Category: Kirchenpolitik

Schreiben und schreiben lassen

By , 11/01/2013 12:30

Kurz vor Beginn des Kirchgemeinde-Praktikums noch rasch eine Seminararbeit über eine Predigt des grossen (und sich gerne prononciert-absolutistisch äussernden) Karl Barth zu verfassen, war vielleicht doch keine so gute Idee. [1] Denn wenn, wie dieser schreibt, menschliche Befindlichkeiten in der Predigt nichts zu suchen haben und Theologen (und wahrscheinlich also auch angehende Theologen) stattdessen ausschliesslich von Gott reden sollen, was wir aber nicht können – dann kommt der Praktikant, der sich im Pfarrer-Handwerk versuchen möchte und sich sowieso schon viel zu viele Gedanken macht, an den Anschlag… [2]

So geschehen wenige Tage nach Neujahr, nachdem die denkbar beste aller Praktikumsleiterinnen und ich entschieden hatten, dass ich einen ganzen Gottesdienst allein gestalten und folglich auch eine Predigt schreiben würde: meine erste.

Also: die Perikopenordnung konsultiert, den vorgeschlagenen Predigttext von allen Seiten begutachtet und durchdacht, parallel dazu zwei, drei Kommentare gewälzt, endlich mit dem Schreiben begonnen – aber, dank Barth (und eigenen perfektionistischen Anwandlungen), mit leicht angezogener Handbremse. Man will ja nichts falsch machen, nicht? Dass mir eine künstlerisch versierte Praktikerin mit dem Hinweis Mut machen wollte, ich solle das Predigtschreiben doch einfach so entspannt angehen wie das Malen eines Bildes, hat nicht geholfen – im Gegenteil.

Die Predigt drohte eine Zangengeburt zu werden – bis ich eines späten Abends, nicht mehr ganz wach und noch nicht ganz schlafend, die langersehnte Eingebung hatte. Nun war urplötzlich, und völlig unerwartet, “alles” ganz “klar”! Also sofort aufgestanden, ein Blatt Papier und einen Kugelschreiber geschnappt und die Idee für den nächsten Tag festgehalten. Damit standen Aufbau und innere Logik der Predigt. Und beides habe ich nicht mehr gross verändert – wenigstens da mit Sicherheit, wo ich meine sich vor Enthusiasmus überschlagende Schrift noch entziffern konnte.

Ich mache mir nichts vor: Am Ende wird eine gute, aber sicher keine grosse Predigt stehen. Dazu fehlt es mir noch an homiletischer Erfahrung und Sicherheit und an liturgischer Präsenz. Aber den Entstehungsprozess einer Predigt so intensiv und mit dieser überraschenden Wendung zu erleben, ist doch schon mehr, als ich erwarten durfte – da bleibt mir eigentlich nur noch, den Gottesdienst am Sonntag zu geniessen.

[1] Ich habe Barths Predigt vom 10.12.1933 untersucht (die Predigt wurde u.a., noch im selben Jahr, in der fünften Nummer der Zeitschrift “Theologische Existenz heute” abgedruckt; Thema und Überschrift: “Die Kirche Jesu Christi”).
[2] Zur Klarstellung: Ich mag Barth, bzw. das, was ich von ihm kenne und verstehe, sehr. Sein Ansatz ist meiner Meinung nach ein willkommenes Korrektiv für Pfarrerinnen und Pfarrer, die zu erfahrungsschwerem Kanzelsprech neigen – aber er ist eben doch auch brutal.

Zurück und vor

By , 31/12/2012 11:17

Und schon wieder neigt sich ein Jahr dem Ende zu – ein, für mich, strenges, aber, das ist ja kein Gegensatz, ein richtig gutes Jahr! Ein ausführlicher Rückblick liegt heute leider weder persönlich noch für das Blögli drin: Ich gehe, an der Seite der denkbar besten aller Praktikumsleiterinnen ever, voll und ganz in meinem Dasein als Kirchen-Praktikant auf… [1] Deshalb nur ein kurzes Resumée:

Im Studium blieb ich auf Kurs: Der Bachelorabschluss ist nur noch eine Formsache; alle dafür notwendigen Veranstaltungen sind absolviert, die Leistungsnachweise, inkl. Bachelorarbeit, erbracht – nur das Diplom fehlt noch (oder auch nicht). Im neuen Jahr wird es, wenn das Praxissemester Ende Januar beendet ist, noch zügiger weitergehen – mehr dazu vor Beginn des neuen Semesters.

