Teologia alla Bolognese

By , 25/02/2012 08:24

Die Kritik am Bologna-System – a.k.a. Schlacht am Punkte-Buffet – mag in mancherlei Hinsicht berechtigt sein. Aus eigener Erfahrung kann ich aber sagen, dass auch das Lizentiatssystem, das selbst von Kolleginnen und Kollegen gepriesen wird, die es nie selbst kennengelernt haben, seine Schwächen hatte und dass eine Rückkehr dorthin nicht zwingend besser wäre. Und ebenso aus eigener und gerade eben aufgefrischter Erfahrung möchte ich festhalten, dass zumindest wir Theologen bei Dozenten in die Lehre gehen, welche der Vernunft in der Regel einen hohen Stellenwert einräumen und fünfe (oder, um die Versöhnung mit der schönen, unschuldigen Stadt Bologna auch sprachlich zu demonstrieren: “cinque”) auch einmal gerade sein lassen! Mit dem so verstandenen Bologna-System kann ich allerbestens leben.

Ausserdem: An welcher anderen Fakultät…

…kann man Professoren direkt und unbürokratisch anschreiben und erhält für gewöhnlich innert weniger Stunden, oft auch spätabends oder an den Wochenenenden, eine mehr als brauchbare Antwort (teilweise auch auf Aspekte, die man selbst noch nicht einmal bedacht hat, die aber sicher im Verlauf des Abklärungen noch relevant geworden wären)?

…werden schonmal Stundenpläne umgestellt, wenn ein oder zwei (und nicht zwingend mehr!) Studenten Terminkonflikte melden?

…sind Modulverantwortliche bereit, Abgabetermine von Seminar- und anderen Arbeiten im Einzelfall zu verschieben, auch wenn die Gründe für die Anfrage private sind?

Gewiss, es ist nicht alles perfekt an der Theologischen Fakultät. Aber wir jammern, wenn wir jammern, auf sehr hohem Niveau.

Im Zusammenhang verstanden

By , 23/02/2012 06:51

Als sich Robert Gernhardt 1996 einer schweren Herzoperation unterziehen musste, liess er es sich nicht nehmen, den Anlass so vor- und nachzubereiten, wie dies einem Dichter angemessen ist: mit Gedichten. Daraus entstand die Sammlung “Herz in Not: Tagebuch eines Eingriffs in einhundert Eintragungen”.

Ich mag Gernhardt sehr – in meiner Familie gibt es einige Ärzte – mich interessiert die theologische Praxis. Dieses Dreierlei findet sich, und dies sehr gelungen, in der folgenden Gedankenskizze, die deshalb ganz gut hierher passt. Schon im Spitalbett, aber noch vor der Operation, schrieb Gernhardt:

2.6.[1996] Sonntagmorgenandacht

“Bis hierher hat uns
Gott gebracht in
seiner grossen
Güte”
– vielleicht sollte
mal jemand dem Chor
im Haus-Sender stecken,
dass er vor Krankenhausinsassen singt.

(Aus: Robert Gernhardt, Lichte Gedichte, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1999, S. 225 – hier ist die Gedichtesammlung “Herz in Not” in Kapitel IX, “herzlich”, integriert)

Ich freue mich darauf, mich ab Herbst im kirchlichen Praxissemester zum ersten Mal semiprofessionell-diakonisch betätigen zu dürfen – unterdessen habe ich auch eine Kirchgemeinde gefunden, die mich für ein paar Wochen aufnimmt.

Auch wenn es, wie ich mich kenne, nicht nötig sein dürfte: Die obigen Zeilen von Robert Gernhardt werden mich als Sensibilitäts-Ausrufezeichen begleiten.

Wörter zum Sonntag, vertikal in die Höhe schwadroniert

By , 20/02/2012 09:48

Die letzten Wochen und Monate waren für mich, Deutschland-Interessierter, der ich bin (siehe hier), eine interessante Zeit. Darauf muss ich, denke ich, nicht im Detail eingehen.

Inhaltlich (im Sinne von: “konkret-politisch”) möchte ich mich nicht dazu äussern. Es steht mir als Schweizer und damit Nicht-Direktbetroffenem nicht zu, und es entspräche auch nicht dem Sinn dieses Blogs. “Schuster, bleib bei deinen Leisten!” – daran halte ich mich.

