Vorsicht

By , 13/06/2012 18:36

So, die letzte Prüfung meines Bachelorstudiums liegt hinter mir: Kirchengeschichte adieu.

Beim Abgeben meines Gekritzels wurde mir wieder einmal klar, dass ich gut darüber nachdenken muss, was ich hier schreibe – als die aufsichthabende Assistentin mich fragte, ob die Wahrscheinlichkeitsrechnung etwas gebracht habe. Oha.

In der Tat, sie hat: Zwei Themen von den drei vorgegebenen hätte ich locker bearbeiten können, wobei ich mich aus einer nicht näher bestimmten Laune heraus gegen Zwingli und für die Erweckungsbewegung des 18./19. Jahrhunderts entschieden habe.

Jetzt bin ich müde, und so wird der Spaziergang ins Ökumenische Zentrum, zur Kirchenpflege-Sitzung, heute abend meine Erweckungs-Bewegung. Morgen gebe ich den Schülern dann vielleicht frei und schlafe derw…

Aber eben: Ich muss aufpassen, was ich hier schreibe.

Tischgemeinschaft, zum Gedächtnis

By , 12/06/2012 08:47

Es ist tatsächlich das Holz, das einen am Treuesten durchs Leben begleitet.

Pünktlich zum Schulstart, vor der 1. Klasse, hatte ich mein eigenes Pult bekommen: auf der linken Seite ein vierschubladriger Korpus, abschliessbar, darüber eine weisse Tischplatte, beides aus massivem Holz, in der Waagrechten gehalten von zwei Metallbeinen auf der rechten Seite. Offensichtlich beste Wertarbeit: Das Möbelstück begleitete mich durch Primarschule, Gymnasium und Studium, folgte mir aus dem Kinderzimmer in meine Wohnungen in Zürich, Effretikon, Bubikon, Wolfhausen und noch einmal Wolfhausen. Ungezählte Stunden habe ich daran gesessen, ebenso viele Prüfungen daran vorbereitet, Arbeiten geschrieben – und dabei immer wieder einmal, dann, wenn auch Fleiss keinen Preis mehr versprechen wollte, auf Holz geklopft. Äusserlich wie neu, erzählte bis zuletzt allein das Innenleben eine sichtbare Geschichte: Auf dem Innenboden der zweiten Schublade von oben befand sich, unterste Schublade!, ein dunkler Fleck, von einem Sandwich herrührend, das dort, einsam und vergessen, vor Jahren einige Zeit lang vor sich hin gegärt hatte. (Die feinen Bissspuren in der Tischplatte waren dahingegen nur imaginär.)

Irgendwann aber siegen Komfort- und Platzanspruch über Sentimenta-, Loya- und andere -litäten, und so habe ich mein treues, mein teures Pult vor Kurzem, nach über einem Vierteljahrhundert in meinem Dienst, durch eine überlange Planke auf vier Beinen, ohne Korpus und noch ganz ohne Seele, ersetzt – und zunächst in den Keller gestellt, kürzlich nun, aus Platzgründen, für immer weggebracht. Unter uns: Mein Herz hat leise geweint, als wir die Entsorgungsstelle mit leerem Kofferraum verliessen.

Zuviel Wehmut, zuviel Überhöhung? Meinetwegen. Fühlen Sie sich frei, meine Erinnerungsfetzen, mit dem gebotenen Respekt!, zu entmythologisieren. Ich kann das nicht – es geht hier, hoc erat Korpus meum, um mein Pult, Mann!

Curriculum

By , 08/06/2012 06:30

Und wieder einmal ein Französisch-Fehlerli, das auf einer anderen, höheren?, Ebene durchaus Sinn ergibt, gestern im Unterricht aufgeschnappt: “der Orientierungslauf”? – “la course d’ordination”.

Nun ja: Pfarrbiographisch gewiss nicht falsch. (Und nach abgestrampeltem Vikariat ist sicher nicht Schluss: Nach dem Ausbildungsendspurt ist vor dem Amt.)

