Rau und “Kaisers” – zum (neuen) Freiwilligenjahr

By , 04/12/2011 14:36

Als die deutsche Fussballnationalmannschaft vor einundzwanzig Jahren, 1990, im WM-Halbfinal gegen England antreten musste, war für mich, einen naiven, ziemlich vorurteilslosen, gerade zehn Jahre alt gewordenen Freizeitkicker, der Fall klar: “Man” unterstützt seinen Nachbarn! Dies war der Beginn meines grossen Interesses für den Fussball des “grossen Bruders” – das später auf andere Bereiche, insbesondere auf mein Politikinteresse und meinen Musikgeschmack, abfärbte. [1]

Meine Faszination für das Tun und Lassen Deutschlands gestern und heute ist also seit fast jeher gross und hat bis heute nicht nachgelassen. Entsprechend viele Bücher über die deutsche Nachkriegsgeschichte haben mich vor einem Monat auch in die neue Wohnung begleitet. Zum Beispiel das, zugegeben, unverfängliche Interviewbuch “Weil der Mensch ein Mensch ist… – Johannes Rau im Gespräch mit Evelyn Roll”, erschienen 2004, in dem der damals gerade erst abgetretene achte deutsche Bundespräsident (1999-2004) entspannt und bisweilen herrlich anekdotisch Bilanz zog über sein Leben in und ausserhalb der Politik. Diese Woche ist es mir wieder in die Hände gefallen. Eine kleine, feine Geschichte daraus:

Roll: Wer Ihnen persönlich schreibt, hat Chancen, auch eine persönliche Antwort zu bekommen?

Rau: Ja.

Roll: Sie haben erzählt, dass Ihr Vater Ihnen einmal eine Autogrammkarte vom Papst geschickt hat. Als Junge schon sollen Sie ausserdem mit Kaiser Wilhelm korrespondiert haben…

Rau: Ja, aber da habe ich nicht vom Kaiser, sondern von der Kaiserin Hermine Antwort bekommen. (…) Nach zwei, vielleicht drei Monaten kam ein Brief, der mir unvergesslich ist. Einmal, weil es der erste Freistempler war, den ich sah, der erste Brief, der keine Briefmarke hatte. Und dann, weil in dem Brief ein Bild des Kaisers mit seiner Unterschrift war. Auf der Rückseite dieses Bilders stand in einer mir unvergesslichen Schreibmaschinenschrift: Lieber Johannes, Seine Majestät hat sich über Deinen Brief vom Soundsovielten sehr gefreut und hofft, dass Du Deine Schularbeiten stets zur vollsten Zufriedenheit Deiner Eltern anfertigst. – Und dann noch ein paar Sätze, mit freundlichen Grüssen Hermine. Die Unterschrift sehe ich noch vor mir. Und das hat mich so geärgert, dass auch diesen Kaisers nichts anderes einfiel im ersten Satz als meine Schularbeiten.”

(Aus: Rau, Johannes/Roll, Evelyn: Weil der Mensch ein Mensch ist…, Rowohlt, Berlin 2004, S. 134f.)

Der vielbeschäftigte Homo Politicus und Privatmann Johannes Rau, übrigens zweifacher Ehrendoktor der Theologie, zog seine Lehren daraus – und machte es besser. Dies durfte ich selbst erfahren: Nachdem ich ihm Ende Juni 2004 einen Brief zu seinem Ausscheiden aus dem Amt des Bundespräsidenten geschrieben und darin, eher beiläufig, angetönt hatte, dass ich mich in Zukunft gerne ehrenamtlich engagieren werde, vielleicht in der Politik, vielleicht ausserhalb, kam seine, erstaunlich persönlich gehaltene, Antwort im wahrsten Sinne postwendend (der Stempel nennt als Aufgabedatum den 11.8.2004): ein freudiger Dank und ein paar motivierende Worte in punkto Freiwilligenarbeit – tatsächlich und erfreulicherweise ganz ohne paternalistische Hinweise zu Proseminararbeiten und dergleichen… Ich halte den Brief in Ehren.

