Category: Kirchenpolitik

Zwei Paar Schuhe

By , 23/01/2012 11:01

Eine Kirche, die sich auf und in ihre Tradition zurückzieht und Neues ausschliesst, ist weltfremd. Eine Kirche wiederum, die das Neue des Neuen willen sucht und dabei ihre eigene Geschichte vergisst oder verleugnet, handelt verantwortungslos. “Prüft aber alles, das Gute behaltet”, heisst es – ach, es ist eine ständige Gratwanderung zwischen Tradition und Erneuerung!

Wer nun nach den letzten Beiträgen denkt, mir fehle der Respekt vor dem Bewährten, Althergebrachten und ich würde ebendieses Bewährte, Althergebrachte lieber abrupt ersetzen als sanft erneuern, dem sei entgegengehalten: Kann jemand ein unbarmherziger Revoluzzer sein, der seine Lieblingsschuhe nach einem halben Jahr glücklichen Gebrauchs zur Sicherheit nachkauft?

Nein: Was sich bewährt, hat seinen Platz und gehört unbedingt gestärkt. Und Gutes, das es zu behalten gilt, sehe ich in der Kirche unüberschaubar viel.

Wir und die da

By , 22/01/2012 12:16

Wieder einmal eine (mit einem Augenzwinkern gestellte) Frage aus der Reihe “Fragen, die das Leben stellt”: Ist eine Kirche, die es sich häufig, habe ich den Eindruck, mit und in ihrer Kerngemeinde gemütlich eingerichtet hat, eine Kirche, die zwar Fragen und Antwortangebote in ihrem Zentrum stehen hat, welche auch heute noch, weil sie Existenzielles und damit Urmenschliches betreffen, ein grosses Publikum ansprechen könnten, sich allerdings viel zu oft auf eine Weise präsentiert, die selbst Interessierte abschreckt, eine Kirche also, die, könnte man etwas plakativ sagen, dazu neigt, in ihrem eigenen Saft zu schmoren (Manche benötigten für diese Erkenntnis eine Milieustudie) – ist eine solche Kirche eigentlich nicht auch, auf eine ganz eigene Art, ein “Insider-Geschäft”?

Abstimmungspflicht, kirchlich

By , 06/01/2012 15:16

Wer reformiert ist und seinen Briefkasten hin und wieder leert, weiss, dass er allzweiwöchentlich die Kirchenzeitung “reformiert” erhält – jedes zweite Mal, also monatlich, ergänzt durch eine lokal verantwortete Gemeindebeilage. Diese heisst bei uns in Bubikon “Chileblick”. Zum festen Bestandteil dieser unserer Gemeindebeilage nun gehört eine frontseitige Kolumne: Monat für Monat erhält ein Mitglied von Kirchenpflege oder Pfarrteam eine Carte Blanche hierfür. Einzige Vorgabe: Der Text sollte eine Länge von 1600 Zeichen nicht überschreiten. [1]

Manchmal geht der Kelch auch an mir nicht vorbei. Der Kolumnentext, den ich für den “Chileblick” vom September 2010 verfasst hatte, kam mir am vergangenen Wochenende in den Sinn, als ich meine Gitarre mit einer neuen Saite bespannen musste – zum ersten Mal überhaupt (nach anderthalb Jahren!), denn ich hatte ebendiese Gitarre mit dem Ziel gekauft, mir das Spiel selbst beizubringen. “Im Selbststudium” heisst das, und bedeuten tut es, wenigstens in meinem Fall, dass ich bisher “einfach nicht so recht die Zeit gefunden habe”, etwas zu lernen. Aber das soll hier nicht das Thema sein… [2]

Hier nun also der Text:

Manchmal denke ich, dass ich ein unverbesserlicher Schöngeist bin, ein Freak – und finde Trost darin, dass Sie meine Gedanken nicht lesen können. Sie wüssten sonst, dass ich Schweinekoteletts ins Regal zurücklege, wenn sie mit „Schweinekoteletten“ angeschrieben sind (Koteletten, liebe Metzger, sind Backenbärte!), und dass ich jede Beiz einladender fände, würden wir sie mit dem schönen Gaststätten-Synonym Dorfkrug bezeichnen. Ach ja, und ich liebe Moosseedorf für seine drei Buchstabendopplungen!