Ich will aber doch, ganz grundsätzlich, festhalten, dass ich es durch und durch erstaunlich finde, dass im Rahmen der Suche nach einem Konsens-Kandidaten für das Amt des deutschen Bundespräsidenten auch Theologen und Kirchenpolitiker als Optionen genannt wurden, und davon gleich mehrere: nicht nur Joachim Gauck, sondern auch der ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Wolfgang Huber, und Katrin Göring-Eckardt, Vizepräsidentin des deutschen Bundestags und Präses der Synode. Gewiss: Dies hängt zusammen mit der verfassungsrechtlich gewollt starken Stellung der Kirche im Staat, mit der inneren Verfasstheit der Kirche in Deutschland, eindeutig auch mit der schieren Qualität der genannten Personen – dies alles mag den Unterschied zur staatspolitischen Marginalität unserer reformierten Kirche erklären, macht den theologisch-kirchlichen Kandidatenpool in Deutschland auf dem gegebenen Niveau aber nicht minder erstaunlich.

Ebendies war gestern auch eines der Themen bei “Günther Jauch”, mit den Gästen Wolfgang Bosbach (CDU), Andrea Nahles (SPD), Hildegard Hamm-Brücher (ex-FDP), Heiner Geissler (CDU) und Ulrich Wickert (ex-ARD). Ich habe mir erlaubt, die entsprechende Passage zu transkribieren, unter grosszügiger Weglassung mancher Doppelungen, Füllwörter und Zwischenbemerkungen, und stelle sie, im Detail unkommentiert, zur Diskussion hier hinein.

Jauch: Auch wenn jetzt alle sagen, das ist prima, und es ist grossartig, und es ist der Kandidat der Herzen – es gibt Menschen, die trauen sich im Moment nicht so richtig vor, aber man hört sie zumindest grummeln: Jetzt haben wir eine ostdeutsche Pfarrerstochter als Kanzlerin, und jetzt haben wir auch noch einen ostdeutschen Pfarrer als Bundespräsidenten. Ist das nicht zuviel protestantischer Osten? Das frag’ ich mal die Katholikin aus dem Westen. Frau Nahles – Sie sind der Gegenentwurf…

Nahles: Ja, also das war der einzige Moment, wo ich ein wenig gezuckt habe heute, ja! (lacht)

Jauch: Tatsächlich?

Nahles: Ja, also, Scherz jetzt – ich habe überhaupt kein Problem, von zwei Protestanten aus dem Osten an der Spitze unseres Staates vertreten zu werden. (Geissler: Oh…)

Jauch: Herr Geissler widerspricht…

Geissler: Also, ich finde das sehr gut. Ich finde das sehr gut, diese Entwicklung. Aber es wirft natürlich auch ein Licht auf die zunehmende Bedeutungslosigkeit des politischen Katholizismus in Deutschland. Das müssen wir auch sehen. Nicht? Und das sollten sich mal einige in der katholischen Kirche genau angucken, nicht wahr, was sich abspielt.

Jauch: Ist das das Problem der Katholiken, oder ist das das Problem der CDU?

Geissler: Nein, das ist ein Problem der Kirche, und zwar des Vatikans. Der Kurie, nicht wahr, die sich vertikal in die Höhe spiritualisiert und die politische Dimension des Evangeliums vollkommen aus dem Auge verliert. Und deswegen wird die Kirche auch nicht mehr – (Wickert: Ich find’ das doch mal gut so…) – Ne, find’ ich gar nicht gut!

Jauch: Herr Wickert, stellen wir nicht fest, da haben wir Joachim Gauck als Pfarrer, da war von Karin Göring-Eckardt die Rede, die sich für die evangelische Kirche engagiert hat, Wolfgang Huber, der ehemalige Bischof… Die Tatsache, dass also allein drei Menschen aus der Kirche doch für präsidiabel gehalten werden – zeigt das nicht, dass es eine gewisse Rückbesinnung zu diesen ursprünglichen christlichen Werten in unserer Gesellschaft doch gibt und dass man sich, wenn die Not auch an der Spitze des Staates am grössten ist, und zweimal gross war: bei Köhler und bei Wulff – dass solche Werte auf einmal wieder reüssieren?

