Posts tagged: Diakonie-Praktikum

Können…

By , 30/01/2013 13:30

Vor fast einem Jahr, sechs Monate vor Beginn des Praxissemesters, habe ich mir drei wichtige Fragen gestellt, die meine mögliche Zukunft im Pfarramt betreffen. Nun, nach den Praktika in Altersheim und Kirchgemeinde, will ich die Fragen erneut beantworten. Ich beginne heute einmal mit der ersten – die beiden anderen behandle ich in den nächsten Tagen.

Kann ich “das” einmal: Pfarrer sein? Werde ich mich zum Beispiel nach Studium und allfälligem Vikariat “kirchlich” verhalten und ausdrücken können und so von einer kirchlich-slash-religiös bestens sozialisierten Kerngemeinde akzeptiert und verstanden werden, ohne den Blick für die “kritischen Zugewandten”, den ich mir selbst noch attestiere und der mir sehr wichtig ist, zu verlieren? Kann mir dieser Spagat gelingen?

Ja, ich kann “das”, und ich glaube, mir kann dieser Spagat gelingen. Manches beherrsche ich bereits recht gut, manch Handwerkliches gilt es noch zu lernen und einzuüben – aber es scheint möglich: Ich kann es können. Im Altersheim habe ich mich sehr wohl gefühlt, führte ich zahlreiche Gespräche, wurde ich und war ich allzeit bestens involviert. Und in der Kirchgemeinde durfte ich vieles beobachten und kennenlernen, beim Unterrichten mit- bzw. aushelfen, einige Gespräche führen – und meinen ersten Gottesdienst kom-ponieren und leiten. Der beschriebene “Spagat” ist gewiss gross, aber ich habe immerhin den Eindruck, dass ich mich in meinen Praktika unterschiedlichen Menschen verständlich machen konnte. Darauf lässt sich doch aufbauen!

Als ich die obige Frage zum ersten Mal stellte, beantwortete ich sie zurückhaltend mit “vielleicht”. Jetzt bin ich überzeugt: Ich kann es – und ich werde es im Vikariat und danach noch viel besser können.

Die Fortsetzungen zum “Wollen” und zum “Müssen” folgen demnächst.

Zirkelschluss

By , 19/01/2013 09:42

Begann das kirchliche Praxissemester, mit dem Diakonie-Modul, für mich im Altersheim, so endete es am Mittwoch, jetzt im Rahmen des Kirchgemeinde-Praktikums, auch ebenda – im selben Altersheim: mit dem Leiten eines Gottesdienstes (und einigen strahlenden Gesichtern). Der Kreis hat sich geschlossen. [1]

Die nächste Woche verbringe ich noch mit den Mitpraktikantinnen und Mitpraktikanten im Kloster Kappel, zum gemeinsamen Abschluss des Semesters. Aber die eigentliche Arbeit, das Einüben des pfarramtlichen Handwerks, genauer: von Teilen davon, ist nun beendet.

Welche Fragen das Praxissemester mir beantwortet hat und welche allenfalls neu aufgeworfen wurden, werde ich in Form eines kurzen Gesamtfazits darlegen – nach der Schlusswoche. [2]

Jetzt, über das Wochenende, noch ein Referätli fertig vorbereiten…

[1] Kann sich eigentlich ein Kreis schliessen – oder entsteht ein solcher nicht überhaupt erst durch das Schliessen?
[2] Die in Fussnote 1 gestellte Frage wird dabei, soviel sei jetzt schon verraten, keine Rolle spielen.

In eigener Sache: Lokalzeitung berichtet

By , 05/10/2012 11:32

Viel habe ich schon selbst über mein Diakonie-Praktikum geschrieben. In der letzten Woche meines kurzen Einsatzes im Altersheim wurde ich darüberhinaus von der Lokalzeitung der Gemeinde, in der ich das Praxissemester absolviere, dem “Zolliker Boten”, um ein Gespräch über das Praktikum und meine Eindrücke gebeten. Das Resultat ist in der heutigen Ausgabe abgedruckt (Nr. 40, 5.10.2012). Dank freundlicher Genehmigung durch den Verlag kann ich den Text hier wiedergeben (auch als pdf verfügbar – inkl. Föteli):

“Die Menschen in ihrem Leben begleiten”

Der 32-jährige Reto Studer hat ein Ziel: Er will ein Pfarramt übernehmen. Doch bis es soweit ist, hat er noch einen langen Weg vor sich. In den vergangenen drei Wochen arbeitete er als Praktikant im Altersheim Rebwies.

