Zwei Paar Schuhe

By , 23/01/2012 11:01

Eine Kirche, die sich auf und in ihre Tradition zurückzieht und Neues ausschliesst, ist weltfremd. Eine Kirche wiederum, die das Neue des Neuen willen sucht und dabei ihre eigene Geschichte vergisst oder verleugnet, handelt verantwortungslos. “Prüft aber alles, das Gute behaltet”, heisst es – ach, es ist eine ständige Gratwanderung zwischen Tradition und Erneuerung!

Wer nun nach den letzten Beiträgen denkt, mir fehle der Respekt vor dem Bewährten, Althergebrachten und ich würde ebendieses Bewährte, Althergebrachte lieber abrupt ersetzen als sanft erneuern, dem sei entgegengehalten: Kann jemand ein unbarmherziger Revoluzzer sein, der seine Lieblingsschuhe nach einem halben Jahr glücklichen Gebrauchs zur Sicherheit nachkauft?

Nein: Was sich bewährt, hat seinen Platz und gehört unbedingt gestärkt. Und Gutes, das es zu behalten gilt, sehe ich in der Kirche unüberschaubar viel.

Wir und die da

By , 22/01/2012 12:16

Wieder einmal eine (mit einem Augenzwinkern gestellte) Frage aus der Reihe “Fragen, die das Leben stellt”: Ist eine Kirche, die es sich häufig, habe ich den Eindruck, mit und in ihrer Kerngemeinde gemütlich eingerichtet hat, eine Kirche, die zwar Fragen und Antwortangebote in ihrem Zentrum stehen hat, welche auch heute noch, weil sie Existenzielles und damit Urmenschliches betreffen, ein grosses Publikum ansprechen könnten, sich allerdings viel zu oft auf eine Weise präsentiert, die selbst Interessierte abschreckt, eine Kirche also, die, könnte man etwas plakativ sagen, dazu neigt, in ihrem eigenen Saft zu schmoren (Manche benötigten für diese Erkenntnis eine Milieustudie) – ist eine solche Kirche eigentlich nicht auch, auf eine ganz eigene Art, ein “Insider-Geschäft”?

Das Nächste: Einmal Praxisluft schnuppern

By , 17/01/2012 08:44

Wer reformierte Theologie studiert und das Ziel hat (oder sich wenigstens die Möglichkeit offen lassen möchte), nach dem Studium ein Pfarramt in der Deutschschweiz anzutreten, durchläuft eine zweigleisige Ausbildung, die sich, vereinfacht dargestellt, auf die folgende Formel bringen lässt: “Theorie an der Universität, Praxis bei der Landeskirche”. Dies ist nicht zuletzt auf die vielgeforderte (aber längst nicht realisierte) Trennung von Kirche und Staat zurückzuführen – und wohl auch im Interesse der Kirche selbst: Wenn die Verantwortung für den pfarramtlichen Nachwuchs bei ihr selbst liegt, kann sie, wenn sie es gut macht, ihre Erfahrungen direkt in das Ausbildungssystem einfliessen lassen.

Die evangelisch-reformierten Landeskirchen der Deutschschweiz, mit Ausnahme Berns, arbeiten in punkto Aus- und Weiterbildung zusammen, in der Form eines Konkordats. Das kirchlich verantwortete Praxis-Programm, das hier jeder Theologiestudent, Kolleginnen sind mitgemeint, mit Ambitionen auf ein Pfarramt durchlaufen muss, sieht folgendermassen aus:

1. Er lässt sich von einem Mentor mit Pfarramts-Erfahrung durch das Studium begleiten.

2. Er führt vier Gespräche mit der sogenannten Kommission für entwicklungsorientierte Eignungsabklärung (kurz: KEA). Diese Gespräche finden zu relativ klar festgelegten Zeitpunkten statt: zu Beginn des Studiums, vor und nach dem Praxissemester (s. Punkt 3) sowie nach dem Vikariat (s. Punkt 4).

3. Er absolviert, gewöhnlich zwischen Bachelor- und Masterstudium, das sogenannte EPS. Das Kürzel steht für Ekklesiologisch-Praktisches Semester, was im übertragenen Sinne bedeutet: “einmal Praxisluft schnuppern”. Dieses praktische Semester findet, abseits bzw. anstelle der Uni, in einer Gemeinde nach Wahl statt und beinhaltet mehrwöchige Einsätze in den vier Bereichen Kirchgemeinde, Diakonie, Wirtschaft und Schule. Dazwischen gibt es immer wieder Ausbildungselemente, zu denen sämtliche Praktikanten des Konkordats zusammengezogen werden.