Wickert: Also ich glaube, das erlebe ich selber, wenn ich Vorträge zu dieser Thematik halte, dass die Leute sich nach Werten sehnen und dass sie es auch gerne hören, dass man über Werte spricht. Das wird Ihnen, Herr Bosbach, ja genauso gehen, und Ihnen, Herr Geissler… Und sie möchten da auch sozusagen Leitfaden haben. Aber trotzdem bin ich der Meinung, dass das nichts mit einer neuen Religiosität in der Politik zu tun hat, denn die gesellschaftlichen Regeln, die kommen ja nicht aus dem Glauben, erstmal, sondern aus der Vernunft. Wenn wir jetzt sehen, dass man sagt, Herr Huber oder Frau Göring-Eckardt, also – Herr Gauck ist für mich schon seit langem kein Pfarrer mehr. Der ist seit 1990 in die Politik gewechselt, dadurch, dass er die Gauck-Behörde geführt hat.

Jauch: Aber Glaube und Vernunft schliessen sich doch nicht aus –

Wickert: Oh ja, es schliesst sich aus! Da gab es ein ganz spannendes Gespräch zwischen Herrn Habermas und dem Papst. (Geissler: Na na na…) Natürlich: Glaube und Vernunft schliessen sich aus. Der Glaube ist eher das Gefühl, Vernunft ist eher das, was wir aus der Aufklärung her gelernt haben.

Jauch: Aber das schliesst doch nicht aus, dass gläubige Menschen gleichzeitig als vernünftig angesehen werden –

Hamm-Brücher: Sie haben gefragt, woher kommt das, dass die Protestanten offenbar politisch aktiver sind. Da ich Mitglied der Synoden und des Kirchentagspräsidiums war – war das ein ungeheurer Prozess. Denn ‘Thron und Altar’ war die Mentalität des Protestanten früher. Es war ein Gehorsams-, Unterordnungs-Protestantismus. Wir haben jahrelang an unseren Stellungnahmen gearbeitet, und zum ersten Mal hat sich die protestantische Kirche zur Demokratie bekannt, und zwar sehr ausführlich. Und diese Wandlung hat engagierte Leute hervorgebracht, die das ernstgenommen haben. Wie gesagt, als evangelischer Christ will ich mich ja auch in der Welt engagieren. Und das ist im Augenblick… will ja das der Papst auch bremsen. Er will ja Entweltlichung seiner Kirche. Die Protestanten wollen Verantwortung in der Welt der Protestanten. Das ist ein ganz wichtiger Punkt, Herr Jauch.”

(Aus: “Günther Jauch”, Ausgabe vom 19.2.2012, ARD – online nachsehbar in der ARD-Mediathek, ca. Minuten 24:20-29:30)

Es scheint tatsächlich, dass Godwin’s Law für den evangelischen Diskurs umformuliert und sogar, in der neuen Form, verschärft werden muss: Ohne Vergleiche mit dem Katholizismus (oder: “dem Papst”), teils qualifiziert, teils weniger, geht es nicht – auch wenn das Thema ein ganz anderes ist. Beweise fehlen noch. Es ist derzeit, um Herrn Wickert zu zitieren, eher ein Gefühl…

Erfrischend einfach!

By , 17/02/2012 08:14

Folgendes ist das Titelbild der aktuellen Ausgabe des neuen, vergangene Woche an alle Zürcher Studenten-Haushalte verschickten ASVZ-Magazins “GO!” (hiess vorher “O2”):

Titelblatt GO

Dazu eine kleine Kirchen-Quizfrage: Klettert die Dame auf dem Foto wohl auf– oder abwärts?

(Auflösung für Kopfständige: ¡uɹǝploq ǝpuǝnʇs 'sʇɹǝɐʍqɐ sǝ ǝƃuᴉƃ ¡sʇɹǝɐʍɟnɐ)

Haarscharf daneben

By , 13/02/2012 16:08

Ich bin eine treue Seele. Als meine Coiffeuse die Stelle wechselte, folgte ich ihr in den neuen Salon. Sie bekam meinen beruflichen Umbruch mit, ich begleitete sie, während sie ihres Amtes waltete und meine Haare in Ordnung brachte, seelsorgerlich durch ihre privaten Höhen und Tiefen: das sich lange hinstreckende Einwanderungsprozedere für ihren Freund, die Hochzeitsvorbereitungen – und, bald darauf, die Scheidung. Nun, da sie eine Stelle im Verkauf sucht, trennen sich unsere Wege: Diesen Schritt kann ich beim besten Willen nicht mitgehen, denn ich will meine Haare auch in Zukunft geschnitten haben.