Nein, wie ein Pfarrer sieht Reto Studer nicht aus – eher wie ein Pfleger. Denn anstelle eines Talars trägt er weisse Hosen und ein blaues Polo-Shirt mit der Aufschrift “Altersheim Rebwies”. Dies hat seinen Grund: Seit drei Wochen absolviert er ein Praktikum im Rahmen seines kirchlichen Praxissemesters. Reto Studer hat mittlerweile drei Jahre Theologiestudium hinter sich. Das Praxissemester liegt zwischen Bachelor- und Masterstudium und besteht aus insgesamt vier Praktika. Im Altersheim Rebwies wird Reto Studer im Bereich der Diakonie eingesetzt.

Für den jungen Mann war die Aufnahme des Theologiestudiums ein gut überlegter Schritt. Seinen ersten Studienabschluss hat Reto Studer schon länger in der Tasche. Er erwarb das Lizenziat in Medienwissenschaften und Staatsrecht. Eher per Zufall, so erzählt er, landete er daraufhin im Personalbereich. Drei Jahre lang arbeitete er im Headhunting. Und nun will er also Pfarrer werden. Weshalb dieser Schritt? “Ich beschäftigte mich schon immer mit existentiellen Fragen. Über die Zeit verstärkte sich dann der Wunsch, diesen Fragen mehr Raum zu geben und ein Theologiestudium anzuhängen.” Er habe sich aber lange überlegt, ob dies der richtige Schritt sei. Denn er wollte kein Risiko eingehen – und kannte auch die Klischees über die Theologie: “Wie viele andere hatte ich das Vorurteil, Theologen führten ein etwas vergeistigtes Leben.” Deshalb entschloss er sich, zunächst während eines Jahres berufsbegleitend Hebräisch zu lernen. “In jenem Jahr wollte ich auch herausfinden, was für Menschen an der Theologischen Fakultät ein- und ausgehen. Und ich war positiv überrascht”, erinnert er sich an den Beginn der Ausbildung. Viele der Studierenden wählten Theologie als Zweitausbildung, das habe er nicht erwartet. Fasziniert sei er auch vom breiten Spektrum der Studierenden. “Von der Hausfrau über Pensionierte, die nur einige Fächer belegen, bis zu den Studierenden, die direkt vom Gymnasium kommen, sind alle vertreten. So kommt es immer wieder zu guten und spannenden Diskussionen. Ich glaube, diese Offenheit traut man Theologiestudenten nicht immer zu.” Nach dem “Probejahr” war er überzeugt, dass das Theologiestudium das Richtige für ihn sei.

Eine sehr spannende Aufgabe

Drei Wochen lang arbeitete Reto Studer nun im Altersheim Rebwies. Neben seinen seelsorgerlichen Aufgaben war er auch bei der Essensausgabe dabei, er half in der Cafeteria und in der Spätschicht, oder sang mit den Pensionären. Während all dieser Arbeiten suchte er immer wieder das Gespräch mit den Bewohnern, die teilweise aber auch von sich aus auf ihn zugekommen seien. Berührungsängste habe es auf beiden Seiten nicht gegeben, sein Status als “angehender Pfarrer” habe, nicht nur im übertragenen Sinn, viele Türen geöffnet: Mehrere Senioren habe er auch, aus Eigeninitiative oder auf Anraten der Pflegerinnen oder der Altersheimleitung, in ihren Zimmern besucht, um dort ausführlichere Gespräche mit ihnen zu führen – über Gott und die Welt. Oder auch einfach, um etwas mit ihnen zu unternehmen. Er erzählt vom Ausflug mit einer Pensionärin: “Ich spazierte mit der Dame an einen Ort, an dem sie früher, als junge Frau, oft war. Sie erzählte mir, dass dieser Ort für sie der Inbegriff von Heimat sei. Ohne meine Begleitung wäre sie nicht dorthin zurückgekehrt. Noch Tage danach war sie mir dafür einfach nur dankbar.” Oder da war das Gespräch mit dem Herrn, der im einen Moment mit Tränen in den Augen von seiner verstorbenen Frau erzählte und gleich danach lachend davon, dass er im Altersheim der Hahn im Korb sei. Solche Erfahrungen und Gespräche seien sehr berührend.