Anderseits ist mir natürlich klar, dass Sprache zunächst ein Instrument zum Gedankenaustausch ist – ein Instrument allerdings, das, um beim Bild zu bleiben, gestimmt werden will. Bei meiner Gitarre habe ich hierfür zwei Möglichkeiten: Ich kann mich damit begnügen, die Saiten aufeinander abzustimmen (damit die Akkorde in sich stimmig sind), oder sie an einem „ausserhalb“ gespielten Referenzton ausrichten. Wer in einer Gruppe musizieren möchte, wählt die zweite Variante und orientiert sich an den anderen Instrumenten. So verhält es sich auch mit Worten: Ein echter Austausch ist nur möglich, wenn die Sprache des Einen auch die Sprache des Anderen ist.

Was das mit uns mehr oder weniger gläubigen, vielleicht auch zweifelnden Christen zu tun hat? Nun: Wir können uns grämen, weil unsere eigene Sprache, die in sich stimmig sein mag, nicht mehr kultureller Mainstream ist – oder wir nehmen die Herausforderung an und übertragen und „überleben“ unsere grossen, aber weitherum unverständlich gewordenen Wörter und Vorstellungen (Sünde! Gnade! Vergebung!) in eine Sprache, die auch von Menschen verstanden wird, denen das Alphabet des Glaubens fremd ist.

Dies halte ich, heute mehr denn je, für die grösste Herausforderung der Kirchen (und damit von uns allen): sich in einer Sprache auszudrücken, die tatsächlich auch verstanden wird, theologische Konzepte aus dem schönen, warmen Zirkel der Insider ins Leben zu transportieren – und doch, soviel Ehrfurcht vor dem bisher zurückgelegten Weg muss sein, die eigene Geschichte nicht zu verraten. Ein schmaler Grat, klar. Aber was ist denn die Alternative? [3]

[1] Und im weitesten Sinne sollte es um Theologisches oder Kirchliches gehen. Das versteht sich aber von selbst.
[2] Für die Interessierten: Ich nehme demnächst Gitarrestunden. Gutes Weihnachtsgeschenk, das!
[3] Bevor nun eingewandt wird, eigentlich sei es doch an der “widerspenstigen Öffentlichkeit”, verbrannten Wörtern und Worten unbefangen zu begegnen: Nein, ist es nicht. Kommunikation, die diesen Namen verdient, setzt einen Sender voraus, der sein Publikum ernstnimmt und sich an ihm orientiert. Weshalb soll das ausgerechnet bei den Kirchen, deren erster Auftrag ja gerade die Kommunikation ist, jene des Evangeliums nämlich (Art. 29 Abs. 1 KO), anders sein? Also: Das Wohlwollen vieler ist, manchmal zu meinem eigenen Erstaunen, da – jetzt sind wir dran! Wäre ja gelacht…

Die Ballade von Immernoch und Längstschon – zu Silvester/Neujahr

By , 31/12/2011 11:03

Wie schön sie doch sind, die Tage zwischen den Jahren: Das alte Jahr ist nicht mehr, das neue noch nicht. Für alles gibt es eine Stunde, sagt man – in diesen Tagen: die stille Stunde zur Entspannung im Raum zwischen dem Nichtmehr und dem Nochnicht. Zur Ruhe kommen, endlich…

Pustekuchen.

