Category: Kirchenpolitik

In dubio – pro reto?

By , 31/03/2012 11:52

Als mich vor ein paar Tagen ein Uni-Dozent fragte, ob ich es, “jetzt mal ehrlich!”, nie bereut hätte, einen einigermassen sicheren und anständig bezahlten Job aufgegeben und stattdessen das Theologiestudium aufgenommen zu haben, antwortete ich mit einem bestimmten, beinahe barthianischen Nein. So ist es – bereut habe ich es tatsächlich nie.

Das heisst nun aber beileibe nicht, dass ich meinen Entscheid nie hinterfragen und ihn nicht bisweilen sehr kritisch sehen würde. Manchmal zweifle ich sehr wohl – und sehr heftig. Dies nicht in erster Linie mit Blick auf meinen Lebensstandard, der ein ganz anderer wäre, wenn ich noch im alten Beruf arbeiten würde. Das Privileg des Studiums wiegt die Konsequenzen davon, je nach Stimmung mal mehr, mal weniger, auf. Nein – die Zweifel melden sich vor allem in Gestalt der Frage, wie es nach dem Abschluss weitergehen soll: Bin ich überhaupt, wie ich, vielleicht blauäugig, hoffe, für das Pfarramt geschaffen? Ein passabler und (zumindest meistens) interessierter Student ist ja nicht zwangsläufig auch ein vielversprechender angehender Pfarrer!

Die Frage, die da an den von mir schön zurechtgelegten und ausgemalten Plänen rüttelt, hat verschiedene Facetten:

Kann ich “das” einmal: Pfarrer sein? Werde ich mich zum Beispiel nach Studium und allfälligem Vikariat “kirchlich” verhalten und ausdrücken können und so von einer kirchlich-slash-religiös bestens sozialisierten Kerngemeinde akzeptiert und verstanden werden, ohne den Blick für die “kritischen Zugewandten”, den ich mir selbst noch attestiere und der mir sehr wichtig ist, zu verlieren? Bin ich für die Insider nicht zu kritisch – und für die Kritischen letztlich eben doch einfach ein Insider, der wenig bis nichts zu melden hat? Kann mir dieser Spagat gelingen? Aber auch:

Will ich überhaupt Pfarrer werden, mit allen Konsequenzen, die das Pfarrersein mit sich bringt? Ist die Kirche tatsächlich das richtige, das passende Arbeitsumfeld für mich? Bin ich nicht, um nur ein Beispiel zu nennen, ein zu grosser Perfektionist für ein Umfeld, in dem die Vermittlung zwischen Profis und Laien, zurecht, zum Wichtigsten gehört? (Ich bin auf dem Weg des Entspannter-Werdens. Aber eben immer noch ein Pedant.) Und, umgekehrt und genauso wichtig: Will die Kirche mich? Entspreche ich überhaupt “ihren” Vorstellungen? Damit zusammenhängend:

Muss es denn gleich ein Pfarramt sein? Reicht es nicht, ausserhalb der (institutionellen) Kirche, konkret: im privatwirtschaftlichen Erwerbsleben, “evangelisch” zu wirken – im Kleinen und ganz uninstitutionalisiert? Kirchliche, christliche Anliegen kann ich ja auch niederschwellig, gewissermassen als “kirchliche Exklave” (oder “Enklave”, je nachdem, woher man schaut), in der Wirtschaft unterstützen! Wenn es also ein Pfarramt sein muss: Woran erkenne ich, dass es das muss?

Sie sehen: Über meinem Weg scheint nicht immer die Sonne. Und doch, auch wenn ich gerade in dieser Woche wieder einmal viel gezweifelt habe, ohne konkreten Anlass übrigens – bereuen tue ich es nicht, diese grössere Wende vollzogen zu haben: Das Theologiestudium ist gut für mich. Ich hoffe nur, die Zweifel, die das Darüberhinaus betreffen, sind es auch.

Übrigens: Zumindest heute beantworte ich die drei Fragen nach dem Können, Wollen, Müssen, relativ positiv, mit “vielleicht”, “ja”, “ja”. Fortsetzung folgt aber bestimmt.

