Category: Theologie

Wunder, niederschwellig

By , 13/11/2011 17:18

Meine Hochachtung für Reinhard Mey ist den Lesern dieses Blogs seit September bekannt. So ist es keine Überraschung, dass ich den Mann hier einmal berücksichtigen muss.

Mitte der Neunziger, 1996 war es, veröffentlichte Mey auf dem auch sonst weitgehend überzeugenden Album “Leuchtfeuer” das Fünf-Minuten-und-ein-paar-zerquetschte-Juwel “Nein, ich lass dich nicht allein”. [1] Daraus hier die 2. Strophe:

Ich kram’ die Fotoalben vor. Hier, sieh mal, das war vor zwölf Jahr’n,
Da sind wir nach Saint-Jean gefahr’n
Und auch in Lourdes vorbeigekommen.
Und von der Quelle mit dem Rummel, der dir jeden Glauben raubt,
Hast du für Hans, der daran glaubt,
Einen Kanister mitgenommen.

Und als kurz vor Vic-Fézensac das Auto Kühlwasser verlor,
Holtest du den Kanister vor,
Um ihn andächtig aufzuschrauben.
Dann fülltest du den Kühler auf, ich traute meinen Augen nicht,
Doch seitdem ist der Kühler dicht!
Da soll man nicht an Wunder glauben?!

(Aus: “Nein, ich lass dich nicht allein”, Text und Musik: Reinhard Mey, Rechte: Maikäfer Musik Verlag, Berlin.)

Mit diesen Dichterworten wünsche ich den Lesern dieses Blogs eine gute Woche. Vielleicht ergreifen wir – ja: sogar wir Reformierten! – hin und wieder die Gelegenheit… und wundern uns?

[1] Den Kauf der CD kann ich besten Gewissens empfehlen. Entstanden in der zweiten “Hochzeit” von Meys Schaffen (ich zähle die Veröffentlichungen der Jahre 1971-1977 bzw. 1990-2000 zu seinen besten), enthält es mit “Lilienthals Traum” ein weiteres Meysterwerk erster Güte.

Licht und Scheffel und so

By , 02/11/2011 17:58

Die Landeskirche des Kantons Baselland will also den Wiedereintritt erleichtern. Sie tut dies mit einem vereinfachten (Wieder-)Aufnahmeverfahren, welches keine Begründung seitens des Antragstellers mehr verlangt – und macht “mit Plakaten, Inseraten, einer neuen Homepage und vielen Buchzeichen” darauf aufmerksam.

Ich bin da skeptisch. Erfolgversprechender scheint es mir, Kantonalkirchen, Kirchgemeinden und, vor allem, wir alle würden selbstbewusster auftreten und auch abseits teurer und unpersönlicher Kampagnen erzählen, wofür die Kirche steht, was sie tut und was in ihr auch und gerade für uns Laien möglich ist. Wen dies anspricht, der wird sich der Kirche auch wieder annähern wollen und die Gründe dafür vielleicht sogar stolz äussern – möglicherweise auch im Wiederaufnahmeverfahren.

Gut gemeint…

By , 02/11/2011 15:45

In der vorletzten Nummer verteidigte “reformiert”, die evangelisch-reformierte Zeitung für die deutsche und rätoromanische Schweiz, in einem Front-Kommentar wortreich eine Zürcher Oberländer Kirchgemeinde, welche durch einen schlechten Deal eine Immobilie 5.5 Millionen Franken unter Wert verkauft hat.

Gut gemeint mag es ja gewesen sein, das in Frage stehende Hotel an den langjährigen Pächter zu verkaufen, damit der Betrieb wie gehabt weiter laufen würde und die lokalen Vereine auch weiterhin den beliebten Saal nutzen könnten – so jedenfalls begründet die Kirchenpflege den Verzicht auf eine aktuelle Schätzung. Dumm nur, dass der Pächter offenbar als Strohmann fungierte und die Immobilie umgehend an einen “Immobilientycoon” weiterverkaufte… [1]

Könnte die betreffende Kirchgemeinde fahrlässig oder blauäugig gehandelt haben? Die Verteidigungsschrift in Kommentar-Form verwahrt sich gegen eine solche Sichtweise. Stattdessen sucht – und findet – der Autor die Schuld beim Endkäufer und stellt hierfür, wie ich finde: arg vereinfachend (die Überschrift besteht aus der vermutlich rhetorisch gemeinten Frage “Ethisch oder gewinnorientiert?”) und in feinstem Kirchensprech, einen Unterschied her, wo es nicht zwingend einen Unterschied gibt: Das Streben nach Gewinn ist doch nicht von Grund auf unethisch, ebenso wenig ist finanzieller Verzicht per se ethisch! [2]