Wäre er als junger angehender Pfarrer eigentlich nicht bei den Jugendlichen besser aufgehoben? Reto Studer lacht und meint: “Ich unterrichte zwar im Nebenjob auf der Sekundarstufe – aber gerade nach meinen eindrücklichen Erfahrungen im Altersheim sehe ich mich durchaus auch bei den älteren Menschen. Für mich ist letztlich die Mischung spannend.”

Ein Pfarramt übernehmen

Die drei Wochen im Altersheim Rebwies sind seit Mittwoch vorbei. Im Dezember und Januar wird Reto Studer an Seite der Zolliker Pfarrerin Anne-Käthi Rüegg-Schweizer die vier zentralen Handlungsfelder des Pfarrberufs kennen lernen – auch das ein Teil des Praxissemesters. Er wird in diesen acht Wochen die Pfarrerin begleiten, Gottesdienste und den Unterricht mitgestalten, die Seelsorge und den Gemeindeaufbau kennenlernen. Dann geht es zurück an die Uni, wo ihn das Masterstudium erwartet.

Nach dem Studienabschluss wird Reto Studer das einjährige Lernvikariat absolvieren, bevor er ordiniert werden kann und als Pfarrer wählbar ist. Kommt er für das Vikariat zurück nach Zollikon? “Nein, das ist nicht erlaubt. Ich darf für das Vikariat nicht an denselben Ort, an dem ich das Praxissemester verbracht habe.” Einerseits sei das schade, weil er in Zollikon sehr gut aufgenommen worden sei, anderseits sei es aber auch gut so: “Jetzt bin ich Praktikant. Wenn ich später hierher zurückkäme, wäre ich Vikar. Das sind zwei verschiedene Rollen, die nicht vermischt werden sollten. Ausserdem sollen wir in der Ausbildung verschiedene Kirchgemeinden kennenzulernen.” Eines ist für Reto Studer sicher: “Ich strebe ein Pfarramt mit möglichst vielfältigen Aufgaben an. Ich möchte die Menschen in ihrem Leben begleiten und dabei alle Aspekte pfarramtlicher Tätigkeit abdecken.”

(Erschienen in: “Zolliker Bote”, Nr. 40, 5.10.2012, S. 9; Autorin: Sabine Linder-Binswanger)

Wir sind so frei

By , 21/09/2012 06:22

Die Mitarbeiter des Altersheims, selbst dessen Leiter, beneiden mich, und mit mir sämtliche Pfarrerinnen und Pfarrer, um die Freiheit, mit der ich Gespräche führen kann: “Man merkt halt, dass Sie nur einen Chef haben – und der ist weit oben!”

Bei allen (irdischen) Zwängeleien der sichtbaren Kirche: Ein bitzeli stimmt es schon. Nicht?

Nichts Besonderes

By , 18/09/2012 19:24

Seit meinem ersten Erfahrungsbericht aus dem Altersheim sind bereits drei Einsatztage vergangen. Zeit für eine Fortsetzung, finde ich.

Ich wurde und werde weiterhin sehr vielseitig eingesetzt: Mithilfe beim Frühstücks- und Mittagessenservice. Spätdienst. Kirchenbesuch. Weitere freie Gespräche mit Seniorinnen und Senioren. (Und Anderes.)

