Category: Theologie

Praxis à discrétion

By , 03/09/2012 06:08

Lange habe ich davon gesprochen, jetzt ist es soweit:

Reto klein
geht allein
in die Praxiswelt hinein…

Wobei – ganz allein werde ich nicht sein: Ich bin nach den Vorgesprächen mit meiner Praktikumsleiterin, dem Pfarrteam, dem Kirchenpflegepräsidenten, einer Mitarbeiterin überzeugt, dass ich in “meiner” Gemeinde ganz gut aufgehoben sein werde. [1]

Mein Praxissemester ist verkürzt: Von den Modulen “Wirtschaft” und “Schule” bin ich wegen entsprechender Berufserfahrung dispensiert. Deshalb beginne ich zwar, wie meine Kollegen-slash-innen, in der “Diakonie” (bei mir: drei Septemberwochen in einem Altersheim), mache dann aber zwei Monate Praktikums-Pause. In den Monaten Dezember und Januar bin ich dann in der “eigentlichen” Kirchgemeinde unterwegs.

Auf die neuen Eindrücke bin ich sehr gespannt. In der Mitte des Studiums und nach ein paar Jahren in der Kirchenpflege der Wohngemeinde die Fühler einmal in andere Richtungen, in eine andere Kirchgemeinde ausstrecken – oder, um ein anderes Bild zu verwenden – …

Umtopfen

…dem zu klein werdenden Topf zu entfliehen und die Wurzeln in frische Erde graben zu können, wird mir guttun. Ich will ja noch wachsen!

Und so steht, kurz vor der Abreise in die Praktikanten-Startwoche im Tessin, der Koffer nun bereit. [2] Für einmal ist er aber nicht mit Büchern gefüllt, sondern nur mit Kleidern und wenigen Unterlagen – und ein paar Erwartungen, an diese Zeit und an mich, sind auch dabei.

Ich freue mich!

Hinweis für alle, mit denen ich im Praxissemester zu tun haben darf (auch wenn es selbstverständlich ist): Es muss sich niemand, sei es in der Kirchgemeinde, im Altersheim, unter den Mitpraktikanten, sorgen, dass ich in diesem Blog Vertrauliches ausplaudere oder sonstwie Heikles schreiben könnte. Natürlich lässt sich das Praxissemester in meinen Texten nicht aussparen – ich werde aber in einem allgemeinen Sinne von meinen Erfahrungen schreiben (wie ich dies z.B. auch als Kirchenpfleger tue). Und im Zweifelsfall bitte ich die betreffenden Personen um ihr Einverständnis. Ich will doch die Erde, in die ich meine Wurzeln schlagen darf, nicht übersäuern!

[1] “Meine Gemeinde” deshalb, weil ich, wie vorgesehen, meine Praktika in ein und derselben Gastgeber-Gemeinde absolviere.
[2] Für mich wird das eine Rückkehr: Ich verbrachte mit meiner Gymi-Klasse (lange ist es her!) nämlich schon die sogenannte “Wirtschafts-Woche” in Magliaso. Darüber würde ich aber nicht öffentlich berichten…

Mal etwas wirklich Anderes

By , 29/08/2012 14:46

Als ich einmal schrieb, dass ich ein Gewohnheitstier sei, meinte ich das genauso: Ich will nicht ohne meinen Migros-Eistee (light) sein – ein Sonntag ohne TATORT (oder die Polizeirufe aus München und Rostock) ist kein Sonnentag-Abschluss – und dass ich meine Lieblingsschuhe schon mal nachkaufe, ist bekannt.

Für mich gilt grundsätzlich (oder zumindest “in der Regel“): Weshalb ändern, was sich doch bewährt hat? Never change a winning horse, heisst es so schön.

Dafür benötigt man aber, wenn man es genau nimmt: ein horse.

Und so habe ich in meinen Ferien dann doch einmal den Tee beiseite gestellt, den Fernseher ausgeschaltet, meine Turnschuhe angezogen (und, ja, die Bücher zugeklappt) – und mich auf ein Pferd gesetzt.

Das ist umso erstaunlicher, als ich bis dahin keinerlei Erfahrungen mit diesen Tieren gemacht hatte. Mehr bzw. weniger noch: Ich hatte, nennen wir das Kind ruhig beim Namen!, Schiss vor ihnen. Das Pferd bestand in meinen Augen allein aus seinen Hinterbeinen, die (Hufeisen bringen nicht immer Glück!), wenn das Ross es will oder es im Affekt nicht verhindern kann, sehr destruktiv wirken können. Und jetzt war ich, ein kleiner Ritt für die Menschheit, ein grosser Sprung für mich, als Schimmelreiter unterwegs und liess mich durch die Manege traben – und strahlte dabei wie ein Honigkuchenpferd. [1]

Ob das Paradies der Erde wirklich auf dem Rücken der Pferde liegt (bzw. sitzt), wie man sagt? Ich weiss es nicht, würde es nach dieser wohltuenden Ross-Kur aber nicht mehr ausschliessen.