Vor allem aber lenkt der Ethik-Exkurs vom Wesentlichen ab: Die Kirchgemeinde hat ja weder (nach Gewinn strebend) an den Meistbietenden verkauft noch ihr (“ethisches”) Ziel erreicht, den gewohnten Hotel- und Tagungsbetrieb zu erhalten. Nein: Sie hat ganz einfach, ohne Not und augenscheinlich mit den Scheuklappen des Weltfremden, 5.5 Millionen Franken Steuergeld in den Sand gesetzt. [3]

Gut gemeint? Wahrscheinlich. Ganz sicher schlecht gemacht. Aber dann sagen wir das doch auch so. [4]

[1] “Tycoon” ist ein, immerhin in Anführungszeichen geschriebenes, Zitat aus einem anderen “reformiert”-Artikel zum Thema.
[2] Dabei ist zu bedenken, dass der Begriff des “Ethischen” reichlich diffus ist. Für Kurzqualifikationen – wie im vorliegenden Fall – scheint er mir deshalb eher ungeeignet.
[3] Dass es nämlich durchaus geeignete Wege gegeben hätte, das hehre Ziel zu erreichen und z.B. das “Strohmann-Szenario” auszuschliessen, darüber berichtet “reformiert” in einem anderen Artikel zum Thema.
[4] Nur damit wir uns recht verstehen: Ich verspüre keinerlei Schadenfreude. Als Kirchenpfleger weiss ich, welche Verantwortung bisweilen auf uns Milizlern lastet. Mich irritiert aber, dass von kirchlicher Seite i.d.R. mit viel Verve gegen die Privatwirtschaft geschossen wird, wo immer es (tatsächliche und vermeintliche, vorsätzliche und fahrlässige) Verfehlungen gibt, dass die Kirche sich selbst gegenüber aber erstaunlich langmütig zu sein pflegt. Glaubwürdigkeit sieht anders aus.

“Theologie? Na und?”

By , 05/10/2011 19:49

Als ich mich Anfang 2009 entschieden hatte, nach einem ersten Studium und dreijähriger Tätigkeit in der Managementberatung an die Universität zurückzukehren und ein Zweitstudium in Theologie aufzunehmen, war ich gefasst auf kritische Anfragen aus meinem Umfeld: “Theologie? Du?!” Und vor allem: “Welche Berechtigung hat die Kirche denn heute noch?” Diese Fragen kannte ich: Es waren meine, und sie sind es, teilweise zumindest, immer noch. [1]

Wer immer in den Monaten darauf aber von meinem Entschluss erfuhr, kritisierte oder hinterfragte nicht, sondern fand – selbst nachdem ich sichergestellt hatte, dass niemand fälschlicherweise meinte, ich spräche von “Geologie” – ausschliesslich unterstützende Worte: Familie, Freunde, Bekannte, alle. Die Gründe dafür mögen unterschiedlicher Natur sein. Mit Sicherheit ging es dabei aber nicht einfach darum, mir den (möglichen) Wechsel in ein neues Tätigkeitsfeld leichter zu machen, also mir persönlich einen Gefallen zu tun, nein: Ich merkte, dass gerade auch ebendiesem Tätigkeitsfeld, der Kirche, überraschend viel Wohlwollen entgegengebracht wird. Aller Kritik zum Trotz: Die Kirche hat im Allgemeinen einen guten Ruf, auch heute noch, und ihre Arbeit wird grossenteils respektiert und mehrheitlich leise zwar, aber eben doch dankbar zur Kenntnis genommen und unterstützt. [2]

Ob berechtigt oder nicht: Auch ich als Theologiestudent, d.h. als Anfänger in der theoretischen Auseinandersetzung mit dem christlichen Glauben (und nicht als Praktiker mit Erfahrung), falle, wie meine Kolleginnen und Kollegen sicher auch, bisweilen in dieses Raster des Kirchlichen – wahrscheinlich weil der Unterschied von Theologie und Kirche in der öffentlichen Wahrnehmung klein ist oder gar nicht erst besteht. Dass dies seine schönen Seiten hat, durfte ich erst gestern wieder erfahren, als der (mir unbekannte) Sohn eines (mir unbekannten) ehemaligen Geschäftspartners meines (mir bekannten!) Vaters anfragen liess, ob ich vor seiner Ausreise in die USA wohl sein Kind taufen könne. Vier Jahre vor dem Vikariat, der einjährigen Praxiseinführung in den Pfarrberuf… etwas gar früh, leider. Aber die Anfrage hat mich doch gefreut – und mich auf einen Schlag vier, fünf Jahre weit in die mögliche Zukunft katapultiert.

