Category: Theologie

Auf der Kanzel

By , 13/01/2013 16:25

Geboren im April 1980, dann die bekannten “kindlichen ersten Male” wie folgt: gelächelt im Juli 1980 – vom Bauch auf den Rücken gedreht im Oktober 1980 – ohne Muttermilch im Dezember 1980 – vom Rücken auf den Bauch gedreht im Januar 1981 – gerollt im Februar 1981 – gesessen im März 1981 – aufgestanden im Mai 1981 – gegangen im Oktober 1981 – gesprochen im Oktober 1982 – am Tag trocken im November 1982 – Nuggi-los im Juni 1983…

Im Nachhinein scheint es klar: Der Weg zum Pfarrer war vorgezeichnet. Und so kommt als grosses Datum in meinem Lebenslauf der Januar 2013 hinzu. Am heutigen 13.1. habe ich meine erste Predigt gehalten, mehr noch: meinen ersten eigenen Gottesdienst geleitet.

Alle Texte hatte ich allein geschrieben, alle Lieder selbst ausgewählt (beides natürlich im Austausch mit, ich kann mich nur wiederholen, der denkbar besten aller Praktikumsleiterinnen) – und es hat “gepasst”: Ich war vom Inhalt überzeugt, ich war von der sprachlichen und musikalischen Gestaltung überzeugt ([1]), ich war vom Wohlwollen der Kirchgemeinde überzeugt ([2]) – deshalb war ich nicht nervös, sondern ziemlich entspannt, stellenweise richtiggehend “in meinem Element”.

Die Rückmeldungen waren denn auch sehr positiv (und gingen über das beinahe schon sprichwörtliche Lob für die “schöne Krawatte” hinaus [3]). Eine sehr schöne Bestätigung – und gewiss eine der erfreulichsten Erfahrungen des Praxissemesters für mich: zu sehen, dass ich “das” kann. Bestimmt: Vieles lässt sich besser machen, Vieles werde ich im Vikariat und danach noch besser können. Aber der Anfang ist gemacht – und darauf kommt es mir, der ich mich eher zurückhaltend und mit (zu?) viel Ehrfurcht an die “Institution” der Predigt herangetastet hatte, an. [4][5]

[1] In punkto Musik habe ich mich für “klassische” Lieder entschieden: nicht weil ich nicht für andere Stücke zu haben wäre, sondern weil es mir wichtig war, meinen ersten Gottesdienst mit lautem (und korrektem) Gemeindegesang zu feiern.
[2] Die meisten anwesenden Gemeindeglieder kannte ich schon von früheren Gottesdiensten und Gesprächen her. Zusätzlich nahmen meine bessere Hälfte, Familienmitglieder, eine Studienkollegin und deren Ehemann sowie ein Bekannter aus Bubikon, dem ich freundschaftlich verbunden bin, teil. Was sollte da schon schiefgehen?
[3] Ich hatte mir allerdings in der Tat eine schöne Krawatte umgebunden.
[4] Spätestens ab Dienstag gab es aber kein Zurück mehr. Meine Praktikumsleiterin hatte dann dem Lokalblatt “Zolliker Bote” in Absprache mit mir ein “Eingesandt” geschickt, das meinen Einsatz ankündigte und in der Ausgabe vom 11.1.2013 (Nr. 1-2/2013) abgedruckt wurde. So blieb mir nur noch eine Möglichkeit: nach vorne zu schauen.
[5] Fotobeweise (in schlechter Bildqualität) gibt es hier und hier. Auch Tonaufnahmen habe ich machen lassen, aber diese landen vorerst einmal in meinem kleinen Privatarchiv. Etwas für die Enkel…

Schreiben und schreiben lassen

By , 11/01/2013 12:30

Kurz vor Beginn des Kirchgemeinde-Praktikums noch rasch eine Seminararbeit über eine Predigt des grossen (und sich gerne prononciert-absolutistisch äussernden) Karl Barth zu verfassen, war vielleicht doch keine so gute Idee. [1] Denn wenn, wie dieser schreibt, menschliche Befindlichkeiten in der Predigt nichts zu suchen haben und Theologen (und wahrscheinlich also auch angehende Theologen) stattdessen ausschliesslich von Gott reden sollen, was wir aber nicht können – dann kommt der Praktikant, der sich im Pfarrer-Handwerk versuchen möchte und sich sowieso schon viel zu viele Gedanken macht, an den Anschlag… [2]

So geschehen wenige Tage nach Neujahr, nachdem die denkbar beste aller Praktikumsleiterinnen und ich entschieden hatten, dass ich einen ganzen Gottesdienst allein gestalten und folglich auch eine Predigt schreiben würde: meine erste.