Mithilfe beim Frühstücks- und Mittagessenservice: War ich zu Beginn, was die Essensausgabe anbelangt, in der Pflegeabteilung tätig, bekomme ich nun einen Einblick in den Mikrokosmos eines regulären Altersheim-Speisesaals. Aber was heisst schon “regulär”? Da gibt es vieles zu beachten: Verschiedenfarbige Clips an den Tischsets zeigen an, wer Diabetiker oder Schonkost-Esser ist, und mit kleinen Plastiktäfelchen auf dem Tisch können die Dam- und Herrschaften täglich neu signalisieren, ob sie vegetarisch essen möchten und/oder zusätzlich einen Salat wünschen. Da bin ich (auch wegen mangelnder Balancierfähigkeit) dankbar, dass die Hauptspeise von den Profis serviert wird und ich mich nach dem Decken der Tische bei der Schöpfstation aufhalten kann! Dort dekoriert der Praktikant die Speisen mit Gemüsewürfelchen oder einem Tomatenschnitz und führt auch die Schöpf-Endkontrolle durch: Saucenflecke am Tellerrand und dergleichen sind ein No-Go und werden mit einem Tupfer abgewischt – denn auch im Alter isst das Auge mit! Zweimal helfe ich beim Schöpfen des Mittagessens, und beide Male wird mir die Ehre einer schönen Zusatzaufgabe zuteil: Ich darf das Dessert servieren – und mache mich damit sehr beliebt bei den Pensionären. – Der Frühstücksdienst ist weniger aufwendig, und so nutze ich die freie Zeit, die es dort immer wieder gibt, um von Tisch zu Tisch zu gehen, wie ein Beizer durch sein Stübli, und mich den Bewohnerinnen und Bewohnern, mit denen ich noch nicht gesprochen habe, kurz vorzustellen. Meist ergibt sich daraus ein lockerer Austausch – und schon kenne ich gut die Hälfte der Bewohner mit Namen. [1]

Spätdienst, inkl. Hilfe in der Pflege: An dem Wochentag, an dem ich morgens unterrichte, arbeite ich im Spätdienst, der erst um 15 Uhr beginnt (und um 22 Uhr endet). Zunächst Unterstützung in der Cafeteria, wo ich sogleich von zwei Damen an den Tisch gerufen werde: Sie finden, dass ich hinter der Theke einen dermassen kompetenten Eindruck mache, dass ich sicher für höhere Weihen bestimmt sei. Ob ich hier ein Praktikum mache? Zu welchem Zweck? [2] Und schon reden wir über den Hintergrund meiner Anwesenheit, die Freiwilligenarbeit der einen Seniorin und den beruflichen Werdegang der anderen. Noch spannender wird es nach der Betreuung der Pflegebedürftigen beim Abendessen: Als mich ein Pfleger nach dem Essen bittet, eine Dame im Rollstuhl in ihr Zimmer zu chauffieren, tue ich das gerne. Damit wäre meine Aufgabe an sich erfüllt. Aber wenn ich um Hilfe gebeten werde… Jedenfalls assistiere ich gleich noch ein wenig weiter: Ich helfe der Dame, wie von ihr gewünscht, auf die Toilette und setze sie anschliessend auf das “Böckli” des Rollators, wo sie sich in Ruhe die Zähne putzen kann – und auch die Brücke, die sie unvermittelt in der Hand hält. Helfe ihr in den Morgenmantel, nehme ihr Hörgerät entgegen und lege es auf den Nachttisch, begleite sie zu ihrem Ohrensessel, schalte das Fernsehgerät ein, reiche ihr Fernbedienung und Kopfhörer und mache mich, als sie es sich bequem gemacht hat, auf den Weg zurück ins Bad, um die beiden Zahnbürsten (eine für die zweiten, eine für die dritten Zähne) auszuspülen und zu guter Letzt das Licht zu löschen. Dabei plaudern wir die ganze Zeit. Als meine Arbeit getan ist, wünsche ich ihr einen schönen Abend, und sie, die bis dahin ein recht harter Brocken zu sein schien, verabschiedet mich beinahe überschwänglich. Zufrieden mit mir selbst und mit leicht geschwellter Brust mache ich mich auf den Weg zurück zur Pflegestation – und schäme mich gleichzeitig dafür: Was ich tat, ist ja nur eine Light-Version dessen, was eine Pflegerin, ein Pfleger tagtäglich x-fach leistet! Als die Schichtverantwortliche am Ende unseres Einsatzes die Übergabe an die Nachtwache macht, heisst es zu “meiner” Seniorin dann tatsächlich: “Nichts Besonderes zu vermelden”.

