Category: Studium

Underground theology

By , 09/10/2012 06:48

Die sieben Wochen bis zum Beginn des Kirchgemeinde-Moduls des Praxissemesters werden es in sich haben: Ich will in dieser Zeit, endlich!, meine Bachelorarbeit schreiben. Das wird eine intensive Angelegenheit – und eine düstere noch dazu: Weil die Zentralbibliothek Publikationen, die über hundert Jahre alt sind (was bei Quellentexten im Bereich der Kirchengeschichte rasch der Fall ist), lieber nicht ausleiht, leiste ich seit gestern und bis auf Weiteres fünf-, sechsmal pro Woche aktiven Bücherbesuchsdienst im Keller der ZB. Das Positive daran: Es besteht die berechtigte Hoffnung, dass ich dort, in der Abgeschiedenheit von Magazin null-vier, die Ruhe finde, die ich für eine solche Arbeit benötige.

In eigener Sache: Lokalzeitung berichtet

By , 05/10/2012 11:32

Viel habe ich schon selbst über mein Diakonie-Praktikum geschrieben. In der letzten Woche meines kurzen Einsatzes im Altersheim wurde ich darüberhinaus von der Lokalzeitung der Gemeinde, in der ich das Praxissemester absolviere, dem “Zolliker Boten”, um ein Gespräch über das Praktikum und meine Eindrücke gebeten. Das Resultat ist in der heutigen Ausgabe abgedruckt (Nr. 40, 5.10.2012). Dank freundlicher Genehmigung durch den Verlag kann ich den Text hier wiedergeben (auch als pdf verfügbar – inkl. Föteli):

“Die Menschen in ihrem Leben begleiten”

Der 32-jährige Reto Studer hat ein Ziel: Er will ein Pfarramt übernehmen. Doch bis es soweit ist, hat er noch einen langen Weg vor sich. In den vergangenen drei Wochen arbeitete er als Praktikant im Altersheim Rebwies.

Nein, wie ein Pfarrer sieht Reto Studer nicht aus – eher wie ein Pfleger. Denn anstelle eines Talars trägt er weisse Hosen und ein blaues Polo-Shirt mit der Aufschrift “Altersheim Rebwies”. Dies hat seinen Grund: Seit drei Wochen absolviert er ein Praktikum im Rahmen seines kirchlichen Praxissemesters. Reto Studer hat mittlerweile drei Jahre Theologiestudium hinter sich. Das Praxissemester liegt zwischen Bachelor- und Masterstudium und besteht aus insgesamt vier Praktika. Im Altersheim Rebwies wird Reto Studer im Bereich der Diakonie eingesetzt.

Für den jungen Mann war die Aufnahme des Theologiestudiums ein gut überlegter Schritt. Seinen ersten Studienabschluss hat Reto Studer schon länger in der Tasche. Er erwarb das Lizenziat in Medienwissenschaften und Staatsrecht. Eher per Zufall, so erzählt er, landete er daraufhin im Personalbereich. Drei Jahre lang arbeitete er im Headhunting. Und nun will er also Pfarrer werden. Weshalb dieser Schritt? “Ich beschäftigte mich schon immer mit existentiellen Fragen. Über die Zeit verstärkte sich dann der Wunsch, diesen Fragen mehr Raum zu geben und ein Theologiestudium anzuhängen.” Er habe sich aber lange überlegt, ob dies der richtige Schritt sei. Denn er wollte kein Risiko eingehen – und kannte auch die Klischees über die Theologie: “Wie viele andere hatte ich das Vorurteil, Theologen führten ein etwas vergeistigtes Leben.” Deshalb entschloss er sich, zunächst während eines Jahres berufsbegleitend Hebräisch zu lernen. “In jenem Jahr wollte ich auch herausfinden, was für Menschen an der Theologischen Fakultät ein- und ausgehen. Und ich war positiv überrascht”, erinnert er sich an den Beginn der Ausbildung. Viele der Studierenden wählten Theologie als Zweitausbildung, das habe er nicht erwartet. Fasziniert sei er auch vom breiten Spektrum der Studierenden. “Von der Hausfrau über Pensionierte, die nur einige Fächer belegen, bis zu den Studierenden, die direkt vom Gymnasium kommen, sind alle vertreten. So kommt es immer wieder zu guten und spannenden Diskussionen. Ich glaube, diese Offenheit traut man Theologiestudenten nicht immer zu.” Nach dem “Probejahr” war er überzeugt, dass das Theologiestudium das Richtige für ihn sei.

Eine sehr spannende Aufgabe

Drei Wochen lang arbeitete Reto Studer nun im Altersheim Rebwies. Neben seinen seelsorgerlichen Aufgaben war er auch bei der Essensausgabe dabei, er half in der Cafeteria und in der Spätschicht, oder sang mit den Pensionären. Während all dieser Arbeiten suchte er immer wieder das Gespräch mit den Bewohnern, die teilweise aber auch von sich aus auf ihn zugekommen seien. Berührungsängste habe es auf beiden Seiten nicht gegeben, sein Status als “angehender Pfarrer” habe, nicht nur im übertragenen Sinn, viele Türen geöffnet: Mehrere Senioren habe er auch, aus Eigeninitiative oder auf Anraten der Pflegerinnen oder der Altersheimleitung, in ihren Zimmern besucht, um dort ausführlichere Gespräche mit ihnen zu führen – über Gott und die Welt. Oder auch einfach, um etwas mit ihnen zu unternehmen. Er erzählt vom Ausflug mit einer Pensionärin: “Ich spazierte mit der Dame an einen Ort, an dem sie früher, als junge Frau, oft war. Sie erzählte mir, dass dieser Ort für sie der Inbegriff von Heimat sei. Ohne meine Begleitung wäre sie nicht dorthin zurückgekehrt. Noch Tage danach war sie mir dafür einfach nur dankbar.” Oder da war das Gespräch mit dem Herrn, der im einen Moment mit Tränen in den Augen von seiner verstorbenen Frau erzählte und gleich danach lachend davon, dass er im Altersheim der Hahn im Korb sei. Solche Erfahrungen und Gespräche seien sehr berührend.

