheinlich mit den Scheuklappen des Weltfremden, 5.5 Millionen Franken Steuergeld in den Sand gesetzt. [3]

Gut gemeint? Wahrscheinlich. Ganz sicher schlecht gemacht. Aber dann sagen wir das doch auch so. [4]

[1] “Tycoon” ist ein, immerhin in Anführungszeichen geschriebenes, Zitat aus einem anderen “reformiert”-Artikel zum Thema.
[2] Dabei ist zu bedenken, dass der Begriff des “Ethischen” reichlich diffus ist. Für Kurzqualifikationen – wie im vorliegenden Fall – scheint er mir deshalb eher ungeeignet.
[3] Dass es nämlich durchaus geeignete Wege gegeben hätte, das hehre Ziel zu erreichen und z.B. das “Strohmann-Szenario” auszuschliessen, darüber berichtet “reformiert” in einem anderen Artikel zum Thema.
[4] Nur damit wir uns recht verstehen: Ich verspüre keinerlei Schadenfreude. Als Kirchenpfleger weiss ich, welche Verantwortung bisweilen auf uns Milizlern lastet. Mich irritiert aber, dass von kirchlicher Seite i.d.R. mit viel Verve gegen die Privatwirtschaft geschossen wird, wo immer es (tatsächliche und vermeintliche, vorsätzliche und fahrlässige) Verfehlungen gibt, dass die Kirche sich selbst gegenüber aber erstaunlich langmütig zu sein pflegt. Glaubwürdigkeit sieht anders aus.

Wenn der Jurist den Laden schmeisst…

By , 06/09/2011 17:37

Als Leiter der Pfarrwahlkommission hier in Bubikon hatte ich jüngst im Auftrag eines kantonsfremden Bewerbers bei unserer Kantonalkirche eine Auskunft einzuholen. Es ging um eine eigentlich ganz simple Frage: “Besteht ein Anspruch auf Weiterbildung – und wo ist dieser geregelt?” Für einen Bewerber, der ausserhalb unseres Kantons tätig ist, kann dies ein durchaus relevantes Kriterium sein, denn solcherlei Angelegenheiten sind, dem mir sehr lieben Föderalismus sei Dank, von Landeskirche zu Landeskirche anders geregelt. Da ist es legitim, als Stellenbewerber die verschiedenen Bedingungen miteinander zu vergleichen. Ich war also gerne bereit, mich bei der Zentrale in Zürich zu erkundigen.

Die Anfrage ging per E-Mail an den Kirchenratsschreiber, Alfred Frühauf, der mir in sämtlichen Angelegenheiten, welche die Pfarrwahlkommission betrafen, stets hilfreich zur Seite stand. Frühauf liess mich wissen, wer seiner Meinung nach zuständig ist, und kopierte die entsprechende Person gleich in die Antwort ein. Nun lag meine Anfrage bei der Verantwortlichen für die Personaladministration Pfarrschaft, Esther Oberli. Anders als sonst, konnte mir allerdings auch diese nicht helfen: Sie verwies mich an den Leiter der Abteilung Aus- und Weiterbildung der Pfarrerinnen und Pfarrer, Thomas Schaufelberger. Dessen Antwort kam postwendend: Für rein zürcherische Belange sei er nicht zuständig – da müsse ich mich an Denise Schlatter-Hosig wenden, die in der Abteilung Personalentwicklung der Zürcher Pfarrschaft tätig ist. Also noch einmal ein E-Mail verschickt… Und tatsächlich: Schlatter-Hosig konnte meine Fragen relativ allgemein beantworten. Meine Bitte um das Reglement, das es, wie ich mittlerweile durch eigene Recherche herausgefunden hatte, geben musste, blieb jedoch unbeantwortet. Und online war die “Verordnung zur Regelung der Fortbildung von Pfarrern und Pfarrerinnen vom 24. Oktober 1984”, um die es ging, nicht verfügbar. Abschliessend helfen konnte mir schliesslich – wie so häufig in meiner Kirchenpfleger-Karriere – die Allzweckwaffe der Kantonalkirche: deren Chefjurist Dr. Martin Röhl.