4. Er absolviert nach dem universitären Master-Abschluss, d.h. als “fertiger” Theologe (ein Widerspruch in sich, ich weiss), ein Vikariat in einer Kirchgemeinde: ein Praxisjahr, das grundsätzliche sämtliche Aufgaben beinhaltet, die auf einen Pfarrer zukommen – vergleichbar mit dem Praxisjahr, das bei den Juristen Bedingung für die Zulassung zur Anwaltsprüfung ist. Auch dieser Einsatz wird durch Ausbildungskurse unterbrochen. Ist das Vikariat erfolgreich beendet, kann der Theologe ordiniert werden. Danach erfüllt er sämtliche Voraussetzungen, um sich ins Pfarramt wählen zu lassen.

Weshalb ich all dies erwähne? Nun, nachdem bei mir Punkt 1 erfüllt und Punkt 2 im Tun ist, werde ich in Bälde, im Herbstsemester 2012/13, die dritte Stufe des Pfarramt-Shuttles zünden. Die Anmeldung für das Praxissemester ist angenommen, das Vorgespräch beim Konkordat habe ich gestern hinter mich gebracht – im August geht es los. Wo, steht noch nicht fest. [1]

Selbstverständlich werde ich ab Spätsommer über meine Erfahrungen berichten.

[1] Nachtrag vom 8.2.2012: Ich habe eine sehr interessante EPS-Gemeinde gefunden. Mehr dazu, wenn es losgeht.

Réformation professionnelle

By , 13/01/2012 12:56

Der Katholizismus hat einen schweren Stand an der Theologischen Fakultät in Zürich. Genauer gesagt: gar keinen. Wir lernen im Rahmen eines religionswissenschaftlichen Moduls zwar das eine oder andere über Judentum, Islam, Hinduismus und Buddhismus. [1] Aber katholisches Christentum? Römisch-katholische Theologie? Nein, Fehlanzeige – über den Glauben unserer direkten Glaubensnachbarn und des wichtigsten Koalitionspartners in der Praxis hören wir, zumindest im Bachelorstudium, kaum etwas. Und wenn, dann, in karikierter Form, als das, wovon wir Reformierten uns, Gott sei Dank!, vor geraumer Zeit befreien konnten: gerade nochmal gut gegangen! [2]

Angesichts dieser Ausgangslage erstaunt es nicht, dass ich die folgende Werbung auf Facebook zunächst falsch gelesen habe:

“Ist das bereits die angekündigte Werbung für das Theologiestudium?”, habe ich, professionell deformiert, gedacht: “Unkatholisch auf Mass!”

[1] Ehrlich gesagt: Manche dieser Vorlesungen finde ich, wissenschaftlich betrachtet, schwach. Mehr dazu vielleicht einmal in einem eigenen Beitrag – auch wenn mir die Pädagogische Hochschule, in deren Bereich “Religion und Kultur” die betreffenden Veranstaltungen organisiert werden, dann sicher wieder mit dem Dekan unserer Fakultät droht.
[2] In der kirchlichen Praxis sieht das nach meiner Erfahrung zum Glück viel, viel besser aus.

Abstimmungspflicht, kirchlich

By , 06/01/2012 15:16

Wer reformiert ist und seinen Briefkasten hin und wieder leert, weiss, dass er allzweiwöchentlich die Kirchenzeitung “reformiert” erhält – jedes zweite Mal, also monatlich, ergänzt durch eine lokal verantwortete Gemeindebeilage. Diese heisst bei uns in Bubikon “Chileblick”. Zum festen Bestandteil dieser unserer Gemeindebeilage nun gehört eine frontseitige Kolumne: Monat für Monat erhält ein Mitglied von Kirchenpflege oder Pfarrteam eine Carte Blanche hierfür. Einzige Vorgabe: Der Text sollte eine Länge von 1600 Zeichen nicht überschreiten. [1]