Also: die Perikopenordnung konsultiert, den vorgeschlagenen Predigttext von allen Seiten begutachtet und durchdacht, parallel dazu zwei, drei Kommentare gewälzt, endlich mit dem Schreiben begonnen – aber, dank Barth (und eigenen perfektionistischen Anwandlungen), mit leicht angezogener Handbremse. Man will ja nichts falsch machen, nicht? Dass mir eine künstlerisch versierte Praktikerin mit dem Hinweis Mut machen wollte, ich solle das Predigtschreiben doch einfach so entspannt angehen wie das Malen eines Bildes, hat nicht geholfen – im Gegenteil.

Die Predigt drohte eine Zangengeburt zu werden – bis ich eines späten Abends, nicht mehr ganz wach und noch nicht ganz schlafend, die langersehnte Eingebung hatte. Nun war urplötzlich, und völlig unerwartet, “alles” ganz “klar”! Also sofort aufgestanden, ein Blatt Papier und einen Kugelschreiber geschnappt und die Idee für den nächsten Tag festgehalten. Damit standen Aufbau und innere Logik der Predigt. Und beides habe ich nicht mehr gross verändert – wenigstens da mit Sicherheit, wo ich meine sich vor Enthusiasmus überschlagende Schrift noch entziffern konnte.

Ich mache mir nichts vor: Am Ende wird eine gute, aber sicher keine grosse Predigt stehen. Dazu fehlt es mir noch an homiletischer Erfahrung und Sicherheit und an liturgischer Präsenz. Aber den Entstehungsprozess einer Predigt so intensiv und mit dieser überraschenden Wendung zu erleben, ist doch schon mehr, als ich erwarten durfte – da bleibt mir eigentlich nur noch, den Gottesdienst am Sonntag zu geniessen.

[1] Ich habe Barths Predigt vom 10.12.1933 untersucht (die Predigt wurde u.a., noch im selben Jahr, in der fünften Nummer der Zeitschrift “Theologische Existenz heute” abgedruckt; Thema und Überschrift: “Die Kirche Jesu Christi”).
[2] Zur Klarstellung: Ich mag Barth, bzw. das, was ich von ihm kenne und verstehe, sehr. Sein Ansatz ist meiner Meinung nach ein willkommenes Korrektiv für Pfarrerinnen und Pfarrer, die zu erfahrungsschwerem Kanzelsprech neigen – aber er ist eben doch auch brutal.

Gleichnis vom Schwarzrock und vom Silberfuchs

By , 10/01/2013 11:32

Der Grossteil meiner CDs ist in meinem Büro versammelt, in CD-Türmen eines bekannten schweiz… nein: schwedischen Möbel- und Hotdog-Fabrikanten. Sortiert sind die Alben, natürlich, alphabetisch nach dem Interpretennamen – innerhalb dieses Kriteriums machen die Best-Of- und andere Zusammenstellungen den Anfang, an die sich dann die regulären Alben in der Reihenfolge ihrer Erstveröffentlichung anschliessen.

Ich schreibe das, damit Sie nachvollziehen können, dass alles seine objektive Ordnung hat und die folgende Auffälligkeit also reiner Zufall – oder Fügung – ist. Schauen Sie einmal:

Geld und reich

Habe ich jetzt ein Problem? Immerhin heisst es:

It is easier for a camel to go through the eye of a needle than for a Rich man, i.e. a man with lots of Cash, to enter into the kingdom of God. (relativ frei nach Mk 10,25 – King James Bible)

Ob es mich wohl rettet, dass ich mit den Carpenters (ganz links [1]) auch Zimmerleute-Musik in der Sammlung habe? Bin ich dann vielleicht doch ein, rechts im Bild, Righteous Brother? [2]

[1] Ganz zu schweigen von Bob Dylan (zwei Fächer unter “Cash” und deshalb nicht im Bild).
[2] Ein Hinweis für die Nicht-so-Insider: Die Überschrift dieses Blog-Eintrag spielt auf die Übernamen der Herren Cash und Rich an: “Man in Black” beziehungsweise “Silver Fox”. Nicht gemeint sind also Pfaffen und pensionierte Uni-Auditoren.