Und damit sind wir, endlich, beim Thema: In vier Wochen, Ende dieses Monats, geht das Europäische Freiwilligenjahr 2011, das durchwegs eine schöne Geste ist, zu Ende. Gleichzeitig beginnt einen Tag darauf, nahtlos anschliessend, ein weiteres Jahr, in dem wir, als Individuen, Staat, Gesellschaft, ganz besonders als kirchliche Gemeinwesen, ohne Freiwilligenarbeit einpacken könnten. [2] Deshalb gilt in Wahrheit: “Freiwilligenjahr”? Ist immer – auch 2012.

Ich wünsche allen, die sich ehrenamtlich und mit viel Engagement für eine ihnen wichtige Sache einsetzen, häufig im Verborgenen, aber nicht minder effektiv, auch in Zukunft viel Freude, gutes Gelingen – und, offizielles Lobesjahr hin oder her, immer wieder einmal ein kleines Zeichen des Dankes.

Einen frohen zweiten Advent!

[1] Dass “man” als Schweizer eher keine Sympathien für Deutschland hegt, erfuhr ich spätestens zwei Jahre später, 1992, durch die lautstarke Schadenfreude derer, die sich über die EM-Finalniederlage Deutschlands gegen Dänemark mokierten. Dieses 0:2 war offenbar nur für mich ein (zwischenzeitlicher) Weltuntergang.
[2] Wobei uns nicht einmal beim Einpacken geholfen würde!

So fern, so nah – zum Adventsbeginn

By , 27/11/2011 00:05

Am vergangenen Montag strahlte die ARD eine herausragende Fernseh-Dokumentation aus: “So nah am Tod – Afghanistan im zehnten Kriegsjahr”, realisiert von Ashwin Raman. Der Film hat mich tief beeindruckt. Auf Polemik und Wertungen verzichtend, beschränkt er sich darauf, Fragen aufzuwerfen – Fragen, die er, was selten geworden ist: den Zuschauer, mich, ernst nehmend, nicht beantwortet. Das ist brutal und verstörend und liess mich um 23.30 Uhr nicht mehr so leicht in den Schlaf sinken. Recht so.

Sehr zu empfehlen ist in diesem Zusammenhang das Buch “Feldpost – Briefe deutscher Soldaten aus Afghanistan”. Gegen den Widerstand der Bundeswehr-Führung hat die “Süddeutsche Zeitung” es im vergangenen Jahr gewagt, in einer Ausgabe ihres wochenendlichen “SZ-Magazins” Briefe, E-Mails und SMS in Afghanistan stationierter Bundeswehr-Angehöriger abzudrucken; das Buch, 2011 erschienen, ist eine Zusammenstellung dieser weitgehend trivialen und gerade deshalb urmenschlichen Texte. Auch hier bleibt die Einordnung dem Einzelnen überlassen. Die Herausgeber klammern die Frage nach dem politischen Sinn des Militäreinsatzes explizit aus; es geht ihnen, das zeigen die ausgewählten Texte eindrücklich, einzig und allein um die individuelle Dimension des Krieges für die Dienstleistenden der deutschen Armee, die fernab ihrer Heimat überleben müssen. (Für den “Magazin”-Beitrag, der übrigens online verfügbar ist, erhielten die Verantwortlichen einen Henri-Nannen-Preis. “Eine ferne Front ist plötzlich ganz nah” – so schloss die Begründung der Jury. Ich schliesse mich dem an.)

Passend zum heutigen 1. Advent, dem Beginn der Vorweihnachtszeit, zitiere ich aus dreien der Feldpost-Briefe, die sich um Advent und Weihnachten drehen:

“Am Flughafen von Masar-i-Scharif begrüsst uns im Wartebereich der erste Weihnachtsbaum in diesem Jahr. Im Wartezelt läuft im Fernsehen gerade ‘Der perfekte Urlaub’. Es ist schon komisch, da zu sitzen und anderen Leuten beim Urlaub auf Ibiza zuzusehen, während sich Bulgaren, Schweden und Amerikaner über die Vorzüge und Nachteile ihrer Waffen austauschen.”