Geschichte in sechzig Teilen

By , 05/06/2012 14:49

Und schon wieder ist es kurz vor 15.00 Uhr. Für einen, der auf eine Prüfung in Reformationsgeschichte lernt, ein echtes Problem: Bei jedem Blick auf die Digitaluhr, wenigstens ab 15.16 Uhr (Schriftprinzip bei Zwingli) erfolgt die Erinnerung an ein anderes Ereignis jener Zeit – oder, noch schlimmer, pocht die allenfalls unscharfe Erinnerung auf ein nochmaliges Repetieren. Ignorieren unmöglich! Immerhin hat das, ansonsten doch recht umständliche, Sexagesimalsystem den wunderbaren Nebeneffekt, dass um 15.59 Uhr (erste französische Nationalsynode/Confessio Gallicana, Gründung der Genfer Akademie, letzte Fassung der Institutio) Schluss ist mit der Reformation. Dann geht es direkt mit 1600 weiter – das Wichtigste ist da längst durch. Oder?

In eigener Sache: auf der Menukarte von ref.ch

By , 01/06/2012 09:25

Ref.ch, das Internetportal der reformierten Kirchen der deutschsprachigen Schweiz, wird seit 2006 auch von Bloggern bevölkert. Genauer: Ausgewählte Theologen schreiben in je eigenen Blogs über theologische und kirchliche Themen – ohne Vorgaben seitens des Portals, welches den Raum dafür zur Verfügung stellt. [1]

Im Zuge einer Neulancierung des Blog-Angebots auf ref.ch wurde ich angefragt, ob ich wohl Interesse hätte, künftig daran mitzuwirken. Nun: ich habe.

Wie mein treues Publikum weiss, schreibe ich die Texte hier, weil ich fürs Leben gerne schreibe, aber eben auch, es sei mir verziehen, damit sie gelesen werden. Was könnte da, unter zwei Bedingungen, Besseres geschehen als die Protegierung durch ein offizielles Portal wie ref.ch?

Diese beiden Bedingungen sind erfüllt: Das Blog bleibt auch in Zukunft hier, also auf meiner persönlichen Website. Ref.ch hat mir freundlicherweise angeboten, es “lediglich” (aber prominent) zu verlinken: Ein Umzug an eine neue (ref.ch-)Adresse ist zurzeit also nicht vorgesehen. Gut für eine Seite, die, wie die Zugriffsstatistiken zeigen, bereits einigermassen etabliert ist! Erstens. Zweitens bleibe ich, wie es sich gehört, in Themenwahl und Schreibrhythmus frei. [2]

Es wird sich also, wenn man es recht bedenkt, kaum etwas ändern, ausser dass vielleicht ein paar Menschen mehr vorbeisehen. Aber das ist ja das Schöne an diesem Internetz-Dingsbums: Es hat genug Platz für alle.

Vielen Dank, liebe ref.ch-Menschen, für das Vertrauen – und ein herzliches Will- und Immer-wieder-Kommen den neuen Gästen! [3]

[1] Herausgeber von ref.ch sind die “Reformierten Medien”, die u.a. auch die “Reformierte Presse” herausgeben.
[2] Vor der “Schere im Kopf” habe ich übrigens keine Angst: Interessenskonflikte gab es auch bisher schon, und ich bin damit, denke ich, ganz gut umgegangen. (Und: “Wes Brot ich ess, des Lied ich sing” zählt auch nicht: Ich verdiene mir meine Brötchen anderweitig.)
[3] Für Rückmeldungen, sei es in den Blog-Kommentaren (wo es manchmal rund geht), sei es auf anderem Wege, bin ich selbstverständlich jederzeit offen. Mehr noch: Ich freue mich darüber.

Auf dem hohen Ross

By , 29/05/2012 07:04

Die Kirche und die Privatwirtschaft: eine Geschichte voller Vorurteile – meiner Erfahrung nach allzu oft auch von kirchlicher Seite ausgehend. Auf wohlfeile Generalabrechnungen mit “der Wirtschaft” aus dem doch eher geschützten Bereich von Kirchgemeinde und Theologischer Fakultät reagiere ich allergisch.

Manchmal habe ich den Eindruck, ich sei weit und breit der Einzige, dem dies so geht. Dass es dann aber doch nicht so schlimm ist, zeigt ein Interview mit der Unternehmensberaterin Eva Häuselmann, das in der aktuellen Ausgabe der Wochenzeitung “Reformierte Presse” (Nr. 21, 25.5.2012) veröffentlicht wurde:

“Theologen sind für Wirtschaftsfragen nicht ausgebildet. Was darf man von ihnen erwarten?

Häuselmann: Vor allem, dass sie ihre fehlende Hörbereitschaft und die Vorurteile aufgeben. Es wäre wichtig, dass sie das Unternehmertum einmal mit anderen Augen sehen. An der Universität wird darauf nicht viel Wert gelegt. Und wenn, dann wird nur theoretisch über Wirtschaft geredet. Und wenn Theologiestudenten ihr kurzes ‘Wirtschaftspraktikum’ dann zum Beispiel bei einem Friedhofsgärtner machen, frage ich mich schon, ob das Praktikum diesen Namen überhaupt verdient.”