[1] Keine Sorge, es kommen immer wieder neue Fragen hinzu – sonst müsste ich dieses Blog schliessen…
[2] Vielleicht sollte man also endlich, endlich aufhören, die Unterstützung der kirchlichen Anliegen mehr oder weniger ausschliesslich sonntagmorgens zu messen, wie dies viel zu viele Kirchgemeinden auch heute noch zu tun pflegen. Das Verständnis von Kirche ist so viel breiter. In diesem Sinne bin ich gespannt auf die Auseinandersetzung, die uns in punkto “Initiative zur Abschaffung der Kirchensteuer für juristische Personen” erwartet. Kirche – bist Du bereit?

Der eine, der andere…

By , 02/10/2011 11:06

Ein schönes Zitat von Knud E. Løgstrup, entdeckt bei der Heimlektüre für ein Ethik-Seminar bei dem leider bald abtretenden Prof. Johannes Fischer:

“Wir meinen, die Welt, in der er [d.h. der andere] sein Dasein und seinen Lebensinhalt hat, sei er selbst, und nur von Zeit zu Zeit werde sie von uns gestreift. Viel kann das Streifen unsrer Welten nicht bedeuten – so meinen wir – da sie ja normalerweise ihren Lauf intakt fortsetzen. Nur wo ein Mensch ausnahmsweise, durch Missgeschick, aus Versehen oder mit Willen in guter oder böser Absicht, in die Welt des anderen Menschen hineinbricht, steht wirklich etwas auf dem Spiel.

In der Tat, eine sonderbare Vorstellung, um so sonderbarer, als sie uns ganz selbstverständlich erscheint. In Wirklichkeit hält es sich doch ganz anders: die Welt des einen ist der andere, und das Schicksal des einen ist der andere.”

(Aus: Knud E. Løgstrup, Die ethische Forderung, J.C.B. Mohr [Paul Siebeck], 2. unveränderte Auflage, Tübingen 1968, S. 15f.)

Fragen, die das Leben stellt: Ist es erlaubt…

By , 26/09/2011 14:33

Auch wenn oft Anderes behauptet wird: Nicht immer entspringen ethische Fragen der Vorstellungskraft eines unruhigen Geistes. Letzte Nacht zum Beispiel stellte sich mir die folgende Gewissensfrage, ganz konkret und anschaulich:

Darf der nachtruhebedürftige Student Mücken, die ihn wieder und wieder um den Schlaf bringen, vorsätzlich erschlagen? Und: Wird die Schuld des Meuchlers geringer, wenn er, wie geschehen, die Stechviecher mit Andreas Lindemanns Bändchen zum Thema “Auferstehung” erwischt? Oder macht das die Mücken “jetzt auch nicht wieder lebendig”?

Ton Steine Scherben, meta

By , 25/09/2011 16:41

Als wir – etwa 35 Studenten und Doktoranden unter der hochdotierten Leitung von vier Professoren (Konrad Schmid, Christoph Uehlinger, Jörg Frey und Thomas Krüger) – im Sommer im Rahmen eines Seminars zwei Wochen lang Jerusalem und Umgebung auskundschafteten, hauptsächlich mit historischer Perspektive, merkte ich: Das archäologische Tagesgeschäft ist meine Sache nicht. Ausgrabungsstätte um Ausgrabungsstätte haben wir besucht – doch trotz sympathisch-enthusiastischer Erläuterungen seitens der leitenden und begleitenden Fachleute wollte der Funke nicht so recht überspringen auf mich. Vielleicht war es aber auch einfach zu heiss, als dass der Unterschied noch spürbar gewesen wäre…

Jedenfalls: Dass die Ergebnisse archäologischer Forschung durchaus spannend sein können, habe ich in den letzten Tagen eindrücklich erfahren dürfen – beim Korrekturlesen der Masterarbeit eines guten Theologen- und Sowieso-Freundes. Zu nächtlicher Stunde in einer kühlen Wohnung gelesen, und dies mit der pflichtbewussten Aufmerksamkeit eines wohlwollend-pedantischen Korrektors, konnte die Arbeit im Nu mein Interesse für philistäische Scherben und ägyptische Reliefs wecken.