Wäre er als junger angehender Pfarrer eigentlich nicht bei den Jugendlichen besser aufgehoben? Reto Studer lacht und meint: “Ich unterrichte zwar im Nebenjob auf der Sekundarstufe – aber gerade nach meinen eindrücklichen Erfahrungen im Altersheim sehe ich mich durchaus auch bei den älteren Menschen. Für mich ist letztlich die Mischung spannend.”

Ein Pfarramt übernehmen

Die drei Wochen im Altersheim Rebwies sind seit Mittwoch vorbei. Im Dezember und Januar wird Reto Studer an Seite der Zolliker Pfarrerin Anne-Käthi Rüegg-Schweizer die vier zentralen Handlungsfelder des Pfarrberufs kennen lernen – auch das ein Teil des Praxissemesters. Er wird in diesen acht Wochen die Pfarrerin begleiten, Gottesdienste und den Unterricht mitgestalten, die Seelsorge und den Gemeindeaufbau kennenlernen. Dann geht es zurück an die Uni, wo ihn das Masterstudium erwartet.

Nach dem Studienabschluss wird Reto Studer das einjährige Lernvikariat absolvieren, bevor er ordiniert werden kann und als Pfarrer wählbar ist. Kommt er für das Vikariat zurück nach Zollikon? “Nein, das ist nicht erlaubt. Ich darf für das Vikariat nicht an denselben Ort, an dem ich das Praxissemester verbracht habe.” Einerseits sei das schade, weil er in Zollikon sehr gut aufgenommen worden sei, anderseits sei es aber auch gut so: “Jetzt bin ich Praktikant. Wenn ich später hierher zurückkäme, wäre ich Vikar. Das sind zwei verschiedene Rollen, die nicht vermischt werden sollten. Ausserdem sollen wir in der Ausbildung verschiedene Kirchgemeinden kennenzulernen.” Eines ist für Reto Studer sicher: “Ich strebe ein Pfarramt mit möglichst vielfältigen Aufgaben an. Ich möchte die Menschen in ihrem Leben begleiten und dabei alle Aspekte pfarramtlicher Tätigkeit abdecken.”

(Erschienen in: “Zolliker Bote”, Nr. 40, 5.10.2012, S. 9; Autorin: Sabine Linder-Binswanger)

Abschiedssirup, zartschmelzend

By , 03/10/2012 07:37

Das Praktikum im Altersheim liegt hinter mir. Selten bin ich frümorgens fröhlicher aufgestanden und abends zufriedener nach Hause gefahren als in den drei vergangenen Wochen. Es bleiben nebst sehr erfreulichen Erkenntnissen für meine berufliche Zukunft auch menschlich berührende Erinnerungen. In den tragenden Rollen erlebter Seelsorgelehre:

Die Pflegerin, die am Montag für eine hochbetagte Jubilarin einen Blumenstrauss mitbringt – und von ihren Kolleginnen erfahren muss, dass die Dame zwei Tage zuvor verstorben ist. Aus Geburtstagsblumen wird ein Erinnerungsstrauss am Essplatz der Verstorbenen.

Der Senior, der mir in seinem Zimmer auf dem Keyboard “La Paloma” vorspielt. Mit 85 Jahren ein Instrument neu erlernen, im Alter so aufgestellt und wach sein wie er – wie geht das? Der Mann reicht mir das Buch “Die Kraft positiven Denkens” (Peale). Wie es im Lied heisst: “Dein Schmerz wird vergeh’n…”

Die Dame, die ich im Rollstuhl auf eine Anhöhe schiebe, damit sie wieder einmal dorthin kommt, wo sie sich in jungen Jahren mit ihrem damals künftigen Mann lange aufgehalten hat – “Das ist Heimat!” Ein paar Tage später serviert sie mir einen Abschiedssirup. Ich mag keinen Sirup, doch diesen Sirup habe ich geliebt!

Die mir unbekannte Person, die in der Küche der Pflegeabteilung einen Zettel aufgehängt hat, auf dem steht: “Die Medi-Deckeli gehören nicht in die Abwaschmaschine, sie fallen zwischen dem Gitter durch, und die Heizschlangen lassen sie dann zart schmelzen.” Die Leute von Lindt könnten es nicht besser formulieren!

Die schwerst Demenzkranke, mit der ich, während sie auf den Besuch ihres (längst verstorbenen) Vaters wartet, lange über ihre schillernde Vergangenheit als Modedesignerin spreche. Auch in Florida hat sie einmal residiert – heute wohne sie halt wieder in der Schweiz. Kalt sei es hier, aber “I make the best of it!”.

Das neu eingezogene Ehepaar, ehemalige Leiter eines anderen Altersheims, die, noch kaum angekommen, lange mit mir sprechen. Sie schwärmen vom neuen Wohnplätzchen – und lassen mich erst gehen, als ich eine Ausgabe der selbst verfassten Familienchronik als Geschenk annehme. Viel Freude im neuen Kapitel!

Die Seniorin, die nachmittags manchmal, aus ganz freien Stücken, in der Pflegeabteilung vorbeischaut und den dortigen Bewohnerinnen und Bewohnern, die beim Kaffee sitzen, Lätzchen umbindet, nachschenkt, eine Freude macht. Als ich mich bei ihr dafür bedanke, winkt sie ab. “Nicht der Rede wert”?

Die Pflegebedürftige, die der anderen Pflegebedürftigen liebevoll eine Weintraube in den Mund steckt. Wenn das kein Abendmahl ist – was dann? Und viele andere, die sich gegenseitig helfen und unterstützen. Stilles Komplizentum, von dem wir Jungen und Gesunden ausgeschlossen sind.

