Gut gemeint…

By , 02/11/2011 15:45

In der vorletzten Nummer verteidigte “reformiert”, die evangelisch-reformierte Zeitung für die deutsche und rätoromanische Schweiz, in einem Front-Kommentar wortreich eine Zürcher Oberländer Kirchgemeinde, welche durch einen schlechten Deal eine Immobilie 5.5 Millionen Franken unter Wert verkauft hat.

Gut gemeint mag es ja gewesen sein, das in Frage stehende Hotel an den langjährigen Pächter zu verkaufen, damit der Betrieb wie gehabt weiter laufen würde und die lokalen Vereine auch weiterhin den beliebten Saal nutzen könnten – so jedenfalls begründet die Kirchenpflege den Verzicht auf eine aktuelle Schätzung. Dumm nur, dass der Pächter offenbar als Strohmann fungierte und die Immobilie umgehend an einen “Immobilientycoon” weiterverkaufte… [1]

Könnte die betreffende Kirchgemeinde fahrlässig oder blauäugig gehandelt haben? Die Verteidigungsschrift in Kommentar-Form verwahrt sich gegen eine solche Sichtweise. Stattdessen sucht – und findet – der Autor die Schuld beim Endkäufer und stellt hierfür, wie ich finde: arg vereinfachend (die Überschrift besteht aus der vermutlich rhetorisch gemeinten Frage “Ethisch oder gewinnorientiert?”) und in feinstem Kirchensprech, einen Unterschied her, wo es nicht zwingend einen Unterschied gibt: Das Streben nach Gewinn ist doch nicht von Grund auf unethisch, ebenso wenig ist finanzieller Verzicht per se ethisch! [2]

Vor allem aber lenkt der Ethik-Exkurs vom Wesentlichen ab: Die Kirchgemeinde hat ja weder (nach Gewinn strebend) an den Meistbietenden verkauft noch ihr (“ethisches”) Ziel erreicht, den gewohnten Hotel- und Tagungsbetrieb zu erhalten. Nein: Sie hat ganz einfach, ohne Not und augenscheinlich mit den Scheuklappen des Weltfremden, 5.5 Millionen Franken Steuergeld in den Sand gesetzt. [3]

Gut gemeint? Wahrscheinlich. Ganz sicher schlecht gemacht. Aber dann sagen wir das doch auch so. [4]

[1] “Tycoon” ist ein, immerhin in Anführungszeichen geschriebenes, Zitat aus einem anderen “reformiert”-Artikel zum Thema.
[2] Dabei ist zu bedenken, dass der Begriff des “Ethischen” reichlich diffus ist. Für Kurzqualifikationen – wie im vorliegenden Fall – scheint er mir deshalb eher ungeeignet.
[3] Dass es nämlich durchaus geeignete Wege gegeben hätte, das hehre Ziel zu erreichen und z.B. das “Strohmann-Szenario” auszuschliessen, darüber berichtet “reformiert” in einem anderen Artikel zum Thema.
[4] Nur damit wir uns recht verstehen: Ich verspüre keinerlei Schadenfreude. Als Kirchenpfleger weiss ich, welche Verantwortung bisweilen auf uns Milizlern lastet. Mich irritiert aber, dass von kirchlicher Seite i.d.R. mit viel Verve gegen die Privatwirtschaft geschossen wird, wo immer es (tatsächliche und vermeintliche, vorsätzliche und fahrlässige) Verfehlungen gibt, dass die Kirche sich selbst gegenüber aber erstaunlich langmütig zu sein pflegt. Glaubwürdigkeit sieht anders aus.

One Response to “Gut gemeint…”

  1. Dass Kirchenpflegen, Schulpflegen und andere -pflegen durch Laien besetzt werden ist an sich nichts Schlimmes; dass man dabei immer Schwächere findet ist ein Phänomen unserer Zeit, leider; dass bei der Nomination von -pflege-Mitgliedern statt fachlicher sehr oft bis meist “politische” Kriterien ausschlaggebend sind, ist ebenso eine Tatsche wie es zu bedauern ist.

    Dass eine Kirchenpflege 5,5 Millionen in den Sand setzt indem sie nicht bereit ist, einen Experten (ausgewiesene Treuhandunternehmung, dipl. Immobilien-Schätzer) beizuziehen um den Wert der Immobilie bestimmen zu lassen und den Kaufvertrag gegen spekulativen Kaskadenverkauf abzusichern, das ist Dummheit und müsste eigentlich zu einer Verantwortlichkeitsklage führen.

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