“Am weihnachtlichsten war es vermutlich heute früh. Ich sass im Cockpit in der Transall aus Masar-i-Scharif, als der Pilot im Anflug auf Kabul zweimal die Flares ausgelöst hat: Das sind Tausende heisser Stanniolstreifen, die aus den Tragflächen fallen und anfliegende thermische Raketenköpfe ablenken sollen. Da wird einem zwar mulmig, es sieht aber aus wie Wunderkerzen!! Die Transall als Christbaum, ganz herrlich!!”

“Ich öffne meine Geschenke und falle erst mal in ein Loch. Man merkt wieder mal wirklich, dass man bewaffnet in einer Art Bunker sitzt und alle, die einem etwas bedeuten, 5000 Kilometer entfernt sind. Später versammeln wir uns in unserem Kaffeeraum, um ein wenig zu feiern. Es gibt das Übliche und einen Haufen Alkohol. Wir öffnen ein paar Flaschen und sinnieren über Weihnachten. Gegen 22 Uhr gehen wir zur Christmette. Okay, ich bin kein Kirchgänger, aber es hat sich gelohnt. Weihnachtslieder, ein paar weihnachtliche Worte und etwas Ruhe. Nach der Mette schnappe ich mir eine AWCC-Karte und fange an rumzutelefonieren. Ich wecke zwar alle auf, aber alle sind froh, mich zu hören. Und zu wissen, dass ich heil und gesund bin. Gegen 24:00 Uhr ist der Tag für mich gelaufen.”

(Aus: Baumann, M./Langeder, M./Much, M./Obermayer, B./Storz, F. [Hg.]: Feldpost – Briefe deutscher Soldaten aus Afghanistan, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2011, S. 177/182/183)

In diesem Sinne: eine frohe, vor allem aber friedliche Adventszeit allen Leserinnen und Lesern, wo immer Sie sich, geographisch, im Leben, in Gedanken, befinden. Wir steuern in diesen Tagen auf ein Licht zu, das verdient hat, “freundliches Feuer” genannt zu werden. Diese Art freundlichen Feuers – und viel Rückendeckung – wünsche ich ganz besonders auch den Soldaten in Afghanistan und anderswo. Mögen sie unversehrt an Leib und Seele zurückkehren.

In deiner Sprache: “nur in an anderen Bett”

By , 24/11/2011 17:58

Dreimal habe ich ihn in Zürich erleben dürfen, zuletzt erst am 24.3. dieses Jahres: den österreichischen Liedermacher, Sprachkünstler und Poeten Ludwig Hirsch. Seine Musik, seine Geschichten begleiten mich seit gut zehn Jahren durch das Leben – zumeist in feine Worte und zarte Melodien gewickelte Morbiditäten, hinter denen doch, es ist kein Widerspruch, ein lautes Ja! zum Leben, mit all seinen Höhen und Tiefen, steht:

“In deiner Sprache, wie sagt man da ‘Leben’?
Sagt man da auch: ‘Er da oben hat’s gegeben’?
Der Jammer is nur, er nimmt’s wieder furt,
das Schlitzohr, das alte, borgt es uns nur.”
[1]

Nun erfahre ich, seit einigen Tagen einen Eintrag dazu andenkend, dass seine unbeschwerte Lebens- und Lebensendsicht uns Theologen und Kirchenpraktikern in mancherlei Hinsicht gut stehen könnte und zumindest mich immer wieder inspiriert – dass Hirsch aus dem Leben geschieden ist.

Ich bin erschüttert. Gewiss, die Welt dreht sich weiter, “die kunterrunde, kugelbunte”. [2] Aber heute ist sie dunkelgrau.