Äpfel und Birken

By , 26/03/2012 13:54

Am Freitag als Studentenvertreter an einer Sitzung der Fakultätsversammlung, am Samstag nach dem verpassten ersten Tag zumindest an der zweiten Hälfte der Kirchenpflegetagung auf der Boldern, am Sonntag an einem Familienfest mit ad-hoc-Diskussion über die theologischen Unterschiede zwischen Luther und Calvin – als angehender Theologe ist man gefordert. [1] Anderseits: Später wird das sicher noch heftiger. Eine homöopathische Annäherung an die pfarramtliche Tätigkeitsvielfalt ist also durchaus in meinem Interesse.

Jedenfalls: Das Tagungs- und Studienzentrum Boldern wird, wie bekannt, auf neue Weise weitergeführt, die Kirchenpflegetagungen finden ab nächstem Jahr, gutzwinglianisch, im Kloster Kappel statt. Und so gab man uns Teilnehmern nach einer Podiumsdiskussion mit dem emeritierten Ethik-Professor Johannes Fischer (für mich ein schönes Wiedersehen) und der Workshoparbeit zum Abschied von der Boldern je ein Päckchen Birkensamen mit. Das lässt hoffen: Weder die Welt noch die Boldern werden so rasch untergehen – sonst hätten wir stattdessen ein paar Apfelkerne mitbekommen.

[1] Zum Thema “Luther vs. Calvin” hat die EKD Entspannt-Schönes, schön Entspanntes online gestellt: hier nachlesen.

Skandal: Katholik vertritt katholische Lehre!

By , 17/03/2012 16:35

Dass die Kirche und ihr Wirken nicht mehr “stattfinden” in den Medien, ist eine falsche Annahme. Im Falle eines (echten oder vermeintlichen) Skandals, gerne bei unseren katholischen Freunden, wird sehr wohl berichtet. So zuletzt geschehen in den vergangenen zwei Wochen: Der Churer Bischof Vitus Huonder war wegen eines Hirtenbriefes in die Schlagzeilen geraten, in dem er u.a. (ich meine: nebenbei) verlesen haben wollte, dass wiederverheiratete Katholiken nicht zu den Sakramenten zugelassen seien. Ein Proteststurm im Blätterwald war die Folge.

Nun bin ich als Reformierter nicht dazu befugt, mich in innerkatholische Angelegenheiten einzumischen, und die katholische Kirche braucht mich ganz gewiss nicht als Verteidiger (was wohl auch kontraproduktiv wäre). Dennoch erlaube ich mir, die vieldiskutierte Passage aus dem gewiss wenig gelesenen Hirtenbrief in den Kontext zu stellen, in den sie gehört.

Bischof Huonder schrieb:

“Die Ehe ist ein hohes Gut, das erkannt, gepflegt, erhalten und geschützt werden will. […]
Jede Ehescheidung ist ein menschliches Drama. … Die
Folgen der Ehescheidung sind in mehrfacher Hinsicht schwer: Für das Paar selber, für die Kinder, sofern Kinder da sind, für die Gesellschaft, schliesslich auch für Glaubensgemeinschaft sowie die Gottesbeziehung. … Die Folgen für die Glaubensgemeinschaft und die Gottesbeziehung werden uns bewusst, wenn wir das Wort Gottes betrachten und uns in die Weisungen des Herrn vertiefen. Denn die Lehre des Herrn ist klar: Die Ehe ist unauslöslich. […]
Die Folgen für die Gottesbeziehung sind vor allem im Falle einer
Wiederverheiratung schmerzhaft, da wiederverheiratete Geschiedene nicht zu den Sakramenten zugelassen sind. Betroffene kommen nämlich durch ihre Entscheidung, eine neue Beziehung einzugehen, in eine Situation, die den Empfang der Sakramente verunmöglicht.”