Klar: Die Biblische Archäologie wird voraussichtlich auch in Zukunft eine untergeordnete Rolle spielen in meinem theologischen Curriculum. Aber solange es Fachkollegen gibt, die derart anschaulich über archäologische Befunde schreiben, ist dies nicht weiter tragisch. Danke also, Manuel – und, ein wenig Egoismus schwingt hier zugegebenermassen mit, ein Hoch auf die Arbeitsteilung in unserer Disziplin!

“Gesangbücher digital”: jetzt ins Netz damit!

By , 07/09/2011 17:02

Wer, wie ich, die Gesangbuch-Standards, die Evergreens an der Oberfläche, kennt, das etwas tiefer versteckte Liedgut aber nicht, kann, falls er dies ändern möchte, aufatmen: Im Frühling 2011 erschienen die “Gesangbücher digital”. Diese enthalten, auf einer einzigen DVD, digitale Ausgaben der Gesangbücher der reformierten und der katholischen Kirchen der Schweiz (Texte, Notensätze) und ermöglichen dem Nutzer unter anderem, sich die 2000+ Lieder direkt am Computer anzuhören. Ein grossartiges Angebot eigentlich, das der Friedrich Reinhardt Verlag im Auftrag der reformierten und katholischen Landeskirchen produziert hat. Als Theologiestudent mit Verbesserungspotential im Liturgischen könnte ich so nach Lust und Laune und im eigenen Tempo das Liedgut kennenlernen, das einen ansehnlichen Teil des gar nicht so wortlastigen reformierten Gottesdiensts ausmacht.

“Könnte”? Ja. Leider – leider für mich – haben die Herausgeber den Schritt ins Digitale nicht mit letzter Konsequenz vollzogen. Für eine DVD jedenfalls, die mich an ein CD-Laufwerk bindet und die notabene nur für Windows programmiert ist, scheint mir der Preis von 350 Franken überrissen.

Nicht falsch verstehen: Es steckt grosse Arbeit hinter den “digitalen Gesangbüchern”. Dies darf und soll in die Preisbildung einfliessen. Vielleicht ist das, was einem geboten wird, das viele Geld sogar wert. Aber in dieser Form? Wären die Lieder auf einem Onlineportal abgelegt und über einen kostenpflichtigen Account abrufbar, und könnte man sich auch die Tonspuren online, also unabhängig von einem Datenträger, anhören, vielleicht sogar herunterladen – ich wäre gerne bereit, mir einen solchen Account zu leisten. Wer weiss: Vielleicht wird eine solche www-Variante bei Gelegenheit nachgereicht?

Bis dahin werde ich mich, wenn ich einen ersten Eindruck von mir unbekannten Liedern bekommen möchte, weiterhin mit den übersteuerten Amateuraufnahmen lokaler Chöre auf YouTube zufrieden geben müssen.

Jochen Klepper irrte

By , 13/08/2011 13:02

‎”Tagebuch führe ich, weil ich fasziniert bin von der Handlung, die ein anderer ‘mit meinem Blute’ schreibt. Dass ich mit künftigen Biographen kokettiere, glaube ich nicht. Die werden mein Tagebuch nicht bekommen, so gross wird mein Ruhm nach menschlichem Ermessen nicht werden. Ich bin dreissig Jahre alt. Wie wenig Geschriebenes liegt von mir vor, wie wenig für mich Bezeichnendes werde ich jetzt schreiben können.” (Jochen Klepper, 6.7.1933)

Der Verfasser dieser Zeilen sollte trotz berechtigter Zweifel nicht recht behalten: Heute, gut 78 Jahre nach dem zitierten Eintrag, lese ich (ganz freiwillig!) sein Tagebuch, wobei mir noch 900 Seiten bevorstehen bis zum traurigen Abschiedseintrag vom 10.12.1942 – und zahlreiche Gedichte hat er noch hinterlassen können. Einige davon finden sich in jedem Kirchengesangbuch; im evangelisch-reformierten Gesangbuch beispielsweise stammen ganze elf Texte von ihm. Besonders empfohlen seien die Keppler-Vertonungen durch Siegfried Fietz.

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