[1] Aus: “In deiner Sprache”, Text und Musik: Ludwig Hirsch, Rechte: Edition Scheibmaier, Wien; zu finden auf dem gleichnamigen Album aus dem Jahr 1991, als hymnisches Walbauch-Intermezzo eingewoben zwischen die beiden Hälften eines, Theologen: aufgepasst!, Jona-Krachers (“Jonas 1” bzw. “Jonas 2”). Auch die Titelzeile dieses Eintrags ist diesem Lied entnommen:
“Und doch schön zu spüren, dass niemals was stirbt
und das Wort ‘Tod’ nie das letzte sein wird.
Der Tod is ein Seitensprung, mehr a scho ned:
Du schlafst ein und wachst auf, nur in an anderen Bett.”

[2] Aus: “Ich liebe dich”, Text und Musik: Ludwig Hirsch, Rechte: Edition Scheibmaier, Wien – zu finden auf dem Album “Perlen (vor die Säue)” von 2002.

“On’y a piece of a big one…” – zum Ewigkeitssonntag

By , 20/11/2011 16:00

Es gibt Schriftsteller, die mit Kritikerpreisen hochdekoriert sind – und die doch lesbar schreiben. Und deren Werken, Pflichtstoff jeder weiterführenden Schule, kein Unterricht der Welt etwas anhaben kann, weil sie auch ohne Auszeichnungen ausgezeichnet wären – und sämtliche übermotivierten Lesehinweise und Interpretationsversuche wohlmeinender Lehrer sie nicht berühren. So ein Schriftsteller ist John Steinbeck, so ein Werk ist sein Monumentalroman “Grapes of Wrath”. [1]

Darin schildert Steinbeck die Geschichte der Joads, die ihre Heimat Oklahoma verlassen, um als Wanderarbeiter ihr Glück in Kalifornien zu suchen – wo sie schliesslich doch nur Elend und Ausbeutung finden. Steinbeck konnte hierbei auf die Ergebnisse von Recherchen zurückgreifen, die er für eine (dokumentarische) Artikelserie für die “San Francisco News” zu ebendiesem Thema angestellt hatte. So erzählt er zwar die Geschichte einer fiktiven Familie – dies aber durch und durch realistisch. [2]

Für “Grapes of Wrath” erhielt Steinbeck 1940 den Pulitzerpreis; im selben Jahr wurde der Roman von John Ford hochklassig verfilmt. 1962 folgte der Literatur-Nobelpreis für das Gesamtwerk.

Das Zitat, das ich ausgewählt habe, entstammt einem der letzten Kapitel des Buchs. Tom Joad, zweiter Sohn der Familie Joad und Hauptfigur des Buchs, ist auf der Flucht vor der Staatsgewalt, nachdem er im Affekt den Mörder seines Freundes Jim Casy, eines ehemaligen Predigers, umgebracht hat – und sagt seiner Mutter Lebewohl.

“You don’t aim to kill nobody, Tom?”
“No, I been thinkin’, long as I’m a outlaw anyways, maybe I could – Hell, I ain’t thought it out clear, Ma. Don’ worry me now. Don’ worry me.”
They sat silent in the coal-black cave of vines. Ma said, “How’m I gonna know ’bout you? They might kill ya an’ I wouldn’t know. They might hurt ya. How’m I gonna know?”
Tom laughed uneasily, “Well, maybe like Casy says, a fella ain’t got a soul of his own, but on’y a piece of a big one – an’ then – ”
“Then what, Tom?”
“Then it don’t matter. Then I’ll be aroun’ in the dark. I’ll be ever’where – wherever you look. Wherever they’s a fight so hungry people can eat, I’ll be there. Wherever they’s a cop beatin’ up a guy, I’ll be there. If Casy knowed, why, I’ll be in the way guys yell when they’re mad an’ – I’ll be in the way kids laugh when they’re hungry an’ they know supper’s ready. An’ when our folks eat the stuff they raise an’ live in the houses they build – why, I’ll be there. See? God, I’m talkin’ like Casy. Comes of thinkin’ about him so much. Seems like I can see him sometimes.”
“I don’ un’erstand’,” Ma said. “I don’t really know.”
[3][4]