Jetzt erst finde ich doch Zeit dafür, nach dem Alltäglichen der vergangenen elfeinhalb Monate die letzten (und teilweise vorletzten) Pendenzen des alten Jahres abzuarbeiten und mich auf die ersten Wochen im neuen Jahr vorzubereiten. Das Nichtmehr des alten Jahres ist in Wirklichkeit ein lautes, forderndes Immernoch, das Nochnicht des neuen ein ebenso lautes, forderndes Längstschon.

Doppelte Arbeit also.

Und so habe ich die vorlesungs- und unterrichtsfreie Zeit zwischen Weihnachten und Silvester v.a. damit zugebracht, die über das Jahr angesammelten Kleintiere kurzzeitig über meinen Körper gewinnen zu lassen, meine Proseminararbeit zu Løgstrups Ansatz der “ethischen Forderung” doch noch fertigzustellen und, ebenfalls längst geplant, ein Arbeitszeugnis zu formulieren (immer wieder eine Herausforderung) – zugleich aber auch schon damit, den Unterricht der ersten Nachferienwoche sowie eine Hebräisch-Gesamtrepetition für die Tutoratsgruppe vorzubereiten. Jetzt steht noch ein Grossputz an. Wenn ich schon einmal dran bin…

Heute abend immerhin wird eine Pause eingeschaltet.

Ich verneige mich in grosser Dankbarkeit vor dem ausgehenden Jahr. Dieses war, soviel steht fest, das bis anhin ereignis- und lehrreichste, was mein Engagement in den Bereichen Theologie und Kirche anbelangt. Ich durfte beispielsweise feststellen, dass meine theologische Urteilskraft in den vergangenen zwei Semestern einige Fortschritte gemacht hat und ich mich mehr und mehr imstande fühle, an den Diskussionen in den universitären Veranstaltungen ernsthaft teilzunehmen. Auch denke ich sehr gerne an das religions- und bibelwissenschaftliche Seminar in Jerusalem und an das Barth-Blockseminar auf dem Leuenberg zurück, ebenso an die (erfolglose) Kandidatur für das Kirchenparlament und die (bisher erfolgreiche) Leitung der Bubiker Pfarrwahlkommission. Es ist viel gelaufen, und ich habe, es ist tatsächlich so einfach, nur gewonnen.

Zugleich schaue ich erwartungsvoll dem neuen Jahr entgegen. Was es für mich bereithalten wird? Der Uni-Stundenplan des ersten Semesters jedenfalls ist kreditpunktebedingt bereits stark reduziert, und im zweiten Halbjahr geht es in die praktische Ausbildung durch das Konkordat, was, beides, so hoffe ich, einige neue Erfahrungen und Impulse ermöglichen und bringen wird. Darauf bin ich gespannt. Wenn das neue Jahr nur halb so lehr- und abwechslungsreich wird wie das alte, bleibe ich ein glücklicher, zufriedener Mensch.

Das wünsche ich auch Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser: eine kleine Pause heute abend und, morgen beginnend, ein gutes neues Jahr mit den richtigen Herausforderungen zur rechten Zeit.

In eigener Sache: “Reformierte Presse” berichtet

By , 16/12/2011 09:09

Die Wochenzeitung “Reformierte Presse” stellt in ihrer Rubrik “Wendepunkt” wöchentlich eine Person aus dem theologischen oder kirchlichen Bereich vor. In der aktuellen, heute erschienenen Ausgabe (Nr. 50, 16.12.2011) befindet sich nun ein Portrait über mich. Den Text, verfasst von Herbert Pachmann, finden Sie auf der Rückseite der Zeitung – und, dank freundlicher Genehmigung durch den Verlag, auch hier:

Unterschiedliche Rollen als Herausforderung

Reto Studer aus Wolfhausen ZH ist auf Umwegen zum Theologiestudenten geworden

Bei gewichtigen Entscheiden habe ich bislang immer meinem Bauchgefühl vertraut. Damit bin ich ganz gut gefahren. Dies war schon so, als ich nach meinem Studienabschluss in Publizistik und Staatsrecht eine Stelle im Headhunting antrat. Drei Jahre lang war ich in diesem Bereich tätig. Das konzeptionelle Arbeiten in einem anspruchsvollen Umfeld, aber auch die anregenden Gespräche mit den Kandidaten habe ich sehr geschätzt. Es hätte gut so weitergehen können. Auf der anderen Seite wurden mehr und mehr auch Glaubensfragen in mir laut, denen ich unbedingt intensiver nachgehen wollte. Kirchlich eher lau sozialisiert, überlegte ich mir jetzt, ein Theologiestudium anzuhängen.