Bleibt die Frage, ob es wirklich die Aufgabe von ehrenamtlich tätigen Behördenmitgliedern sein kann, bei insgesamt fünf Mitarbeitern einer personell und finanziell ganz gut ausgestatteten Zentrale anzuklopfen, bevor eine Frage befriedigend beantwortet ist. In einer Angelegenheit noch dazu, welche definitiv in die Zuständigkeit der Kantonalkirche fällt: Sie ist es nämlich, welche die Pfarrerinnen und Pfarrer anstellt – nicht die Kirchgemeinden.

In dieser Angelegenheit fühlte ich mich entfernt an das Haus, das Verrückte macht, bekannt aus “Asterix erobert Rom”, erinnert. Einen Unterschied gibt es dann aber doch: Während die beiden gallischen Bittsteller auf der Suche nach dem Passagierschein A38 einfach den Spiess umdrehen und die Angestellten der römischen Präfektur in den Wahnsinn treiben (was nicht einmal ich auf unsere Kantonalkirche applizieren wollte!), sorgt in Zürich Dr. Martin Röhl für das beruhigende Happy End – immer wieder.

Wie die kirchlichen Kursangebote ausschliessen

By , 27/05/2011 17:32

Immer wieder ist die Rede davon, dass die Kirche überaltert und “verweiblicht” sei, vor allem im Bereich der Diakonie und der Pädagogik, und dass dies Auswirkungen habe auf das Programm und entsprechend die Beteiligung von Jungen und Männern an kirchlichen Angeboten. Diese Einschätzung teile ich, und ebenso bin ich der Ansicht, dass diese Tatsache, die sich in Zukunft noch verstärken dürfte, fatal ist.

Nun kann man der jüngeren Generation und den Männern vorhalten, dass zunächst sie selbst es sind, die daran etwas ändern könnten – zurecht, denn Junge ziehen Junge an, Männer ziehen Männer an, also müssen halt “nur” ein paar Junge und ein paar Männer den Anfang machen und die Kirche so gestalten, dass sie ihnen zusagt (wobei ich mir bewusst bin, dass dies eine pauschale Aussage ist). Ebenso richtig ist es, dass weder Junge noch Männer explizit vom kirchlichen Engagement ausgeschlossen sind.

Dass sie es implizit (oder “strukturell”) sind, zeigt das neue “Kursbuch für Kirchgemeinden”, das diese Woche an Mitarbeiter und Behördenmitglieder der Zürcher Landeskirche versandt wurde. Ich habe mir einmal die Mühe gemacht, diejenigen Kursangebote herauszusuchen, welche in den weiblich dominierten Handlungsfeldern “Diakonie und Seelsorge” sowie “Bildung und Spiritualität” angeboten werden, sich explizit an Freiwillige und/oder Inhaber von Niedrigpensen richten – und tagsüber und unter der Woche stattfinden:

Diakonie und Seelsorge
Menschen mit Demenz begegnen: ein ganzer Donnerstag, 9.00-16.00
Besuchsdienst-Tagung: ein Dienstag, Montag oder Mittwoch, 9.00-16.00
Einführungsdienst für den Besuchsdienst: vier Mittwochnachmittage, 14.00-17.00
Reden, zuhören, verstehen: drei Donnerstagmorgen, 9.00-12.00
Mitgefühl als Kraftquelle: ein Dienstag, 9.00-17.00
Lebensspuren entdecken: drei Montagmorgen, 9.00-12.00
Kreatives Schreiben: drei Dienstagmorgen, 9.00-12.00
Konfliktbewältigung und Vergebung: drei Donnerstagmorgen, 9.00-12.00
Umgang mit versteckten Wünschen und Bedürfnissen: drei Mittwochnachmittage, 14.00-17.00
Fragen – schweigen – antworten: drei Donnerstagmorgen, 9.00-12.00
Abschied und Trauer: zwei Dienstage, 9.00-16.30
Für sich sorgen und für andere da sein: ein Freitag, 9.00-17.00
Die Kunst, Gespräche zu führen, die wirklich helfen: drei Mittwochnachmittage, 14.00-17.00
Spielend Lebensfreude schenken: ein Donnerstag, 9.00-17.00
Seminar für Freiwillige im sozialen Bereich (Jahreskurs): ein bis zwei Halbtage pro Woche