(Erschienen in: “Reformierte Presse”, Nr. 21, 25.5.2012, S. 5; Autor: Herbert Pachmann)

Dies zu lesen, tat gut – und bedeutete für mich ein kleines, grosses Déjà-vu, hatte ich doch für die Bubiker Gemeindebeilage von “reformiert”, den “Chileblick”, vom September 2010 in einem ansonsten positiven Artikel zu Theologiestudium und praktischer Ausbildung ganz Ähnliches geschrieben:

“Eine andere Kollegin hat für den Bereich ‘Wirtschaft’ zwei Wochen lang Pferdeställe ausgemistet… Das ist zwar eine ehrenwerte Arbeit – dem Ziel, künftige Steuergeldempfänger einem privatwirtschaftlichen Umfeld auszusetzen, aber gewiss nicht förderlich. Hier wird sich meiner Meinung nach einiges ändern müssen.”

Immerhin, das Gute zum Schluss: Nach der Einführung ins kirchliche Praxissemester, das ich im Herbst antreten werde, habe ich den ehrlichen Eindruck, es habe sich schon etwas geändert, die Ansprüche seien inzwischen etwas andere. Sollte dem so sein, kann sich die Investition des Praktikums-Halbjahres tatsächlich auszahlen – letztlich, so hoffe ich, für alle Seiten.

Für sich gemeinsam – zu Pfingsten

By , 27/05/2012 07:47

Ich mag leicht übertrieben haben, als ich in einem früheren Text das Jerusalem-Seminar von letztem Jahr als atemraubende Schnitzeljagd von Scherbengrab zu Scherbengrab charakterisierte. Ein bitzeli stimmte das aber schon.

Jedenfalls: Hin und wieder hatten wir auch Gelegenheit, das Land allein oder in Gruppen auf eigene Faust zu erkunden. Besonders gerne erinnere ich mich hierbei an den Besuch Bethlehems – für mich die Offenbarung der ganzen Reise. Aus unorthodoxem Grund allerdings: Es war nämlich nicht, wie ich gerne sagen würde, die Geburtskirche, die mich so nachhaltig beeindruckte, sondern ein an und für sich stinknormaler lutherischer Gottesdienst, zu dem wir vom Pastor eingeladen worden waren.

Weshalb? Weil ich hier zum ersten ersten Mal nicht erdachte, sondern konkret, live, erfuhr, was Oekumene im Sinne einer weltumspannenden Christenheit bedeuten kann: Von der auf Arabisch gehaltenen Predigt verstand ich natürlich nichts – aber die Lieder, ebenfalls in arabischer Sprache, waren mir von der Melodie her bestens vertraut, und auch wenn die Anwesenden das Apostolikum und das Unservater in ihren je eigenen, mir völlig fremden Sprachen herunter- bzw. hinaufbeteten, hatte ich doch den Eindruck, dass ich sie alle in meiner Muttersprache reden hörte (Apg 2).

Jeder für sich das eigene und doch gemeinsam dasselbe – einen Moment lang habe ich nichts und doch alles verstanden.

Frohe Pfingsten wünsche ich Ihnen – und viele solcher Pfingstereig- und -erlebnisse, heute und sowieso.

Matheologisches

By , 22/05/2012 07:26

Noch drei Wochen bis zur nächsten (und für längere Zeit letzten) Prüfung. Ich mag es, ein vernünftiges Mass an Lernstoff intensiv zu bearbeiten, gerne auch in schriftlichen Arbeiten, und habe im Gegenzug weniger Freude daran, annähernd unübersichtlich viel Stoff nur oberflächlich ins Gehirn zu hämmern – doch genau das ist bei Grundkursen notwendig, und genau deswegen schwimme ich im Moment noch ein wenig.

Immerhin: Letzte Woche wurde eine Liste möglicher Essaythemen ausgeteilt, so dass wir wissen, in welche Richtung wir lernen müssen. Von den zwölf angegebenen Themenkomplexen werden dann, in Ergänzung zu einem Block von Multiple-Choice-Fragen, deren drei zur Wahl gestellt – eines davon ist zu bearbeiten.

