Skandal: Katholik vertritt katholische Lehre!

By , 17/03/2012 16:35

Dass die Kirche und ihr Wirken nicht mehr “stattfinden” in den Medien, ist eine falsche Annahme. Im Falle eines (echten oder vermeintlichen) Skandals, gerne bei unseren katholischen Freunden, wird sehr wohl berichtet. So zuletzt geschehen in den vergangenen zwei Wochen: Der Churer Bischof Vitus Huonder war wegen eines Hirtenbriefes in die Schlagzeilen geraten, in dem er u.a. (ich meine: nebenbei) verlesen haben wollte, dass wiederverheiratete Katholiken nicht zu den Sakramenten zugelassen seien. Ein Proteststurm im Blätterwald war die Folge.

Nun bin ich als Reformierter nicht dazu befugt, mich in innerkatholische Angelegenheiten einzumischen, und die katholische Kirche braucht mich ganz gewiss nicht als Verteidiger (was wohl auch kontraproduktiv wäre). Dennoch erlaube ich mir, die vieldiskutierte Passage aus dem gewiss wenig gelesenen Hirtenbrief in den Kontext zu stellen, in den sie gehört.

Bischof Huonder schrieb:

“Die Ehe ist ein hohes Gut, das erkannt, gepflegt, erhalten und geschützt werden will. […]
Jede Ehescheidung ist ein menschliches Drama. … Die
Folgen der Ehescheidung sind in mehrfacher Hinsicht schwer: Für das Paar selber, für die Kinder, sofern Kinder da sind, für die Gesellschaft, schliesslich auch für Glaubensgemeinschaft sowie die Gottesbeziehung. … Die Folgen für die Glaubensgemeinschaft und die Gottesbeziehung werden uns bewusst, wenn wir das Wort Gottes betrachten und uns in die Weisungen des Herrn vertiefen. Denn die Lehre des Herrn ist klar: Die Ehe ist unauslöslich. […]
Die Folgen für die Gottesbeziehung sind vor allem im Falle einer
Wiederverheiratung schmerzhaft, da wiederverheiratete Geschiedene nicht zu den Sakramenten zugelassen sind. Betroffene kommen nämlich durch ihre Entscheidung, eine neue Beziehung einzugehen, in eine Situation, die den Empfang der Sakramente verunmöglicht.”

(Aus: “Die Ehe soll von allen in Ehren gehalten werden” [Hebr 13,4] – Ein Wort zur Ehe heute, Hirtenbrief zur Fastenzeit von 2012 von Msgr. Dr. Vitus Huonder, S. 4/6f./8, auch online abrufbar)

Wenn in dieser Passage festgestellt wird, dass “wiederverheiratete Geschiedene nicht zu den Sakramenten zugelassen sind”, stellt sich natürlich die Ricola-Frage: Wer hat’s erfunden? Bischof Huonder, wie die Berichterstattung teilweise glauben machen wollte? Nein – es handelt sich dabei ganz einfach, “nur”, um die offizielle Lehrmeinung der römisch-katholischen Kirche, wie sie sich auch im “Katechismus der Katholischen Kirche” ausformuliert findet. Hier ein Auszug aus dessen Absatz Nr. 1650:

“In vielen Ländern gibt es heute zahlreiche Katholiken, die sich nach den zivilen Gesetzen scheiden lassen und eine neue, zivile Ehe schliessen. Die Kirche fühlt sich dem Wort Jesu Christi verpflichtet: ‘Wer seine Frau aus der Ehe entlässt und eine andere heiratet, begeht ihr gegenüber Ehebruch. Auch eine Frau begeht Ehebruch, wenn sie ihren Mann aus der Ehe entlässt und einen anderen heiratet’ (Mk 10,11-12). Die Kirche hält deshalb daran fest, dass sie, falls die Ehe gültig war, eine neue Verbindung nicht als gültig anerkennen kann. Falls Geschiedene zivil wiederverheiratet sind, befinden sie sich in einer Situation, die dem Gesetze Gottes objektiv widerspricht. Darum dürfen sie, solange diese Situation andauert, nicht die Kommunion empfangen.”