Zurück und vor

By , 31/12/2012 11:17

Und schon wieder neigt sich ein Jahr dem Ende zu – ein, für mich, strenges, aber, das ist ja kein Gegensatz, ein richtig gutes Jahr! Ein ausführlicher Rückblick liegt heute leider weder persönlich noch für das Blögli drin: Ich gehe, an der Seite der denkbar besten aller Praktikumsleiterinnen ever, voll und ganz in meinem Dasein als Kirchen-Praktikant auf… [1] Deshalb nur ein kurzes Resumée:

Im Studium blieb ich auf Kurs: Der Bachelorabschluss ist nur noch eine Formsache; alle dafür notwendigen Veranstaltungen sind absolviert, die Leistungsnachweise, inkl. Bachelorarbeit, erbracht – nur das Diplom fehlt noch (oder auch nicht). Im neuen Jahr wird es, wenn das Praxissemester Ende Januar beendet ist, noch zügiger weitergehen – mehr dazu vor Beginn des neuen Semesters.

Im Rahmen der Kirchenpflege habe ich, nebst den wiederkehrenden Aufgaben eines Behördenmitglieds und Personalverantwortlichen, die Arbeit in und mit der Pfarrwahlkommission zu Ende gebracht, ausserdem auch federführend an der Suche und Einstellung dreier Mitarbeiter mitgewirkt – und, weil die neue kirchliche Personalverordnung es so will, sämtliche Anstellungsverträge in Anstellungsverfügungen umgewandelt. [2] Morgen beginnt schon das letzte vollständige Kalenderjahr dieser Amtsdauer…

Und daneben habe ich ja auch noch ein wenig (für Geld) gearbeitet, unterrichtend an der Schule (liebe, fordernde Klasse!) und, zeitlich befristet, abtippend an der Fakultät (spannende Kirchengeschichte!). Im neuen Jahr winkt nun, nach einem Unterbruch wegen des Praxissemesters, endlich wieder das Hebräisch-Tutorisieren – darauf freue ich mich. [3]

Zumindest die kommenden Monate sind also noch ganz gut durchgeplant. Es wird aber zweifellos auch viel Raum für Neues geben, für Kirchen-Praktisches und zum Theologisieren – mehr als bisher.

So – jetzt noch einmal, zum letzten Mal in diesem Jahr, aus dem Haus, in meine Praktikumsgemeinde: an eine Abschiedsfeier in einem Altersheim und anschliessend an ein Silvester-Konzert.

Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, wünsche ich für das kommende Jahr nur das Beste! Für Ihr Interesse an meinen Gedanken, und vielleicht auch den einen oder anderen Zwischenruf von Ihrer Seite, danke ich Ihnen vielmals. Bleiben Sie an Bord? Ich würde mich freuen.

[1] Inhaltliche Berichte werden bestimmt noch folgen. Ein guter Vorsatz?
[2] Gruss an den Präsidenten: Der Jahresbericht wird dieses Mal ein wenig länger ausfallen.
[3] Auf die Anschaffung der Losungen in den Ursprachen habe ich aber wohlweislich verzichtet.

Sein als Schein

By , 24/12/2012 07:00

Über das nachbarschaftliche, gartenübergreifende Baumschmücken in meiner Dübendorfschen Heimat habe ich bereits berichtet. Auch dem “Glattaler” war es in seiner Ausgabe vom 14.12.2012 eine kurze Meldung bzw. ein Foto wert.

Das beste Bild aber hat mein Vater geschossen – im Hoch- und Tiefschnee des 8. Dezembers:

Christbaum

(Bild [gänzlich unbearbeitet]: M. Studer)

Damit wünsche ich Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, ein frohes Weihnachtsfest!

