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Unsterblich blamiert – zu Ostern

By , 08/04/2012 07:30

In meinem Startsemester als Theologiestudent nahm ich an einer Dogmatik-Übung teil, in deren Rahmen ich, ein wenigwissender, aber immerhin wissensdurstiger Anfänger, in einer Schnellbleiche erste Eindrücke von den wichtigsten Glaubenslehrern der vergangenen tausend Jahre gewinnen durfte. (Ich präzisiere: es handelte sich um eine Ultraschnellbleiche.)

Da das Ende des Semesters mehr oder weniger mit Weihnachten zusammenfiel, lasen wir am letzten Termin jener Veranstaltung keine abstrakte dogmatische Abhandlung mehr – sondern eine Weihnachtspredigt eines Dogmatikers. Die Wahl fiel auf Eberhard Jüngel. Und weil bei mir einen Stein im Brett hat, wer verständlich verkündigt und Jochen Klepper zitiert, hinterliess diese Predigt einen bleibenden positiven Eindruck.

Kurz darauf besorgte ich mir, gewissermassen auf Vorrat, die siebenbändige Zusammenstellung ausgewählter Jüngel-Predigten (mehr dazu hier). Zugegeben: Komplett gelesen habe ich die Bände noch nicht – aber ich nehme sie immer wieder einmal zur Hand, wenn der Anlass es gebietet. Und heute ist, habe ich entschieden, solch ein Tag.

Was also hat der begnadete Dogmatiker und ebenso begnadete Prediger Jüngel zu Ostern zu sagen?

[… D]ie Ostergeschichte sollte in der Tat jedermann, sollte die ganze Welt zum Lachen reizen. Man kann sich mit ihr gar nicht ernsthaft, gar nicht sachgemäss befassen, ohne angesteckt zu werden von dem befreienden Lachen, zu dem Gott diese von Todeskrämpfen bedrohte Welt am Ostermorgen provoziert hat. […] Ja, selbst die Verneinung, selbst die Ablehnung der Osterbotschaft geht nicht ohne Gelächter ab. Die Situation ist nun einmal grotesk. Sie reizt zum Lachen: die einen, weil es für sie einfach lächerlich ist, dass ein Toter leben soll; die anderen, weil ihr Glaube begriffen hat, dass der Tod wenigstens für dieses eine Mal unsterblich blamiert worden ist. Und einmal unsterblich blamiert heisst für immer blamiert.

Doch merkwürdig: Das Gelächter des Unglaubens über die Ostergeschichte ist weithin zu hören. Es kichert in allen möglichen und unmöglichen Ecken der Welt. Doch vom Ostergelächter der Christen hört man wenig oder nichts. Statt dessen hört man viel Gezänk und Nörgelei rund um die frohe Nachricht von der Auferstehung Jesu Christi herum. Anstatt sich des lebendigen Herrn zu freuen, möchte man lieber beweisen, dass er wirklich nicht tot ist, möchte man das Groteske der Situation aus der Welt schaffen und gar zu gern einen Tatsachenbeweis dafür liefern, dass Jesu Leib am Ostermorgen tatsächlich nicht im Grabe lag. Man interessiert sich weit mehr für das leere Grab als für den auferstandenen Herrn und den auferweckenden Gott.

(Aus: Jüngel, Eberhard: Predigten [Band 2: Geistesgegenwart], Radius-Verlag, Stuttgart 2003, 89f. – die Osterpredigt, aus der das Zitat stammt, findet sich auf S. 88-94)

In diesem Sinne wünsche ich uns allen ein frohes Osterfest! Vergessen wir das Lachen nicht, besonders heute – wir haben allen Grund dazu.

Übrigens: Zu diesem Thema findet sich im aktuellen “reformiert” ein lesenswertes Interview mit Prof. Pierre Bühler (online hier abrufbar). Entgegen aller Vorurteile sind es offenbar ausgerechnet die Dogmatiker, die das Lachen kultivieren.

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