Bestimmt aber zeigt sich an diesem Beispiel, dass es bei allem Eingespurt-Sein guttun kann, neue Pfade zu entdecken. Und weshalb sollte das nicht ein Pferdepfad sein? [2]

[1] Einmal musste ich sogar lachen – als die Trainerin den Schulgaul namens Europa (den ich an dieser Stelle herzlich gegrüsst haben will) mit den Worten anfeuerte: “Jetzt streng Dich ein wenig an, Europa!”.
[2] Mit Neuem geht es im und ab September weiter. Mehr dazu im nächsten Beitrag.

Kylchensprech

By , 21/08/2012 06:50

So, Nebenjöbli schon erledigt. Die 70 Stunden waren doch schneller abgearbeitet, als ich erwartet hatte: Zwei Wochen reichten dafür locker aus. In dieser Zeit habe ich immerhin 291 Seiten Ausgangstext in den Computer picken können.

Die eigentliche Aufgabe wartet aber noch auf mich: dieses Frühneuhochdeutsch zügig wieder aus dem Kopf bringen. Das wird vil grosse muey kostenn… (Aber ich bin ia, wie es sich zu thuon erhöuscht, dappffer!)

Von den Regeln in der Taufe

By , 17/08/2012 08:45

Nachdem ich in einem früheren Eintrag auf die “i.d.R.-Passagen” der Zürcher Kirchenordnung hingewiesen habe, nun, daran anschliessend, ein paar Gedanken zu den rechtlichen Vorgaben in einem ganz bestimmten dieser unbestimmten Bereiche: der Taufe.

Die Kirchenmitgliedschaft setzt die Taufe nicht voraus – wenigstens prinzipiell; in der Regel ist dies aber der Fall (Art. 25 Abs. 3 KO). Und stattfinden tut die Taufe, ebenfalls in der Regel, in einem Gemeindegottesdienst (Art. 46 Abs. 1 KO). Diese Gummi-Vorgaben habe ich schon im oben verlinkten Text kommentiert.

Besonders irritierend sind für mich allerdings einige Bestimmungen hinsichtlich “Eltern und Paten” (so die Überschrift und der Regelungsbereich von Art. 47 KO). Da steht:

Art. 47 Abs. 1: Die Eltern versprechen, ihr Kind im evangelischen Glauben zu erziehen.

Art. 47 Abs. 2: Die Paten sind Vertrauenspersonen des Kindes. Sie begleiten Eltern und Kind in Fragen des evangelischen Glaubens.

Mit diesen beiden Absätzen bin ich voll und ganz einverstanden – kein Einspruch meinerseits. Noch nicht.

Aber was sind nun die “formellen” Voraussetzungen dieser Kompetenzen bzw. Pflichten? Hier:

Art. 47 Abs. 3: Mindestens ein Elternteil gehört einer evangelischen Kirche an. Mindestens eine Patin oder ein Pate ist mündiges Mitglied einer christlichen Kirche. Fehlt eine dieser Voraussetzungen, so kann die Taufe in seelsorglich begründeten Ausnahmefällen dennoch vollzogen werden.

Als (Noch-)Nicht-Praktiker erlaube ich mir an dieser Stelle, über diese laxen Regelungen zu staunen. Halten wir fest:

1. Die Eltern müssen, um beim Positiven zu beginnen, nicht beide reformiert sein. Das ist sicher vernünftig, liesse sich eine derart strikte Regelung doch auch gar nicht durchsetzen, angesichts der zunehmenden Zahl gemischtkonfessioneller und interreligiöser Partnerschaften. Soweit, so gut. Was aber wird vorausgesetzt? Mutter oder Vater evangelisch – reicht. Tatsächlich: Kein Elternteil muss der reformierten Kirche angehören.

2. Die Paten müssen auch nicht beide reformiert sein. Genauer: Kein Pate, weder Nummer 1 noch Nummer 2, muss reformiert sein. Wenigstens evangelisch? Nicht einmal das. Verlangt wird lediglich, dass wenigstens ein Pate einer christlichen Kirche angehört.