Manchmal geht der Kelch auch an mir nicht vorbei. Der Kolumnentext, den ich für den “Chileblick” vom September 2010 verfasst hatte, kam mir am vergangenen Wochenende in den Sinn, als ich meine Gitarre mit einer neuen Saite bespannen musste – zum ersten Mal überhaupt (nach anderthalb Jahren!), denn ich hatte ebendiese Gitarre mit dem Ziel gekauft, mir das Spiel selbst beizubringen. “Im Selbststudium” heisst das, und bedeuten tut es, wenigstens in meinem Fall, dass ich bisher “einfach nicht so recht die Zeit gefunden habe”, etwas zu lernen. Aber das soll hier nicht das Thema sein… [2]

Hier nun also der Text:

Manchmal denke ich, dass ich ein unverbesserlicher Schöngeist bin, ein Freak – und finde Trost darin, dass Sie meine Gedanken nicht lesen können. Sie wüssten sonst, dass ich Schweinekoteletts ins Regal zurücklege, wenn sie mit „Schweinekoteletten“ angeschrieben sind (Koteletten, liebe Metzger, sind Backenbärte!), und dass ich jede Beiz einladender fände, würden wir sie mit dem schönen Gaststätten-Synonym Dorfkrug bezeichnen. Ach ja, und ich liebe Moosseedorf für seine drei Buchstabendopplungen!

Anderseits ist mir natürlich klar, dass Sprache zunächst ein Instrument zum Gedankenaustausch ist – ein Instrument allerdings, das, um beim Bild zu bleiben, gestimmt werden will. Bei meiner Gitarre habe ich hierfür zwei Möglichkeiten: Ich kann mich damit begnügen, die Saiten aufeinander abzustimmen (damit die Akkorde in sich stimmig sind), oder sie an einem „ausserhalb“ gespielten Referenzton ausrichten. Wer in einer Gruppe musizieren möchte, wählt die zweite Variante und orientiert sich an den anderen Instrumenten. So verhält es sich auch mit Worten: Ein echter Austausch ist nur möglich, wenn die Sprache des Einen auch die Sprache des Anderen ist.

Was das mit uns mehr oder weniger gläubigen, vielleicht auch zweifelnden Christen zu tun hat? Nun: Wir können uns grämen, weil unsere eigene Sprache, die in sich stimmig sein mag, nicht mehr kultureller Mainstream ist – oder wir nehmen die Herausforderung an und übertragen und „überleben“ unsere grossen, aber weitherum unverständlich gewordenen Wörter und Vorstellungen (Sünde! Gnade! Vergebung!) in eine Sprache, die auch von Menschen verstanden wird, denen das Alphabet des Glaubens fremd ist.

Dies halte ich, heute mehr denn je, für die grösste Herausforderung der Kirchen (und damit von uns allen): sich in einer Sprache auszudrücken, die tatsächlich auch verstanden wird, theologische Konzepte aus dem schönen, warmen Zirkel der Insider ins Leben zu transportieren – und doch, soviel Ehrfurcht vor dem bisher zurückgelegten Weg muss sein, die eigene Geschichte nicht zu verraten. Ein schmaler Grat, klar. Aber was ist denn die Alternative? [3]

[1] Und im weitesten Sinne sollte es um Theologisches oder Kirchliches gehen. Das versteht sich aber von selbst.
[2] Für die Interessierten: Ich nehme demnächst Gitarrestunden. Gutes Weihnachtsgeschenk, das!
[3] Bevor nun eingewandt wird, eigentlich sei es doch an der “widerspenstigen Öffentlichkeit”, verbrannten Wörtern und Worten unbefangen zu begegnen: Nein, ist es nicht. Kommunikation, die diesen Namen verdient, setzt einen Sender voraus, der sein Publikum ernstnimmt und sich an ihm orientiert. Weshalb soll das ausgerechnet bei den Kirchen, deren erster Auftrag ja gerade die Kommunikation ist, jene des Evangeliums nämlich (Art. 29 Abs. 1 KO), anders sein? Also: Das Wohlwollen vieler ist, manchmal zu meinem eigenen Erstaunen, da – jetzt sind wir dran! Wäre ja gelacht…

Die Ballade von Immernoch und Längstschon – zu Silvester/Neujahr

By , 31/12/2011 11:03

Wie schön sie doch sind, die Tage zwischen den Jahren: Das alte Jahr ist nicht mehr, das neue noch nicht. Für alles gibt es eine Stunde, sagt man – in diesen Tagen: die stille Stunde zur Entspannung im Raum zwischen dem Nichtmehr und dem Nochnicht. Zur Ruhe kommen, endlich…

Pustekuchen.