Im Rahmen der Kirchenpflege habe ich, nebst den wiederkehrenden Aufgaben eines Behördenmitglieds und Personalverantwortlichen, die Arbeit in und mit der Pfarrwahlkommission zu Ende gebracht, ausserdem auch federführend an der Suche und Einstellung dreier Mitarbeiter mitgewirkt – und, weil die neue kirchliche Personalverordnung es so will, sämtliche Anstellungsverträge in Anstellungsverfügungen umgewandelt. [2] Morgen beginnt schon das letzte vollständige Kalenderjahr dieser Amtsdauer…

Und daneben habe ich ja auch noch ein wenig (für Geld) gearbeitet, unterrichtend an der Schule (liebe, fordernde Klasse!) und, zeitlich befristet, abtippend an der Fakultät (spannende Kirchengeschichte!). Im neuen Jahr winkt nun, nach einem Unterbruch wegen des Praxissemesters, endlich wieder das Hebräisch-Tutorisieren – darauf freue ich mich. [3]

Zumindest die kommenden Monate sind also noch ganz gut durchgeplant. Es wird aber zweifellos auch viel Raum für Neues geben, für Kirchen-Praktisches und zum Theologisieren – mehr als bisher.

So – jetzt noch einmal, zum letzten Mal in diesem Jahr, aus dem Haus, in meine Praktikumsgemeinde: an eine Abschiedsfeier in einem Altersheim und anschliessend an ein Silvester-Konzert.

Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, wünsche ich für das kommende Jahr nur das Beste! Für Ihr Interesse an meinen Gedanken, und vielleicht auch den einen oder anderen Zwischenruf von Ihrer Seite, danke ich Ihnen vielmals. Bleiben Sie an Bord? Ich würde mich freuen.

[1] Inhaltliche Berichte werden bestimmt noch folgen. Ein guter Vorsatz?
[2] Gruss an den Präsidenten: Der Jahresbericht wird dieses Mal ein wenig länger ausfallen.
[3] Auf die Anschaffung der Losungen in den Ursprachen habe ich aber wohlweislich verzichtet.

Gemachtes Bildnis

By , 13/12/2012 17:22

Donnerstags unterrichte ich morgens und nachmittags; über Mittag beaufsichtige ich, drinnen, meine Klasse beim Essen und während der darauffolgenden Pause, draussen, die ganze Oberstufe. Bei der Ausübung des letztgenannten Ämtlis hat es sich eingebürgert, dass eine bestimmte Schülerin und ein bestimmter Schüler mich beim Mehrfach-Rundgang um das Schulhaus begleiten und wir über dieses und jenes sprechen – wobei beide Seiten Kraft für die zweite Tageshälfte tanken.

Als ich mich heute kurz aus dem Mittagsgespräch ausklinken musste, um ein paar andere Jugendliche an die bestbekannten Verhaltens- und Umgangsregeln auf dem Pausenplatz zu erinnern, hörte ich, wie hinter mir die (bestimmte) Schülerin, die mich aus meiner Kirchgemeinde kennt, beinahe konspirativ zum (bestimmten) Schüler sagte: “Der macht das immer so gut. Schöne Sprache. Aber klar – er wird ja auch Pfarrer!”

Wenn die Guten wüssten, dass ich auch ganz anders kann… Aber weshalb mich wehren, wenn das Bild vom Pfaffen schon einmal ein erfreuliches ist?