Mutter Lutheranerin, Vater ausgetretener Reformierter, Patin Agnostikerin, Pate Katholik, nur der Täufling im “Club” – so etwas wäre wahrscheinlich nur bei uns Zürcher Reformierten möglich. [1][2]

[1] Andere Regelungen finden sich u.a. in Bern/Jura/Solothurn: mind. ein Elternteil reformiert, mind. ein Pate reformiert, Ausnahmen möglich (Art. 37 der KO von BeJuSo) – und im Aargau: mind. ein Elternteil reformiert, beide Paten christlich, Ausnahmen möglich (§ 25 der Aargauer KO).
[2] Ein paar zusätzliche Gedanken dazu – Gewiss: Die (formelle) Kirchenzugehörigkeit ist ein äusseres Kriterium. Zweifellos gibt es Menschen, Eltern wie Paten, die nicht Mitglied der reformierten oder wenigstens einer evangelischen Kirche sind und dennoch ihr Kind, und im Falle der Paten: Eltern und Kind, “in Fragen des evangelischen Glaubens begleiten” können. In den Kopf und ins Herz hineinsehen und damit die innere Voraussetzung für ebendiese Erziehung erkennen können wir nicht (und sollten wir auch gar nicht versuchen wollen). Einerseits. Anderseits geht es bei der Taufe halt doch auch um die Aufnahme in die Kirche – und zwar in eine bestimmte Kirche: unsere reformierte. Weshalb also verlangen wir Zürcher Reformierten nicht, dass zumindest ein Elternteil reformiert ist – also Mitglied derjenigen Kirche, in welche der Nachwuchs, immerhin doch auf Wunsch der Eltern!, aufgenommen werden soll? Wäre es überdies eine grosse Zumutung, zu verlangen, dass eine Patin, ein Pate – wenn schon nicht beide Paten – einer evangelischen, besser sicher: der reformierten, Kirche zugehörig ist? Sollten oder müssten wir das nicht sogar, wenn wir dem Patenamt ernsthaft einen “kirchlichen” Wert geben wollen (der gemäss Abs. 2 ja weiterhin vorgesehen ist)? – Auch wenn letztlich das Wohl des Kindes im Zentrum stehen und bestimmt lieber eine Taufe mehr als eine weniger vollzogen werden soll: Ich halte die Patenregelung meiner Landeskirche, bei allem Vertrauen in das Wirken und Wehen des Heiligen Geistes, für absurd lax – zumal seelsorgerliche Gründe eine weitere Lockerung der Voraussetzungen ermöglichen können (so festgelegt im letzten Satz von Abs. 3). Weshalb also schon die reguläre Bestimmung dermassen offen formulieren?

Über Berichte zur Anwendung dieser Bestimmung, insbesondere der Patenregelung, in der Praxis, aber auch über theologische Überlegungen dazu würde ich mich freuen – gleich in den Kommentaren oder per E-Mail. Speziell an die Pfarrerinnen und Pfarrer unter meinen Lesern: Welche Voraussetzungen sollten Paten bei Ihnen erfüllen? Und: Stellen sich die Fragen, die ich aufwerfe, in der freien Wildbahn überhaupt, oder handelt es sich aus Ihrer Erfahrung eher um ein Stürmchen im (akademischen/juristischen) Wasserglas?

Tricky Seelsorge

By , 13/08/2012 07:51

Das kirchliche Praxissemester wird mich auch in den Bereich der Diakonie führen. Es ist geplant, dass ich das entsprechende dreiwöchige Modul, das mich im September erwartet, in einem Altersheim absolviere – darauf freue ich mich.

Und da ich mich vernünftig und seriös darauf vorbereiten möchte, habe ich in den letzten Wochen und Tagen nach passender Literatur gestöbert. Gefunden habe ich zum Beispiel dieses Buch hier:

Zauberei

Zum Bromkamp-Werk kann ich nichts sagen, habe es nicht bestellt. Aber ich mache mir nun etwas Sorgen vor dem Praktikum im Altersheim – haben Sie gesehen, welches Buch mir gleichzeitig empfohlen wird? [1]

Bedeutet das, dass gute Seelsorge eine Hexerei ist?

Oder soll mir einfach zu verstehen gegeben werden, dass ich unbedingt versuchen muss, die Bewohnerinnen und Bewohner des Heims mit Charme und den rechten Worten zur rechten Zeit zu verzaubern?

[1] Darüberhinaus hat, wie Sie sicher festgestellt haben, auch die Produktbeschreibung nichts mit dem Seelsorge-Buch zu tun.