Die resolute Dame, die bei den Anderen nicht besonders beliebt ist und mit der auch ich immer “zu selten”, und wenn, dann “zu kurz”, spreche. Mit der ich aber, unverhofft, besser ins Gespräch komme, als ich durch ein Foto im Zimmer feststelle, dass ich ihren Enkel kenne – er geht an “meine” Schule.

Der Pfleger, der mit der Tochter einer stetig abbauenden Bewohnerin die verschiedenen Optionen weiterer Behandlung bespricht – und der die Tochter, die das Wohl ihrer Mutter so stark im Auge hat, zuletzt fragt: “Und wie geht es eigentlich Ihnen?” Das Gespräch hat damit erst begonnen. Eine Lehrstunde in Seelsorge.

Und viele, viele andere.

Ich bin meiner Praktikumsleiterin (die mich “vermittelt” hat), der Heimleitung, den Angestellten, besonders aber natürlich den Seniorinnen und Senioren ausserordentlich dankbar für die Einblicke in das “Leben im Alter”, die sie mir, alle auf ihre je eigene Art, ermöglicht und gewährt haben – und ich freue mich jetzt schon auf die Rückkehr im Dezember: im Rahmen der Gottesdienste und Andachten, die ich dann im Auftrag der Kirchgemeinde (mein nächstes Praxis-Modul) mitgestalten werde.

Dieser Beitrag ist der letzte meiner “AltersheimErinnerungs-Trilogie”. Ich schliesse aber nicht aus, dass auch später noch die eine oder andere Erkenntnis, die ich in diesem Praktikumsteil gewinnen durfte, in meine Texte einfliessen wird. Wäre ja schön blöd, wenn nicht!

Nichts Besonderes

By , 18/09/2012 19:24

Seit meinem ersten Erfahrungsbericht aus dem Altersheim sind bereits drei Einsatztage vergangen. Zeit für eine Fortsetzung, finde ich.

Ich wurde und werde weiterhin sehr vielseitig eingesetzt: Mithilfe beim Frühstücks- und Mittagessenservice. Spätdienst. Kirchenbesuch. Weitere freie Gespräche mit Seniorinnen und Senioren. (Und Anderes.)

Mithilfe beim Frühstücks- und Mittagessenservice: War ich zu Beginn, was die Essensausgabe anbelangt, in der Pflegeabteilung tätig, bekomme ich nun einen Einblick in den Mikrokosmos eines regulären Altersheim-Speisesaals. Aber was heisst schon “regulär”? Da gibt es vieles zu beachten: Verschiedenfarbige Clips an den Tischsets zeigen an, wer Diabetiker oder Schonkost-Esser ist, und mit kleinen Plastiktäfelchen auf dem Tisch können die Dam- und Herrschaften täglich neu signalisieren, ob sie vegetarisch essen möchten und/oder zusätzlich einen Salat wünschen. Da bin ich (auch wegen mangelnder Balancierfähigkeit) dankbar, dass die Hauptspeise von den Profis serviert wird und ich mich nach dem Decken der Tische bei der Schöpfstation aufhalten kann! Dort dekoriert der Praktikant die Speisen mit Gemüsewürfelchen oder einem Tomatenschnitz und führt auch die Schöpf-Endkontrolle durch: Saucenflecke am Tellerrand und dergleichen sind ein No-Go und werden mit einem Tupfer abgewischt – denn auch im Alter isst das Auge mit! Zweimal helfe ich beim Schöpfen des Mittagessens, und beide Male wird mir die Ehre einer schönen Zusatzaufgabe zuteil: Ich darf das Dessert servieren – und mache mich damit sehr beliebt bei den Pensionären. – Der Frühstücksdienst ist weniger aufwendig, und so nutze ich die freie Zeit, die es dort immer wieder gibt, um von Tisch zu Tisch zu gehen, wie ein Beizer durch sein Stübli, und mich den Bewohnerinnen und Bewohnern, mit denen ich noch nicht gesprochen habe, kurz vorzustellen. Meist ergibt sich daraus ein lockerer Austausch – und schon kenne ich gut die Hälfte der Bewohner mit Namen. [1]

Spätdienst, inkl. Hilfe in der Pflege: An dem Wochentag, an dem ich morgens unterrichte, arbeite ich im Spätdienst, der erst um 15 Uhr beginnt (und um 22 Uhr endet). Zunächst Unterstützung in der Cafeteria, wo ich sogleich von zwei Damen an den Tisch gerufen werde: Sie finden, dass ich hinter der Theke einen dermassen kompetenten Eindruck mache, dass ich sicher für höhere Weihen bestimmt sei. Ob ich hier ein Praktikum mache? Zu welchem Zweck? [2] Und schon reden wir über den Hintergrund meiner Anwesenheit, die Freiwilligenarbeit der einen Seniorin und den beruflichen Werdegang der anderen. Noch spannender wird es nach der Betreuung der Pflegebedürftigen beim Abendessen: Als mich ein Pfleger nach dem Essen bittet, eine Dame im Rollstuhl in ihr Zimmer zu chauffieren, tue ich das gerne. Damit wäre meine Aufgabe an sich erfüllt. Aber wenn ich um Hilfe gebeten werde… Jedenfalls assistiere ich gleich noch ein wenig weiter: Ich helfe der Dame, wie von ihr gewünscht, auf die Toilette und setze sie anschliessend auf das “Böckli” des Rollators, wo sie sich in Ruhe die Zähne putzen kann – und auch die Brücke, die sie unvermittelt in der Hand hält. Helfe ihr in den Morgenmantel, nehme ihr Hörgerät entgegen und lege es auf den Nachttisch, begleite sie zu ihrem Ohrensessel, schalte das Fernsehgerät ein, reiche ihr Fernbedienung und Kopfhörer und mache mich, als sie es sich bequem gemacht hat, auf den Weg zurück ins Bad, um die beiden Zahnbürsten (eine für die zweiten, eine für die dritten Zähne) auszuspülen und zu guter Letzt das Licht zu löschen. Dabei plaudern wir die ganze Zeit. Als meine Arbeit getan ist, wünsche ich ihr einen schönen Abend, und sie, die bis dahin ein recht harter Brocken zu sein schien, verabschiedet mich beinahe überschwänglich. Zufrieden mit mir selbst und mit leicht geschwellter Brust mache ich mich auf den Weg zurück zur Pflegestation – und schäme mich gleichzeitig dafür: Was ich tat, ist ja nur eine Light-Version dessen, was eine Pflegerin, ein Pfleger tagtäglich x-fach leistet! Als die Schichtverantwortliche am Ende unseres Einsatzes die Übergabe an die Nachtwache macht, heisst es zu “meiner” Seniorin dann tatsächlich: “Nichts Besonderes zu vermelden”.