Personal-Wesen

By , 04/11/2012 17:26

Ich würde ja gerne einfach studieren und etwas Geld verdienen daneben. Nicht mehr und nicht weniger. Das ist mein Beruf – und deshalb habe ich das Personalwesen vor dreieinhalb Jahren ja hinter mir gelassen.

Und jetzt?

Jetzt stehen zunächst einmal zwei Tage an, die gut ausgefüllt sind mit Probevorlesungen von Bewerbern auf den Zürcher Lehrstuhl für Systematische Theologie. Diese Vorlesungen und die jeweils daran anschliessenden Gespräche werde ich als Studentenvertreter begleiten und am Dienstagabend in der Fakultätsversammlung mitbewerten. (Genau: Nicht nur in den USA wird in der Nacht auf Mittwoch gewählt!)

Und dann: zurück zum studentischen Kerngeschäft, konkret: der ausstehenden Seminararbeit? Nein:

Schon am Mittwoch geht es weiter in der eingeschlagenen Richtung, mit Bewerbungsgesprächen in meiner Kirchgemeinde: Wir suchen eine Hauswartin, einen Hauswart für unser Oekumenisches Zentrum.

Und weil aller guten Dinge drei sind, besuche ich am Freitag mit der Klasse den Lehrlingswettbewerb

Es scheint zu gelten: einmal Personalwesen, immer Personal-Wesen.

Aber es ist und bleibt halt auch einfach, und deshalb melde ich mich auch weiterhin gerne für Aufgaben in diesem Bereich, ein interessantes Metier!

Wir sind so frei

By , 21/09/2012 06:22

Die Mitarbeiter des Altersheims, selbst dessen Leiter, beneiden mich, und mit mir sämtliche Pfarrerinnen und Pfarrer, um die Freiheit, mit der ich Gespräche führen kann: “Man merkt halt, dass Sie nur einen Chef haben – und der ist weit oben!”

Bei allen (irdischen) Zwängeleien der sichtbaren Kirche: Ein bitzeli stimmt es schon. Nicht?

Kurz durchatmen

By , 07/09/2012 19:04

Soeben bin ich wohlbehalten aus dem Tessin zurückgekehrt. Überaus motiviert für den ersten Praxiseinsatz, der nächste Woche beginnt, und ebenso überaus müde von den grossartigen nächtlichen Diskussionen unter Gleich- und Ähnlichgesinnten, die nebst bzw. nach dem eigentlichen Programm stattgefunden haben, bin ich nun aber zunächst für das Kirchenpflege-Forum aufgeboten, das “meine” Landeskirche morgen Samstag im Zürcher Kongresshaus ausrichtet. Vielleicht ist ja die eine oder der andere unter Ihnen auch da?

Danach, nächste Woche, geht es dann aber wirklich los.

Praxis à discrétion

By , 03/09/2012 06:08

Lange habe ich davon gesprochen, jetzt ist es soweit:

Reto klein
geht allein
in die Praxiswelt hinein…

Wobei – ganz allein werde ich nicht sein: Ich bin nach den Vorgesprächen mit meiner Praktikumsleiterin, dem Pfarrteam, dem Kirchenpflegepräsidenten, einer Mitarbeiterin überzeugt, dass ich in “meiner” Gemeinde ganz gut aufgehoben sein werde. [1]

Mein Praxissemester ist verkürzt: Von den Modulen “Wirtschaft” und “Schule” bin ich wegen entsprechender Berufserfahrung dispensiert. Deshalb beginne ich zwar, wie meine Kollegen-slash-innen, in der “Diakonie” (bei mir: drei Septemberwochen in einem Altersheim), mache dann aber zwei Monate Praktikums-Pause. In den Monaten Dezember und Januar bin ich dann in der “eigentlichen” Kirchgemeinde unterwegs.

Auf die neuen Eindrücke bin ich sehr gespannt. In der Mitte des Studiums und nach ein paar Jahren in der Kirchenpflege der Wohngemeinde die Fühler einmal in andere Richtungen, in eine andere Kirchgemeinde ausstrecken – oder, um ein anderes Bild zu verwenden – …

Umtopfen

…dem zu klein werdenden Topf zu entfliehen und die Wurzeln in frische Erde graben zu können, wird mir guttun. Ich will ja noch wachsen!