Sicherheitsverwahrung

By , 04/08/2012 09:12

Man kann es drehen und wenden, wie man will: Die Ehrlichkeit der Menschen, der gute Einfluss des Heiligen Florian – sie sind begrenzt. Das Übel macht offenbar auch vor dem Kirchl meines idyllischen Ferienorts nicht halt. “Nun denn”, dürfte man sich dort gedacht haben, “Vorbeugen ist besser als Heilen”:

Sicherheitsverwahrung

Mal etwas Anderes

By , 31/07/2012 08:59

Als ich kürzlich ferienhalber anderthalb Wochen im Ausland weilte, wollte ich mich von all der Theologie und all dem Lesen erholen und habe hauptsächlich – Theologisches und Theologienahes gelesen. [1]

In den letzten zwei Jahren hatte sich nämlich ein Haufen Bücher angesammelt, die seit ihrer Anschaffung der geistigen Verarbeitung harrten (“wenn ich mal viel Zeit habe!”), und so kam schliesslich ein ganzer Koffer voller Literatur mit. Wenn schon, denn schon!

Jeweils morgens erkor ich dann in freier Wahl zur Tageslektüre, was mich gerade am meisten ansprach. Hier die Stationen meines Lesemarathons:

a. Bodnár, Alice: Der ewige Kollege. Reportagen aus der Nähe des Todes, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2009. Interviews mit Menschen, die von Berufes wegen ständig vom Tod umgeben sind: einem Bestatter, einer Ärztin und einer Psychologin aus der Onkologie, drei Kriminalpolizisten, einer Hospizleiterin, einem Rechtsmediziner und dem Leiter eines Altersheims. Welches sind ihre Motivationen und Erfahrungen im (eigenen wie dem fremden) Umgang mit dem Tod? Interessant – und gut gemacht.
b. Rückert, Sabine: Unrecht im Namen des Volkes. Ein Justizirrtum und seine Folgen, Hamburg: Hoffmann & Campe Verlag, 2007. Präzise Rekonstruktion einer Geschichte, die mit falschen Vergewaltigungs-Anschuldigungen begann und mit Schuldsprüchen für die beiden Angeklagten endete – bevor deren Unschuld im Wiederaufnahmeverfahren nachgewiesen wurde. Die sauber recherchierte Berichterstattung der ZEIT-Gerichtsreporterin Rückert (die später auch im Kachelmann-Prozess durch Unaufgeregtheit auffiel) trug dazu bei, den Justizirrtum, der eher ein Justizskandal ist, aufzudecken; das Buch basiert auf diesen Recherchen. Spannender als ein Krimi – aber wahr.
c. Matussek, Matthias: Das katholische Abenteuer. Eine Provokation, München: Deutsche Verlags-Anstalt, 2011. Lose Zusammenstellung von Essays, die eine Lanze für den Katholizismus brechen wollen – mal mehr, mal weniger gelungen. Die “Provokation”, die der Untertitel verspricht, ist mir nicht aufgefallen. Vielleicht bin ich aber auch einfach zu wenig antikatholisch eingestellt, um schon die Apologie des Katholizismus als Provokation zu empfinden.
d. Schorlemmer, Andreas: Manchmal hilft nur Schweigen. Meine Arbeit als Polizeipastor, Berlin: Ullstein, 2007. Der Autor berichtet über ausgewählte Erlebnisse seiner Tätigkeit als Polizeiseelsorger, leider über weite Strecken fahrig und banal. Mehr noch: Nehme ich die Schilderungen zur Grundlage, so möchte ich hiermit festgehalten haben, dass ich eine Todesnachricht, wenns geht, bitte nie von ihm übermittelt bekommen möchte. Manchmal hilft, wie der Buchtitel besagt, wirklich nur Schweigen – oder zumindest ein gestrenger Lektor. (Dass es viel, viel besser geht, zeigt Buch i).
e. Baum, Markus: Jochen Klepper, Schwarzenfeld: Neufeld Verlag, 2011. Eine der wenigen problemlos erhältlichen Biographien über den Autor, Dichter, Schriftsteller Jochen Klepper, den ich, wie bekannt, sehr mag. Ein bestens lesbares Buch, das den Künstler und Menschen Klepper kurz vor dessen 70. Todestag (er verstarb am 11.12.1942) auf eindrückliche Art näher bringt. Ich fände es schön, wenn seiner im Dezember auch in der Schweiz gedacht würde – es sind ja sicher nicht jetzt schon alle Advents-Predigten geschrieben…
f. Rosentreter, Sophie: Komm her, wo soll ich hin? Warum alte und demenzkranke Menschen in die Mitte unserer Gesellschaft gehören, Frankfurt a.M.: Westend, 2012. Die Begleitung ihrer an Alzheimer erkrankten Grossmutter veranlasste die Autorin, sich mit dem Thema Demenz auseinanderzusetzen. Das Buch ist eine Mischung aus Familienerinnerungen, gesellschaftlicher Bestandsaufnahme und konkreten, mit Fachleuten diskutierten Vorschlägen für die Betreuung zu Hause wie für die institutionelle Pflegepraxis – dies alles, zumindest aus meiner (Laien-)Sicht, wohldosiert und niemals platt. Beeindruckend. (Die Autorin ist auch online präsent.)
g. Tietze, Ulrich (Hg.): Nur die Bösen? Seelsorge im Strafvollzug, Hannover: Lutherisches Verlagshaus, 2011. Verschiedene Gefängnisseelsorger schildern ihr Tätigkeitsfeld. Wie bei Buch d: belanglos und banal, lausiges Lektorat. Keine Kaufempfehlung – und so suche ich weiter nach brauchbarer Literatur über diesen wichtigen Bereich christlicher und kirchlicher Seelsorge.
