Zwei Tage im Juli

By , 27/07/2012 07:29

Während heute das Olympische Feuer entzündet wird, denke ich an zwei aufeinanderfolgende Londoner Juli-Tage zurück, die unterschiedlicher nicht hätten sein können – und, zumindest in sozialer Hinsicht, doch kein Gegensatz sind.

Von März bis Juli 2005, in den Monaten direkt vor meinem Studienabschluss, wohnte ich in der englischen Hauptstadt: Englisch lernen für das CAE, das Kleinstcomeback eines Musikers mitbegleiten (wird sicher auch einmal ein Thema hier), eine richtige Weltstadt kennenlernen – und zur selben Zeit aufs Lizentiat büffeln. Eine harte Übung in Multitasking! (Ich habe es, trotz mancher Zweifel hie und da, bestens hinbekommen.)

Die Stadt London lernten wir trotz des gedrängten Programms ziemlich gut kennen, teils auf eigene Faust, teils in geführten Gruppen – manchmal zu recht extraordinären Themen, und gerade deshalb oft auch mit Einheimischen. Auf einer solchen geführten Erkundungstour waren wir auch an jenem 6. Juli, um den es hier zunächst gehen soll. Thema war das englische Rechts- und Gerichtssystem: spannend – aber nicht das Einzige, was an jenem Tag interessierte: Das IOC wollte auch bekanntgeben, welche Bewerber-Stadt die Olympischen Spiele 2012 ausrichten dürfe. Würde es für London reichen? Alle waren angespannt – eine der Teilnehmerinnen ganz besonders: Sie trug die ganze Zeit über einen Knopf im Ohr, um durch das Radio auf dem Laufenden gehalten zu werden. Nun, wir wissen – und sehen heute und in den nächsten gut zwei Wochen –, wie es ausging. Als die Dame vom Ergebnis hörte, schaffte sie es gerade noch, ein stolzes “Wir haben es geschafft!” zu rufen – dann: Freudentränen und Schluchzen für London. Ich war gerührt.

Den darauffolgenden Tag, den 7. Juli, es war ein Donnerstag, verbrachten wir in der Wohnung, um zu lernen. Reine Routine zunächst – bis wir gegen halb 10 Uhr durch das SMS eines Englischkurs-Kollegen von den Terroranschlägen auf U-Bahn-Züge und Bus erfuhren. Direkt hatten wir nichts mitbekommen. Also sofort den Fernseher eingeschaltet: Die Aufnahmen, welche die BBC zeigte, auch von einem Bahnhof, an dem wir tags zuvor, im Rahmen der Legal-London-Erkundungstour, noch gestanden hatten, kamen uns surreal vor: Zerstörung in der Stadt, in der wir lebten – und doch weit weg. Wir sassen ja in der Sicherheit unserer vier Wände. Besonders eindrücklich, und bis heute, gerade heute, nachwirkend, später dann die Bilder der in der City Arbeitenden, die sich nach Büroschluss, am Abend, der kein Feierabend sein wollte, zu Fuss auf den Heimweg machten: Kilometerlange Karawanen von Arbeitern und Anzugträgern, im Fussmarsch vereint, waren da unterwegs, ohne ein Wort der Klage. Die sprichwörtliche britische stiff upper lip – ich habe sie an jenem Tag und an den Tagen, die folgten, hundertfach gesehen.

Ein paar Tage später, am 10. Juli, schrieb ich den folgenden Eintrag in das kleine Reiseblog, mittels dessen wir die Zuhause-Gebliebenen über unsere Zeit in London auf dem Laufenden hielten: [1]

“Seltsam, wie eine Stadt in sämtlichen Medien als Katastrophengebiet gezeigt werden kann, und wir, die hier wohnen (etwas abseits allerdings [2]), bekommen von dieser ‘Realität’ gar nichts mit. Das ist nicht zuletzt auf die tolle (Nicht-)Reaktion der Londoner zurückzuführen, die sich nichts, aber auch wirklich nichts anmerken lassen und einen Tag nach den Anschlägen ihren Freitagabend ‘genossen’ haben, als ob nichts geschehen wäre. [3] Das mag unsensibel erscheinen, aber eigentlich ist es das einzig Richtige – auch wenn es eine Demonstration ist, kommt es einem überhaupt nicht demonstrativ vor. (…) Ein weiterer Grund, vor dieser Stadt den Hut zu ziehen!”

Machen wir uns nichts vor: Wir selbst, und mit uns viele andere, waren durchaus sehr beunruhigt, und ich will auch nicht behaupten, es habe nicht auch Einheimische gegeben, denen es so erging [4]“den Briten” gibt es nicht, und die Art der Reaktion auf solche existenziellen Ereignisse lässt sich auch nicht verordnen. Deshalb ist auch nicht das eine besser als das andere. Was allerdings feststeht: Es herrschte schon an diesem 7. Juli (und danach sowieso) grossteils eine instinktive, trotzige Ruhe in London, die mich, gerade weil sie unerwartet war, stark beeindruckte.

Und so kann ich nicht anders, als heute, an diesem Olympischen Festtag, kurz zurückzublenden und den sprichwörtlichen Hut vor dem London zu ziehen, das sich mir im Juli 2005 präsentierte: eine schmerzhaft getroffene Stadt, die ihren (manchmal durchaus ruppigen) Stolz, noch am Tag vor den Anschlägen in ganz anderem Zusammenhang gezeigt, behielt und bei allem unfassbaren Unglück fast unendlich viel Haltung bewahrte – durch und durch olympisch. Das werde ich nie vergessen.

[1] Mein lieber Bruder hat die Einträge kürzlich erst, “sieben Jahre danach”, für mich rekonstruiert. Danke auch an dieser Stelle!
[2] Wir wohnten in einem südöstlich gelegenen Quartier, etwa sieben U-Bahn-Stationen vom Zentrum entfernt.
[3] Das Wort “geniessen” ist hier mit Vorsicht zu… geniessen. Jedenfalls fielen die Musical- und Theateraufführungen lediglich noch am Tag nach den Attentaten aus. Am 9. Juli sassen wir bereits wieder in einer (lange zuvor gebuchten und) bis auf den letzten Platz ausverkauften Vorstellung – zu der wir uns allerdings, mit einem mulmigen Gefühl gegenüber dem Öffentlichen Verkehr, per Taxi chauffieren liessen.
[4] Eine Anekdote, die dazu passt: Ein Rucksackträger, der in der U-Bahn unterwegs war, hatte zur Beruhigung der Mitreisenden ein Schild an sein Gepäck geheftet: “I’m just going camping” (sinngemäss).

Ich wünsche meiner ehemaligen Herbergsstadt London und ihren Bewohnern, ebenso allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern, allen Zuschauerinnen und Zuschauern – friedliche Spiele.

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