Kirchenbesuch: Unter der Woche finden zwar, wie im ersten Bericht geschrieben, ein Gottesdienst sowie eine Andacht im Altersheim statt – die Rüstigen unter den Bewohnerinnen und Bewohnern haben aber zusätzlich die Möglichkeit, sonntags den Fahrdienst in den regulären Gottesdienst der Kirchgemeinde in Anspruch zu nehmen. Dieses Mal, am Dank-, Buss- und Bettag, sind es mehr als üblich: Weil ich bei meinen Frühstücks-Gesprächen kurz auf das (fakultative) Tagesprogramm eingegangen bin, beschliessen zwei Personen spontan, sich dem “harten Kern” anzuschliessen. Deswegen muss der Chauffeur zweimal fahren – und ich lerne, wie man Rollatoren am Besten in den Kofferraum bekommt.. [3]

Weitere Gespräche: Durch eigene Beobachtung, vor allem aber durch Hinweise aufmerksamer Mitarbeiter werde ich immer wieder auf Seniorinnen und Senioren aufmerksam, die für ein persönlicheres Gespräch mit dem “angehenden Pfarrer” (oder mit irgendjemandem, der ich ja auch bin) empfänglich sein könnten. Schon nach kurzer Zeit hat sich hier eine schöne Zusammenarbeit zwischen der Pflegeabteilung und mir entwickelt: Wenn die Pfleger bei ihrer Arbeit feststellen, dass jemandem etwas auf dem Herzen liegt, bieten sie ihm bzw. ihr an, mich vorbeizuschicken. Besteht Interesse daran, werde ich, meistens während des Pflegerapports, teilweise auch beim Vorbeigehen, informiert. Ich lasse mich dann über die Art des Problems aufklären und versuche, etwas über den Hintergrund – Beruf, Interessen, Familie – der Betreffenden in Erfahrung zu bringen, damit ich einen guten Einstieg finde. Bisher haben sich immer sehr schöne und lebhafte Gespräche ergeben – und konnte ich die Menschen fröhlicher zurücklassen, als ich sie angetroffen habe. Gibt es etwas Schöneres? [4]

[1] Ich hätte nicht gedacht, dass mir dieses Ansprechen und Plaudern so leicht fällt. Ist aber überhaupt kein Problem – man muss es halt nur wollen! (Und so nette Gesprächspartner haben wie ich.)
[2] Die Argumentation der beiden hat mich überrascht: Sonst heisst es doch immer, Studenten und Akademiker hätten, wenn es ums Machen geht, zwei linke Hände!
[3] Eine Dame, die aus gesundheitlichen Gründen nicht mitkommen kann, zieht sich immerhin besonders schick an: “Es ist ja ein Feiertag. Da soll man gut aussehen!” Beim Frühstückservice sichte ich auch zahlreiche Krawatten.
[4] Über die Nachhaltigkeit dieser Besuche lässt sich bestimmt streiten. Es wäre vermessen zu behaupten (oder zu fordern), dass sie eine bleibende Wirkung hinterlassen. Diesen Druck würde ich mir in meiner Praktikantenfunktion auch nicht auferlegen wollen. Wenn ein Mensch durch meine Anwesenheit wenigstens für eine kurze Zeit seine Sorgen und Nöte vergessen kann, habe ich mein Ziel erreicht.

Wasser allein reicht nicht

By , 13/09/2012 19:38

Natürlich ist es zu früh, nach gerade einmal zwei Tagen “im Altersheim” ein Zwischenfazit meines Diakonie-Einsatzes zu ziehen. Meine ersten Eindrücke möchte ich aber schon loswerden. Für einmal schreibe ich hier recht unstrukturiert – was die Flut an Eindrücken und meine Gedankenlage aber bestens abbildet.

Was ich bereits erlebt habe: Gedächtnistraining. Essensausgabe in der Pflegeabteilung. Gemeinsames Singen. Pflegerapport. Cafeteria. Gottesdienst. Freie Gespräche mit Seniorinnen und Senioren – und, zwischendurch, immer wieder auch mit Mitarbeitern.