(Aus: John Steinbeck, Grapes of Wrath, Penguin Books, New York 1992, S. 495)

Eine interessante, tröstliche Vorstellung, “a fella ain’t got a soul of his own, but on’y a piece of a big one”… So bleibt immer etwas, von jedem, der gegangen ist: von seinen Taten, seinem Denken, seinem blossen Dasein. Darauf will ich heute, am Ewigkeitssonntag, hoffen – ehe vielleicht schon morgen die Zweifel von Mutter Joad sich melden. [5]

[1] Wollte ich nicht auf ein bestimmtes Zitat aus diesem Roman (1939 erschienen; dt. “Früchte des Zorns”) hinzielen, so könnte ich mit bestem Gewissen auch “Of Mice and Men” (1937; “Von Mäusen und Menschen”) empfehlen, das ein ähnliches Thema behandelt. Oder “In Dubious Battle (1936; “Stürmische Ernte”). Oder “East of Eden” (1952; “Jenseits von Eden”. Oder…
[2] So realistisch-packend übrigens, dass ich den Roman bei der ersten Lektüre, ungefähr 2001, nicht nur zu Hause und im ÖV las, sondern ihn auch für die Fussmärsche dazwischen nicht wegpacken wollte. So ging ich also, nicht nach links, nicht nach rechts schauend, höchstens hin und wieder über den oberen Buchrand nach vorne lugend – und sog das Buch regelrecht auf.
[3] In der deutschen Übersetzung:
“Aber Du willst doch keinen umbringen, Tom?” – “Nein. Ich habe gedacht, wo ich doch sowieso ‘n Verbrecher bin, könnte ich vielleicht… Ach, ich hab’ es noch nicht zu Ende gedacht, Mutter. Lass mich nur machen.” Sie sassen still in ihrer schwarzen Höhle. Mutter sagte: “Aber wie soll ich denn wissen, wo du bist? Vielleicht machen sie dich tot, und ich weiss es nicht. Vielleicht schlagen sie dich. Wie soll ich das denn dann wissen?” Tom lachte verlegen: “Ich denke mir, wie Casy sagt, keiner hat ‘ne eigne Seele und ist nur ‘n Stück von der grossen – und dann.” – “Und dann was, Tom?” – “Dann ist’s egal. Dann bin ich überall – überall, wo du hinsiehst. Wo’s ‘ne Prügelei gibt, damit die Hungrigen was zu essen kriegen, bin ich dabei. Wenn einer von ‘nem Bullen geschlagen wird, bin ich dabei. Wenn Casy das wüsste. Ich bin dabei, wenn welche schreien, weil sie wild und wütend werden – und ich bin dabei, wenn Kinder lachen, wenn sie Hunger haben und wissen, es gibt gleich was zu essen. Und wenn unsre Leute das essen, was sie selber gebaut haben, und in Häusern leben, die sie selber gebaut haben – dann bin ich dabei. Verstehst du? Gott, ich rede schon wie Casy. Das kommt, weil ich so viel an ihn gedacht habe. Manchmal ist es, wie wenn ich ihn sehe.” – “Ich versteh’ es nicht”, sagte Mutter. “Und ich weiss nicht, was du willst.” (Aus: John Steinbeck, Früchte des Zorns [ins Deutsche übertragen von Klaus Lambrecht], Deutscher Taschenbuch Verlag, 13. Auflage, München 2001, S. 491f.)

[4] Bruce Springsteen hat sich von “Grapes of Wrath” inspirieren lassen und 1995 das grossartige akustische Album “The Ghost of Tom Joad” veröffentlicht, dessen Texte, der Titel verrät es, im Geiste Tom Joads – oder John Steinbecks? – geschrieben sind. Toms oben zitierter Monolog (“I’ll be ever’where…”) wird im Titelstück beinahe wörtlich wiedergegeben.
[5] Das darf man doch als Gläubiger: glauben und zweifeln. Nicht?