Jetzt erst finde ich doch Zeit dafür, nach dem Alltäglichen der vergangenen elfeinhalb Monate die letzten (und teilweise vorletzten) Pendenzen des alten Jahres abzuarbeiten und mich auf die ersten Wochen im neuen Jahr vorzubereiten. Das Nichtmehr des alten Jahres ist in Wirklichkeit ein lautes, forderndes Immernoch, das Nochnicht des neuen ein ebenso lautes, forderndes Längstschon.

Doppelte Arbeit also.

Und so habe ich die vorlesungs- und unterrichtsfreie Zeit zwischen Weihnachten und Silvester v.a. damit zugebracht, die über das Jahr angesammelten Kleintiere kurzzeitig über meinen Körper gewinnen zu lassen, meine Proseminararbeit zu Løgstrups Ansatz der “ethischen Forderung” doch noch fertigzustellen und, ebenfalls längst geplant, ein Arbeitszeugnis zu formulieren (immer wieder eine Herausforderung) – zugleich aber auch schon damit, den Unterricht der ersten Nachferienwoche sowie eine Hebräisch-Gesamtrepetition für die Tutoratsgruppe vorzubereiten. Jetzt steht noch ein Grossputz an. Wenn ich schon einmal dran bin…

Heute abend immerhin wird eine Pause eingeschaltet.

Ich verneige mich in grosser Dankbarkeit vor dem ausgehenden Jahr. Dieses war, soviel steht fest, das bis anhin ereignis- und lehrreichste, was mein Engagement in den Bereichen Theologie und Kirche anbelangt. Ich durfte beispielsweise feststellen, dass meine theologische Urteilskraft in den vergangenen zwei Semestern einige Fortschritte gemacht hat und ich mich mehr und mehr imstande fühle, an den Diskussionen in den universitären Veranstaltungen ernsthaft teilzunehmen. Auch denke ich sehr gerne an das religions- und bibelwissenschaftliche Seminar in Jerusalem und an das Barth-Blockseminar auf dem Leuenberg zurück, ebenso an die (erfolglose) Kandidatur für das Kirchenparlament und die (bisher erfolgreiche) Leitung der Bubiker Pfarrwahlkommission. Es ist viel gelaufen, und ich habe, es ist tatsächlich so einfach, nur gewonnen.

Zugleich schaue ich erwartungsvoll dem neuen Jahr entgegen. Was es für mich bereithalten wird? Der Uni-Stundenplan des ersten Semesters jedenfalls ist kreditpunktebedingt bereits stark reduziert, und im zweiten Halbjahr geht es in die praktische Ausbildung durch das Konkordat, was, beides, so hoffe ich, einige neue Erfahrungen und Impulse ermöglichen und bringen wird. Darauf bin ich gespannt. Wenn das neue Jahr nur halb so lehr- und abwechslungsreich wird wie das alte, bleibe ich ein glücklicher, zufriedener Mensch.

Das wünsche ich auch Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser: eine kleine Pause heute abend und, morgen beginnend, ein gutes neues Jahr mit den richtigen Herausforderungen zur rechten Zeit.

Bruder Huldvoll zwischen den Gräben – zu Heiligabend/Weihnachten

By , 24/12/2011 00:27

Die Geschichte hinter der Entstehung des ursprünglich für Gitarrebegleitung komponierten Weihnachtsliedes “Stille Nacht” im Jahre 1818 ist faszinierend. Mehr dazu gibt es, extern, hier. Ebenso eindrücklich ist aber seine Wirkungsgeschichteeine Wirkungs-Geschichte ganz besonders.

Das Ereignis des Weihnachtsfriedens von 1914, auf das ich anspiele, ist wohl hinlänglich bekannt. Es kann aber wieder und wieder erzählt werden, ohne dass es an Faszination einbüsst. Ich jedenfalls kann mich daran nicht satt denken.