Mit 28 gab ich mir ein Jahr Bedenkzeit. Ich arbeitete weiter, belegte daneben aber den Hebräischkurs, den auch die Theologiestudenten zu besuchen haben. So konnte ich mir ein Bild vom Studium machen, ohne mich vorschnell für eine Zäsur zu entscheiden. Auf den Bauch hören heisst ja nicht, den Verstand auszuschalten.

2009 habe ich mich dann für das Theologiestudium eingeschrieben. Bereut habe ich das nie, auch wenn mein Lebensstil nun wieder ein anderer ist. Das Privileg, noch einmal studieren zu dürfen, wiegt das locker auf. Um meinen Unterhalt zu finanzieren, unterrichte ich an der Oberstufe, zudem bin ich Tutor an der Fakultät. Dank eines Darlehens der Eltern komme ich dann über die Runden.

Die Uni gibt mir ein solides theologisches Fundament. Daneben suche ich aber auch die kirchliche Erfahrung: Ich bin in Bubikon, passend zu meiner beruflichen Vergangenheit, Personalverantwortlicher der Kirchenpflege. Wenn es die Zeit zulässt, helfe ich auch gerne als Lektor oder im Unti aus. Theologie ohne Kirche oder Kirche ohne Theologie – das kann ich mir für mich nicht vorstellen. Mit Themen aus diesen Bereichen beschäftige ich mich auch in einem kleinen Blog (www.retostuder.ch). Das Schreiben zwingt mich, meine Ideen und Argumente besser zu durchdenken. Aber ich hoffe natürlich auch, dass die Texte gelesen werden.

Manchmal werde ich gefragt, wie ich alle diese Aktivitäten unter einen Hut bringe. Ich bin sicher gut strukturiert. Vor allem aber trenne ich Berufliches und Privates kaum: Wenn mich etwas interessiert, engagiere ich mich dort eben auch. So sind die Grenzen zwischen Pflicht und Musse fliessend. Ausserdem kann ich beim Musikhören bestens auftanken.

Die eigentliche Herausforderung ist eher das Wechseln zwischen den verschiedenen Rollen: Student, Vorgesetzter als Kirchenpfleger, Lehrer von Jugendlichen, Kommunikator beim Bloggen. Meistens klappt das ganz gut. Das Engagement an verschiedenen Orten ist sicher keine schlechte Vorbereitung auf eine Arbeit im kirchlichen Bereich, beispielsweise auf das Pfarramt. Die Praktika im nächsten Jahr werden zeigen, ob das Pfarrersein in Frage kommen kann.

(Erschienen in: “Reformierte Presse”, Nr. 50, 16.12.2011, S. 16; Autor: Herbert Pachmann)