(Aus: “Die Ehe soll von allen in Ehren gehalten werden” [Hebr 13,4] – Ein Wort zur Ehe heute, Hirtenbrief zur Fastenzeit von 2012 von Msgr. Dr. Vitus Huonder, S. 4/6f./8, auch online abrufbar)

Wenn in dieser Passage festgestellt wird, dass “wiederverheiratete Geschiedene nicht zu den Sakramenten zugelassen sind”, stellt sich natürlich die Ricola-Frage: Wer hat’s erfunden? Bischof Huonder, wie die Berichterstattung teilweise glauben machen wollte? Nein – es handelt sich dabei ganz einfach, “nur”, um die offizielle Lehrmeinung der römisch-katholischen Kirche, wie sie sich auch im “Katechismus der Katholischen Kirche” ausformuliert findet. Hier ein Auszug aus dessen Absatz Nr. 1650:

“In vielen Ländern gibt es heute zahlreiche Katholiken, die sich nach den zivilen Gesetzen scheiden lassen und eine neue, zivile Ehe schliessen. Die Kirche fühlt sich dem Wort Jesu Christi verpflichtet: ‘Wer seine Frau aus der Ehe entlässt und eine andere heiratet, begeht ihr gegenüber Ehebruch. Auch eine Frau begeht Ehebruch, wenn sie ihren Mann aus der Ehe entlässt und einen anderen heiratet’ (Mk 10,11-12). Die Kirche hält deshalb daran fest, dass sie, falls die Ehe gültig war, eine neue Verbindung nicht als gültig anerkennen kann. Falls Geschiedene zivil wiederverheiratet sind, befinden sie sich in einer Situation, die dem Gesetze Gottes objektiv widerspricht. Darum dürfen sie, solange diese Situation andauert, nicht die Kommunion empfangen.”

(Aus: Katechismus der Katholischen Kirche, R. Oldenbourg Verlag, München 1993, Absatz 1650, S. 442 – auch online abrufbar)

Halten wir also fest: Bischof Vitus Huonder wurde dafür kritisiert, dass er die altbekannte offizielle Lehrmeinung derjenigen Kirche, der er angehört und die er mitleitet, vertritt und dies auch von seinen Mitkatholiken fordert. Bin ich der Einzige, der… darüber staunt? [1]

Besonders bedauerlich finde ich, dass angesichts des Mediengetöses die eigentliche Kernaussage des Hirtenbriefs in den Hintergrund trat: Die Frage nach der Auflösung der Ehe ist ja nur ein Nebenschauplatz in dem elfseitigen Dokument – in erster Linie geht es Bischof Huonder, scheint es mir, darum, darauf hinzuweisen, dass die kirchliche Ehe, die immerhin sakramentalen Charakter hat, hochzuschätzen ist und deshalb nicht leichtfertig und aus einer Festlaune heraus eingegangen werden soll:

“Werden die Traupaare auf ihre geistig-seelische Reife genügend geprüft? Müsste nicht manche kirchliche Trauung abgesagt oder verschoben werden, weil die notwendigen Voraussetzungen für eine christliche Ehe fehlen? Treten Paare wirklich im Glauben an das Sakrament an den Traualtar? Wollen sie den Ehebund wirklich mit Blick auf Christus und auf dem Fundament seiner Lehre eingehen? Wenn wir die Ehe nur als eine rein gesellschaftliche Grösse betrachten und den Tag der Trauung als einen Event werten mit möglichst vielen Überraschungseffekten – darunter auch kirchlichen –, kommen wir an den gestellten Fragen vorbei. Alles ist ja dann in diesem Fall nicht so ernst zu nehmen und nicht auf Dauer angelegt.”

(aus: “Die Ehe soll von allen in Ehren gehalten werden” [Hebr 13,4] – Ein Wort zur Ehe heute, Hirtenbrief zur Fastenzeit von 2012 von Msgr. Dr. Vitus Huonder, S. 10, auch online abrufbar)

Ich bin überzeugt: Hätte Abt Martin Werlen Auszüge daraus getwittert – er wäre dafür gefeiert worden.

[1] Wie bereits eingangs geschrieben, möchte ich mich nicht inhaltlich zum Hirtenbrief äussern. Dass darüber eine innerkatholische Diskussion gestart wurde, über die teilweise auch in den Medien berichtet wurde, ist überhaupt nicht zu kritisieren (und möglicherweise auch im Interesse Bischof Huonders). Mich ärgert einzig und allein die mediale Stimmungsmache.

Heiland ohne h

By , 15/03/2012 17:03

Gestern beim Korrigieren einer Französisch-Voki-Prüfung gelesen: “eine Kirche”? – “une île”.