Und so steht, kurz vor der Abreise in die Praktikanten-Startwoche im Tessin, der Koffer nun bereit. [2] Für einmal ist er aber nicht mit Büchern gefüllt, sondern nur mit Kleidern und wenigen Unterlagen – und ein paar Erwartungen, an diese Zeit und an mich, sind auch dabei.

Ich freue mich!

Hinweis für alle, mit denen ich im Praxissemester zu tun haben darf (auch wenn es selbstverständlich ist): Es muss sich niemand, sei es in der Kirchgemeinde, im Altersheim, unter den Mitpraktikanten, sorgen, dass ich in diesem Blog Vertrauliches ausplaudere oder sonstwie Heikles schreiben könnte. Natürlich lässt sich das Praxissemester in meinen Texten nicht aussparen – ich werde aber in einem allgemeinen Sinne von meinen Erfahrungen schreiben (wie ich dies z.B. auch als Kirchenpfleger tue). Und im Zweifelsfall bitte ich die betreffenden Personen um ihr Einverständnis. Ich will doch die Erde, in die ich meine Wurzeln schlagen darf, nicht übersäuern!

[1] “Meine Gemeinde” deshalb, weil ich, wie vorgesehen, meine Praktika in ein und derselben Gastgeber-Gemeinde absolviere.
[2] Für mich wird das eine Rückkehr: Ich verbrachte mit meiner Gymi-Klasse (lange ist es her!) nämlich schon die sogenannte “Wirtschafts-Woche” in Magliaso. Darüber würde ich aber nicht öffentlich berichten…

Konftüre

By , 24/08/2012 11:44

Gestern nun hat auch für mich die Schule wieder begonnen. Und obgleich ich in der Klasse nicht aktiv streue, was ich neben dem Unterrichten noch so treibe, habe ich schon am ersten Tag, völlig ungefragt, zwei schöne Rückmeldungen zur kirchlichen Arbeit in den Gemeinden draussen erhalten: Der eine Schüler erzählte vom Konflager, im Laufe dessen (in den Sommerferien) er, nachdem er anfangs fast niemanden kannte, zügig Freunde gefunden habe – und eine Schülerin meinte, unabhängig davon und zu einem anderen Zeitpunkt, sie freue sich auf den anstehenden ersten Konf-Abend mit dem “sehr lieben” Pfarrer.

Machen wir die Kirche und die Jugendlichen in der Kirche also nicht kleiner, als sie sind. Die Tür zu einem wohlgewollten Konfirmationsjahr steht vielleicht offener, als es bisweilen scheint.

Von den Regeln in der Taufe

By , 17/08/2012 08:45

Nachdem ich in einem früheren Eintrag auf die “i.d.R.-Passagen” der Zürcher Kirchenordnung hingewiesen habe, nun, daran anschliessend, ein paar Gedanken zu den rechtlichen Vorgaben in einem ganz bestimmten dieser unbestimmten Bereiche: der Taufe.

Die Kirchenmitgliedschaft setzt die Taufe nicht voraus – wenigstens prinzipiell; in der Regel ist dies aber der Fall (Art. 25 Abs. 3 KO). Und stattfinden tut die Taufe, ebenfalls in der Regel, in einem Gemeindegottesdienst (Art. 46 Abs. 1 KO). Diese Gummi-Vorgaben habe ich schon im oben verlinkten Text kommentiert.

Besonders irritierend sind für mich allerdings einige Bestimmungen hinsichtlich “Eltern und Paten” (so die Überschrift und der Regelungsbereich von Art. 47 KO). Da steht:

Art. 47 Abs. 1: Die Eltern versprechen, ihr Kind im evangelischen Glauben zu erziehen.

Art. 47 Abs. 2: Die Paten sind Vertrauenspersonen des Kindes. Sie begleiten Eltern und Kind in Fragen des evangelischen Glaubens.