Kirchenbesuch: Unter der Woche finden zwar, wie im ersten Bericht geschrieben, ein Gottesdienst sowie eine Andacht im Altersheim statt – die Rüstigen unter den Bewohnerinnen und Bewohnern haben aber zusätzlich die Möglichkeit, sonntags den Fahrdienst in den regulären Gottesdienst der Kirchgemeinde in Anspruch zu nehmen. Dieses Mal, am Dank-, Buss- und Bettag, sind es mehr als üblich: Weil ich bei meinen Frühstücks-Gesprächen kurz auf das (fakultative) Tagesprogramm eingegangen bin, beschliessen zwei Personen spontan, sich dem “harten Kern” anzuschliessen. Deswegen muss der Chauffeur zweimal fahren – und ich lerne, wie man Rollatoren am Besten in den Kofferraum bekommt.. [3]

Weitere Gespräche: Durch eigene Beobachtung, vor allem aber durch Hinweise aufmerksamer Mitarbeiter werde ich immer wieder auf Seniorinnen und Senioren aufmerksam, die für ein persönlicheres Gespräch mit dem “angehenden Pfarrer” (oder mit irgendjemandem, der ich ja auch bin) empfänglich sein könnten. Schon nach kurzer Zeit hat sich hier eine schöne Zusammenarbeit zwischen der Pflegeabteilung und mir entwickelt: Wenn die Pfleger bei ihrer Arbeit feststellen, dass jemandem etwas auf dem Herzen liegt, bieten sie ihm bzw. ihr an, mich vorbeizuschicken. Besteht Interesse daran, werde ich, meistens während des Pflegerapports, teilweise auch beim Vorbeigehen, informiert. Ich lasse mich dann über die Art des Problems aufklären und versuche, etwas über den Hintergrund – Beruf, Interessen, Familie – der Betreffenden in Erfahrung zu bringen, damit ich einen guten Einstieg finde. Bisher haben sich immer sehr schöne und lebhafte Gespräche ergeben – und konnte ich die Menschen fröhlicher zurücklassen, als ich sie angetroffen habe. Gibt es etwas Schöneres? [4]

[1] Ich hätte nicht gedacht, dass mir dieses Ansprechen und Plaudern so leicht fällt. Ist aber überhaupt kein Problem – man muss es halt nur wollen! (Und so nette Gesprächspartner haben wie ich.)
[2] Die Argumentation der beiden hat mich überrascht: Sonst heisst es doch immer, Studenten und Akademiker hätten, wenn es ums Machen geht, zwei linke Hände!
[3] Eine Dame, die aus gesundheitlichen Gründen nicht mitkommen kann, zieht sich immerhin besonders schick an: “Es ist ja ein Feiertag. Da soll man gut aussehen!” Beim Frühstückservice sichte ich auch zahlreiche Krawatten.
[4] Über die Nachhaltigkeit dieser Besuche lässt sich bestimmt streiten. Es wäre vermessen zu behaupten (oder zu fordern), dass sie eine bleibende Wirkung hinterlassen. Diesen Druck würde ich mir in meiner Praktikantenfunktion auch nicht auferlegen wollen. Wenn ein Mensch durch meine Anwesenheit wenigstens für eine kurze Zeit seine Sorgen und Nöte vergessen kann, habe ich mein Ziel erreicht.

Wasser allein reicht nicht

By , 13/09/2012 19:38

Natürlich ist es zu früh, nach gerade einmal zwei Tagen “im Altersheim” ein Zwischenfazit meines Diakonie-Einsatzes zu ziehen. Meine ersten Eindrücke möchte ich aber schon loswerden. Für einmal schreibe ich hier recht unstrukturiert – was die Flut an Eindrücken und meine Gedankenlage aber bestens abbildet.

Was ich bereits erlebt habe: Gedächtnistraining. Essensausgabe in der Pflegeabteilung. Gemeinsames Singen. Pflegerapport. Cafeteria. Gottesdienst. Freie Gespräche mit Seniorinnen und Senioren – und, zwischendurch, immer wieder auch mit Mitarbeitern.

Gedächtnistraining: Ein knappes Dutzend Bewohnerinnen und 1 Bewohner des Altersheims (und der Herr Praktikant, a.k.a. ich) malen in Gedanken ein Bild, Thema: “Im Park”, indem jede und jeder einer imaginären weissen Leinwand etwas hinzufügt, und stellen uns vor, welche Geräusche in der dargestellten Szene zu hören sein könnten. Und vieles mehr. Rührend, wie herzallerliebst mich der Teilnehmerkreis aufnimmt und involviert: ein junger Mann! Mit blauen Augen! Und dann wird er auch noch Pfarrer! Kein Wunder, geht die Stunde aus meiner Sicht viel zu schnell vorbei.