Kirchenvorbote

By , 10/12/2011 18:51

Die Wege des Herrn sind unergründlich, sagt man – und es stimmt. Denn: Auch wenn ich mich schon seit jeher mit existenziellen Fragen befasse und als Heranwachsender im Ten Sing meiner damaligen Wohngemeinde aktiv war, die intensive Auseinandersetzung mit Glaubensfragen kam erst ungefähr 2004 auf (das wäre auch einmal ein interessantes Thema). Mir ist aber kürzlich eingefallen, dass ich bereits zwei Jahre zuvor, im Herbstsemester 2002/03, in einem Proseminar meines zweiten Nebenfachs Geschichte, das sich den 1968er Unruhen widmete, die entsprechende Berichterstattung im “Kirchenboten” (heute: “reformiert”) der Jahrgänge 1968 und 1969 untersucht hatte. Was mich, einen mehr oder weniger aus der Kirche hinauskonfirmierten Studenten der Publizistikwissenschaften, zur Wahl dieses Quellenmaterials bewogen hat? Ich weiss es nicht. Gewiss, wegen meines Hauptfachs dürfte ich geschaut haben, dass ich auch in den Nebenfächern “etwas mit Medien machen” konnte. Aber weshalb habe ich hierfür ausgerechnet ein Kirchenblatt ausgewählt? Keine Ahnung. Im Nachhinein kann ich dies nur als leisen Vorboten und stillen Advent dessen werten, was mich heute explizit, im Wieder-Studium, privat und im Ehrenamt, beschäftigt.

Einen ebenso stillen, aber gewissen dritten Advent wünsche ich allen Leserinnen und Lesern!

Die Proseminararbeit förderte übrigens – wer hätte etwas Anderes erwartet? – keine bahnbrechenden Erkenntnisse zutage. Nach der Darstellung und Auswertung des Quellenmaterials kam ich auf der letzten Seite zu folgendem Fazit (hier nur auszugsweise wiedergegeben): “Die Berichterstattung in den untersuchten Ausgaben des ‘Kirchenboten’ über die Studentenunruhen umfasste lediglich zwei längere Artikel. Allerdings handelt es sich bei einem der Texte um eine früh angekündigte und stark ins Zentrum gestellte Titelgeschichte, die sich intensiv mit dem Phänomen der 68er Bewegung auseinandersetzte. Dabei hatte vor allem der damalige Stadtpräsident von Zürich, Sigmund Widmer, die Gelegenheit, sich zu den Vorfällen im Frühling und Sommer des Jahres 1968 zu äussern. Auch wurden auf einer ganzen Seite Leserbriefe zum Thema abgedruckt, wobei viele verschiedene Meinungen berücksichtigt wurden. Die Redaktion des ‘Kirchenboten’ äusserte sich nicht namentlich, sondern stellte ihre Zeitung gewissermassen als Forum zur Verfügung.”

Rau und “Kaisers” – zum (neuen) Freiwilligenjahr

By , 04/12/2011 14:36

Als die deutsche Fussballnationalmannschaft vor einundzwanzig Jahren, 1990, im WM-Halbfinal gegen England antreten musste, war für mich, einen naiven, ziemlich vorurteilslosen, gerade zehn Jahre alt gewordenen Freizeitkicker, der Fall klar: “Man” unterstützt seinen Nachbarn! Dies war der Beginn meines grossen Interesses für den Fussball des “grossen Bruders” – das später auf andere Bereiche, insbesondere auf mein Politikinteresse und meinen Musikgeschmack, abfärbte. [1]

Meine Faszination für das Tun und Lassen Deutschlands gestern und heute ist also seit fast jeher gross und hat bis heute nicht nachgelassen. Entsprechend viele Bücher über die deutsche Nachkriegsgeschichte haben mich vor einem Monat auch in die neue Wohnung begleitet. Zum Beispiel das, zugegeben, unverfängliche Interviewbuch “Weil der Mensch ein Mensch ist… – Johannes Rau im Gespräch mit Evelyn Roll”, erschienen 2004, in dem der damals gerade erst abgetretene achte deutsche Bundespräsident (1999-2004) entspannt und bisweilen herrlich anekdotisch Bilanz zog über sein Leben in und ausserhalb der Politik. Diese Woche ist es mir wieder in die Hände gefallen. Eine kleine, feine Geschichte daraus:

Roll: Wer Ihnen persönlich schreibt, hat Chancen, auch eine persönliche Antwort zu bekommen?

Rau: Ja.