Gedächtnistraining: Ein knappes Dutzend Bewohnerinnen und 1 Bewohner des Altersheims (und der Herr Praktikant, a.k.a. ich) malen in Gedanken ein Bild, Thema: “Im Park”, indem jede und jeder einer imaginären weissen Leinwand etwas hinzufügt, und stellen uns vor, welche Geräusche in der dargestellten Szene zu hören sein könnten. Und vieles mehr. Rührend, wie herzallerliebst mich der Teilnehmerkreis aufnimmt und involviert: ein junger Mann! Mit blauen Augen! Und dann wird er auch noch Pfarrer! Kein Wunder, geht die Stunde aus meiner Sicht viel zu schnell vorbei.

Essensausgabe in der Pflegeabteilung: Je kleiner der Aktionsradius der Pflegebedürftigen, desto wichtiger das Essen. Deshalb werden Spezialwünsche so gut wie möglich erfüllt. Dass dann beim Frühstück ein Bütterli zu hart “ist” oder beim Mittagessen ein Trinkglas zu voll oder zu wenig gefüllt, kann von manchen Betroffenen als fast existenzielles Problem beklagt werden. Aber die Pflegerinnen nehmen das dermassen cool… Und dann gibt es ja auch die Anderen, die Sonnenscheine!

Gemeinsames Singen: Wenn der üblicherweise gebuchte Raum nicht verfügbar ist, fällt das wöchentliche Singen natürlich nicht aus – sondern es findet im Eingangsbereich des Altersheims statt. Mehr als zwanzig Teilnehmer sind es an dem Nachmittag, an dem auch ich dabei bin. Ich verteile die Textblätter, unterstütze aber auch, so gut es geht, die beiden Herren in der Runde (der ehemalige Chorsänger, mit dem ich kurz vor unserem Einsatz ins Gespräch komme, singt mich allerdings an die Wand). Es berührt mich, in die Gesichter der älteren Dam- und Herrschaften zu schauen, die inbrünstig ihre alten Lieder singen: die “Capri-Fischer”, “Heidschi Bumbeidschi” und – “Freut Euch des Lebens, weil noch das Lämpchen glüht; pflücket die Rose, eh’ sie verblüht!” Der Praktikant hat verstanden (und vor Rührung ein Tränli in den Augen).

Pflegerapport: Dreimal in diesen ersten zwei Tagen bin ich wie selbstverständlich dabei, wenn die Pflegerinnen und Pfleger ihre Dienste vor- und nachbesprechen. Eine ernste und zugleich fröhliche Runde. Es geht nicht lange, und ich, als angehender Pfarrer nicht nur geduldet, sondern respektiert, fasse den ersten Auftrag: Ich soll eine pflegebedürftige Dame ein wenig aufmuntern und auch ihre Lebensgeschichte und ihre Wünsche in Erfahrung bringen (was, als Teil der Gesamtbetrachtung, für die Betreuung wichtig ist); den Pflegerinnen gegenüber sei sie sehr verschlossen. Auch mit mir will sie allerdings, wie sich zeigen wird, nicht sprechen.

Cafeteria: Der richtige Ort zum Socializen, für Senioren, aber auch für mich. Mehr als etwa eine halbe Stunde konnte ich dort vorerst allerdings nicht Kaffee ausgeben – es gibt sooo viel Anderes zu tun!

Gottesdienst: Meine Praktikumsleiterin, Pfarrerin in “meiner” Herbergsgemeinde, leitet einen halbstündigen Gottesdienst im Erdgeschoss, an dem rund ein Dutzend Bewohnerinnen und Bewohner teilnimmt. Gleich anschliessend eine Kurzversion davon als Andacht in der Pflegeabteilung. Ich verteile Gesangbücher bzw. das Liedblatt – und bin beeindruckt davon, wie es der Pfarrerin gelingt, die kleine Gemeinde anzusprechen. Die Gratwanderung zwischen guter Verständlichkeit und Schlichtheit, zwischen theologischem Fundament und Theologisieren glückt. Mir steht sie noch bevor; ich sehe aber, dass ich hierzu die richtige Bergführerin habe.