Gar nicht so falsch, im Guten wie im Schlechten. Nicht? (Den Punkt konnte ich aber nicht geben.)

Stimmen, was stimmt

By , 10/03/2012 16:12

Morgen gilt es für sämtliche Pfarrerinnen und Pfarrer, die ihren Dienst in einer Kirchgemeinde im Kanton Zürich verrichten, ernst: Sie müssen sich an der Urne für die nächste Amtsdauer wählen lassen. [1]

Ich wünsche den Amtsinhabern, die sich zur Wiederwahl stellen, wie den neuen Kandidaten viel Erfolg. Vor allem aber wünsche ich den Kirchgemeinden, dass sie weise und für sie “richtig” entscheiden – letztlich geht es ja um sie und ihr Wohl. (Besonders schön natürlich, wenn morgen beide Seiten gewinnen!)

[1] Formell handelt es sich dabei um eine Sachabstimmung – über Wahlanträge. Deshalb ist der Titel in Ordnung so.

Sehen, hören, nichts sagen

By , 09/03/2012 15:38

Es ist schon gemein: Da schreibt man fast eine Woche nichts, weil man so schön beschäftigt ist mit Kirchensachen und anderem – und darf dann doch nicht darüber berichten, weil so Vieles unter die Schweigepflicht fällt. Na, dann halt: Mache ich hier halt eine kurze Pause und schwei

Nomen est omen

By , 26/02/2012 13:00

Die designierte Vorstandspräsidentin von Mission 21 heisst Christine Christ-von Wedel.

Da kann auch der SEK nur teilweise mithalten.

Wörter zum Sonntag, vertikal in die Höhe schwadroniert

By , 20/02/2012 09:48

Die letzten Wochen und Monate waren für mich, Deutschland-Interessierter, der ich bin (siehe hier), eine interessante Zeit. Darauf muss ich, denke ich, nicht im Detail eingehen.

Inhaltlich (im Sinne von: “konkret-politisch”) möchte ich mich nicht dazu äussern. Es steht mir als Schweizer und damit Nicht-Direktbetroffenem nicht zu, und es entspräche auch nicht dem Sinn dieses Blogs. “Schuster, bleib bei deinen Leisten!” – daran halte ich mich.

Ich will aber doch, ganz grundsätzlich, festhalten, dass ich es durch und durch erstaunlich finde, dass im Rahmen der Suche nach einem Konsens-Kandidaten für das Amt des deutschen Bundespräsidenten auch Theologen und Kirchenpolitiker als Optionen genannt wurden, und davon gleich mehrere: nicht nur Joachim Gauck, sondern auch der ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Wolfgang Huber, und Katrin Göring-Eckardt, Vizepräsidentin des deutschen Bundestags und Präses der Synode. Gewiss: Dies hängt zusammen mit der verfassungsrechtlich gewollt starken Stellung der Kirche im Staat, mit der inneren Verfasstheit der Kirche in Deutschland, eindeutig auch mit der schieren Qualität der genannten Personen – dies alles mag den Unterschied zur staatspolitischen Marginalität unserer reformierten Kirche erklären, macht den theologisch-kirchlichen Kandidatenpool in Deutschland auf dem gegebenen Niveau aber nicht minder erstaunlich.

Ebendies war gestern auch eines der Themen bei “Günther Jauch”, mit den Gästen Wolfgang Bosbach (CDU), Andrea Nahles (SPD), Hildegard Hamm-Brücher (ex-FDP), Heiner Geissler (CDU) und Ulrich Wickert (ex-ARD). Ich habe mir erlaubt, die entsprechende Passage zu transkribieren, unter grosszügiger Weglassung mancher Doppelungen, Füllwörter und Zwischenbemerkungen, und stelle sie, im Detail unkommentiert, zur Diskussion hier hinein.

Jauch: Auch wenn jetzt alle sagen, das ist prima, und es ist grossartig, und es ist der Kandidat der Herzen – es gibt Menschen, die trauen sich im Moment nicht so richtig vor, aber man hört sie zumindest grummeln: Jetzt haben wir eine ostdeutsche Pfarrerstochter als Kanzlerin, und jetzt haben wir auch noch einen ostdeutschen Pfarrer als Bundespräsidenten. Ist das nicht zuviel protestantischer Osten? Das frag’ ich mal die Katholikin aus dem Westen. Frau Nahles – Sie sind der Gegenentwurf…

Nahles: Ja, also das war der einzige Moment, wo ich ein wenig gezuckt habe heute, ja! (lacht)

Jauch: Tatsächlich?