Roll: Sie haben erzählt, dass Ihr Vater Ihnen einmal eine Autogrammkarte vom Papst geschickt hat. Als Junge schon sollen Sie ausserdem mit Kaiser Wilhelm korrespondiert haben…

Rau: Ja, aber da habe ich nicht vom Kaiser, sondern von der Kaiserin Hermine Antwort bekommen. (…) Nach zwei, vielleicht drei Monaten kam ein Brief, der mir unvergesslich ist. Einmal, weil es der erste Freistempler war, den ich sah, der erste Brief, der keine Briefmarke hatte. Und dann, weil in dem Brief ein Bild des Kaisers mit seiner Unterschrift war. Auf der Rückseite dieses Bilders stand in einer mir unvergesslichen Schreibmaschinenschrift: Lieber Johannes, Seine Majestät hat sich über Deinen Brief vom Soundsovielten sehr gefreut und hofft, dass Du Deine Schularbeiten stets zur vollsten Zufriedenheit Deiner Eltern anfertigst. – Und dann noch ein paar Sätze, mit freundlichen Grüssen Hermine. Die Unterschrift sehe ich noch vor mir. Und das hat mich so geärgert, dass auch diesen Kaisers nichts anderes einfiel im ersten Satz als meine Schularbeiten.”

(Aus: Rau, Johannes/Roll, Evelyn: Weil der Mensch ein Mensch ist…, Rowohlt, Berlin 2004, S. 134f.)

Der vielbeschäftigte Homo Politicus und Privatmann Johannes Rau, übrigens zweifacher Ehrendoktor der Theologie, zog seine Lehren daraus – und machte es besser. Dies durfte ich selbst erfahren: Nachdem ich ihm Ende Juni 2004 einen Brief zu seinem Ausscheiden aus dem Amt des Bundespräsidenten geschrieben und darin, eher beiläufig, angetönt hatte, dass ich mich in Zukunft gerne ehrenamtlich engagieren werde, vielleicht in der Politik, vielleicht ausserhalb, kam seine, erstaunlich persönlich gehaltene, Antwort im wahrsten Sinne postwendend (der Stempel nennt als Aufgabedatum den 11.8.2004): ein freudiger Dank und ein paar motivierende Worte in punkto Freiwilligenarbeit – tatsächlich und erfreulicherweise ganz ohne paternalistische Hinweise zu Proseminararbeiten und dergleichen… Ich halte den Brief in Ehren.

Und damit sind wir, endlich, beim Thema: In vier Wochen, Ende dieses Monats, geht das Europäische Freiwilligenjahr 2011, das durchwegs eine schöne Geste ist, zu Ende. Gleichzeitig beginnt einen Tag darauf, nahtlos anschliessend, ein weiteres Jahr, in dem wir, als Individuen, Staat, Gesellschaft, ganz besonders als kirchliche Gemeinwesen, ohne Freiwilligenarbeit einpacken könnten. [2] Deshalb gilt in Wahrheit: “Freiwilligenjahr”? Ist immer – auch 2012.

Ich wünsche allen, die sich ehrenamtlich und mit viel Engagement für eine ihnen wichtige Sache einsetzen, häufig im Verborgenen, aber nicht minder effektiv, auch in Zukunft viel Freude, gutes Gelingen – und, offizielles Lobesjahr hin oder her, immer wieder einmal ein kleines Zeichen des Dankes.

Einen frohen zweiten Advent!

[1] Dass “man” als Schweizer eher keine Sympathien für Deutschland hegt, erfuhr ich spätestens zwei Jahre später, 1992, durch die lautstarke Schadenfreude derer, die sich über die EM-Finalniederlage Deutschlands gegen Dänemark mokierten. Dieses 0:2 war offenbar nur für mich ein (zwischenzeitlicher) Weltuntergang.
[2] Wobei uns nicht einmal beim Einpacken geholfen würde!