Essensausgabe in der Pflegeabteilung: Je kleiner der Aktionsradius der Pflegebedürftigen, desto wichtiger das Essen. Deshalb werden Spezialwünsche so gut wie möglich erfüllt. Dass dann beim Frühstück ein Bütterli zu hart “ist” oder beim Mittagessen ein Trinkglas zu voll oder zu wenig gefüllt, kann von manchen Betroffenen als fast existenzielles Problem beklagt werden. Aber die Pflegerinnen nehmen das dermassen cool… Und dann gibt es ja auch die Anderen, die Sonnenscheine!

Gemeinsames Singen: Wenn der üblicherweise gebuchte Raum nicht verfügbar ist, fällt das wöchentliche Singen natürlich nicht aus – sondern es findet im Eingangsbereich des Altersheims statt. Mehr als zwanzig Teilnehmer sind es an dem Nachmittag, an dem auch ich dabei bin. Ich verteile die Textblätter, unterstütze aber auch, so gut es geht, die beiden Herren in der Runde (der ehemalige Chorsänger, mit dem ich kurz vor unserem Einsatz ins Gespräch komme, singt mich allerdings an die Wand). Es berührt mich, in die Gesichter der älteren Dam- und Herrschaften zu schauen, die inbrünstig ihre alten Lieder singen: die “Capri-Fischer”, “Heidschi Bumbeidschi” und – “Freut Euch des Lebens, weil noch das Lämpchen glüht; pflücket die Rose, eh’ sie verblüht!” Der Praktikant hat verstanden (und vor Rührung ein Tränli in den Augen).

Pflegerapport: Dreimal in diesen ersten zwei Tagen bin ich wie selbstverständlich dabei, wenn die Pflegerinnen und Pfleger ihre Dienste vor- und nachbesprechen. Eine ernste und zugleich fröhliche Runde. Es geht nicht lange, und ich, als angehender Pfarrer nicht nur geduldet, sondern respektiert, fasse den ersten Auftrag: Ich soll eine pflegebedürftige Dame ein wenig aufmuntern und auch ihre Lebensgeschichte und ihre Wünsche in Erfahrung bringen (was, als Teil der Gesamtbetrachtung, für die Betreuung wichtig ist); den Pflegerinnen gegenüber sei sie sehr verschlossen. Auch mit mir will sie allerdings, wie sich zeigen wird, nicht sprechen.

Cafeteria: Der richtige Ort zum Socializen, für Senioren, aber auch für mich. Mehr als etwa eine halbe Stunde konnte ich dort vorerst allerdings nicht Kaffee ausgeben – es gibt sooo viel Anderes zu tun!

Gottesdienst: Meine Praktikumsleiterin, Pfarrerin in “meiner” Herbergsgemeinde, leitet einen halbstündigen Gottesdienst im Erdgeschoss, an dem rund ein Dutzend Bewohnerinnen und Bewohner teilnimmt. Gleich anschliessend eine Kurzversion davon als Andacht in der Pflegeabteilung. Ich verteile Gesangbücher bzw. das Liedblatt – und bin beeindruckt davon, wie es der Pfarrerin gelingt, die kleine Gemeinde anzusprechen. Die Gratwanderung zwischen guter Verständlichkeit und Schlichtheit, zwischen theologischem Fundament und Theologisieren glückt. Mir steht sie noch bevor; ich sehe aber, dass ich hierzu die richtige Bergführerin habe.

Freie Gespräche: Nebst den geplanten Einsätzen in fast allen Bereichen des Altersheims habe ich immer wieder Zeit – mal eine Stunde zwischendurch, mal einen halben Tag am Stück –, mit den Bewohnern wie auch mit den Angestellten ins Gespräch zu kommen. Das ist es auch, was ich als eines meiner Hauptziele in dieser Zeit im Altersheim definiert habe; es lässt sich bestens umsetzen. Die Altersheimleitung wie auch die Pflegerinnen und Pfleger geben gerne Auskunft über ihre Arbeit, Motivationen, Abgrenzungsstrategien, und auch die Seniorinnen und Senioren sind mir zum ganz grossen Teil wohlgesinnt. Bereits habe ich die erste Intensivunterhaltung hinter mir: Am ersten Tag meines Einsatzes spreche ich eine Dame, die im Flur auf dem Hometrainer strampelt, etwas scherzhaft an (“Sie sind aber eine Tapfere!”), und schon sprechen wir eine halbe Stunde über sie und mich, das Leben, die Krankheit ihres verstorbenes Ehemannes, den Tod – und die Hoffnung, die immer bleibt. Ich, der Pfarrerlehrling, geniesse offensichtlich rasch ihr Vertrauen. Wissend, dass das Gespräch noch nicht zu Ende ist, aber bereits weiter verplant, biete ich ihr an, sie am darauffolgenden Tag zu besuchen – sie willigt freudig ein, ist dann aber doch ein wenig überrascht, als ich tatsächlich auftauche. Sie macht sich zu jenem Zeitpunkt gerade Gedanken zur Speisesaal-Fehde mit einer Tischnachbarin. Was sie denn tun solle? Wir überlegen uns verschiedene Szenarien, landen dann aber doch wieder bei den grossen Fragen. Und so wird das kein Seelsorgegespräch “aus dem Lehrbuch”, denn dafür dauerte es viel zu lang: drei Stunden! [1] Aber die Frau erzählt so viel und so gerührt und rührend aus ihrem Leben, dass ich sie gar nicht unterbrechen will. Und bei all den Erinnerungen an ihren über alles geliebten Mann und an die Mutter, die so gar nicht mütterlich gewesen sei (und der sie gerne am Himmelstor, so es ein solches gebe, die Meinung sagen würde) merkt sie, dass die kleine Altersheim-Fehde ganz und gar nichtig ist. “Kennen Sie die Redewendung, dass man nicht ins Bett gehen soll, bevor Zwist und Streit beigelegt sind?”, frage ich sie. [2] Da strahlt sie über das ganze Gesicht und meint, das habe ihr Mann auch immer gesagt. Sie will jetzt das Gespräch mit ihrer Tischnachbarin suchen. Auf dem Rückweg in die Pflegeabteilung, kurz vor dem Abendessen (und meinem Dienstschluss), sehe ich gerade noch den oben erwähnten “Chorsänger” im Treppenhaus, grüsse ihn mit Namen und wünsche ihm einen guten Appetit; er erwidert den Gruss fröhlich, kennt auch meinen Namen noch – wir verabreden uns auf Freitag oder Sonntag zu einem Gespräch. [3]