Mit diesen beiden Absätzen bin ich voll und ganz einverstanden – kein Einspruch meinerseits. Noch nicht.

Aber was sind nun die “formellen” Voraussetzungen dieser Kompetenzen bzw. Pflichten? Hier:

Art. 47 Abs. 3: Mindestens ein Elternteil gehört einer evangelischen Kirche an. Mindestens eine Patin oder ein Pate ist mündiges Mitglied einer christlichen Kirche. Fehlt eine dieser Voraussetzungen, so kann die Taufe in seelsorglich begründeten Ausnahmefällen dennoch vollzogen werden.

Als (Noch-)Nicht-Praktiker erlaube ich mir an dieser Stelle, über diese laxen Regelungen zu staunen. Halten wir fest:

1. Die Eltern müssen, um beim Positiven zu beginnen, nicht beide reformiert sein. Das ist sicher vernünftig, liesse sich eine derart strikte Regelung doch auch gar nicht durchsetzen, angesichts der zunehmenden Zahl gemischtkonfessioneller und interreligiöser Partnerschaften. Soweit, so gut. Was aber wird vorausgesetzt? Mutter oder Vater evangelisch – reicht. Tatsächlich: Kein Elternteil muss der reformierten Kirche angehören.

2. Die Paten müssen auch nicht beide reformiert sein. Genauer: Kein Pate, weder Nummer 1 noch Nummer 2, muss reformiert sein. Wenigstens evangelisch? Nicht einmal das. Verlangt wird lediglich, dass wenigstens ein Pate einer christlichen Kirche angehört.

Mutter Lutheranerin, Vater ausgetretener Reformierter, Patin Agnostikerin, Pate Katholik, nur der Täufling im “Club” – so etwas wäre wahrscheinlich nur bei uns Zürcher Reformierten möglich. [1][2]

[1] Andere Regelungen finden sich u.a. in Bern/Jura/Solothurn: mind. ein Elternteil reformiert, mind. ein Pate reformiert, Ausnahmen möglich (Art. 37 der KO von BeJuSo) – und im Aargau: mind. ein Elternteil reformiert, beide Paten christlich, Ausnahmen möglich (§ 25 der Aargauer KO).
[2] Ein paar zusätzliche Gedanken dazu – Gewiss: Die (formelle) Kirchenzugehörigkeit ist ein äusseres Kriterium. Zweifellos gibt es Menschen, Eltern wie Paten, die nicht Mitglied der reformierten oder wenigstens einer evangelischen Kirche sind und dennoch ihr Kind, und im Falle der Paten: Eltern und Kind, “in Fragen des evangelischen Glaubens begleiten” können. In den Kopf und ins Herz hineinsehen und damit die innere Voraussetzung für ebendiese Erziehung erkennen können wir nicht (und sollten wir auch gar nicht versuchen wollen). Einerseits. Anderseits geht es bei der Taufe halt doch auch um die Aufnahme in die Kirche – und zwar in eine bestimmte Kirche: unsere reformierte. Weshalb also verlangen wir Zürcher Reformierten nicht, dass zumindest ein Elternteil reformiert ist – also Mitglied derjenigen Kirche, in welche der Nachwuchs, immerhin doch auf Wunsch der Eltern!, aufgenommen werden soll? Wäre es überdies eine grosse Zumutung, zu verlangen, dass eine Patin, ein Pate – wenn schon nicht beide Paten – einer evangelischen, besser sicher: der reformierten, Kirche zugehörig ist? Sollten oder müssten wir das nicht sogar, wenn wir dem Patenamt ernsthaft einen “kirchlichen” Wert geben wollen (der gemäss Abs. 2 ja weiterhin vorgesehen ist)? – Auch wenn letztlich das Wohl des Kindes im Zentrum stehen und bestimmt lieber eine Taufe mehr als eine weniger vollzogen werden soll: Ich halte die Patenregelung meiner Landeskirche, bei allem Vertrauen in das Wirken und Wehen des Heiligen Geistes, für absurd lax – zumal seelsorgerliche Gründe eine weitere Lockerung der Voraussetzungen ermöglichen können (so festgelegt im letzten Satz von Abs. 3). Weshalb also schon die reguläre Bestimmung dermassen offen formulieren?