h. Pachmann, Herbert: Nur der ganze Gott kann helfen, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2008. Plädoyer für einen “ganzheitlichen”, vielschichtigen Gottesbegriff – und gegen die eindimensionale (aber kuschelig-warme) Vorstellung vom “lieben” Marzipan-Gott. Eine Herausforderung für die eigene Theologie, aber das (Glaubens-)Leben schreckt vor Prüfungen halt nicht zurück. Gutes Buch.
i. Grützner, Kurt/Gröger, Wolfgang/Kiehn, Claudia/Schiewek, Werner (Hg.): Handbuch Polizeiseelsorge, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2006. Sammlung von Aufsätzen zu verschiedenen Arbeitsbereichen christlicher Polizeiseelsorge, von Praktikern geschrieben, die zu den entsprechenden Tätigkeitfeldern wirklich etwas zu sagen haben, auch die sozialen, rechtlichen und institutionellen Rahmenbedingungen benennen, die wissenschaftliche Theologie nicht ausklammern und zur Selbstreflexion fähig sind. Grossartig.
k. Schnepper, Arndt Elmar: Frei predigen. Ohne Manuskript auf der Kanzel, Witten: SCM R. Brockhaus, 2010. Streitschrift pro (manuskript-)freie Predigt…
l. Deeg, Alexander/Meyer-Blanck, Michael/Stäblein, Christian: Präsent predigen. Eine Streitschrift wider die Ideologisierung der “freien” Kanzelrede, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2011. …und die professorale Gegenschrift. Ein interessanter Diskurs mit beidseits berechtigten Argumenten – wenn nur darauf verzichtet würde, den Anhängern der jeweils anderen Auffassung in erster Linie deren negativen Auswüchse vorzuhalten: Weder sind die Manuskript-Aficionados allesamt emotionslose, sozialgestörte Ableser noch die freien Prediger vorbereitungsfaule Menschenverführer und Wahrheitenverkäufer. Immerhin: interessante Praxisanregungen von beiden “Parteien”.
m. de Saint-Exupéry, Antoine: Nachtflug. Mein erster Roman seit langem – vor zig Jahren habe ich diese Geschichte aus der Pionierzeit des, eben, Nachtflugs zum ersten Mal gelesen. Wenig Handlung, aber viel Spannung, die von der wort- und bildgewaltigen Sprache Saint-Exupérys lebt (kongenial ins Deutsche übertragen auf der Basis einer Übersetzung von Hans Reisiger). Ein Gedicht!
n. Uhl, Volker (Hg.): Die erste Leiche vergisst man nicht. Polizisten erzählen, München: Piper, 2005. Kurze Geschichten aus dem Polizei-Alltag, welche den persönlichen Umgang mit dem Tod (und der Todesgefahr) derjenigen aufzeigen, die an vorderster Front zugunsten unserer Sicherheit Kopf, Herz und Hand hinhalten. Eine äusserst heterogene Mischung – teils sehr gut geschrieben, häufig rührend gestelzt, bisweilen auch einfach schlecht. Ist für mich aber in Ordnung, weil das Gesamtbild zählt und die Motivation der sogenannten Polizei-Poeten, in deren Umfeld das Buch entstand, meine Sympathie hat.
o. Uhl, Volker (Hg.): Jeden Tag den Tod vor Augen. Polizisten erzählen, München: Piper, 2006. Dasselbe in (Polizei-)Grün. Mit dem Unterschied dass hierfür nicht Dietz Werner Steck das Vorwort schrieb, sondern Maria Furtwängler.
p. Führer, Christian: Und wir sind dabei gewesen. Die Revolution, die aus der Kirche kam, Berlin: Ullstein, 2009. Autobiographie des ehemaligen Pfarrers der Leipziger Nikolaikirche, der durch seine Friedensgebete – und vieles mehr – für immer mit der friedlichen Revolution in der DDR in Verbindung gebracht werden wird. Die Lebensgeschichte beschränkt sich allerdings (und zum Glück) nicht auf diese zeitgeschichtlich besonders ereignisvolle und wichtige Phase. Insbesondere die Schilderungen des florierenden gemeindlichen Lebens in der ostdeutschen Provinz unter erschwerten (staatlichen) Bedingungen sind äusserst interessant zu lesen – und die Ausführungen dazu lehrreich.
q. Schabowski, Günter/Sieren, Frank: Wir haben fast alles falsch gemacht. Die letzten Tage der DDR, Berlin: Econ, 2009. Interview mit dem ehemaligen “Regierungssprecher” der DDR, der seinen Platz in der Geschichte hat als der Mann, der aus Versehen (verfrüht) die Mauer öffnete. Ein Geschichtsunterricht der Extraklasse, wobei Schabowski mit dem Sozialismus und seiner eigenen Rolle in der letzten deutschen Diktatur überaus hart ins Gericht geht (Frage von rechtlicher vs. moralischer Schuld!). Eindrücklich.
r. Nagel, Eckhard/Göring-Eckardt, Katrin: Aber die Liebe… Christsein aus ganzem Herzen, Freiburg: Kreuz Verlag, 2010. Der Katholik Nagel und die Lutheranerin Göring-Eckardt waren Mitglieder des Präsidiums des 2. Oekumenischen Kirchentags (2010), ihr Buch basiert auf Diskussionen, die in ebenjenem Gremium in Bezug auf das Kirchentags-Motto geführt wurden (gewählt wurde schliesslich “Damit ihr Hoffnung habt”). Diesen Kontext merkt man dem Werk an: Wohl werden, was durchaus interessant ist, unterschiedliche Aspekte der Liebe behandelt – dies allerdings in gefühlerischen Formulierungen, die ich in Zukunft als Kirchentagssprache identifizieren werde. Und meiden.
s. Struck, Peter: So läuft das. Politik mit Ecken und Kanten, Berlin: Propyläen, 2010. Rückblick des ehemaligen SPD-Fraktionsvorsitzenden und -Bundesministers auf seine Zeit in der Politik – fast im Plauderton, mit zahlreichen Anekdoten, die ein interessantes Bild vom Parlamentsbetrieb und der Regierungsarbeit zeichnen.