(Aus: Katechismus der Katholischen Kirche, R. Oldenbourg Verlag, München 1993, Absatz 1650, S. 442 – auch online abrufbar)

Halten wir also fest: Bischof Vitus Huonder wurde dafür kritisiert, dass er die altbekannte offizielle Lehrmeinung derjenigen Kirche, der er angehört und die er mitleitet, vertritt und dies auch von seinen Mitkatholiken fordert. Bin ich der Einzige, der… darüber staunt? [1]

Besonders bedauerlich finde ich, dass angesichts des Mediengetöses die eigentliche Kernaussage des Hirtenbriefs in den Hintergrund trat: Die Frage nach der Auflösung der Ehe ist ja nur ein Nebenschauplatz in dem elfseitigen Dokument – in erster Linie geht es Bischof Huonder, scheint es mir, darum, darauf hinzuweisen, dass die kirchliche Ehe, die immerhin sakramentalen Charakter hat, hochzuschätzen ist und deshalb nicht leichtfertig und aus einer Festlaune heraus eingegangen werden soll:

“Werden die Traupaare auf ihre geistig-seelische Reife genügend geprüft? Müsste nicht manche kirchliche Trauung abgesagt oder verschoben werden, weil die notwendigen Voraussetzungen für eine christliche Ehe fehlen? Treten Paare wirklich im Glauben an das Sakrament an den Traualtar? Wollen sie den Ehebund wirklich mit Blick auf Christus und auf dem Fundament seiner Lehre eingehen? Wenn wir die Ehe nur als eine rein gesellschaftliche Grösse betrachten und den Tag der Trauung als einen Event werten mit möglichst vielen Überraschungseffekten – darunter auch kirchlichen –, kommen wir an den gestellten Fragen vorbei. Alles ist ja dann in diesem Fall nicht so ernst zu nehmen und nicht auf Dauer angelegt.”

(aus: “Die Ehe soll von allen in Ehren gehalten werden” [Hebr 13,4] – Ein Wort zur Ehe heute, Hirtenbrief zur Fastenzeit von 2012 von Msgr. Dr. Vitus Huonder, S. 10, auch online abrufbar)

Ich bin überzeugt: Hätte Abt Martin Werlen Auszüge daraus getwittert – er wäre dafür gefeiert worden.

[1] Wie bereits eingangs geschrieben, möchte ich mich nicht inhaltlich zum Hirtenbrief äussern. Dass darüber eine innerkatholische Diskussion gestart wurde, über die teilweise auch in den Medien berichtet wurde, ist überhaupt nicht zu kritisieren (und möglicherweise auch im Interesse Bischof Huonders). Mich ärgert einzig und allein die mediale Stimmungsmache.