Bei mir stehen zwei Familienfeiern an (ich habe ja früh genug geübt mit Zupfen), die Mithilfe bei einem Gottesdienst in meiner Praktikumsgemeinde – und ein paar ruhige Stunden zum Nachdenken über meine erste Predigt…

Meysterfeyer

By , 21/12/2012 05:39

Das kleine (und weiterhin feine) Lied mit der Luftaufsichtsbaracke kannte ich natürlich schon lange, als ich dessen Texter, Komponisten und Sänger zum ersten Mal auftreten sah: an einem Samstagabend im Januar 1997, bei “Wetten, dass..?”, mit “Lilienthals Traum”. Eigentlich unvorstellbar: Es ist Showtime – und ein schmächtiger, grauhaariger Mann singt live, ohne äussere Showeffekte und in deutscher Sprache ein beinahe achtminütiges, textlastiges, symphonisches Heldenepos über einen Flugpionier aus dem 19. Jahrhundert. Damit, mit dem Lied und dem grossartigen, wie aus der Zeit gefallenen Vortrag, hatte er mich im Sack – ein für allemal: Es sollte der Beginn sein einer bis zum heutigen Tag anhaltenden Freude an den Beobachtungen, dem Sprachvermögen, der Dichtkunst, den Melodien des Liederdrechslers Reinhard Mey.

Sein phänomenales Werk ist eine bunte Mischung von Liedern zu, fast, allem Erdenklichen. Da wechseln sich munter ab: Geschichten und Gedanken über und für seine Kinder (in all deren Lebensphasen); die präzise Darstellung von Figuren, Ereignissen, Entdeckungen in der nahen und fernen Geschichte; philosophische Betrachtungen über Alltägliches, aber auch über das ganz Grosse (oftmals kein Entweder-Oder, sondern ein Sowohl-als-Auch); meist kitschfreie Oden an seine Frau Gemahlin, die Liebe per se, die Musik, seine grosse Sehnsucht (und das spätere Hobby): das Fliegen; mal lockerflockige, mal beissende Gesellschaftskritik; Erinnerungen an die eigene Kindheit und Jugend; augenzwinkernde Selbstbetrachtungen; Reflexionen über Vergänglichkeit und Tod; immer wieder sein Berlin – und vieles mehr.

In den über vierzig Jahren seiner Liedermacherei sind noch und nöcher hinreissende Werke in deutscher, französischer, niederländischer Sprache entstanden, die mich begeistern – und ist der Name Mey zu einer festen “Marke” in der Musikbranche geworden: Die Alben, die er weiterhin im Zwei- bis Drei-Jahres-Takt aufnimmt und veröffentlicht (letzteres immer, natürlich, im namensverwandten Monat Mai), verkaufen sich, fast ohne Werbung, hervorragend, die sich daran anschliessenden Tourneen – gut sechzig lange Abende am Stück, an denen er, schmächtiger, grauhaariger Mann, ohne äussere Showeffekte und nur von seiner Gitarre begleitet, die Lieder, neue wie alte, auf das Wesentliche reduziert – sind, ebenso zurückhaltend beworben, in der Regel ausverkauft.

Und ein Ende ist nicht in Sicht: Im kommenden Frühling wird Mey bei seiner Plattenfirma ein weiteres Mal ein frisch aufgenommenes, fixfertig abgemischtes und gemastertes Album einreichen, das dann, ganz und gar unverändert, am 3. Mai in den Handel kommt (eine solche Verfügungsgewalt über das eigene Werk ist fast beispiellos in der Branche). Die neue Produktion soll “Dann mach’s gut” heissen.

“Dann mach’s gut!” – das wünsche auch ich: Reinhard Mey zum heutigen Siebzigsten. Mögen noch viele weitere folgen!

Zum Einstieg seien an dieser Stelle die folgenden Alben empfohlen: “Mein achtel Lorbeerblatt” (1972), “Wie vor Jahr und Tag” (1974), “Farben” (1990), “Flaschenpost” (1998) und der Kinderlieder-Sampler “Mein Apfelbäumchen” (1989).

Gemachtes Bildnis

By , 13/12/2012 17:22

Donnerstags unterrichte ich morgens und nachmittags; über Mittag beaufsichtige ich, drinnen, meine Klasse beim Essen und während der darauffolgenden Pause, draussen, die ganze Oberstufe. Bei der Ausübung des letztgenannten Ämtlis hat es sich eingebürgert, dass eine bestimmte Schülerin und ein bestimmter Schüler mich beim Mehrfach-Rundgang um das Schulhaus begleiten und wir über dieses und jenes sprechen – wobei beide Seiten Kraft für die zweite Tageshälfte tanken.