Nahles: Ja, also, Scherz jetzt – ich habe überhaupt kein Problem, von zwei Protestanten aus dem Osten an der Spitze unseres Staates vertreten zu werden. (Geissler: Oh…)

Jauch: Herr Geissler widerspricht…

Geissler: Also, ich finde das sehr gut. Ich finde das sehr gut, diese Entwicklung. Aber es wirft natürlich auch ein Licht auf die zunehmende Bedeutungslosigkeit des politischen Katholizismus in Deutschland. Das müssen wir auch sehen. Nicht? Und das sollten sich mal einige in der katholischen Kirche genau angucken, nicht wahr, was sich abspielt.

Jauch: Ist das das Problem der Katholiken, oder ist das das Problem der CDU?

Geissler: Nein, das ist ein Problem der Kirche, und zwar des Vatikans. Der Kurie, nicht wahr, die sich vertikal in die Höhe spiritualisiert und die politische Dimension des Evangeliums vollkommen aus dem Auge verliert. Und deswegen wird die Kirche auch nicht mehr – (Wickert: Ich find’ das doch mal gut so…) – Ne, find’ ich gar nicht gut!

Jauch: Herr Wickert, stellen wir nicht fest, da haben wir Joachim Gauck als Pfarrer, da war von Karin Göring-Eckardt die Rede, die sich für die evangelische Kirche engagiert hat, Wolfgang Huber, der ehemalige Bischof… Die Tatsache, dass also allein drei Menschen aus der Kirche doch für präsidiabel gehalten werden – zeigt das nicht, dass es eine gewisse Rückbesinnung zu diesen ursprünglichen christlichen Werten in unserer Gesellschaft doch gibt und dass man sich, wenn die Not auch an der Spitze des Staates am grössten ist, und zweimal gross war: bei Köhler und bei Wulff – dass solche Werte auf einmal wieder reüssieren?

Wickert: Also ich glaube, das erlebe ich selber, wenn ich Vorträge zu dieser Thematik halte, dass die Leute sich nach Werten sehnen und dass sie es auch gerne hören, dass man über Werte spricht. Das wird Ihnen, Herr Bosbach, ja genauso gehen, und Ihnen, Herr Geissler… Und sie möchten da auch sozusagen Leitfaden haben. Aber trotzdem bin ich der Meinung, dass das nichts mit einer neuen Religiosität in der Politik zu tun hat, denn die gesellschaftlichen Regeln, die kommen ja nicht aus dem Glauben, erstmal, sondern aus der Vernunft. Wenn wir jetzt sehen, dass man sagt, Herr Huber oder Frau Göring-Eckardt, also – Herr Gauck ist für mich schon seit langem kein Pfarrer mehr. Der ist seit 1990 in die Politik gewechselt, dadurch, dass er die Gauck-Behörde geführt hat.

Jauch: Aber Glaube und Vernunft schliessen sich doch nicht aus –

Wickert: Oh ja, es schliesst sich aus! Da gab es ein ganz spannendes Gespräch zwischen Herrn Habermas und dem Papst. (Geissler: Na na na…) Natürlich: Glaube und Vernunft schliessen sich aus. Der Glaube ist eher das Gefühl, Vernunft ist eher das, was wir aus der Aufklärung her gelernt haben.

Jauch: Aber das schliesst doch nicht aus, dass gläubige Menschen gleichzeitig als vernünftig angesehen werden –

Hamm-Brücher: Sie haben gefragt, woher kommt das, dass die Protestanten offenbar politisch aktiver sind. Da ich Mitglied der Synoden und des Kirchentagspräsidiums war – war das ein ungeheurer Prozess. Denn ‘Thron und Altar’ war die Mentalität des Protestanten früher. Es war ein Gehorsams-, Unterordnungs-Protestantismus. Wir haben jahrelang an unseren Stellungnahmen gearbeitet, und zum ersten Mal hat sich die protestantische Kirche zur Demokratie bekannt, und zwar sehr ausführlich. Und diese Wandlung hat engagierte Leute hervorgebracht, die das ernstgenommen haben. Wie gesagt, als evangelischer Christ will ich mich ja auch in der Welt engagieren. Und das ist im Augenblick… will ja das der Papst auch bremsen. Er will ja Entweltlichung seiner Kirche. Die Protestanten wollen Verantwortung in der Welt der Protestanten. Das ist ein ganz wichtiger Punkt, Herr Jauch.”