Heute hatte ich “frei”: Der Nebenjob in der Schule läuft während des kirchlichen Praktikums weiter. Morgen nachmittag aber beginnt ein weiterer Dienst – und ich freue mich. Sehr.

[1] Zuhause habe ich dann an meiner Professionalität gezweifelt: Ist es in Ordnung, in semi-offizieller Mission ein derart langes Gespräch zu führen? Vielleicht nicht. Anderseits bin ich auch nicht ein Pfleger, der nur kurz vorbeischauen kann und dann zur nächsten Person weitereilen muss, oder ein Pfarrer, der einen solchen Besuch möglicherweise zwischen eine Spurgruppen-Sitzung und einen Abend mit den Konfirmanden hineinzuquetschen hat – ich habe viel Zeit!
[2] Frei nach der Lebenshilfe in Eph 26,4: “Die Sonne gehe nicht unter über eurem Zorn.”
[3] Ich bin dankbar, wenn ich meine Gesprächs- und Seelsorgekompetenzen im Zusammensein mit Menschen “ausprobieren” kann, die mir gerne die Tür öffnen. Und wer sagt denn, dass das einfach “leichte” Gespräche sind?

Das Wasser reichen

By , 11/09/2012 06:58

Nach der Einführungswoche im Süden steige ich heute in die Praktikums-Praxis ein. Das erste Modul deckt den Bereich der Diakonie ab. Oder – um meinen Philodendron ix-ypsilon-zett-ensis noch einmal für ein Bild zu bemühen:

Diakonie

Mir stehen drei Wochen in einem Altersheim meiner Praktikumsgemeinde bevor. Der Einsatzplan, von der Heimleitung für mich liebevoll zusammengestellt, ist so abwechslungsreich wie nur möglich. Ich bin nun gespannt auf die Umsetzung und die Erfahrungen, die mich dabei erwarten – und werde, wenn es sich ergibt und die Vertraulichkeit gewährleistet ist, selbstverständlich ein wenig aus dem Nähkästchen plaudern.

Kurz durchatmen

By , 07/09/2012 19:04

Soeben bin ich wohlbehalten aus dem Tessin zurückgekehrt. Überaus motiviert für den ersten Praxiseinsatz, der nächste Woche beginnt, und ebenso überaus müde von den grossartigen nächtlichen Diskussionen unter Gleich- und Ähnlichgesinnten, die nebst bzw. nach dem eigentlichen Programm stattgefunden haben, bin ich nun aber zunächst für das Kirchenpflege-Forum aufgeboten, das “meine” Landeskirche morgen Samstag im Zürcher Kongresshaus ausrichtet. Vielleicht ist ja die eine oder der andere unter Ihnen auch da?

Danach, nächste Woche, geht es dann aber wirklich los.

Kylchensprech

By , 21/08/2012 06:50

So, Nebenjöbli schon erledigt. Die 70 Stunden waren doch schneller abgearbeitet, als ich erwartet hatte: Zwei Wochen reichten dafür locker aus. In dieser Zeit habe ich immerhin 291 Seiten Ausgangstext in den Computer picken können.

Die eigentliche Aufgabe wartet aber noch auf mich: dieses Frühneuhochdeutsch zügig wieder aus dem Kopf bringen. Das wird vil grosse muey kostenn… (Aber ich bin ia, wie es sich zu thuon erhöuscht, dappffer!)

Prokrastination deluxe

By , 08/08/2012 03:02

Was macht ein Student, der, in den Semesterferien steckend, seine Leistungsnachweise erbracht hat, auch privat beinahe ausgelesen ist und noch etwas Zeitdruck aufbauen muss, bevor er die Bachelorarbeit seriös in Angriff nimmt? Richtig: Er schnappt sich ein zusätzliches Jöbli.

    Geld bekommen
    fürs Prokrastinieren – passt!

So mache ich in den nächsten Wochen einige Kapitel eines Buches in Frühneuhochdeutsch in elektronischer Form zugänglich. Unverblümter: Ich tippe sie ab, als Grundlage für eine Neuedition des Werks. Angenehme Nebeneffekte:

    (Lese-)Kenntnisse in Frakturschrift vertiefen
    und gleichzeitig etwas Kylchengschicht lernen.

Das sind zwei – drei – vier Fliegen mit einer Klappe. Nicht schlecht, oder?

Mal etwas Anderes

By , 31/07/2012 08:59

Als ich kürzlich ferienhalber anderthalb Wochen im Ausland weilte, wollte ich mich von all der Theologie und all dem Lesen erholen und habe hauptsächlich – Theologisches und Theologienahes gelesen. [1]

In den letzten zwei Jahren hatte sich nämlich ein Haufen Bücher angesammelt, die seit ihrer Anschaffung der geistigen Verarbeitung harrten (“wenn ich mal viel Zeit habe!”), und so kam schliesslich ein ganzer Koffer voller Literatur mit. Wenn schon, denn schon!