Nach zehn Tagen, umgerechnet: knapp 4000 Seiten, waren die Ferien zu Ende – zumindest lesetechnisch zum richtigen Zeitpunkt, denn der Proviant an Lektüre war bis dahin grossteils aufgebraucht. [2]

Mal schauen, ob ich demnächst noch ein Lesewochenende einlegen kann – bevor es im September mit dem Praxissemester losgeht. Jedenfalls bin ich, früher ein begeisterter Freizeitleser, jetzt wieder angefixt.

Das mit der Themenvielfalt wird aber wahrscheinlich nichts mehr.

[1] Die während meiner Abwesenheit eingestellten Beiträge hatte ich noch vor der Abfahrt verfasst und konnte ich dank WiFi rhythmusgetreu ins Netz stellen. Muss ja nicht jeder merken, dass die Wohnung leer steht…
[2] Nicht mehr gereicht hat es lediglich für die neue Bonhoeffer- und eine vielversprechende Paul-Schneider-Biographie sowie ein paar wenige Bücher, die mich, täglich vor die Wahl gestellt, jeweils ein bisschen weniger reizten als die Konkurrenz.

Zwei Tage im Juli

By , 27/07/2012 07:29

Während heute das Olympische Feuer entzündet wird, denke ich an zwei aufeinanderfolgende Londoner Juli-Tage zurück, die unterschiedlicher nicht hätten sein können – und, zumindest in sozialer Hinsicht, doch kein Gegensatz sind.

Von März bis Juli 2005, in den Monaten direkt vor meinem Studienabschluss, wohnte ich in der englischen Hauptstadt: Englisch lernen für das CAE, das Kleinstcomeback eines Musikers mitbegleiten (wird sicher auch einmal ein Thema hier), eine richtige Weltstadt kennenlernen – und zur selben Zeit aufs Lizentiat büffeln. Eine harte Übung in Multitasking! (Ich habe es, trotz mancher Zweifel hie und da, bestens hinbekommen.)