Über Berichte zur Anwendung dieser Bestimmung, insbesondere der Patenregelung, in der Praxis, aber auch über theologische Überlegungen dazu würde ich mich freuen – gleich in den Kommentaren oder per E-Mail. Speziell an die Pfarrerinnen und Pfarrer unter meinen Lesern: Welche Voraussetzungen sollten Paten bei Ihnen erfüllen? Und: Stellen sich die Fragen, die ich aufwerfe, in der freien Wildbahn überhaupt, oder handelt es sich aus Ihrer Erfahrung eher um ein Stürmchen im (akademischen/juristischen) Wasserglas?

Geschüttelt und gerührt

By , 12/07/2012 06:13

Ich war ja nicht immer Theologiestudent und kirchenverständig. Unter uns: Ohne sanften Druck wäre nichts gewesen mit kirchlicher Sozialisation. Während ich die Sonntagsschule, jeweils, doch!, dienstags stattindend, ganz gerne besuchte (als Primarschüler ist man ja zumeist pflegeleicht), musste ich mich stellenweise überwinden, die Jugendgottesdienste – damals arglos “Jugo” genannt – zu besuchen, und auch die für die Konfirmation vorausgesetzten zwölf, oder waren es fünfzehn?, Gottesdienstbesuche hinzubekommen, fiel mir nicht leicht. Als mein Konf-Pfarrer vorschlug, gemeinsam ein Konzert des lokalen Ten Sings zu besuchen, und uns wissen liess, wir könnten diesen Abend umstandslos als Gottesdienst-Äquivalent anrechnen lassen, stand deshalb fest: Ich bin dabei!

Ein paar Wochen nach jenem 24.9.1995 war ich dann, begeistert vom Gesehenen und Gehörten, wirklich dabei – als Mitglied. Gut fünf Jahre war ich im Ten Sing aktiv, und in dieser Zeit habe ich einige Highlights meiner Jugend, und irgendwie auch meines Lebens, erleben dürfen. [1] Die Chorproben gehörten dazu, das Theaterspielen, klar, besonders natürlich die Auftritte – auf der grossen 1997er Tournee, auf die ich noch zu sprechen kommen werde, war auch ein Soloauftritt darunter: mit “All Shook Up” von meiner Jugend- und Immer-noch-Liebe Elvis. [2] Meine Eltern hatten mir hierzu übrigens ein schweineteures, gelbes Jackett gesponsert, das den berühmten Gold-Lamé-Suit imitieren sollte. Im Nachhinein hochnotpeinlich. Aber eben auch schön.

Eine herrliche Zeit war das! Besonders die acht Tage vom 12. bis 19. Juli 1997 (Daten, an die ich mich auch heute noch ohne Nachschauen erinnere): Im Rahmen unserer Tournee mit dem Programm “Life on Stage” verbrachten wir eine grossartige Woche in süddeutschen Landen. Heute auf den Tag vor fünfzehn Jahren ging es los! Untergebracht in Eberstadt, absolvierten wir in jener Woche insgesamt vier Auftritte mit unserer gut zweistündigen Show: in einem Jugendgottesdienst in Stetten am Morgen des einen Tages (hier nur ein paar wenige Lieder), am Abend dann im Martin-Luther-Haus in Schorndorf, später in der Woche auf dem Marktplatz unseres Herbergsortes Eberstadt und zuletzt im Freizeitheim “Alte Säge” in Breitenberg (nahe Hermann Hesses Calw). Besonders an letztgenanntem Ort wurden wir vom jungen Publikum, Ferienlager-Jugendlichen, wie veritable Stars bejubelt. Wir mussten nach den Zugaben, die wir, angesteckt von der Stimmung, allesamt viel zu schnell sangen, sogar Autogramme geben, und ich war sogar, echt jetzt!, in der privilegierten Lage, ein kleines, abgeliebtes Plüschtier entgegennehmen zu dürfen. [3]