Der ehemalige “Stern”-Chefredaktor Michael Jürgs hat vor einigen Jahren zu diesem als “kleinen Frieden im Grossen Krieg” apostrophierten Weihnachtswunder ein Buch desselben Titels verfasst, das gleichsam eine O-Ton-Collage aus Feldpost-Berichten und Tagebuch-Einträgen von der Front sowie aus späteren Erinnerungen der Beteiligten ist. Ein Auszug daraus:

“Von jener Begeisterung, in der im August 1914 die Völker Europas wie besoffen in den Krieg zogen, ist nach insgesamt bereits einer Million Toter im Dezember 1914 nichts mehr geblieben. Im Blut ertrunken. Kein Wunder, dass eines an Weihnachten geschieht. […]

Anfangs ist es nur einer, der Stille Nacht, heilige Nacht vor sich hin singt. Leise klingt die Weise von Christi Geburt, verloren schwebt sie in der toten Landschaft Flanderns. Doch dann brandet Gesang wie eine Welle übers Feld, ‘um Schulterwehr und Schulterwehr und von der ganzen langen dunklen Linie der Schützengräben klang es empor: Schlafe in himmlischer Ruh’. Diesseits des Feldes, hundert Meter entfernt, in den Stellungen der Briten, bleibt es ruhig. Die deutschen Soldaten aber sind in Stimmung, Lied um Lied ertönt ein Konzert aus ‘Tausenden von Männerkehlen rechts und links’, bis denen nach Es ist ein Ros entsprungen die Luft ausgeht. Als der letzte Ton verklungen ist, warten die drüben noch eine Minute, dann beginnen sie zu klatschen und ‘Good, old Fritz’ zu rufen, und: ‘Encore, encore’, ‘more, more’. Zugabe, Zugabe.

Die derart hoch gelobten Fritzens antworten mit ‘Merry Christmas, Englishmen’ und ‘We not shoot, you not shoot’, und was sie da rufen, das meinen sie ernst. Sie stellen auf den Spitzen ihrer Brustwehren, die fast einen Meter über den Rand der Gräben ragen, Kerzen auf und zünden sie an. Bald flackern die, aufgereihten Perlen gleich, durch die Finsternis. Wie das Rampenlicht eines Theaters habe es ausgesehen, wird ein englischer Soldat seinen Eltern schreiben, ‘like the footlights of a theatre’.

Die Bühne für die Inszenierung ist damit ausgeleuchtet, die Generalprobe für ein Stück gelungen, das an den nächsten Tagen an der Westfront gegeben wird. Hier und dort und überall von der Nordsee bis zur Schweizer Grenze. Der Intendant oben in seiner Loge hatte für Flandern beste äussere Bedingungen geschaffen. Nach Einbruch der Dunkelheit an diesem 24. Dezember 1914 – und dunkel ist es bereits gegen sechzehn Uhr – verzog sich der Wind. Klarer Sternenhimmel ‘grüsste uns von der Wohnung des Allmächtigen herab’, und der Vollmond ‘verlieh der weiten, schönen flandrischen Rembrandtlandschaft durch sein mildes Licht das Gepräge wohltuenden Friedens’.

Beides hilft jetzt, Mond und Kerzen. Jede verdächtige Bewegung im Niemandsland wäre sichtbar. Ehre sei Gott in der Höhe, Friede den Menschen auf Erden, verkündet das Evangelium für diesen Tag. Aber in offenbar gewordener Abwesenheit eines Höheren auf Erden beschliessen Deutsche und Briten spontan, Franzosen und Belgier zögernd, an Weihnachten, ohne auf Gottes Segen zu warten, nicht aufeinander zu schiessen.”

(Aus: Jürgs, Michael: Der kleine Frieden im Grossen Krieg, Goldmann, München 2005, S. 77/7f.)

Ob Gott tatsächlich abwesend war in jenem Krieg, den wir heute als den Ersten Weltweiten kennen? Ob er sich wirklich einen Teufel geschert hat um das Menschengeschlecht? Die Soldaten in den Schützengräben, die noch wenige Monate zuvor für Gott und Vaterland in den Krieg gezogen waren, müssen jedenfalls mehr und mehr so empfunden haben. Umso wundervoller, ja: Wunder-voller, dass in Form der spontanen Verbrüderung, die an einigen Frontabschnitten mehrere Tage andauerte, die Weihnachtsbotschaft direkt und punktgenau in die kalte Wirklichkeit einbrach – als Waffenruhe und gemeinsames Begraben der Toten, beim Austausch von Geschenkspaketen aus der Heimat, bei improvisierten Fussballspielen im Niemandsland zwischen den Gräben der Einen und den Gräben der Anderen…