Die Stadt London lernten wir trotz des gedrängten Programms ziemlich gut kennen, teils auf eigene Faust, teils in geführten Gruppen – manchmal zu recht extraordinären Themen, und gerade deshalb oft auch mit Einheimischen. Auf einer solchen geführten Erkundungstour waren wir auch an jenem 6. Juli, um den es hier zunächst gehen soll. Thema war das englische Rechts- und Gerichtssystem: spannend – aber nicht das Einzige, was an jenem Tag interessierte: Das IOC wollte auch bekanntgeben, welche Bewerber-Stadt die Olympischen Spiele 2012 ausrichten dürfe. Würde es für London reichen? Alle waren angespannt – eine der Teilnehmerinnen ganz besonders: Sie trug die ganze Zeit über einen Knopf im Ohr, um durch das Radio auf dem Laufenden gehalten zu werden. Nun, wir wissen – und sehen heute und in den nächsten gut zwei Wochen –, wie es ausging. Als die Dame vom Ergebnis hörte, schaffte sie es gerade noch, ein stolzes “Wir haben es geschafft!” zu rufen – dann: Freudentränen und Schluchzen für London. Ich war gerührt.

Den darauffolgenden Tag, den 7. Juli, es war ein Donnerstag, verbrachten wir in der Wohnung, um zu lernen. Reine Routine zunächst – bis wir gegen halb 10 Uhr durch das SMS eines Englischkurs-Kollegen von den Terroranschlägen auf U-Bahn-Züge und Bus erfuhren. Direkt hatten wir nichts mitbekommen. Also sofort den Fernseher eingeschaltet: Die Aufnahmen, welche die BBC zeigte, auch von einem Bahnhof, an dem wir tags zuvor, im Rahmen der Legal-London-Erkundungstour, noch gestanden hatten, kamen uns surreal vor: Zerstörung in der Stadt, in der wir lebten – und doch weit weg. Wir sassen ja in der Sicherheit unserer vier Wände. Besonders eindrücklich, und bis heute, gerade heute, nachwirkend, später dann die Bilder der in der City Arbeitenden, die sich nach Büroschluss, am Abend, der kein Feierabend sein wollte, zu Fuss auf den Heimweg machten: Kilometerlange Karawanen von Arbeitern und Anzugträgern, im Fussmarsch vereint, waren da unterwegs, ohne ein Wort der Klage. Die sprichwörtliche britische stiff upper lip – ich habe sie an jenem Tag und an den Tagen, die folgten, hundertfach gesehen.

Ein paar Tage später, am 10. Juli, schrieb ich den folgenden Eintrag in das kleine Reiseblog, mittels dessen wir die Zuhause-Gebliebenen über unsere Zeit in London auf dem Laufenden hielten: [1]

“Seltsam, wie eine Stadt in sämtlichen Medien als Katastrophengebiet gezeigt werden kann, und wir, die hier wohnen (etwas abseits allerdings [2]), bekommen von dieser ‘Realität’ gar nichts mit. Das ist nicht zuletzt auf die tolle (Nicht-)Reaktion der Londoner zurückzuführen, die sich nichts, aber auch wirklich nichts anmerken lassen und einen Tag nach den Anschlägen ihren Freitagabend ‘genossen’ haben, als ob nichts geschehen wäre. [3] Das mag unsensibel erscheinen, aber eigentlich ist es das einzig Richtige – auch wenn es eine Demonstration ist, kommt es einem überhaupt nicht demonstrativ vor. (…) Ein weiterer Grund, vor dieser Stadt den Hut zu ziehen!”

Machen wir uns nichts vor: Wir selbst, und mit uns viele andere, waren durchaus sehr beunruhigt, und ich will auch nicht behaupten, es habe nicht auch Einheimische gegeben, denen es so erging [4]“den Briten” gibt es nicht, und die Art der Reaktion auf solche existenziellen Ereignisse lässt sich auch nicht verordnen. Deshalb ist auch nicht das eine besser als das andere. Was allerdings feststeht: Es herrschte schon an diesem 7. Juli (und danach sowieso) grossteils eine instinktive, trotzige Ruhe in London, die mich, gerade weil sie unerwartet war, stark beeindruckte.

Und so kann ich nicht anders, als heute, an diesem Olympischen Festtag, kurz zurückzublenden und den sprichwörtlichen Hut vor dem London zu ziehen, das sich mir im Juli 2005 präsentierte: eine schmerzhaft getroffene Stadt, die ihren (manchmal durchaus ruppigen) Stolz, noch am Tag vor den Anschlägen in ganz anderem Zusammenhang gezeigt, behielt und bei allem unfassbaren Unglück fast unendlich viel Haltung bewahrte – durch und durch olympisch. Das werde ich nie vergessen.