Als ich mich heute kurz aus dem Mittagsgespräch ausklinken musste, um ein paar andere Jugendliche an die bestbekannten Verhaltens- und Umgangsregeln auf dem Pausenplatz zu erinnern, hörte ich, wie hinter mir die (bestimmte) Schülerin, die mich aus meiner Kirchgemeinde kennt, beinahe konspirativ zum (bestimmten) Schüler sagte: “Der macht das immer so gut. Schöne Sprache. Aber klar – er wird ja auch Pfarrer!”

Wenn die Guten wüssten, dass ich auch ganz anders kann… Aber weshalb mich wehren, wenn das Bild vom Pfaffen schon einmal ein erfreuliches ist?

Hält euch kein Dunkel mehr

By , 10/12/2012 05:40

Advent – Weihnachten steht vor der Tür, hinter der Dunkelheit erwartet uns ein, das Licht. Kaum irgendwo ist dieses Bild schöner und tröstlicher gemalt als in diesen acht Zeilen:

Die Nacht ist vorgedrungen,
der Tag ist nicht mehr fern.
So sei nun Lob gesungen
dem hellen Morgenstern.
Auch wer zur Nacht geweinet,
der stimme froh mit ein.
Der Morgenstern bescheinet
auch deine Angst und Pein.

(Aus: “Weihnachtslied”, Text: Jochen Klepper, Erstveröffentlichung in dem Gedichtband “Kyrie. Geistliche Lieder”, 1938) [1]

Der genialische Autor, Dichter, Schriftsteller Jochen Klepper, sensibler Drechsler obiger Verse, geboren 1903, Sohn eines evangelischen Pfarrers, verheiratet mit der um einige Jahre älteren Johanna Stein: Mutter zweier Töchter aus erster Ehe – Jüdin; deswegen ab der Machtübernahme der Nationalsozialisten immer mehr in der Ausübung seines eigentlichen Berufs als Journalist eingeschränkt und schliesslich notgedrungen als “freier” Schriftsteller tätig, bisweilen fiebrig-schnell arbeitend, verwerfend, neu beginnend; noch im Jahre 1940 zum Wehrdienst eingerückt, um seine Ehefrau und deren jüngere Tochter Renate (die ältere, Brigitte, lebte im sicheren Ausland) vor der drohenden Deportation zu schützen, doch schon bald wieder entlassen, da er nicht in die von den Behörden erwartete Scheidung einwilligt – in der Furcht vor einer Zwangsscheidung und dem damit vorgezeichnet scheinenden Weg beider Frauen ins Konzentrationslager nimmt er sich in und mit seiner kleinen Familie in der Nacht vom 10. auf den 11. Dezember 1942 das Leben.

Heute vor siebzig Jahren.

Den “hellen Morgenstern”, den er im oben zitierten, fast genau fünf Jahre zuvor verfassten “Weihnachtslied” besingt, scheint Klepper bei aller irdischen Verzweiflung bis zum Ende vor und über sich leuchten gesehen zu haben. Sein letzter Tagebucheintrag endet mit den Worten: “Über uns steht in den letzten Stunden das Bild des Segnenden Christus, der um uns ringt. In dessen Anblick endet unser Leben.”

Persönlicher Hinweis:
Ich selbst bin nur per Zufall und ausserhalb von Studium und Kirchgemeindearbeit auf Jochen Klepper und sein Werk gestossen. Wäre dieser runde Jahrestag, liebe mitlesende Pfarrerinnen und Pfarrer, nicht vielleicht ein guter Anlass, demnächst eines seiner Lied-Gedichte ins Zentrum eines Gottesdienstes zu stellen? Muss ja nicht zwingend noch im Advent sein – Klepper hat zu fast allen Feiertagen und Anlässen geschrieben…

Literaturempfehlung:
a. Gesangbuch der evangelisch-reformierten Kirchen der deutschsprachigen Schweiz [2]
b. Klepper, Jochen: Unter dem Schatten deiner Flügel. Aus den Tagebüchern der Jahre 1932-1942, Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt, 1956 (mehr hier).
c. Baum, Markus: Jochen Klepper, Schwarzenfeld: Neufeld Verlag, 2011 (mehr hier).