An wohl kaum einem anderen Ort findet sich das Weihnachtsereignis aus dieser Sicht besser umschrieben als in der (nicht im evangelisch-reformierten Gesangbuch enthaltenen) vierten Strophe von, ausgerechnet!, “Stille Nacht” selbst, beinahe hundert Jahre vorher im österreichischen Oberndorf uraufgeführt – und offenbar einer von vielen kleinen Katalysatoren für den Zwischenfrieden:

Stille Nacht! Heil’ge Nacht!
Wo sich heut’ alle Macht
Väterlicher Liebe ergoss
Und als Bruder Huldvoll umschloss
Jesus die Völker der Welt!
Jesus die Völker der Welt!

(Aus: “Stille Nacht”, Text: Joseph Mohr, Musik: Franz Xaver Gruber)

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern frohe, friedliche Weihnachtstage und ein paar geruhsame Momente zum Ausklang dieses Jahres.

In eigener Sache: “Reformierte Presse” berichtet

By , 16/12/2011 09:09

Die Wochenzeitung “Reformierte Presse” stellt in ihrer Rubrik “Wendepunkt” wöchentlich eine Person aus dem theologischen oder kirchlichen Bereich vor. In der aktuellen, heute erschienenen Ausgabe (Nr. 50, 16.12.2011) befindet sich nun ein Portrait über mich. Den Text, verfasst von Herbert Pachmann, finden Sie auf der Rückseite der Zeitung – und, dank freundlicher Genehmigung durch den Verlag, auch hier:

Unterschiedliche Rollen als Herausforderung

Reto Studer aus Wolfhausen ZH ist auf Umwegen zum Theologiestudenten geworden

Bei gewichtigen Entscheiden habe ich bislang immer meinem Bauchgefühl vertraut. Damit bin ich ganz gut gefahren. Dies war schon so, als ich nach meinem Studienabschluss in Publizistik und Staatsrecht eine Stelle im Headhunting antrat. Drei Jahre lang war ich in diesem Bereich tätig. Das konzeptionelle Arbeiten in einem anspruchsvollen Umfeld, aber auch die anregenden Gespräche mit den Kandidaten habe ich sehr geschätzt. Es hätte gut so weitergehen können. Auf der anderen Seite wurden mehr und mehr auch Glaubensfragen in mir laut, denen ich unbedingt intensiver nachgehen wollte. Kirchlich eher lau sozialisiert, überlegte ich mir jetzt, ein Theologiestudium anzuhängen.

Mit 28 gab ich mir ein Jahr Bedenkzeit. Ich arbeitete weiter, belegte daneben aber den Hebräischkurs, den auch die Theologiestudenten zu besuchen haben. So konnte ich mir ein Bild vom Studium machen, ohne mich vorschnell für eine Zäsur zu entscheiden. Auf den Bauch hören heisst ja nicht, den Verstand auszuschalten.

2009 habe ich mich dann für das Theologiestudium eingeschrieben. Bereut habe ich das nie, auch wenn mein Lebensstil nun wieder ein anderer ist. Das Privileg, noch einmal studieren zu dürfen, wiegt das locker auf. Um meinen Unterhalt zu finanzieren, unterrichte ich an der Oberstufe, zudem bin ich Tutor an der Fakultät. Dank eines Darlehens der Eltern komme ich dann über die Runden.

Die Uni gibt mir ein solides theologisches Fundament. Daneben suche ich aber auch die kirchliche Erfahrung: Ich bin in Bubikon, passend zu meiner beruflichen Vergangenheit, Personalverantwortlicher der Kirchenpflege. Wenn es die Zeit zulässt, helfe ich auch gerne als Lektor oder im Unti aus. Theologie ohne Kirche oder Kirche ohne Theologie – das kann ich mir für mich nicht vorstellen. Mit Themen aus diesen Bereichen beschäftige ich mich auch in einem kleinen Blog (www.retostuder.ch). Das Schreiben zwingt mich, meine Ideen und Argumente besser zu durchdenken. Aber ich hoffe natürlich auch, dass die Texte gelesen werden.