In eigener Sache: Newsletter

By , 19/11/2011 16:08

Nun gibt es die Möglichkeit, per Newsletter über neue Beiträge informiert zu werden – das Eingabefeld befindet sich in der Informationsleiste rechts. Die Facebook-Gruppe bleibt natürlich bestehen.

Wunder, niederschwellig

By , 13/11/2011 17:18

Meine Hochachtung für Reinhard Mey ist den Lesern dieses Blogs seit September bekannt. So ist es keine Überraschung, dass ich den Mann hier einmal berücksichtigen muss.

Mitte der Neunziger, 1996 war es, veröffentlichte Mey auf dem auch sonst weitgehend überzeugenden Album “Leuchtfeuer” das Fünf-Minuten-und-ein-paar-zerquetschte-Juwel “Nein, ich lass dich nicht allein”. [1] Daraus hier die 2. Strophe:

Ich kram’ die Fotoalben vor. Hier, sieh mal, das war vor zwölf Jahr’n,
Da sind wir nach Saint-Jean gefahr’n
Und auch in Lourdes vorbeigekommen.
Und von der Quelle mit dem Rummel, der dir jeden Glauben raubt,
Hast du für Hans, der daran glaubt,
Einen Kanister mitgenommen.

Und als kurz vor Vic-Fézensac das Auto Kühlwasser verlor,
Holtest du den Kanister vor,
Um ihn andächtig aufzuschrauben.
Dann fülltest du den Kühler auf, ich traute meinen Augen nicht,
Doch seitdem ist der Kühler dicht!
Da soll man nicht an Wunder glauben?!

(Aus: “Nein, ich lass dich nicht allein”, Text und Musik: Reinhard Mey, Rechte: Maikäfer Musik Verlag, Berlin.)

Mit diesen Dichterworten wünsche ich den Lesern dieses Blogs eine gute Woche. Vielleicht ergreifen wir – ja: sogar wir Reformierten! – hin und wieder die Gelegenheit… und wundern uns?

[1] Den Kauf der CD kann ich besten Gewissens empfehlen. Entstanden in der zweiten “Hochzeit” von Meys Schaffen (ich zähle die Veröffentlichungen der Jahre 1971-1977 bzw. 1990-2000 zu seinen besten), enthält es mit “Lilienthals Traum” ein weiteres Meysterwerk erster Güte.

Licht und Scheffel und so

By , 02/11/2011 17:58

Die Landeskirche des Kantons Baselland will also den Wiedereintritt erleichtern. Sie tut dies mit einem vereinfachten (Wieder-)Aufnahmeverfahren, welches keine Begründung seitens des Antragstellers mehr verlangt – und macht “mit Plakaten, Inseraten, einer neuen Homepage und vielen Buchzeichen” darauf aufmerksam.

Ich bin da skeptisch. Erfolgversprechender scheint es mir, Kantonalkirchen, Kirchgemeinden und, vor allem, wir alle würden selbstbewusster auftreten und auch abseits teurer und unpersönlicher Kampagnen erzählen, wofür die Kirche steht, was sie tut und was in ihr auch und gerade für uns Laien möglich ist. Wen dies anspricht, der wird sich der Kirche auch wieder annähern wollen und die Gründe dafür vielleicht sogar stolz äussern – möglicherweise auch im Wiederaufnahmeverfahren.

Gut gemeint…

By , 02/11/2011 15:45

In der vorletzten Nummer verteidigte “reformiert”, die evangelisch-reformierte Zeitung für die deutsche und rätoromanische Schweiz, in einem Front-Kommentar wortreich eine Zürcher Oberländer Kirchgemeinde, welche durch einen schlechten Deal eine Immobilie 5.5 Millionen Franken unter Wert verkauft hat.