Licht und Scheffel und so

By , 02/11/2011 17:58

Die Landeskirche des Kantons Baselland will also den Wiedereintritt erleichtern. Sie tut dies mit einem vereinfachten (Wieder-)Aufnahmeverfahren, welches keine Begründung seitens des Antragstellers mehr verlangt – und macht “mit Plakaten, Inseraten, einer neuen Homepage und vielen Buchzeichen” darauf aufmerksam.

Ich bin da skeptisch. Erfolgversprechender scheint es mir, Kantonalkirchen, Kirchgemeinden und, vor allem, wir alle würden selbstbewusster auftreten und auch abseits teurer und unpersönlicher Kampagnen erzählen, wofür die Kirche steht, was sie tut und was in ihr auch und gerade für uns Laien möglich ist. Wen dies anspricht, der wird sich der Kirche auch wieder annähern wollen und die Gründe dafür vielleicht sogar stolz äussern – möglicherweise auch im Wiederaufnahmeverfahren.

Gut gemeint…

By , 02/11/2011 15:45

In der vorletzten Nummer verteidigte “reformiert”, die evangelisch-reformierte Zeitung für die deutsche und rätoromanische Schweiz, in einem Front-Kommentar wortreich eine Zürcher Oberländer Kirchgemeinde, welche durch einen schlechten Deal eine Immobilie 5.5 Millionen Franken unter Wert verkauft hat.

Gut gemeint mag es ja gewesen sein, das in Frage stehende Hotel an den langjährigen Pächter zu verkaufen, damit der Betrieb wie gehabt weiter laufen würde und die lokalen Vereine auch weiterhin den beliebten Saal nutzen könnten – so jedenfalls begründet die Kirchenpflege den Verzicht auf eine aktuelle Schätzung. Dumm nur, dass der Pächter offenbar als Strohmann fungierte und die Immobilie umgehend an einen “Immobilientycoon” weiterverkaufte… [1]

Könnte die betreffende Kirchgemeinde fahrlässig oder blauäugig gehandelt haben? Die Verteidigungsschrift in Kommentar-Form verwahrt sich gegen eine solche Sichtweise. Stattdessen sucht – und findet – der Autor die Schuld beim Endkäufer und stellt hierfür, wie ich finde: arg vereinfachend (die Überschrift besteht aus der vermutlich rhetorisch gemeinten Frage “Ethisch oder gewinnorientiert?”) und in feinstem Kirchensprech, einen Unterschied her, wo es nicht zwingend einen Unterschied gibt: Das Streben nach Gewinn ist doch nicht von Grund auf unethisch, ebenso wenig ist finanzieller Verzicht per se ethisch! [2]

Vor allem aber lenkt der Ethik-Exkurs vom Wesentlichen ab: Die Kirchgemeinde hat ja weder (nach Gewinn strebend) an den Meistbietenden verkauft noch ihr (“ethisches”) Ziel erreicht, den gewohnten Hotel- und Tagungsbetrieb zu erhalten. Nein: Sie hat ganz einfach, ohne Not und augenscheinlich mit den Scheuklappen des Weltfremden, 5.5 Millionen Franken Steuergeld in den Sand gesetzt. [3]

Gut gemeint? Wahrscheinlich. Ganz sicher schlecht gemacht. Aber dann sagen wir das doch auch so. [4]

[1] “Tycoon” ist ein, immerhin in Anführungszeichen geschriebenes, Zitat aus einem anderen “reformiert”-Artikel zum Thema.
[2] Dabei ist zu bedenken, dass der Begriff des “Ethischen” reichlich diffus ist. Für Kurzqualifikationen – wie im vorliegenden Fall – scheint er mir deshalb eher ungeeignet.
[3] Dass es nämlich durchaus geeignete Wege gegeben hätte, das hehre Ziel zu erreichen und z.B. das “Strohmann-Szenario” auszuschliessen, darüber berichtet “reformiert” in einem anderen Artikel zum Thema.
[4] Nur damit wir uns recht verstehen: Ich verspüre keinerlei Schadenfreude. Als Kirchenpfleger weiss ich, welche Verantwortung bisweilen auf uns Milizlern lastet. Mich irritiert aber, dass von kirchlicher Seite i.d.R. mit viel Verve gegen die Privatwirtschaft geschossen wird, wo immer es (tatsächliche und vermeintliche, vorsätzliche und fahrlässige) Verfehlungen gibt, dass die Kirche sich selbst gegenüber aber erstaunlich langmütig zu sein pflegt. Glaubwürdigkeit sieht anders aus.