Sie ahnen es: Für mich, damals eine Rampensau vor dem Herrn (oder Herrn?), bedeuteten die Holzbretter der Bühnen in Ebnat-Kappel, Vaduz, Greifensee, in der deutschen Provinz, in Dietikon und in “unserem” Dübendorf – später dann, mit einem anderen Programm, Zürich und wiederum Dübendorf – für jeweils zwei Stunden tatsächlich, der Redewendung entsprechend, die Welt.

Ich habe dem Ten Sing viel zu verdanken: Wo wäre ich als sing-, spiel-, schreibbegeisterter Jugendlicher (wir unterhielten mit dem “Neuen NotenSpalter” eine Vereinszeitschrift, die eine rechte Zeit lang monatlich erschien und für den ich fleissig Berichte und, noch fleissiger, Unfug schrieb [4]) besser aufgehoben gewesen als unter sich selbstorganisierenden Gleichgesinnten, die in einem wohlwollenden Umfeld nach dem Trial-and-Error-Prinzip unendlich viel ausprobieren konnten – immer von einer grossartigen, da geduldigen und von sich aus nichts fordernden Kirchenpflege unterstützt und “gedeckt”? Ich war vielleicht nie freier als damals – und bin heute überzeugt, dass diese Erfahrung den Nährboden für meine spätere neuerliche Annäherung an die Kirche schuf.

Den Ten Sing Dübendorf, der zu Hoch-Zeiten vierzig oder mehr Mitglieder hatte, gibt es längst nicht mehr. Vereine und andere Freiwilligen-Gruppen stehen und fallen mit den Menschen, die sich dafür interessieren und begeistern lassen und vielleicht sogar bereit sind, Verantwortung für Gesamtbelange zu übernehmen. Manchmal ist es auch gut, wenn etwas stirbt und dafür etwas anderes wächst. Alles hat, wie es so schön heisst, seine Zeit.

Ich bin jedenfalls dankbar dafür, dass ich damals, als die Zeit des Ten Sings war, dabei sein durfte, als ein Rädchen im grossen Motor. Und ich wünsche allen Jugendlichen, dass sie eine Freizeitbeschäftigung ausüben dürfen, die sie so begeistert und absorbiert, wie dies bei mir, bei uns der Fall war – und dass sie darin ähnlich bestärkt werden und sich einer ähnlichen Unterstützung gewiss sein dürfen wie ich, wie wir damals. Vielleicht ebenfalls von Seiten einer Kirchgemeinde, die ihre Jugendangebote nicht am Reissbrett konzipiert, sondern, im für alle Seiten besten Fall, minimal-invasiv fördert, was von der Zielgruppe gewünscht wird – auch, oder ganz besonders dann, wenn es sich dabei um Kirche an der Peripherie handelt.

[1] Sind, bei Lichte betrachtet, Jugendhighlights nicht immer Lebenshighlights?
[2] Die Aufmerksamen unter Ihnen haben im verlinkten Kinderzimmer-Bild, um 1998 entstanden, auch das Pult entdeckt, von dem hier die Rede war. Die Posters habe ich übrigens nicht mehr. (Ach ja, und: Die Überschrift dieses Eintrags versucht, wie Sie vielleicht gemerkt haben, den Elvistitel aufzunehmen.)
[3] Nein, als Pfarrer werde ich solcherlei kaum erleben.
[4] Übrigens, liebe Kolleginnen und Kollegen: Mir fehlen in meiner Sammlung die Ausgaben 3/1997, 4/1997, 8/1997 und 7/1998 (falls es die letztgenannte überhaupt gab). Könnte wohl jemand mit Kopien aushelfen?

Gewidmet all denen, die sich damals für unseren Ten Sing einsetzten. Und denen, die Jugendarbeit, heute und morgen, immer von den Jungen und deren Bedürfnissen her denken.

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