Gut gemeint mag es ja gewesen sein, das in Frage stehende Hotel an den langjährigen Pächter zu verkaufen, damit der Betrieb wie gehabt weiter laufen würde und die lokalen Vereine auch weiterhin den beliebten Saal nutzen könnten – so jedenfalls begründet die Kirchenpflege den Verzicht auf eine aktuelle Schätzung. Dumm nur, dass der Pächter offenbar als Strohmann fungierte und die Immobilie umgehend an einen “Immobilientycoon” weiterverkaufte… [1]

Könnte die betreffende Kirchgemeinde fahrlässig oder blauäugig gehandelt haben? Die Verteidigungsschrift in Kommentar-Form verwahrt sich gegen eine solche Sichtweise. Stattdessen sucht – und findet – der Autor die Schuld beim Endkäufer und stellt hierfür, wie ich finde: arg vereinfachend (die Überschrift besteht aus der vermutlich rhetorisch gemeinten Frage “Ethisch oder gewinnorientiert?”) und in feinstem Kirchensprech, einen Unterschied her, wo es nicht zwingend einen Unterschied gibt: Das Streben nach Gewinn ist doch nicht von Grund auf unethisch, ebenso wenig ist finanzieller Verzicht per se ethisch! [2]

Vor allem aber lenkt der Ethik-Exkurs vom Wesentlichen ab: Die Kirchgemeinde hat ja weder (nach Gewinn strebend) an den Meistbietenden verkauft noch ihr (“ethisches”) Ziel erreicht, den gewohnten Hotel- und Tagungsbetrieb zu erhalten. Nein: Sie hat ganz einfach, ohne Not und augenscheinlich mit den Scheuklappen des Weltfremden, 5.5 Millionen Franken Steuergeld in den Sand gesetzt. [3]

Gut gemeint? Wahrscheinlich. Ganz sicher schlecht gemacht. Aber dann sagen wir das doch auch so. [4]

[1] “Tycoon” ist ein, immerhin in Anführungszeichen geschriebenes, Zitat aus einem anderen “reformiert”-Artikel zum Thema.
[2] Dabei ist zu bedenken, dass der Begriff des “Ethischen” reichlich diffus ist. Für Kurzqualifikationen – wie im vorliegenden Fall – scheint er mir deshalb eher ungeeignet.
[3] Dass es nämlich durchaus geeignete Wege gegeben hätte, das hehre Ziel zu erreichen und z.B. das “Strohmann-Szenario” auszuschliessen, darüber berichtet “reformiert” in einem anderen Artikel zum Thema.
[4] Nur damit wir uns recht verstehen: Ich verspüre keinerlei Schadenfreude. Als Kirchenpfleger weiss ich, welche Verantwortung bisweilen auf uns Milizlern lastet. Mich irritiert aber, dass von kirchlicher Seite i.d.R. mit viel Verve gegen die Privatwirtschaft geschossen wird, wo immer es (tatsächliche und vermeintliche, vorsätzliche und fahrlässige) Verfehlungen gibt, dass die Kirche sich selbst gegenüber aber erstaunlich langmütig zu sein pflegt. Glaubwürdigkeit sieht anders aus.

“Theologie? Na und?”

By , 05/10/2011 19:49

Als ich mich Anfang 2009 entschieden hatte, nach einem ersten Studium und dreijähriger Tätigkeit in der Managementberatung an die Universität zurückzukehren und ein Zweitstudium in Theologie aufzunehmen, war ich gefasst auf kritische Anfragen aus meinem Umfeld: “Theologie? Du?!” Und vor allem: “Welche Berechtigung hat die Kirche denn heute noch?” Diese Fragen kannte ich: Es waren meine, und sie sind es, teilweise zumindest, immer noch. [1]