Also habe ich heute einer neuen Coiffeuse eine Chance gegeben. Ich setze mich also auf den Sessel, und schon bald beginnt, während Strähne um Strähne zu Boden fällt, ein lockeres Gespräch über dies und das: wie das Geschäft zu Ferienzeiten laufe, wo man zu Hause sei, was ich beruflich mache. Theologie? Was das sei? Ich, darauf vorbereitet, erkläre es kurz und nenne, um ihr einen Anhaltspunkt zu geben, auch mein Ziel, vielleicht einmal als Pfarrer tätig zu sein. “Pfarrer? Also, dann kannst Du auch vom Teufel Besessene…?” Nun ist sie hellwach.

Nicht lange: Mein Nein macht aus Interesse wieder Gleichgültigkeit. Ich erkläre zwar noch, wie sie sich meinen theologischen Alltag vorzustellen hat: Texte übersetzen und auslegen, die Kirchengeschichte kennenlernen, den grossen Lebens- und Glaubensfragen nachgehen – aber was ist das schon gegen einen richtigen Exorzismus?

Eis mit Stil

By , 11/02/2012 13:29

Annehmen, was einen ereilt, und daraus das Bestmögliche herausholen – eine grosse Kunst, die einzuüben und zu vervollkommnen eine, wenn nicht sogar die Lebensaufgabe ist. “When life gives you lemons, make some lemonade”, heisst es so schön.

Das Blumengeschäft meines Vertrauens ist schon weit fortgeschritten in dieser Disziplin. Dem bitterkalten Wintertag begegnet es gelassen, pragmatisch und unverfroren:

Eisblumen Eisblumen 2

Ich, weder Vogel des Himmels noch Lilie auf dem Felde (Mt 6), kann viel lernen von den Eisblumenmädchen.

Es geht weiher

By , 09/02/2012 16:32

Und wieder einmal neigen sich Semesterferien dem Ende zu. Ferien im Sinne mehrerer arbeitsfreier Tage, womöglich fern von zu Hause, gab es allerdings keine, lediglich andere Arbeitsbedingungen (die ich sehr schätze): keinerlei erzwungene Präsenz an der Uni, stattdessen oft in den eigenen vier Wänden – nicht weniger Aufgaben, dafür die Möglichkeit, diese im eigenen Rhythmus zu erledigen.

Dieser Rhythmus muss dieses Mal allerdings ein sonderbarer gewesen sein. Jedenfalls habe ich in der vorlesungsfreien Zeit längst nicht so viel erreicht, wie ich mir vorgenommen hatte. Wegen mehrwöchigen Vollzeit-Unterrichtens und anderer Verpflichtungen konnte ich lediglich eine einzige Proseminararbeit abhaken (immerhin sehr erfolgreich). Zwei Seminararbeiten, eine zu Barth, eine zu Amos, stehen, ich kann mir den billigen Kalauer bei dieser Themenkonstellation nicht verkneifen: “beim Barthe des Propheten!”, noch aus – unrühmliche Nachwirkungen des vergangenen Jahres, in dem das kirchliche Engagement viel Zeit (und Kopf) beanspruchte und ich mich gezwungen sah, manches Universitäre auf die lange Bank zu schieben.

So werde ich den Semester für Semester erneuerten Vorsatz, meinen Uni-Stundenplan nicht zu überladen, zum ersten Mal einhalten müssen, wenn ich diese Pendenzen abtragen möchte. Erst im Anschluss daran kann ich Neues in Angriff nehmen. Auch wenn mein Umgang mit Vorsätzen bekanntlicherweise von Nachlässigkeit geprägt ist: Ich bin, da unter einem gewissen Druck stehend, zuversichtlich, dass es dieses eine Mal klappt. In gut einem Jahr, im Frühling/Sommer 2013, hätte ich dann, mehr oder weniger programmgemäss, mein Grundstudium hinter mir.

Nun denn: Jetzt diese letzte Vollzeit-Vertretungs-Schulwoche noch anständig zu Ende bringen, nächste Woche einige private und kirchliche Pendenzen abarbeiten, dann tief Luft holen – und zurück in den Alltag im kleinen, warmen Tümpel namens Uni.

Verlosung

By , 03/02/2012 06:44

Schon lange vor Silvester hatte ich mir die Losungen in den Ursprachen Hebräisch und Altgriechisch zugelegt. “Man” will ja in der Lage bleiben, biblische Texte selbst zu übersetzen, nicht wahr?

