So fern, so nah – zum Adventsbeginn

By , 27/11/2011 00:05

Am vergangenen Montag strahlte die ARD eine herausragende Fernseh-Dokumentation aus: “So nah am Tod – Afghanistan im zehnten Kriegsjahr”, realisiert von Ashwin Raman. Der Film hat mich tief beeindruckt. Auf Polemik und Wertungen verzichtend, beschränkt er sich darauf, Fragen aufzuwerfen – Fragen, die er, was selten geworden ist: den Zuschauer, mich, ernst nehmend, nicht beantwortet. Das ist brutal und verstörend und liess mich um 23.30 Uhr nicht mehr so leicht in den Schlaf sinken. Recht so.

Sehr zu empfehlen ist in diesem Zusammenhang das Buch “Feldpost – Briefe deutscher Soldaten aus Afghanistan”. Gegen den Widerstand der Bundeswehr-Führung hat die “Süddeutsche Zeitung” es im vergangenen Jahr gewagt, in einer Ausgabe ihres wochenendlichen “SZ-Magazins” Briefe, E-Mails und SMS in Afghanistan stationierter Bundeswehr-Angehöriger abzudrucken; das Buch, 2011 erschienen, ist eine Zusammenstellung dieser weitgehend trivialen und gerade deshalb urmenschlichen Texte. Auch hier bleibt die Einordnung dem Einzelnen überlassen. Die Herausgeber klammern die Frage nach dem politischen Sinn des Militäreinsatzes explizit aus; es geht ihnen, das zeigen die ausgewählten Texte eindrücklich, einzig und allein um die individuelle Dimension des Krieges für die Dienstleistenden der deutschen Armee, die fernab ihrer Heimat überleben müssen. (Für den “Magazin”-Beitrag, der übrigens online verfügbar ist, erhielten die Verantwortlichen einen Henri-Nannen-Preis. “Eine ferne Front ist plötzlich ganz nah” – so schloss die Begründung der Jury. Ich schliesse mich dem an.)

Passend zum heutigen 1. Advent, dem Beginn der Vorweihnachtszeit, zitiere ich aus dreien der Feldpost-Briefe, die sich um Advent und Weihnachten drehen:

“Am Flughafen von Masar-i-Scharif begrüsst uns im Wartebereich der erste Weihnachtsbaum in diesem Jahr. Im Wartezelt läuft im Fernsehen gerade ‘Der perfekte Urlaub’. Es ist schon komisch, da zu sitzen und anderen Leuten beim Urlaub auf Ibiza zuzusehen, während sich Bulgaren, Schweden und Amerikaner über die Vorzüge und Nachteile ihrer Waffen austauschen.”

“Am weihnachtlichsten war es vermutlich heute früh. Ich sass im Cockpit in der Transall aus Masar-i-Scharif, als der Pilot im Anflug auf Kabul zweimal die Flares ausgelöst hat: Das sind Tausende heisser Stanniolstreifen, die aus den Tragflächen fallen und anfliegende thermische Raketenköpfe ablenken sollen. Da wird einem zwar mulmig, es sieht aber aus wie Wunderkerzen!! Die Transall als Christbaum, ganz herrlich!!”

“Ich öffne meine Geschenke und falle erst mal in ein Loch. Man merkt wieder mal wirklich, dass man bewaffnet in einer Art Bunker sitzt und alle, die einem etwas bedeuten, 5000 Kilometer entfernt sind. Später versammeln wir uns in unserem Kaffeeraum, um ein wenig zu feiern. Es gibt das Übliche und einen Haufen Alkohol. Wir öffnen ein paar Flaschen und sinnieren über Weihnachten. Gegen 22 Uhr gehen wir zur Christmette. Okay, ich bin kein Kirchgänger, aber es hat sich gelohnt. Weihnachtslieder, ein paar weihnachtliche Worte und etwas Ruhe. Nach der Mette schnappe ich mir eine AWCC-Karte und fange an rumzutelefonieren. Ich wecke zwar alle auf, aber alle sind froh, mich zu hören. Und zu wissen, dass ich heil und gesund bin. Gegen 24:00 Uhr ist der Tag für mich gelaufen.”

(Aus: Baumann, M./Langeder, M./Much, M./Obermayer, B./Storz, F. [Hg.]: Feldpost – Briefe deutscher Soldaten aus Afghanistan, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2011, S. 177/182/183)

In diesem Sinne: eine frohe, vor allem aber friedliche Adventszeit allen Leserinnen und Lesern, wo immer Sie sich, geographisch, im Leben, in Gedanken, befinden. Wir steuern in diesen Tagen auf ein Licht zu, das verdient hat, “freundliches Feuer” genannt zu werden. Diese Art freundlichen Feuers – und viel Rückendeckung – wünsche ich ganz besonders auch den Soldaten in Afghanistan und anderswo. Mögen sie unversehrt an Leib und Seele zurückkehren.

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