Wasser allein reicht nicht

By , 13/09/2012 19:38

Natürlich ist es zu früh, nach gerade einmal zwei Tagen “im Altersheim” ein Zwischenfazit meines Diakonie-Einsatzes zu ziehen. Meine ersten Eindrücke möchte ich aber schon loswerden. Für einmal schreibe ich hier recht unstrukturiert – was die Flut an Eindrücken und meine Gedankenlage aber bestens abbildet.

Was ich bereits erlebt habe: Gedächtnistraining. Essensausgabe in der Pflegeabteilung. Gemeinsames Singen. Pflegerapport. Cafeteria. Gottesdienst. Freie Gespräche mit Seniorinnen und Senioren – und, zwischendurch, immer wieder auch mit Mitarbeitern.

Gedächtnistraining: Ein knappes Dutzend Bewohnerinnen und 1 Bewohner des Altersheims (und der Herr Praktikant, a.k.a. ich) malen in Gedanken ein Bild, Thema: “Im Park”, indem jede und jeder einer imaginären weissen Leinwand etwas hinzufügt, und stellen uns vor, welche Geräusche in der dargestellten Szene zu hören sein könnten. Und vieles mehr. Rührend, wie herzallerliebst mich der Teilnehmerkreis aufnimmt und involviert: ein junger Mann! Mit blauen Augen! Und dann wird er auch noch Pfarrer! Kein Wunder, geht die Stunde aus meiner Sicht viel zu schnell vorbei.

Essensausgabe in der Pflegeabteilung: Je kleiner der Aktionsradius der Pflegebedürftigen, desto wichtiger das Essen. Deshalb werden Spezialwünsche so gut wie möglich erfüllt. Dass dann beim Frühstück ein Bütterli zu hart “ist” oder beim Mittagessen ein Trinkglas zu voll oder zu wenig gefüllt, kann von manchen Betroffenen als fast existenzielles Problem beklagt werden. Aber die Pflegerinnen nehmen das dermassen cool… Und dann gibt es ja auch die Anderen, die Sonnenscheine!

Gemeinsames Singen: Wenn der üblicherweise gebuchte Raum nicht verfügbar ist, fällt das wöchentliche Singen natürlich nicht aus – sondern es findet im Eingangsbereich des Altersheims statt. Mehr als zwanzig Teilnehmer sind es an dem Nachmittag, an dem auch ich dabei bin. Ich verteile die Textblätter, unterstütze aber auch, so gut es geht, die beiden Herren in der Runde (der ehemalige Chorsänger, mit dem ich kurz vor unserem Einsatz ins Gespräch komme, singt mich allerdings an die Wand). Es berührt mich, in die Gesichter der älteren Dam- und Herrschaften zu schauen, die inbrünstig ihre alten Lieder singen: die “Capri-Fischer”, “Heidschi Bumbeidschi” und – “Freut Euch des Lebens, weil noch das Lämpchen glüht; pflücket die Rose, eh’ sie verblüht!” Der Praktikant hat verstanden (und vor Rührung ein Tränli in den Augen).

Pflegerapport: Dreimal in diesen ersten zwei Tagen bin ich wie selbstverständlich dabei, wenn die Pflegerinnen und Pfleger ihre Dienste vor- und nachbesprechen. Eine ernste und zugleich fröhliche Runde. Es geht nicht lange, und ich, als angehender Pfarrer nicht nur geduldet, sondern respektiert, fasse den ersten Auftrag: Ich soll eine pflegebedürftige Dame ein wenig aufmuntern und auch ihre Lebensgeschichte und ihre Wünsche in Erfahrung bringen (was, als Teil der Gesamtbetrachtung, für die Betreuung wichtig ist); den Pflegerinnen gegenüber sei sie sehr verschlossen. Auch mit mir will sie allerdings, wie sich zeigen wird, nicht sprechen.

Cafeteria: Der richtige Ort zum Socializen, für Senioren, aber auch für mich. Mehr als etwa eine halbe Stunde konnte ich dort vorerst allerdings nicht Kaffee ausgeben – es gibt sooo viel Anderes zu tun!

Gottesdienst: Meine Praktikumsleiterin, Pfarrerin in “meiner” Herbergsgemeinde, leitet einen halbstündigen Gottesdienst im Erdgeschoss, an dem rund ein Dutzend Bewohnerinnen und Bewohner teilnimmt. Gleich anschliessend eine Kurzversion davon als Andacht in der Pflegeabteilung. Ich verteile Gesangbücher bzw. das Liedblatt – und bin beeindruckt davon, wie es der Pfarrerin gelingt, die kleine Gemeinde anzusprechen. Die Gratwanderung zwischen guter Verständlichkeit und Schlichtheit, zwischen theologischem Fundament und Theologisieren glückt. Mir steht sie noch bevor; ich sehe aber, dass ich hierzu die richtige Bergführerin habe.