[1] Der Titel dieses Blog-Eintrags entstammt demselben Gedicht – der ebenso schönen (und wunderbar unverträumt startenden) vierten Strophe, die da lautet: “Noch manche Nacht wird fallen / auf Menschenleid und -schuld. / Doch wandert nun mit allen / der Stern der Gotteshuld. / Beglänzt von seinem Lichte, / hält euch kein Dunkel mehr. / Von Gottes Angesichte / kam euch die Rettung her.”
[2] Nicht weniger als elf Gedichte Kleppers haben Eingang in das Reformierte Kirchengesangbuch gefunden: “Tauflied” (“Gott Vater, du hast deinen Namen”, 179), “Weihnachtslied” (“Die Nacht ist vorgedrungen”, 372), “Weihnachts-Kyrie” (“Du Kind, zu dieser heilgen Zeit”, 415), “Neujahrslied” (“Der du die Zeit in Händen hat”, 554), “Morgenlied” (“Er weckt mich alle Morgen”, 574), “Mittagslied” (“Der Tag ist seiner Höhe nah”, 584), “Abendlied” (“Ich liege, Herr, in deiner Hut”, 622), “Geburtstagslied” (“Gott wohnt in einem Licht”, 696), “Hochzeitslied” (“Freuet euch im Herren allewege”, 738), “Silvesterlied” (“Ja, ich will euch tragen”, 746) und “Trostlied am Totensonntag” (“Nun sich das Herz von allem löste”, 777).

Stammbäumiges

By , 08/12/2012 09:51

Die Welt ist klein. Und das nicht nur, weil sie sich in der Kälte nach drinnen verzieht oder gegen Weihnachten noch näherrückt. Nein:

Am Silvester des vergangenen Jahres sandte mir ein mir bis dahin unbekannter Herr, der hier still mitliest, eine sehr schöne Rückmeldung auf mein Blögli und wünschte mir ein gutes neues Jahr. Darüber freute ich mich sehr, und das habe ich einige Zeit darauf bereits einmal kurz vermeldet.

Am vorgestrigen Samichlaus-Tag nun schrieb mir ebendieser Herr wieder. Er habe gerade die Cousine seiner Mutter im Altersheim besucht und dabei mit ihr auch über ihren Nachwuchs und in diesem Zusammenhang auch über dessen Nachwuchs gesprochen – was dieser denn so treibe? “Jaaa, der Reto studiert Theologie…” Der Herr stutzt, fragt weiter (“Reto wie-noch?”) und erfährt: Die von ihm besuchte Cousine seiner Mutter ist – meine Grossmutter.

Ist dieses Internetz-Dingsbums nicht eine herrliche Sache?

Ich google jetzt erst einmal nach der korrekten Bezeichnung unseres Verwandtschaftsverhältnisses…

Zu einfach

By , 07/12/2012 11:29

Letztes Wochenende besuchte ich in meiner Praktikumsgemeinde ein paar, na gut: ein Paar, Gottesdienste und ein Konzert, gewissermassen zur Akklimatisierung. (Damit meine ich nicht primär, dass ich in meinen guten alten Ordonnanzschuhen durch den Schnee stapfte.)

Einer der Gottesdienste fand abends statt. Weil die Busse ab Wolfhausen an den Wochenenden nur recht schüchtern verkehren, war ich an jenem Tag einiges zu früh in Zürich – und konnte da dafür noch etwas Kleines essen. Also bestellte ich bei meinem Lieblingsamerikaner etwas zum Mitnehmen, zahlte, nahm das Rückgeld von 2.50 Franken entgegen – und hörte von der Kassierin den Satz: “Können Sie ja gleich zwei Franken für die kranken Kinder spenden!”

Mit der flegelhaften Leichtigkeit dessen, der gerade eben eine Seminararbeit zu Barth fertiggestellt hat, erlaubte ich mir eine frivole Umkehrung von dessen wohl bekanntester Aussage, dachte mir folglich: “Ich kann, soll nicht” – und antwortete mit einem, immerhin wieder urbarthianischen, “Nein!”.

Neinso billig, so forsch kommt niemand an mein Kollektenscherflein. Advent hin, Burger-Gemeinde her.

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