Jeweils morgens erkor ich dann in freier Wahl zur Tageslektüre, was mich gerade am meisten ansprach. Hier die Stationen meines Lesemarathons:

a. Bodnár, Alice: Der ewige Kollege. Reportagen aus der Nähe des Todes, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2009. Interviews mit Menschen, die von Berufes wegen ständig vom Tod umgeben sind: einem Bestatter, einer Ärztin und einer Psychologin aus der Onkologie, drei Kriminalpolizisten, einer Hospizleiterin, einem Rechtsmediziner und dem Leiter eines Altersheims. Welches sind ihre Motivationen und Erfahrungen im (eigenen wie dem fremden) Umgang mit dem Tod? Interessant – und gut gemacht.
b. Rückert, Sabine: Unrecht im Namen des Volkes. Ein Justizirrtum und seine Folgen, Hamburg: Hoffmann & Campe Verlag, 2007. Präzise Rekonstruktion einer Geschichte, die mit falschen Vergewaltigungs-Anschuldigungen begann und mit Schuldsprüchen für die beiden Angeklagten endete – bevor deren Unschuld im Wiederaufnahmeverfahren nachgewiesen wurde. Die sauber recherchierte Berichterstattung der ZEIT-Gerichtsreporterin Rückert (die später auch im Kachelmann-Prozess durch Unaufgeregtheit auffiel) trug dazu bei, den Justizirrtum, der eher ein Justizskandal ist, aufzudecken; das Buch basiert auf diesen Recherchen. Spannender als ein Krimi – aber wahr.
c. Matussek, Matthias: Das katholische Abenteuer. Eine Provokation, München: Deutsche Verlags-Anstalt, 2011. Lose Zusammenstellung von Essays, die eine Lanze für den Katholizismus brechen wollen – mal mehr, mal weniger gelungen. Die “Provokation”, die der Untertitel verspricht, ist mir nicht aufgefallen. Vielleicht bin ich aber auch einfach zu wenig antikatholisch eingestellt, um schon die Apologie des Katholizismus als Provokation zu empfinden.
d. Schorlemmer, Andreas: Manchmal hilft nur Schweigen. Meine Arbeit als Polizeipastor, Berlin: Ullstein, 2007. Der Autor berichtet über ausgewählte Erlebnisse seiner Tätigkeit als Polizeiseelsorger, leider über weite Strecken fahrig und banal. Mehr noch: Nehme ich die Schilderungen zur Grundlage, so möchte ich hiermit festgehalten haben, dass ich eine Todesnachricht, wenns geht, bitte nie von ihm übermittelt bekommen möchte. Manchmal hilft, wie der Buchtitel besagt, wirklich nur Schweigen – oder zumindest ein gestrenger Lektor. (Dass es viel, viel besser geht, zeigt Buch i).
e. Baum, Markus: Jochen Klepper, Schwarzenfeld: Neufeld Verlag, 2011. Eine der wenigen problemlos erhältlichen Biographien über den Autor, Dichter, Schriftsteller Jochen Klepper, den ich, wie bekannt, sehr mag. Ein bestens lesbares Buch, das den Künstler und Menschen Klepper kurz vor dessen 70. Todestag (er verstarb am 11.12.1942) auf eindrückliche Art näher bringt. Ich fände es schön, wenn seiner im Dezember auch in der Schweiz gedacht würde – es sind ja sicher nicht jetzt schon alle Advents-Predigten geschrieben…
f. Rosentreter, Sophie: Komm her, wo soll ich hin? Warum alte und demenzkranke Menschen in die Mitte unserer Gesellschaft gehören, Frankfurt a.M.: Westend, 2012. Die Begleitung ihrer an Alzheimer erkrankten Grossmutter veranlasste die Autorin, sich mit dem Thema Demenz auseinanderzusetzen. Das Buch ist eine Mischung aus Familienerinnerungen, gesellschaftlicher Bestandsaufnahme und konkreten, mit Fachleuten diskutierten Vorschlägen für die Betreuung zu Hause wie für die institutionelle Pflegepraxis – dies alles, zumindest aus meiner (Laien-)Sicht, wohldosiert und niemals platt. Beeindruckend. (Die Autorin ist auch online präsent.)
g. Tietze, Ulrich (Hg.): Nur die Bösen? Seelsorge im Strafvollzug, Hannover: Lutherisches Verlagshaus, 2011. Verschiedene Gefängnisseelsorger schildern ihr Tätigkeitsfeld. Wie bei Buch d: belanglos und banal, lausiges Lektorat. Keine Kaufempfehlung – und so suche ich weiter nach brauchbarer Literatur über diesen wichtigen Bereich christlicher und kirchlicher Seelsorge.
h. Pachmann, Herbert: Nur der ganze Gott kann helfen, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2008. Plädoyer für einen “ganzheitlichen”, vielschichtigen Gottesbegriff – und gegen die eindimensionale (aber kuschelig-warme) Vorstellung vom “lieben” Marzipan-Gott. Eine Herausforderung für die eigene Theologie, aber das (Glaubens-)Leben schreckt vor Prüfungen halt nicht zurück. Gutes Buch.
i. Grützner, Kurt/Gröger, Wolfgang/Kiehn, Claudia/Schiewek, Werner (Hg.): Handbuch Polizeiseelsorge, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2006. Sammlung von Aufsätzen zu verschiedenen Arbeitsbereichen christlicher Polizeiseelsorge, von Praktikern geschrieben, die zu den entsprechenden Tätigkeitfeldern wirklich etwas zu sagen haben, auch die sozialen, rechtlichen und institutionellen Rahmenbedingungen benennen, die wissenschaftliche Theologie nicht ausklammern und zur Selbstreflexion fähig sind. Grossartig.
k. Schnepper, Arndt Elmar: Frei predigen. Ohne Manuskript auf der Kanzel, Witten: SCM R. Brockhaus, 2010. Streitschrift pro (manuskript-)freie Predigt…