(Aus: “Günther Jauch”, Ausgabe vom 19.2.2012, ARD – online nachsehbar in der ARD-Mediathek, ca. Minuten 24:20-29:30)

Es scheint tatsächlich, dass Godwin’s Law für den evangelischen Diskurs umformuliert und sogar, in der neuen Form, verschärft werden muss: Ohne Vergleiche mit dem Katholizismus (oder: “dem Papst”), teils qualifiziert, teils weniger, geht es nicht – auch wenn das Thema ein ganz anderes ist. Beweise fehlen noch. Es ist derzeit, um Herrn Wickert zu zitieren, eher ein Gefühl…

Erfrischend einfach!

By , 17/02/2012 08:14

Folgendes ist das Titelbild der aktuellen Ausgabe des neuen, vergangene Woche an alle Zürcher Studenten-Haushalte verschickten ASVZ-Magazins “GO!” (hiess vorher “O2”):

Titelblatt GO

Dazu eine kleine Kirchen-Quizfrage: Klettert die Dame auf dem Foto wohl auf– oder abwärts?

(Auflösung für Kopfständige: ¡uɹǝploq ǝpuǝnʇs 'sʇɹǝɐʍqɐ sǝ ǝƃuᴉƃ ¡sʇɹǝɐʍɟnɐ)

Mission Kirchenaustritt

By , 26/01/2012 06:38

Jeder Kirchenpfleger und jede Pfarrerin, jede Kirchenpflegerin und jeder Pfarrer bekommt von Amtes wegen die Kirchenaustrittsschreiben aus der eigenen Gemeinde zu lesen. Dass viele dieser Briefe nicht persönlich verfasst, sondern von entsprechenden Portalen heruntergeladen werden (die sich dafür teilweise fürstlich entschädigen lassen), ist allseits bekannt. Um die Herkunft der Schreiben soll es hier aber nicht gehen.

Es ist eine andere Beobachtung, die ich thematisieren möchte – eine Beobachtung, die sich auf den Ton der Austrittsschreiben bezieht: Ich habe den Eindruck, dass viele dieser Schreiben, nicht nur die downloadbaren Formulare der bekannten Kirchen- und Religionsgegner, erstaunlich aggressiv formuliert sind, und dies in zunehmendem Masse. Beispiel gefällig? Immer häufiger wird der Adressatin, der Kirchgemeinde (in meinem Falle: Bubikon), überheblich-belehrend klargemacht, dass der Austrittswunsch gefälligst zu akzeptieren sei und jegliche Missionsversuche zu unterbleiben hätten. Als ob dies, beides!, nicht selbstverständlich wäre.

Nun meine Frage: Täuscht mich meine Wahrnehmung? Oder teilen Sie, die Sie vielleicht auch in kirchlichen Behörden aktiv sind, diese Beobachtung? Und davon ausgehend: Wenn Letzteres der Fall sein sollte – woher kommt diese Aggressivität? Neigt die Kirche, die ich selbst als sehr zurückhaltend wahrnehme, tatsächlich dazu, Menschen zu umklammern und Austrittswillige als unmündige Missionsobjekte zu sehen? (Ich kann das nicht glauben.) Oder tut sie dies vor allem in der Vorstellung zahlreicher Austrittswilliger, welche die Kirche kaum von innen kennen? Oder ist es einfach so, dass der Austritt leichter fällt, wenn der Kirche, bewusst oder unbewusst, ein (inexistentes) Fehlverhalten unterstellt wird? Oder…?

Ich weiss es nicht. Jedenfalls möchte ich an dieser Stelle für einen Abschied in Anstand und Entspanntheit (beiderseits!) plädieren – wenn es denn schon zu einem Austritt kommen muss.

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