2 Responses to “Skandal: Katholik vertritt katholische Lehre!”

  1. Hans Hänni says:

    Lieber Reto
    Du schreibst: ““Werden die Traupaare auf ihre geistig-seelische Reife genügend geprüft? Müsste nicht manche kirchliche Trauung abgesagt oder verschoben werden, weil die notwendigen Voraussetzungen für eine christliche Ehe fehlen? Treten Paare wirklich im Glauben an das Sakrament an den Traualtar? Wollen sie den Ehebund wirklich mit Blick auf Christus und auf dem Fundament seiner Lehre eingehen?”
    Ich denke, dass genau hier das Hauptproblem liegt. Ich schätze (habe aber keine Statistik), dass die Mehrheit der “christlichen” Ehen hiezulande auch kirchlich geschlossen werden, aber nur eine kleine Minderheit der Paare bereit (oder fähig?) ist, “den Ehebund wirklich mit Blick auf Christus und auf dem Fundament seiner Lehre” einzugehen, weil sie – wenn überhaupt – nur marginal gottesgläubig sind. Genau gleich verhält es sich mit der Taufe: Alle Eltern und Paten/innen sagen jeweils auf die einschlägige Frage der Pfarrperson “ja”, obschon oft von ferne zu sehen bzw. zu spüren ist, wie ernst sie dies meinen. Mich berührt dies immer äusserst peinlich und ich empfinde es in diesen Fällen als eine von der Kirche veranlasste Heuchelei. Ich hätte darum schon lange gerne vorgeschlagen, dass die Kirche auf solche “nötigenden” Fragen verzichtet und stattdessen die Ehepaare und Taufpaten noch deutlicher und eindringlicher auf die christliche Verantwortung hinweist, die sie mit diesem Sakrament übernehmen.
    Im Übrigen: Es gibt bei uns laufend auch Pfarrpersonen, die sich scheiden lassen. Gerade sie sollten eigentlich ihre Ehe gemäss den oben genannten Kriterien geschlossen haben. Zeigt dies denn nicht, dass diese Kriterien und hiermit auch die enge Auslegung von Bischoff Huonder – mit Verlaub – zu fundamentalistisch sind? Im übrigen soll unsere Kirche ja die Liebe am Höchsten halten (1. Korinther 13) und nicht jemanden ausgrenzen… Ich lasse mich aber als Laie gerne belehren, wenn ich hier zu ketzerisch bin! Vielleicht könnten wir einmal über solche Fragen einen kirchlichen Diskussionsabend machen.

    Liebe Grüsse Hans

    • Reto Studer says:

      Lieber Hans

      Zunächst, zur Sicherheit: Die zitierte Passage stammt von Bischof Huonder und nicht von mir. Ich habe sie wiedergegeben, weil sie (und eben nicht das Scheidungsthema) m.E. den Kernaspekt des Hirtenbriefs darstellt – und weil ich finde, dass sie es wert ist, gelesen und bedacht und, ja, vielleicht auch stellenweise entschärft zu werden. Im Mediengetöse um die (von Bischof Huonder nicht erfundene, sondern lediglich bekräftigte) Aussage im Hirtenbrief, wonach wiederverheirateten Geschiedenen die Sakramente nicht zu gewähren seien, ist sie leider untergegangen. Der Reflex der schreibenden Zunft, sich bei Äusserungen aus der römisch-katholischen Kirche a priori auf die (teils tatsächlichen, teils vermeintlichen) Verbote zu stürzen, hat hier sicherlich eine Rolle gespielt. Der Neuigkeitswert spielt dann gar keine Rolle mehr.

      Ob die katholische Lehre fundamentalistisch ist? Sie scheint mir zumindest fundamental. Inwiefern sie dies in einem übertriebenen Sinne ist, sollen andere beurteilen, die dies besser können als ich – und die dazu auch befugt sind. Mir ging es wirklich eher darum, den beschriebenen medialen Reflex aufzuzeigen.

      Bei der Taufe geht es mir übrigens ähnlich wie Du: Die gequälten “Ja”-Statements im Chor der Kirche finde ich jeweils wenig überzeugend. Auch mich berühren sie häufiger denn nicht peinlich. Anderseits: Können wir denn beurteilen, wie die betreffenden Personen zur Taufe und zum Taufversprechen stehen? Vielleicht steckt ja doch mehr dahinter, als wir jeweils wahrnehmen? Wichtig erscheint es mir aber zumindest, dass die Gespräche zwischen Tauffamilie bzw. Hochzeitspaar und Pfarrer keine Alibiübungen sind. In diesem Sinne finde ich Bischof Huonders Betonung der “Prüfung” stark. Das Diktum “Drum prüfe, wer sich ewig bindet” kann in diesem Zusammenhang auch eine Selbstprüfung meinen…

      Ob dies auch Thema eines Diskussionsabends sein könnte, könnte man sich sicher überlegen. Vielleicht exemplarisch in einem etwas grösseren Kontext?

      Herzliche Grüsse,
      Reto

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