“Theologie? Na und?”

By , 05/10/2011 19:49

Als ich mich Anfang 2009 entschieden hatte, nach einem ersten Studium und dreijähriger Tätigkeit in der Managementberatung an die Universität zurückzukehren und ein Zweitstudium in Theologie aufzunehmen, war ich gefasst auf kritische Anfragen aus meinem Umfeld: “Theologie? Du?!” Und vor allem: “Welche Berechtigung hat die Kirche denn heute noch?” Diese Fragen kannte ich: Es waren meine, und sie sind es, teilweise zumindest, immer noch. [1]

Wer immer in den Monaten darauf aber von meinem Entschluss erfuhr, kritisierte oder hinterfragte nicht, sondern fand – selbst nachdem ich sichergestellt hatte, dass niemand fälschlicherweise meinte, ich spräche von “Geologie” – ausschliesslich unterstützende Worte: Familie, Freunde, Bekannte, alle. Die Gründe dafür mögen unterschiedlicher Natur sein. Mit Sicherheit ging es dabei aber nicht einfach darum, mir den (möglichen) Wechsel in ein neues Tätigkeitsfeld leichter zu machen, also mir persönlich einen Gefallen zu tun, nein: Ich merkte, dass gerade auch ebendiesem Tätigkeitsfeld, der Kirche, überraschend viel Wohlwollen entgegengebracht wird. Aller Kritik zum Trotz: Die Kirche hat im Allgemeinen einen guten Ruf, auch heute noch, und ihre Arbeit wird grossenteils respektiert und mehrheitlich leise zwar, aber eben doch dankbar zur Kenntnis genommen und unterstützt. [2]

Ob berechtigt oder nicht: Auch ich als Theologiestudent, d.h. als Anfänger in der theoretischen Auseinandersetzung mit dem christlichen Glauben (und nicht als Praktiker mit Erfahrung), falle, wie meine Kolleginnen und Kollegen sicher auch, bisweilen in dieses Raster des Kirchlichen – wahrscheinlich weil der Unterschied von Theologie und Kirche in der öffentlichen Wahrnehmung klein ist oder gar nicht erst besteht. Dass dies seine schönen Seiten hat, durfte ich erst gestern wieder erfahren, als der (mir unbekannte) Sohn eines (mir unbekannten) ehemaligen Geschäftspartners meines (mir bekannten!) Vaters anfragen liess, ob ich vor seiner Ausreise in die USA wohl sein Kind taufen könne. Vier Jahre vor dem Vikariat, der einjährigen Praxiseinführung in den Pfarrberuf… etwas gar früh, leider. Aber die Anfrage hat mich doch gefreut – und mich auf einen Schlag vier, fünf Jahre weit in die mögliche Zukunft katapultiert.

[1] Keine Sorge, es kommen immer wieder neue Fragen hinzu – sonst müsste ich dieses Blog schliessen…
[2] Vielleicht sollte man also endlich, endlich aufhören, die Unterstützung der kirchlichen Anliegen mehr oder weniger ausschliesslich sonntagmorgens zu messen, wie dies viel zu viele Kirchgemeinden auch heute noch zu tun pflegen. Das Verständnis von Kirche ist so viel breiter. In diesem Sinne bin ich gespannt auf die Auseinandersetzung, die uns in punkto “Initiative zur Abschaffung der Kirchensteuer für juristische Personen” erwartet. Kirche – bist Du bereit?

Panorama Theme by Themocracy