Freie Gespräche: Nebst den geplanten Einsätzen in fast allen Bereichen des Altersheims habe ich immer wieder Zeit – mal eine Stunde zwischendurch, mal einen halben Tag am Stück –, mit den Bewohnern wie auch mit den Angestellten ins Gespräch zu kommen. Das ist es auch, was ich als eines meiner Hauptziele in dieser Zeit im Altersheim definiert habe; es lässt sich bestens umsetzen. Die Altersheimleitung wie auch die Pflegerinnen und Pfleger geben gerne Auskunft über ihre Arbeit, Motivationen, Abgrenzungsstrategien, und auch die Seniorinnen und Senioren sind mir zum ganz grossen Teil wohlgesinnt. Bereits habe ich die erste Intensivunterhaltung hinter mir: Am ersten Tag meines Einsatzes spreche ich eine Dame, die im Flur auf dem Hometrainer strampelt, etwas scherzhaft an (“Sie sind aber eine Tapfere!”), und schon sprechen wir eine halbe Stunde über sie und mich, das Leben, die Krankheit ihres verstorbenes Ehemannes, den Tod – und die Hoffnung, die immer bleibt. Ich, der Pfarrerlehrling, geniesse offensichtlich rasch ihr Vertrauen. Wissend, dass das Gespräch noch nicht zu Ende ist, aber bereits weiter verplant, biete ich ihr an, sie am darauffolgenden Tag zu besuchen – sie willigt freudig ein, ist dann aber doch ein wenig überrascht, als ich tatsächlich auftauche. Sie macht sich zu jenem Zeitpunkt gerade Gedanken zur Speisesaal-Fehde mit einer Tischnachbarin. Was sie denn tun solle? Wir überlegen uns verschiedene Szenarien, landen dann aber doch wieder bei den grossen Fragen. Und so wird das kein Seelsorgegespräch “aus dem Lehrbuch”, denn dafür dauerte es viel zu lang: drei Stunden! [1] Aber die Frau erzählt so viel und so gerührt und rührend aus ihrem Leben, dass ich sie gar nicht unterbrechen will. Und bei all den Erinnerungen an ihren über alles geliebten Mann und an die Mutter, die so gar nicht mütterlich gewesen sei (und der sie gerne am Himmelstor, so es ein solches gebe, die Meinung sagen würde) merkt sie, dass die kleine Altersheim-Fehde ganz und gar nichtig ist. “Kennen Sie die Redewendung, dass man nicht ins Bett gehen soll, bevor Zwist und Streit beigelegt sind?”, frage ich sie. [2] Da strahlt sie über das ganze Gesicht und meint, das habe ihr Mann auch immer gesagt. Sie will jetzt das Gespräch mit ihrer Tischnachbarin suchen. Auf dem Rückweg in die Pflegeabteilung, kurz vor dem Abendessen (und meinem Dienstschluss), sehe ich gerade noch den oben erwähnten “Chorsänger” im Treppenhaus, grüsse ihn mit Namen und wünsche ihm einen guten Appetit; er erwidert den Gruss fröhlich, kennt auch meinen Namen noch – wir verabreden uns auf Freitag oder Sonntag zu einem Gespräch. [3]

Heute hatte ich “frei”: Der Nebenjob in der Schule läuft während des kirchlichen Praktikums weiter. Morgen nachmittag aber beginnt ein weiterer Dienst – und ich freue mich. Sehr.

[1] Zuhause habe ich dann an meiner Professionalität gezweifelt: Ist es in Ordnung, in semi-offizieller Mission ein derart langes Gespräch zu führen? Vielleicht nicht. Anderseits bin ich auch nicht ein Pfleger, der nur kurz vorbeischauen kann und dann zur nächsten Person weitereilen muss, oder ein Pfarrer, der einen solchen Besuch möglicherweise zwischen eine Spurgruppen-Sitzung und einen Abend mit den Konfirmanden hineinzuquetschen hat – ich habe viel Zeit!
[2] Frei nach der Lebenshilfe in Eph 26,4: “Die Sonne gehe nicht unter über eurem Zorn.”
[3] Ich bin dankbar, wenn ich meine Gesprächs- und Seelsorgekompetenzen im Zusammensein mit Menschen “ausprobieren” kann, die mir gerne die Tür öffnen. Und wer sagt denn, dass das einfach “leichte” Gespräche sind?