Freie Gespräche: Nebst den geplanten Einsätzen in fast allen Bereichen des Altersheims habe ich immer wieder Zeit – mal eine Stunde zwischendurch, mal einen halben Tag am Stück –, mit den Bewohnern wie auch mit den Angestellten ins Gespräch zu kommen. Das ist es auch, was ich als eines meiner Hauptziele in dieser Zeit im Altersheim definiert habe; es lässt sich bestens umsetzen. Die Altersheimleitung wie auch die Pflegerinnen und Pfleger geben gerne Auskunft über ihre Arbeit, Motivationen, Abgrenzungsstrategien, und auch die Seniorinnen und Senioren sind mir zum ganz grossen Teil wohlgesinnt. Bereits habe ich die erste Intensivunterhaltung hinter mir: Am ersten Tag meines Einsatzes spreche ich eine Dame, die im Flur auf dem Hometrainer strampelt, etwas scherzhaft an (“Sie sind aber eine Tapfere!”), und schon sprechen wir eine halbe Stunde über sie und mich, das Leben, die Krankheit ihres verstorbenes Ehemannes, den Tod – und die Hoffnung, die immer bleibt. Ich, der Pfarrerlehrling, geniesse offensichtlich rasch ihr Vertrauen. Wissend, dass das Gespräch noch nicht zu Ende ist, aber bereits weiter verplant, biete ich ihr an, sie am darauffolgenden Tag zu besuchen – sie willigt freudig ein, ist dann aber doch ein wenig überrascht, als ich tatsächlich auftauche. Sie macht sich zu jenem Zeitpunkt gerade Gedanken zur Speisesaal-Fehde mit einer Tischnachbarin. Was sie denn tun solle? Wir überlegen uns verschiedene Szenarien, landen dann aber doch wieder bei den grossen Fragen. Und so wird das kein Seelsorgegespräch “aus dem Lehrbuch”, denn dafür dauerte es viel zu lang: drei Stunden! [1] Aber die Frau erzählt so viel und so gerührt und rührend aus ihrem Leben, dass ich sie gar nicht unterbrechen will. Und bei all den Erinnerungen an ihren über alles geliebten Mann und an die Mutter, die so gar nicht mütterlich gewesen sei (und der sie gerne am Himmelstor, so es ein solches gebe, die Meinung sagen würde) merkt sie, dass die kleine Altersheim-Fehde ganz und gar nichtig ist. “Kennen Sie die Redewendung, dass man nicht ins Bett gehen soll, bevor Zwist und Streit beigelegt sind?”, frage ich sie. [2] Da strahlt sie über das ganze Gesicht und meint, das habe ihr Mann auch immer gesagt. Sie will jetzt das Gespräch mit ihrer Tischnachbarin suchen. Auf dem Rückweg in die Pflegeabteilung, kurz vor dem Abendessen (und meinem Dienstschluss), sehe ich gerade noch den oben erwähnten “Chorsänger” im Treppenhaus, grüsse ihn mit Namen und wünsche ihm einen guten Appetit; er erwidert den Gruss fröhlich, kennt auch meinen Namen noch – wir verabreden uns auf Freitag oder Sonntag zu einem Gespräch. [3]

Heute hatte ich “frei”: Der Nebenjob in der Schule läuft während des kirchlichen Praktikums weiter. Morgen nachmittag aber beginnt ein weiterer Dienst – und ich freue mich. Sehr.

[1] Zuhause habe ich dann an meiner Professionalität gezweifelt: Ist es in Ordnung, in semi-offizieller Mission ein derart langes Gespräch zu führen? Vielleicht nicht. Anderseits bin ich auch nicht ein Pfleger, der nur kurz vorbeischauen kann und dann zur nächsten Person weitereilen muss, oder ein Pfarrer, der einen solchen Besuch möglicherweise zwischen eine Spurgruppen-Sitzung und einen Abend mit den Konfirmanden hineinzuquetschen hat – ich habe viel Zeit!
[2] Frei nach der Lebenshilfe in Eph 26,4: “Die Sonne gehe nicht unter über eurem Zorn.”
[3] Ich bin dankbar, wenn ich meine Gesprächs- und Seelsorgekompetenzen im Zusammensein mit Menschen “ausprobieren” kann, die mir gerne die Tür öffnen. Und wer sagt denn, dass das einfach “leichte” Gespräche sind?

2 Responses to “Wasser allein reicht nicht”

  1. Urs Meier says:

    Danke für den anschaulichen Bericht. Ich werde als Leser regelrecht mit reingenommen. Mein Eindruck dabei: Da wächst ein Seelsorgetalent heran. Wenn du so offen, aufnahmebereit und respektvoll auf Menschen zugehst, verwundert es nicht, dass sie sich verstanden und gestärkt fühlen. Macht übrigens nichts, wenn ein Gespräch mal “zu lange” dauert. Ich halte das nicht für unprofessionell. Die Etablierung von Zeitregeln gehört zu länger dauernden Beratungsprozessen; für ein Gespräch wie das von dir geschilderte ist sie nicht zwingend.
    Ich gratuliere zum gelungenen Start der theologischen Nagelprobe und wünsche dir weiterhin ein ergiebiges Praktikum.

    • Reto Studer says:

      Lieber Urs

      Vielen Dank für Deine Rückmeldung – und den Hinweis zum Thema Gesprächsdauer. Dann kann also doch noch etwas aus mir werden… Im Ernst: Ich lerne zurzeit täglich über das Leben im Alter, die Arbeit der Pflegerinnen und Pfleger – und über mich. Und komme danach zufrieden und glücklich nach Hause. Was will ich mehr?

      Herzliche Grüsse,
      Reto

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