Wer immer in den Monaten darauf aber von meinem Entschluss erfuhr, kritisierte oder hinterfragte nicht, sondern fand – selbst nachdem ich sichergestellt hatte, dass niemand fälschlicherweise meinte, ich spräche von “Geologie” – ausschliesslich unterstützende Worte: Familie, Freunde, Bekannte, alle. Die Gründe dafür mögen unterschiedlicher Natur sein. Mit Sicherheit ging es dabei aber nicht einfach darum, mir den (möglichen) Wechsel in ein neues Tätigkeitsfeld leichter zu machen, also mir persönlich einen Gefallen zu tun, nein: Ich merkte, dass gerade auch ebendiesem Tätigkeitsfeld, der Kirche, überraschend viel Wohlwollen entgegengebracht wird. Aller Kritik zum Trotz: Die Kirche hat im Allgemeinen einen guten Ruf, auch heute noch, und ihre Arbeit wird grossenteils respektiert und mehrheitlich leise zwar, aber eben doch dankbar zur Kenntnis genommen und unterstützt. [2]

Ob berechtigt oder nicht: Auch ich als Theologiestudent, d.h. als Anfänger in der theoretischen Auseinandersetzung mit dem christlichen Glauben (und nicht als Praktiker mit Erfahrung), falle, wie meine Kolleginnen und Kollegen sicher auch, bisweilen in dieses Raster des Kirchlichen – wahrscheinlich weil der Unterschied von Theologie und Kirche in der öffentlichen Wahrnehmung klein ist oder gar nicht erst besteht. Dass dies seine schönen Seiten hat, durfte ich erst gestern wieder erfahren, als der (mir unbekannte) Sohn eines (mir unbekannten) ehemaligen Geschäftspartners meines (mir bekannten!) Vaters anfragen liess, ob ich vor seiner Ausreise in die USA wohl sein Kind taufen könne. Vier Jahre vor dem Vikariat, der einjährigen Praxiseinführung in den Pfarrberuf… etwas gar früh, leider. Aber die Anfrage hat mich doch gefreut – und mich auf einen Schlag vier, fünf Jahre weit in die mögliche Zukunft katapultiert.

[1] Keine Sorge, es kommen immer wieder neue Fragen hinzu – sonst müsste ich dieses Blog schliessen…
[2] Vielleicht sollte man also endlich, endlich aufhören, die Unterstützung der kirchlichen Anliegen mehr oder weniger ausschliesslich sonntagmorgens zu messen, wie dies viel zu viele Kirchgemeinden auch heute noch zu tun pflegen. Das Verständnis von Kirche ist so viel breiter. In diesem Sinne bin ich gespannt auf die Auseinandersetzung, die uns in punkto “Initiative zur Abschaffung der Kirchensteuer für juristische Personen” erwartet. Kirche – bist Du bereit?

Der eine, der andere…

By , 02/10/2011 11:06

Ein schönes Zitat von Knud E. Løgstrup, entdeckt bei der Heimlektüre für ein Ethik-Seminar bei dem leider bald abtretenden Prof. Johannes Fischer:

“Wir meinen, die Welt, in der er [d.h. der andere] sein Dasein und seinen Lebensinhalt hat, sei er selbst, und nur von Zeit zu Zeit werde sie von uns gestreift. Viel kann das Streifen unsrer Welten nicht bedeuten – so meinen wir – da sie ja normalerweise ihren Lauf intakt fortsetzen. Nur wo ein Mensch ausnahmsweise, durch Missgeschick, aus Versehen oder mit Willen in guter oder böser Absicht, in die Welt des anderen Menschen hineinbricht, steht wirklich etwas auf dem Spiel.

In der Tat, eine sonderbare Vorstellung, um so sonderbarer, als sie uns ganz selbstverständlich erscheint. In Wirklichkeit hält es sich doch ganz anders: die Welt des einen ist der andere, und das Schicksal des einen ist der andere.”

(Aus: Knud E. Løgstrup, Die ethische Forderung, J.C.B. Mohr [Paul Siebeck], 2. unveränderte Auflage, Tübingen 1968, S. 15f.)

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