Das Wasser reichen

By , 11/09/2012 06:58

Nach der Einführungswoche im Süden steige ich heute in die Praktikums-Praxis ein. Das erste Modul deckt den Bereich der Diakonie ab. Oder – um meinen Philodendron ix-ypsilon-zett-ensis noch einmal für ein Bild zu bemühen:

Diakonie

Mir stehen drei Wochen in einem Altersheim meiner Praktikumsgemeinde bevor. Der Einsatzplan, von der Heimleitung für mich liebevoll zusammengestellt, ist so abwechslungsreich wie nur möglich. Ich bin nun gespannt auf die Umsetzung und die Erfahrungen, die mich dabei erwarten – und werde, wenn es sich ergibt und die Vertraulichkeit gewährleistet ist, selbstverständlich ein wenig aus dem Nähkästchen plaudern.

Praxis à discrétion

By , 03/09/2012 06:08

Lange habe ich davon gesprochen, jetzt ist es soweit:

Reto klein
geht allein
in die Praxiswelt hinein…

Wobei – ganz allein werde ich nicht sein: Ich bin nach den Vorgesprächen mit meiner Praktikumsleiterin, dem Pfarrteam, dem Kirchenpflegepräsidenten, einer Mitarbeiterin überzeugt, dass ich in “meiner” Gemeinde ganz gut aufgehoben sein werde. [1]

Mein Praxissemester ist verkürzt: Von den Modulen “Wirtschaft” und “Schule” bin ich wegen entsprechender Berufserfahrung dispensiert. Deshalb beginne ich zwar, wie meine Kollegen-slash-innen, in der “Diakonie” (bei mir: drei Septemberwochen in einem Altersheim), mache dann aber zwei Monate Praktikums-Pause. In den Monaten Dezember und Januar bin ich dann in der “eigentlichen” Kirchgemeinde unterwegs.

Auf die neuen Eindrücke bin ich sehr gespannt. In der Mitte des Studiums und nach ein paar Jahren in der Kirchenpflege der Wohngemeinde die Fühler einmal in andere Richtungen, in eine andere Kirchgemeinde ausstrecken – oder, um ein anderes Bild zu verwenden – …

Umtopfen

…dem zu klein werdenden Topf zu entfliehen und die Wurzeln in frische Erde graben zu können, wird mir guttun. Ich will ja noch wachsen!

Und so steht, kurz vor der Abreise in die Praktikanten-Startwoche im Tessin, der Koffer nun bereit. [2] Für einmal ist er aber nicht mit Büchern gefüllt, sondern nur mit Kleidern und wenigen Unterlagen – und ein paar Erwartungen, an diese Zeit und an mich, sind auch dabei.

Ich freue mich!

Hinweis für alle, mit denen ich im Praxissemester zu tun haben darf (auch wenn es selbstverständlich ist): Es muss sich niemand, sei es in der Kirchgemeinde, im Altersheim, unter den Mitpraktikanten, sorgen, dass ich in diesem Blog Vertrauliches ausplaudere oder sonstwie Heikles schreiben könnte. Natürlich lässt sich das Praxissemester in meinen Texten nicht aussparen – ich werde aber in einem allgemeinen Sinne von meinen Erfahrungen schreiben (wie ich dies z.B. auch als Kirchenpfleger tue). Und im Zweifelsfall bitte ich die betreffenden Personen um ihr Einverständnis. Ich will doch die Erde, in die ich meine Wurzeln schlagen darf, nicht übersäuern!

[1] “Meine Gemeinde” deshalb, weil ich, wie vorgesehen, meine Praktika in ein und derselben Gastgeber-Gemeinde absolviere.
[2] Für mich wird das eine Rückkehr: Ich verbrachte mit meiner Gymi-Klasse (lange ist es her!) nämlich schon die sogenannte “Wirtschafts-Woche” in Magliaso. Darüber würde ich aber nicht öffentlich berichten…

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