Bildung und Spiritualität
Ausbildung Eltern-Kind-Sing-Leiter/in: vier Freitage/Samstage, 14.15-18.45 bzw. 9.15-16.45
Frischer Wind im Liederblätterwald: ein Montagmorgen, 9.15-11.15
Geschichten erzählen mit dem Kamishibai: ein Mittwochmorgen, 8.30-11.30
Was Eltern-Kind-Singen mit der Kirchgemeinde zu tun hat: ein Mittwochmorgen, 9.15-11.15
Singen und Musizieren (Grundmodul der katechetischen Ausbildung): ein Dienstag, 8.30-16.15, und zwei Dienstagmorgen, 8.30-11.45
Feiern (dito): ein Dienstag, 8.30-16.45, und drei Dienstagmorgen, 8.30-11.45
Theologie (dito): zwei Freitage, 8.30-16.15, drei Freitagmorgen, 8.30-11.45
Entwicklungspsychologie (dito): zwei Dienstage, 8.30-16.15, und zwei Dienstagmorgen, 8.30-11.45
Pädagogik/Didaktik (dito): zwei Dienstage, 8.30-16.15, und fünf Dienstagmorgen, 8.30-11.45
Glaube in Vielfalt – kirchliches Umfeld (dito): ein Freitag, 8.30-16.15, und sechs Freitagmorgen, 8.30-11.45
Methodik (dito): vier Dienstage, 8.30-16.15, und vier Dienstagmorgen, 8.30-11.45
Eltern und Familie im rpg (dito): zwei Freitage, 8.30-16.45
Kirchenjahr (Wahlpflichtmodul der katechetischen Ausbildung): zwei Freitage, 8.30-16.15
Integrative Förderung (dito): zwei Freitage, 8.30-16.15
Symboldidaktik (dito): zwei Freitage, 8.30-16.15
Jugendgottesdienst (dito): zwei Freitage, 8.30-16.15
Theaterpädagogik (dito): zwei Freitage, 8.30-16.15
Liedrepertoire rpg (dito): zwei Freitage, 8.30-16.15
Themen in minichile und 3.-Klass-Unti (Aufbaumodule der katechetischen Ausbildung): jeweils fünf Donnerstage, 8.30-16.15
Themen in Club 5 und JuKi (dito): jeweils fünf Donnerstage, 8.30-16.15
Staunend der Schöpfung begegnen: zwei Donnerstage, 9.00-13.00
So viele Fragen stellt das Leben: ein Freitag, 15.30-19.00
Einführungsnachmittag in die Kampagne 2012 “Brot für alle/Fastenopfer”: ein Mittwochnachmittag, 14.00-17.00
Das rpg wissenschaftlich evaluiert – eine Auswertungstagung: ein Montag, 9.00-17.00
Landart und Schöpfung: ein Dienstagmorgen, 9.00-12.00 Uhr, und ein Dienstagnachmittag, 13.30-17.00

Und nun die Frage: Wie sollen Junge und Männer (die, ob man das gut findet oder nicht, häufiger berufstätig sind als Frauen) von einem solchen Kursangebot – dessen Besuch in manchen Bereichen, z.B. der Katechetik, Voraussetzung ist für ein kirchliches Engagement – profitieren? Müssen sich wirklich Berufstätige nach dem Angebot der Kirche richten? Das Gegenteil wäre richtig.

Die Kirche sollte ihr gemeindliches Ausbildungskonzept dringend überdenken. Und dies möglichst zügig: Mit der (nicht erst seit heute) zunehmenden Berufstätigkeit von Frauen bricht nämlich immer mehr auch die ehedem zuverlässige Basis kirchlichen Engagements weg. Dann ist die Kirche nicht mehr überaltert und “verweiblicht”, sondern überaltert und möglicherweise um einige seriös ausgebildete “Niedrigpensige” und Freiwillige ärmer.

Panorama Theme by Themocracy