Nun gut. Der Januar ist vorbei – und das Büchlein mit den täglich zu übersetzenden Versen liegt ungebraucht auf meinem Pult. Wieder einmal!

Rettung und Trost verspricht mir ausgerechnet die Jahreslosung: “Jesus Christus spricht: Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.” Derlei gestärkt übergebe ich die Losungen dem Rundordner.

Nächstes Jahr mache ich es besser.

Knocked out

By , 30/01/2012 06:22

Mitte November hatte ich hier angeregt, dass wir Reformierten unsere Scheu vor Wundern ablegen sollten. Das gilt ganz gewiss und erst recht für einen Eher-Kopfmenschen wie mich.

Und – was soll ich sagen? Seit einem denkwürdigen Erlebnis beim Unterrichten habe ich den Eindruck, auf dem Weg der Besserung zu sein. Das war so: Als ich kürzlich nach einem schwierigen Schulmorgen drei Schüler des Zimmers verweisen und mit Zusatzaufgaben beladen wollte (muss manchmal sein), genauer: just in dem Moment, in dem ich den Mund öffnete, um den Säumigen ebendiese Sanktionen mitzuteilen, klopfte es an der Tür. Eine Schülerin der Nachbar-Klasse wünschte, ihre Kolleginnen und Kollegen um Unterstützung für ihre Projektarbeit anfragen zu dürfen. So aus dem Konzept gebracht, beschloss ich noch während der kurzen Unterbrechung, von den Sanktionen abzusehen. Das Timing war einfach zu perfekt!

Allerdings konnte ich es mir nach dem Mittagessen nicht verkneifen, die betreffenden Schüler beiseite zu nehmen und sie wissen zu lassen, was sich zugetragen hatte. Einer von ihnen, ich darf sagen: nicht der Leiseste, meinte strahlend: “Dann war das ja ein Wunder!” Zurückhaltend mit solcherlei Äusserungen in der Schule, wollte ich dies nicht bestätigen – aber ich nahm mir doch die Freiheit, nicht zu widersprechen.

Der Nachmittag verlief dann übrigens so ruhig wie selten.

Mission Kirchenaustritt

By , 26/01/2012 06:38

Jeder Kirchenpfleger und jede Pfarrerin, jede Kirchenpflegerin und jeder Pfarrer bekommt von Amtes wegen die Kirchenaustrittsschreiben aus der eigenen Gemeinde zu lesen. Dass viele dieser Briefe nicht persönlich verfasst, sondern von entsprechenden Portalen heruntergeladen werden (die sich dafür teilweise fürstlich entschädigen lassen), ist allseits bekannt. Um die Herkunft der Schreiben soll es hier aber nicht gehen.

Es ist eine andere Beobachtung, die ich thematisieren möchte – eine Beobachtung, die sich auf den Ton der Austrittsschreiben bezieht: Ich habe den Eindruck, dass viele dieser Schreiben, nicht nur die downloadbaren Formulare der bekannten Kirchen- und Religionsgegner, erstaunlich aggressiv formuliert sind, und dies in zunehmendem Masse. Beispiel gefällig? Immer häufiger wird der Adressatin, der Kirchgemeinde (in meinem Falle: Bubikon), überheblich-belehrend klargemacht, dass der Austrittswunsch gefälligst zu akzeptieren sei und jegliche Missionsversuche zu unterbleiben hätten. Als ob dies, beides!, nicht selbstverständlich wäre.

Nun meine Frage: Täuscht mich meine Wahrnehmung? Oder teilen Sie, die Sie vielleicht auch in kirchlichen Behörden aktiv sind, diese Beobachtung? Und davon ausgehend: Wenn Letzteres der Fall sein sollte – woher kommt diese Aggressivität? Neigt die Kirche, die ich selbst als sehr zurückhaltend wahrnehme, tatsächlich dazu, Menschen zu umklammern und Austrittswillige als unmündige Missionsobjekte zu sehen? (Ich kann das nicht glauben.) Oder tut sie dies vor allem in der Vorstellung zahlreicher Austrittswilliger, welche die Kirche kaum von innen kennen? Oder ist es einfach so, dass der Austritt leichter fällt, wenn der Kirche, bewusst oder unbewusst, ein (inexistentes) Fehlverhalten unterstellt wird? Oder…?

Ich weiss es nicht. Jedenfalls möchte ich an dieser Stelle für einen Abschied in Anstand und Entspanntheit (beiderseits!) plädieren – wenn es denn schon zu einem Austritt kommen muss.

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