Manchmal werde ich gefragt, wie ich alle diese Aktivitäten unter einen Hut bringe. Ich bin sicher gut strukturiert. Vor allem aber trenne ich Berufliches und Privates kaum: Wenn mich etwas interessiert, engagiere ich mich dort eben auch. So sind die Grenzen zwischen Pflicht und Musse fliessend. Ausserdem kann ich beim Musikhören bestens auftanken.

Die eigentliche Herausforderung ist eher das Wechseln zwischen den verschiedenen Rollen: Student, Vorgesetzter als Kirchenpfleger, Lehrer von Jugendlichen, Kommunikator beim Bloggen. Meistens klappt das ganz gut. Das Engagement an verschiedenen Orten ist sicher keine schlechte Vorbereitung auf eine Arbeit im kirchlichen Bereich, beispielsweise auf das Pfarramt. Die Praktika im nächsten Jahr werden zeigen, ob das Pfarrersein in Frage kommen kann.

(Erschienen in: “Reformierte Presse”, Nr. 50, 16.12.2011, S. 16; Autor: Herbert Pachmann)

K.

By , 14/12/2011 06:44

Wieder reden sich alle den Mund fusselig: Ist die K. mathematisch auszulegen? Oder inhaltlich? Womöglich, gutdemokratisch, beides ein bisschen und nichts zu sehr? Zwar entweder das eine oder andere, aber erst beim nächsten oder übernächsten Mal? Wir Theologen wissen fraktionsübergreifend: Es gibt nur eine richtige Antwort. Die K. war, ist und bleibt alphabetisch!

Kirchenvorbote

By , 10/12/2011 18:51

Die Wege des Herrn sind unergründlich, sagt man – und es stimmt. Denn: Auch wenn ich mich schon seit jeher mit existenziellen Fragen befasse und als Heranwachsender im Ten Sing meiner damaligen Wohngemeinde aktiv war, die intensive Auseinandersetzung mit Glaubensfragen kam erst ungefähr 2004 auf (das wäre auch einmal ein interessantes Thema). Mir ist aber kürzlich eingefallen, dass ich bereits zwei Jahre zuvor, im Herbstsemester 2002/03, in einem Proseminar meines zweiten Nebenfachs Geschichte, das sich den 1968er Unruhen widmete, die entsprechende Berichterstattung im “Kirchenboten” (heute: “reformiert”) der Jahrgänge 1968 und 1969 untersucht hatte. Was mich, einen mehr oder weniger aus der Kirche hinauskonfirmierten Studenten der Publizistikwissenschaften, zur Wahl dieses Quellenmaterials bewogen hat? Ich weiss es nicht. Gewiss, wegen meines Hauptfachs dürfte ich geschaut haben, dass ich auch in den Nebenfächern “etwas mit Medien machen” konnte. Aber weshalb habe ich hierfür ausgerechnet ein Kirchenblatt ausgewählt? Keine Ahnung. Im Nachhinein kann ich dies nur als leisen Vorboten und stillen Advent dessen werten, was mich heute explizit, im Wieder-Studium, privat und im Ehrenamt, beschäftigt.

Einen ebenso stillen, aber gewissen dritten Advent wünsche ich allen Leserinnen und Lesern!

Die Proseminararbeit förderte übrigens – wer hätte etwas Anderes erwartet? – keine bahnbrechenden Erkenntnisse zutage. Nach der Darstellung und Auswertung des Quellenmaterials kam ich auf der letzten Seite zu folgendem Fazit (hier nur auszugsweise wiedergegeben): “Die Berichterstattung in den untersuchten Ausgaben des ‘Kirchenboten’ über die Studentenunruhen umfasste lediglich zwei längere Artikel. Allerdings handelt es sich bei einem der Texte um eine früh angekündigte und stark ins Zentrum gestellte Titelgeschichte, die sich intensiv mit dem Phänomen der 68er Bewegung auseinandersetzte. Dabei hatte vor allem der damalige Stadtpräsident von Zürich, Sigmund Widmer, die Gelegenheit, sich zu den Vorfällen im Frühling und Sommer des Jahres 1968 zu äussern. Auch wurden auf einer ganzen Seite Leserbriefe zum Thema abgedruckt, wobei viele verschiedene Meinungen berücksichtigt wurden. Die Redaktion des ‘Kirchenboten’ äusserte sich nicht namentlich, sondern stellte ihre Zeitung gewissermassen als Forum zur Verfügung.”

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