“Theologie? Na und?”

By , 05/10/2011 19:49

Als ich mich Anfang 2009 entschieden hatte, nach einem ersten Studium und dreijähriger Tätigkeit in der Managementberatung an die Universität zurückzukehren und ein Zweitstudium in Theologie aufzunehmen, war ich gefasst auf kritische Anfragen aus meinem Umfeld: “Theologie? Du?!” Und vor allem: “Welche Berechtigung hat die Kirche denn heute noch?” Diese Fragen kannte ich: Es waren meine, und sie sind es, teilweise zumindest, immer noch. [1]

Wer immer in den Monaten darauf aber von meinem Entschluss erfuhr, kritisierte oder hinterfragte nicht, sondern fand – selbst nachdem ich sichergestellt hatte, dass niemand fälschlicherweise meinte, ich spräche von “Geologie” – ausschliesslich unterstützende Worte: Familie, Freunde, Bekannte, alle. Die Gründe dafür mögen unterschiedlicher Natur sein. Mit Sicherheit ging es dabei aber nicht einfach darum, mir den (möglichen) Wechsel in ein neues Tätigkeitsfeld leichter zu machen, also mir persönlich einen Gefallen zu tun, nein: Ich merkte, dass gerade auch ebendiesem Tätigkeitsfeld, der Kirche, überraschend viel Wohlwollen entgegengebracht wird. Aller Kritik zum Trotz: Die Kirche hat im Allgemeinen einen guten Ruf, auch heute noch, und ihre Arbeit wird grossenteils respektiert und mehrheitlich leise zwar, aber eben doch dankbar zur Kenntnis genommen und unterstützt. [2]

Ob berechtigt oder nicht: Auch ich als Theologiestudent, d.h. als Anfänger in der theoretischen Auseinandersetzung mit dem christlichen Glauben (und nicht als Praktiker mit Erfahrung), falle, wie meine Kolleginnen und Kollegen sicher auch, bisweilen in dieses Raster des Kirchlichen – wahrscheinlich weil der Unterschied von Theologie und Kirche in der öffentlichen Wahrnehmung klein ist oder gar nicht erst besteht. Dass dies seine schönen Seiten hat, durfte ich erst gestern wieder erfahren, als der (mir unbekannte) Sohn eines (mir unbekannten) ehemaligen Geschäftspartners meines (mir bekannten!) Vaters anfragen liess, ob ich vor seiner Ausreise in die USA wohl sein Kind taufen könne. Vier Jahre vor dem Vikariat, der einjährigen Praxiseinführung in den Pfarrberuf… etwas gar früh, leider. Aber die Anfrage hat mich doch gefreut – und mich auf einen Schlag vier, fünf Jahre weit in die mögliche Zukunft katapultiert.

[1] Keine Sorge, es kommen immer wieder neue Fragen hinzu – sonst müsste ich dieses Blog schliessen…
[2] Vielleicht sollte man also endlich, endlich aufhören, die Unterstützung der kirchlichen Anliegen mehr oder weniger ausschliesslich sonntagmorgens zu messen, wie dies viel zu viele Kirchgemeinden auch heute noch zu tun pflegen. Das Verständnis von Kirche ist so viel breiter. In diesem Sinne bin ich gespannt auf die Auseinandersetzung, die uns in punkto “Initiative zur Abschaffung der Kirchensteuer für juristische Personen” erwartet. Kirche – bist Du bereit?

One Response to ““Theologie? Na und?””

  1. Dominik says:

    “[2] Vielleicht sollte man also endlich, endlich aufhören, die Unterstützung der kirchlichen Anliegen mehr oder weniger ausschliesslich sonntagmorgens zu messen, wie dies viel zu viele Kirchgemeinden auch heute noch zu tun pflegen. Das Verständnis von Kirche ist so viel breiter.”

    Lieber Reto
    Da stimme ich Dir gerne zu!
    Liebe Grüsse
    Dominik

Leave a Reply

Panorama Theme by Themocracy