l. Deeg, Alexander/Meyer-Blanck, Michael/Stäblein, Christian: Präsent predigen. Eine Streitschrift wider die Ideologisierung der “freien” Kanzelrede, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2011. …und die professorale Gegenschrift. Ein interessanter Diskurs mit beidseits berechtigten Argumenten – wenn nur darauf verzichtet würde, den Anhängern der jeweils anderen Auffassung in erster Linie deren negativen Auswüchse vorzuhalten: Weder sind die Manuskript-Aficionados allesamt emotionslose, sozialgestörte Ableser noch die freien Prediger vorbereitungsfaule Menschenverführer und Wahrheitenverkäufer. Immerhin: interessante Praxisanregungen von beiden “Parteien”.
m. de Saint-Exupéry, Antoine: Nachtflug. Mein erster Roman seit langem – vor zig Jahren habe ich diese Geschichte aus der Pionierzeit des, eben, Nachtflugs zum ersten Mal gelesen. Wenig Handlung, aber viel Spannung, die von der wort- und bildgewaltigen Sprache Saint-Exupérys lebt (kongenial ins Deutsche übertragen auf der Basis einer Übersetzung von Hans Reisiger). Ein Gedicht!
n. Uhl, Volker (Hg.): Die erste Leiche vergisst man nicht. Polizisten erzählen, München: Piper, 2005. Kurze Geschichten aus dem Polizei-Alltag, welche den persönlichen Umgang mit dem Tod (und der Todesgefahr) derjenigen aufzeigen, die an vorderster Front zugunsten unserer Sicherheit Kopf, Herz und Hand hinhalten. Eine äusserst heterogene Mischung – teils sehr gut geschrieben, häufig rührend gestelzt, bisweilen auch einfach schlecht. Ist für mich aber in Ordnung, weil das Gesamtbild zählt und die Motivation der sogenannten Polizei-Poeten, in deren Umfeld das Buch entstand, meine Sympathie hat.
o. Uhl, Volker (Hg.): Jeden Tag den Tod vor Augen. Polizisten erzählen, München: Piper, 2006. Dasselbe in (Polizei-)Grün. Mit dem Unterschied dass hierfür nicht Dietz Werner Steck das Vorwort schrieb, sondern Maria Furtwängler.
p. Führer, Christian: Und wir sind dabei gewesen. Die Revolution, die aus der Kirche kam, Berlin: Ullstein, 2009. Autobiographie des ehemaligen Pfarrers der Leipziger Nikolaikirche, der durch seine Friedensgebete – und vieles mehr – für immer mit der friedlichen Revolution in der DDR in Verbindung gebracht werden wird. Die Lebensgeschichte beschränkt sich allerdings (und zum Glück) nicht auf diese zeitgeschichtlich besonders ereignisvolle und wichtige Phase. Insbesondere die Schilderungen des florierenden gemeindlichen Lebens in der ostdeutschen Provinz unter erschwerten (staatlichen) Bedingungen sind äusserst interessant zu lesen – und die Ausführungen dazu lehrreich.
q. Schabowski, Günter/Sieren, Frank: Wir haben fast alles falsch gemacht. Die letzten Tage der DDR, Berlin: Econ, 2009. Interview mit dem ehemaligen “Regierungssprecher” der DDR, der seinen Platz in der Geschichte hat als der Mann, der aus Versehen (verfrüht) die Mauer öffnete. Ein Geschichtsunterricht der Extraklasse, wobei Schabowski mit dem Sozialismus und seiner eigenen Rolle in der letzten deutschen Diktatur überaus hart ins Gericht geht (Frage von rechtlicher vs. moralischer Schuld!). Eindrücklich.
r. Nagel, Eckhard/Göring-Eckardt, Katrin: Aber die Liebe… Christsein aus ganzem Herzen, Freiburg: Kreuz Verlag, 2010. Der Katholik Nagel und die Lutheranerin Göring-Eckardt waren Mitglieder des Präsidiums des 2. Oekumenischen Kirchentags (2010), ihr Buch basiert auf Diskussionen, die in ebenjenem Gremium in Bezug auf das Kirchentags-Motto geführt wurden (gewählt wurde schliesslich “Damit ihr Hoffnung habt”). Diesen Kontext merkt man dem Werk an: Wohl werden, was durchaus interessant ist, unterschiedliche Aspekte der Liebe behandelt – dies allerdings in gefühlerischen Formulierungen, die ich in Zukunft als Kirchentagssprache identifizieren werde. Und meiden.
s. Struck, Peter: So läuft das. Politik mit Ecken und Kanten, Berlin: Propyläen, 2010. Rückblick des ehemaligen SPD-Fraktionsvorsitzenden und -Bundesministers auf seine Zeit in der Politik – fast im Plauderton, mit zahlreichen Anekdoten, die ein interessantes Bild vom Parlamentsbetrieb und der Regierungsarbeit zeichnen.

Nach zehn Tagen, umgerechnet: knapp 4000 Seiten, waren die Ferien zu Ende – zumindest lesetechnisch zum richtigen Zeitpunkt, denn der Proviant an Lektüre war bis dahin grossteils aufgebraucht. [2]

Mal schauen, ob ich demnächst noch ein Lesewochenende einlegen kann – bevor es im September mit dem Praxissemester losgeht. Jedenfalls bin ich, früher ein begeisterter Freizeitleser, jetzt wieder angefixt.

Das mit der Themenvielfalt wird aber wahrscheinlich nichts mehr.

[1] Die während meiner Abwesenheit eingestellten Beiträge hatte ich noch vor der Abfahrt verfasst und konnte ich dank WiFi rhythmusgetreu ins Netz stellen. Muss ja nicht jeder merken, dass die Wohnung leer steht…
[2] Nicht mehr gereicht hat es lediglich für die neue Bonhoeffer- und eine vielversprechende Paul-Schneider-Biographie sowie ein paar wenige Bücher, die mich, täglich vor die Wahl gestellt, jeweils ein bisschen weniger reizten als die Konkurrenz.

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