[1] Mein lieber Bruder hat die Einträge kürzlich erst, “sieben Jahre danach”, für mich rekonstruiert. Danke auch an dieser Stelle!
[2] Wir wohnten in einem südöstlich gelegenen Quartier, etwa sieben U-Bahn-Stationen vom Zentrum entfernt.
[3] Das Wort “geniessen” ist hier mit Vorsicht zu… geniessen. Jedenfalls fielen die Musical- und Theateraufführungen lediglich noch am Tag nach den Attentaten aus. Am 9. Juli sassen wir bereits wieder in einer (lange zuvor gebuchten und) bis auf den letzten Platz ausverkauften Vorstellung – zu der wir uns allerdings, mit einem mulmigen Gefühl gegenüber dem Öffentlichen Verkehr, per Taxi chauffieren liessen.
[4] Eine Anekdote, die dazu passt: Ein Rucksackträger, der in der U-Bahn unterwegs war, hatte zur Beruhigung der Mitreisenden ein Schild an sein Gepäck geheftet: “I’m just going camping” (sinngemäss).

Ich wünsche meiner ehemaligen Herbergsstadt London und ihren Bewohnern, ebenso allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern, allen Zuschauerinnen und Zuschauern – friedliche Spiele.

Auf leisen Sohlen

By , 17/07/2012 05:22

Noch einmal zu meiner Philosophiearbeit, die ich in der Stille einer Jugendunterkunft vorangetrieben habe – und damit zu einem weiteren Bilderrätsel:

Der Autor, mit dem ich mich in der Arbeit beschäftigte, ist im folgenden Bild, ich möchte erwähnen: im übertragenen Sinne, dargestellt. Um wen handelt es sich?

Schlapphut

Ein paar Hinweise für die Weisheitsliebenden:
1. Ist Philosoph, aber auch Theologe – allerdings von der anderen “Partei”.
2. Würde sich als Person bezeichnen. Definitiv.
3. “Schlapphut” wäre, theoretisch, möglich. Weiteres mit “S”?

Die Lösung sieht, wer den Text innerhalb der eckigen Klammern durch Markieren lesbar macht.

[wir sehen einen (Tür-)Spion, d.h. einen Spaemann

Robert Spaemann, geb. 1927 / zu den Hinweisen:
1. Studierte u.a. auch katholische Theologie.
2. Beschäftigte sich intensiv mit dem Personbegriff, z.B. in “Personen. Versuche über den Unterschied zwischen ‘etwas’ und ‘jemand'”. Diesem gemäss sind ausnahmslos alle Menschen Personen (im Gegensatz etwa zu Peter Singers Konzeption, nach der, vereinfacht gesagt, weder alle noch ausschliesslich Menschen Personen sind).
3. Ist nun klar, nicht?
Das Bild zeigt das ausgeklügelte Überwachungssystem meiner Wohnung.
]

Wird bei Gelegenheit fortgeführt.

KOrporate Identity

By , 06/07/2012 05:38

Wir Reformierten sind, entgegen landläufiger Klischees, ein lockeres, zutiefst entspanntes Völklein. Immer? Nicht immer – aber in der Regel. Belege gefällig? Hier, die Kirchenordnung der Zürcher Landeskirche:

a. Aufgenommene, die noch nicht getauft sind, empfangen als Zeichen ihrer Zugehörigkeit zur Gemeinde Jesu Christi in der Regel die Taufe. (Art 25. Abs. 3 KO)

b. Pfarrerinnen und Pfarrer tragen in der Regel den Talar. (Art. 36 Abs. 4 KO)

c. Im Gottesdienst werden in der Regel die Zürcher Bibel und das Gesangbuch der Evangelisch-reformierten Kirchen der deutschsprachigen Schweiz verwendet. (Art. 37 Abs. 1 KO)

d. Die Taufe findet in der Regel in einem Gemeindegottesdienst statt. Die Gemeinde bezeugt durch ihre Anwesenheit ihre Mitverantwortung für das Leben der Getauften und nimmt sie in ihre Fürbitte auf. (Art. 46 Abs. 1 KO)

e. Das Abendmahl wird in der Regel zwölf Mal im Jahr gefeiert, namentlich an Weihnachten, Karfreitag, Ostern, Pfingsten, am Eidgenössischen Dank-, Buss- und Bettag sowie am Reformationssonntag. (Art. 50 KO)

f. Es ist die Regel, dass die Konfirmandinnen und Konfirmanden getauft sind. (Art. 78 Abs. 2 KO)

Erkennt man uns (Zürcher) Reformierte tatsächlich an der Ausnahme, die die Regel bestätigt? Oder ist diese Beobachtung bereits zu absolut gesetzt – und gilt nur in der Regel?

Fortsetzungen folgen.

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