Jetzt möchte der Homo Oeconomicus in mir, ein fauler, opportunistischer Schweinehund, (sicheren) Aufwand und (erhofften) Ertrag in ein vernünftiges Verhältnis bringen. Deshalb habe ich vorhin meine Kenntnisse in der Wahrscheinlichkeitsrechnung reaktiviert – und bin dabei zu einer ermutigenden Erkenntnis gekommen: Wenn ich von den zwölf möglichen Themen sieben, also gerade einmal eines mehr als die Hälfte, vorbereite, beträgt die Wahrscheinlichkeit, dass an der Prüfung mindestens eines der im Vorfeld zum genaueren Studium auserkorenen zur Wahl steht, stattliche 95.5 Prozent.

Können die naturwissenschaftlich Bewanderten unter uns die Richtigkeit meiner Kalkulation – ich rechnete 1-5*4*3/12/11/10 – bestätigen? Und könnten die Theologinnen und Theologen, die hier lesen, mich vielleicht wissen lassen, ob ich das Restrisiko in Kauf nehmen und es einfach fatalistisch-gelassen als Zeichen von oben betrachten sollte, wenn am Ende, mit einer Wahrscheinlichkeit von gerade einmal 4.5 Prozent, doch ausschliesslich Unvorbereitetes vorgeschlagen wird?

Suchen, was droben ist – zu Auffahrt

By , 17/05/2012 10:54

Im Zuge meiner Lernanstrengungen in Kirchengeschichte habe ich zurzeit auch intensiv mit verschiedenen Katechismen aus der Reformationszeit zu tun. Auch wenn dafür bisweilen ein gerüttelt Mass extrinsischer Motivation notwendig ist – es ist schön und tut wohl, beim Quellenstudium festzustellen, dass, wenngleich natürlich vor anderen Hintergründen, die Fragen damals, vor gut vierhundertfünfzig, fünfhundert Jahren, im Grunde genommen dieselben waren wie heute. So schlimm kann es also nicht stehen um uns! Es gibt keinen Grund für uns bisweilen unverstandene Theolögchen, eingesessene wie angehende, zu verzagen oder gar zu resignieren: solange noch, wie früher auch, Fragen gestellt werden…

Hier eine aus dem Heidelberger Katechismus von 1563, passend zum heutigen Feiertag:

“Frage 49: Was nützt uns die Himmelfahrt Christi?

Erstens:
Er ist im Himmel
vor dem Angesicht seines Vaters
unser Fürsprecher.

Zweitens:
Wir haben durch unseren Bruder Jesus Christus
im Himmel die Gewissheit,
dass er als das Haupt uns, seine Glieder,
auch zu sich nehmen wird.

Drittens:
Er, sitzend zur Rechten Gottes,
sendet seinen Geist zu uns,
der uns die Kraft gibt,
zu suchen, was droben ist,
und nicht das, was auf Erden gilt.”

(Aus: Evang.-ref. Kirche/Lippische Landeskirche/Reformierter Bund [Hg.]: Heidelberger Katechismus [1563], revidierte Ausgabe, Neukirchener Verlagsgesellschaft, 4. Auflage, Neukirchen-Vluyn 1997, S. 33 – online hier verfügbar)

“Suchen, was droben ist” – welch simpel-schöne Formulierung (aus Kol 3,1f.) für das, was auch mich, intrinsisch motivierend, umtreibt.

Ich wünsche Ihnen und Dir, mir und uns die angesprochene Kraft für das weitere Suchen – und damit für die beharrliche Arbeit am eigenen Privat-Katechismus, dem eigenen Verständnis dessen, was “da oben” sein mag. Ich bleibe, um es im Tagi-Jargon zu sagen, dran.

Meinen deutschen Freunden (die Freundinnen sind für einmal explizit nicht mitgemeint), welche das Datum der Himmelfahrt Christi traditionellerweise für ein Himmelfahrtskommando namens Herrentagspartie nutzen, sei mit Nachdruck gesagt: Der Heidelberger Katechismus meint mit “Geist” etwas ganz und gar Alkoholfreies.

Partizipperlein

By , 15/05/2012 14:41

Heute erreichte mich, wie alle Kolleginnen und Kollegen, die Bitte der Uni, mich zügig für das kommende Semester einzuschreiben. Absender des E-Mails: die Abteilung Studierende.

Nun meine bange Frage: Wenn ich im Herbstsemester wegen Praktikumsabwesenheit vorübergehend kein Studierender bin, sondern nur Student – gibt es dann niemanden, der mich liebevoll verwaltet?

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